Dank des Schweizerischen Landesforstinventars LFI gibt es zur Entwicklung des Endtriebverbisses langjährige und einheitliche Daten. Im Gegensatz dazu fehlen schweizweit grossräumig einheitlich durchgeführte Inventuren zum Wildeinfluss auf die gesamte Baumverjüngung. Deshalb sind kantonale Daten wichtig, in denen Forstfachleute im Wald direkt den Wildeinfluss einschätzen.
Grosse Methodenunterschiede bei der Einschätzung des Wildeinflusses
In 18 Kantonen wird der Wildeinfluss von Waldfachleuten eingeschätzt, sogenannte «gutachterliche» Beurteilungen. Dabei wird sehr uneinheitlich vorgegangen: Die Stufen des Wildeinflusses sind je nach Kanton unterschiedlich definiert und die räumlichen Skalen der Beurteilungen variieren zwischen hektargrossen Gebieten und ganzen Jagd- oder Forstrevieren. Erschwerend kommt hinzu, dass sich diese Einschätzung in einigen Kantonen auf lokale Feldaufnahmen stützt und anschliessend auf eine grössere räumliche Einheit hochskaliert wird. Bei anderen ist sie eine flächige Einschätzung der Situation. In einigen Kantonen werden zusätzlich «Problemgebiete» markiert, die in der vorliegenden Auswertung jedoch nicht berücksichtigt werden konnten.
Für den vorliegenden Überblick wurden die von den Kantonen verwendeten räumlichen Einheiten übernommen und keine «neuen» Einheiten geschaffen. Die Kantone AG, BL, BS, SH, SO, TG und ZH verwenden für ihre Analysen die Gesamtfläche; alle anderen Kantone berücksichtigen hingegen die Waldfläche. Um die Kantone miteinandner vergleichen zu können, haben wir bei den erstgenannten Kantonen die Gesamtfläche auf die Waldfläche reduziert, indem wir die Gesamtflächen der Jagd- oder Forstreviere mit den Waldflächenkarten verschnitten.
Der Wildeinfluss wird aktuell in fast allen Kantonen in 3 bis 4 Stufen unterteilt, wobei der geringste Einfluss der Stufe 1 zugeteilt wurde (Tab. 1 und 2). Bei fehlender 4. Stufe wurde in dieser Übersichtstabelle (Tab. 2) nv («nicht vorhanden») notiert. Dieses Vorgehen entspricht dem Vorgehen im Übersichtsartikel von 2015, wobei damals oft die Stufe 3 fehlte und nie eine Stufe 4 vorlag.
Tab. 1: Die vier Wildeinflussstufen wie in Fehr et al. 2019 vorgeschlagen in der Übersicht.
Die Stufe 1 steht in der Regel für keine Beeinträchtigungen der natürlichen Baumverjüngung durch wildlebende Huftiere, Stufe 2 für eine Beeinträchtigung der Baumartenmischung oder Qualitätsminderung, Stufe 3 für starke Beeinträchtigung der Baumartenmischung inklusive einzelner Hauptbaumarten, Stufe 4 für starke Beeinträchtigung aller Baumarten, d.h. sämtliche Baumverjüngung kann nicht mehr aufwachsen (detaillierte Tabelle siehe Originalartikel).
Spezialfälle
- Der Kanton GR verwendet eine detaillierter gegliederte Wald-Wild-Bewertung mit 5 Kategorien. Auch der Kanton TG benutzt 5 Tragbarkeitskategorien. In diesen beiden Fällen wurden die Kategorien 1 und 2 zur Stufe 1 zusammengefasst und die anderen drei Kategorien entsprechend angepasst.
- SG ist der einzige Kanton, in dem in der Lebensraumbeurteilung nur unterschieden wird, ob die Verjüngungssollwerte gemäss NAIS ohne Wildschadenverhütungsmassnahmen erreicht werden können oder wildbedingt nicht. Dort wurde deshalb die Beurteilung «nicht erreicht» in Abbildung 4 als Stufe «2–4» dargestellt, ansonsten der Stufe 2 zugeteilt.
Tab. 2: Tragbarkeit des Wildeinflusses gemäss kantonalen Wildeinfluss-Beurteilungen. Beurteilte Waldflächen und prozentuale Anteile je Wildeinflussstufe. Die Definition der Stufen variierten zwischen den Kantonen. Die prozentualen Werte sind sowohl für die aktuellen Jahre (Spalte Jahr) als auch für die Beurteilungen der Jahre 2011–2014 aus Kupferschmid et al. 2015 für diese Kantone wiedergegeben. Falls eine Stufe nicht vorhanden ist, steht nv.
Die beurteilte Waldfläche umfasst aktuell 886’943 ha, das sind knapp 70% der gesamten Schweizer Waldfläche. Sie hat gegenüber dem Überblick aus dem Jahre 2015 um rund 74'000 ha zugenommen. Differenzen entstanden insbesondere, weil die Beurteilungen der Kantone SG, TG und VD neu hinzugekommen sind (Tab. 2) und weil GR und NW andere Beurteilungseinheiten nutzen als 2015 und damit nicht mehr dieselbe Waldfläche betrachten.
Einbezug des Klimawandels nur in wenigen Kantonen
Viele Kantone haben ihre Beurteilungen des Wildeinflusses in den letzten Jahren angepasst. Die Stufen lassen sich deshalb nicht eins zu eins mit denjenigen aus dem Überblick von 2015 vergleichen. Den Einfluss des sich ändernden Klimas auf die Arten berücksichtigen mindestens BE, VS, ZH und teilweise LU und SO. Die Berücksichtigung resultiert in einem grösseren Prozentsatz der Gebiete in höheren Stufen (vergl. BE im Originalartikel).
Weniger beurteile Waldfläche ohne Beeinträchtigung
Die Hälfte der auf Wildeinfluss beurteilten Waldfläche liegt in der Einflussstufe 1 (Abb. 2) Die Waldfläche ohne Beeinträchtigung der Baumverjüngung durch wildlebende Huftiere hat innert 10 Jahren ungefähr um einen Viertel von 68.5 % auf 49.6 % abgenommen. Nur in AG und BL/BS hat sie seit 2011/2014 zugenommen (Tab. 2).
Umgekehrt bedeutet dies, dass in rund der Hälfe der Schweizer Wälder eine Beeinträchtigung vorliegt. Dies kann sich darin äussern, dass mindestens eine Nebenbaumart kaum mehr aufkommt und damit die zukünftige Baumartenmischung artenärmer wird und/oder dass die Verjüngungsqualität durch den Wildeinfluss reduziert ist.

Abb. 2: Beurteilung des Wildeinflusses auf die Waldverjüngung in der Schweiz basierend auf den originalen Wildeinflussstufen der Kantone (ausser GR, TG und SG, siehe Text), wobei 1 die niedrigste und 3 (2015) bzw. 4 (2025) die höchste Stufe ist. Achtung, die Stufen sind je Kanton unterschiedlich definiert.
Zunahme der Stufen 3 und 4 mit grossem Wildeinfluss
Zugenommen haben insbesondere die Waldflächen in den Stufen 3 und 4, in denen einzelne Hauptbaumarten oder alle Baumarten vom Wildeinfluss betroffen sind bzw. das Bestockungsziel wildbedingt nur mit besonderen Massnahmen oder gar nicht mehr erreicht werden kann. Aktuell liegen mindestens 21% der beurteilten Schweizer Waldfläche in Stufen 3 und 4 (Abb. 2). Dies ist besonders in GL, GR, LU, NW, OW, SO und VS der Fall (Tab. 2).
Die Gebirgskantone GL, GR und VS teilen mehr als 10% ihrer Waldfläche der Stufe 4 zu, was in diesen Kantonen mit starker «Beeinträchtigung aller Baumarten» bis «Totalausfall der Verjüngung» umschrieben wird. Die Verzögerung bzw. Behinderung des in Bergwäldern ohnehin schon langsamen Verjüngungsprozesses kann die Resilienz von Schutzwäldern beeinträchtigen und teure technische Verbauungen zur Erhaltung der Schutzfunktion erforderlich machen.
Räumliche Verteilung: nicht nur Bergkantone betroffen
Nur im Kanton JU liegt die gesamte Waldfläche in derselben Stufe 1 (Abb. 4). Dort liegt also im ganzen Kanton keine Beeinträchtigung vor. Die übrigen Kantone verzeichneten zumindest lokal Wildeinfluss der Stufen 2, 3 oder 4. In den Gebirgskantonen scheinen besonders die mittleren Höhenlagen betroffen zu sein, hingegen weniger die subalpine Vegetationshöhenstufe.
In weiten Teilen des Engadins, der UR-, SG-, BE- und VD-Alpen sowie der Unterwalliser Alpen scheint sich der Wildeinfluss in den obersten Lagen derzeit auf Nebenbaumarten zu beschränken, weil die oft bestandbildende Fichte dort aktuell kaum vom Wildeinfluss betroffen ist. Aber stellenweise tritt die Stufe 4 bis an die obere Waldgrenze (VS, GL, GR) auf (Abb. 4). Dort sind also alle Baumarten vom Wildverbiss betroffen und damit die Verjüngung als Ganzes in Frage gestellt.

Abb. 4: Auf Wildeinfluss beurteile Waldflächen: Dargestellt sind in Farben die originalen Stufen der kantonalen Beurteilungen (Tab. 2), wobei 1 die niedrigste und 4 die höchste Stufe darstellt. Für GR und TG wurde infolge der 5 Stufen auf 4 Stufen reduziert. Für SG wurde bei «nicht Erfüllung» die Stufe «2–4» gezeichnet. Die Daten stammen aus unterschiedlichen Quellen, wurden unterschiedlich detailliert aufgenommen und teilweise hochskaliert. Für den Kanton NW liegen nur punktuelle Daten vor (diese sind hier «überproportional» gezeichnet). Für nicht-eingefärbte Gebiete fehlt eine Beurteilung oder diese konnten anhand der vorliegenden Daten nicht räumlich dargestellt werden oder es ist kein Wald. Hintergrundkarte von swisstopo.
Edellaubhölzer sind am meisten betroffen
Die vielen Flächen in den Stufen 2 und 3 zeigen, dass das Wild vielerorts einen Einfluss auf die Baumartenmischung oder mindestens auf die walbauliche Auslese der Zukunftsbäume hat.
Im Mittelland und im Basler Jura sind insbesondere viele Edellaubhölzer vom Wildeinfluss betroffen. Da Verbiss die Stammqualität reduziert, hat das auch einen negativen Einfluss auf die (Wert-)Holzproduktion. Der Wildeinfluss schmälert deshalb in vielerlei Hinsicht das zukünftige waldbauliche Potenzial oder den Handlungsspielraum – und dies, gemäss diesen Beurteilungen, in rund der Hälfte des beurteilten Schweizer Waldes.
Fazit
Die Verbisshäufigkeit ist in vielen Gebieten schon seit Jahrzehnten ähnlich «hoch», wie auch die Entwicklung des Endtriebverbisses von 1993 bis 2022 zeigt. Auf der Hälfte der Waldfläche beurteilen die Waldfachleute die Beeinträchtigung durch das Wild als «beeinflussend» (Stufen 2–4) und somit werden zunehmend Langzeitfolgen sichtbar.
Inwieweit die Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel, die langfristige Schutzfunktion, die Baumdiversität und/oder die Wertholzproduktion davon betroffen ist, bleibt mit den uneinheitlich definierten Wildeinflussstufen unklar. Um differenziertere und besser vergleichbare Aussagen zu erhalten, müssten systematischere und einheitlichere Beurteilungen gemacht werden. Mindestens sollten national standardisierte Bewertungsstufen anhand klarer Kriterien definiert werden. So sollte z.B. definiert werden, ob bei Stufe 2 einzelne Baumarten bereits bedingt durch das Wild nicht mehr aufwachsen oder ob Stufe 2 lediglich Wälder beinhaltet, in denen die «waldbauliche Zielerreichung» bezüglich Holzqualität beeinträchtigt ist. Falls letzteres, müsste diese zukünftig präziser definiert sein.
Da viele Kantone die «Zukunftsfähigkeit» der Baumverjüngung in ihren Bewertungssystemen noch nicht explizit berücksichtigen, wäre dies ein optimaler Zeitpunkt für eine Vereinheitlichung der Methodik. Dabei sollten die Beurteilungen baumartenspezifisch geschehen, so dass die Gebiete heute und in Zukunft miteinander verglichen werden könnten. Es sollte auch eine klare nachvollziehbare Methode gewählt werden, um von den Beurteilungen der einzelnen Baumarten zur Gesamtbeurteilung zu kommen. Gerade hier sind die Unterschiede zwischen den Kantonen heute ausserordentlich gross und die Spielräume der gutachtlich beurteilenden Waldfachleute besonders gross.
Wünschenswert wären zudem ähnlich ausgeschiedene und möglichst kleine räumliche Beurteilungseinheiten. Es wäre besser, nicht ganze Jagd- oder Forstrevier zu beurteilen, sondern kleinräumigere Gebiete, sodass die Problemgebiete sichtbar und quantifizierbar werden. Dies wäre eine fundiertere Basis zur Ausarbeitung von Massnahmen zur Verbesserung der Baumverjüngungssituation.
Der Wald hat grundsätzlich kein Problem mit dem Wild, sondern wir Menschen, wenn der Wald die von uns geforderten Leistungen nicht dauerhaft und langfristig erfüllt. Vorübergehendes Fehlen von Verjüngung wären für die meisten Wäder vertretbar (ausgenommen sind insbesondere die obere und untere Waldgrenze), entsprechen aber nicht der Zielsetzung im Waldbau. Eine wildbedingte Baumartenreduktion widerspricht dem Ziel einer möglichst grossen Baumartenpalette zur langfristigen Risikominimierung. Insbesondere die Schutzfunktionen sollten sehr hoch gewichtet werden. Wenn der Wald diese nicht mehr gewährleisten kann, muss der Schutz vor Naturgefahren mit teuren Verbauungen gewährleistet werden.











