Seit der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland ab dem Jahr 2000 wächst der Bedarf an wirksamen Herdenschutzmaßnahmen. Neben wolfsabweisenden Zäunen und der Behirtung rückt dabei eine weitere traditionelle Methode wieder stärker in den Fokus: der Einsatz von Herdenschutzhunden (HSH). Herdenschutzhunde sind keine gewöhnlichen Gebrauchshunde. Sie wurden in Regionen, in denen große Beutegreifer wie der Wolf nie verschwunden waren, speziell für den Schutz von Weidetieren selektiert und heute gezielt gezüchtet. Typische Vertreter sind beispielsweise der Maremmano-Abruzzese und der Pyrenäenberghund.

Herdenschutzhunde gelten als selbstständig, teamfähig, nervenstark und entscheidungsfreudig. Anders als Hütehunde arbeiten sie nicht rein auf Kommando, sondern weitestgehend eigenverantwortlich. Sie leben ganzjährig bei der Herde und bauen eine soziale Bindung zu den Nutztieren auf.

Aufgabe und Arbeitsweise von Herdenschutzhunden

Der Einsatz von Herdenschutzhunden dient dem Schutz der Nutztiere, insbesondere vor Wölfen, aber auch vor anderen Gefahren wie Greifvögel und Rabenvögeln oder Störungen durch fremde Hunde. Bei guter Sozialisierung betrachten Herdenschutzhunde die gesamte Herde als ihre Ressource und Bestandteil ihres sozialen Netzwerks und verteidigen dieses bei Bedrohung unmissverständlich gegenüber Eindringlingen. 

Ihre Arbeitsweise umfasst:

  • Präsenz in bzw. bei der Herde
  • gemeinsames Agieren im Hundeteam
  • Reviermarkierung
  • regelmäßiges Ablaufen des Geländes
  • erhöhte Aufmerksamkeit, insbesondere in der Dämmerung und nachts
  • deutliches Verbellen potenzieller Eindringlinge

In der Regel reicht diese abschreckende Wirkung aus. Wölfe meiden in den meisten Fällen die direkte Konfrontation mit den großen, wehrhaften Hunden, da das Verletzungsrisiko bei einem eingespielten, ausreichend großen Hundeteam für sie hoch ist.

Auch Wanderer, Radfahrer, Jogger sowie Spaziergänger mit Hunden werden von Herdenschutzhunden wahrgenommen, eingeschätzt und gegebenenfalls verbellt. Dieses Verhalten ist Teil ihres Schutzauftrags.
 

Abb. 2: Herdenschutzhunde kommen zum Schutz unterschiedlichster Nutztierherden zum Einsatz – hier bei Schafen und Ziegen (Foto 1: B. Trapp, Foto 2: FVA BW/Schütz).

Herdenschutzhunde in der Kulturlandschaft

Während Herdenschutzhunde in alpinen Regionen, wie etwa in der Schweiz, teilweise frei mit der Herde unterwegs sind, werden sie hierzulande meist hinter Zäunen eingesetzt. Direkte Kontakte zwischen Herdenschutzhunden und Erholungssuchenden sind in Deutschland daher die Ausnahme. Dennoch kann ihr Erscheinungsbild – groß, selbstbewusst, laut bellend – auf Außenstehende einschüchternd wirken. Zudem kann nächtliches Bellen von Anwohnern als störend empfunden werden. 

Der Einsatz von Herdenschutzhunden in einer dicht besiedelten Kultur- und Tourismuslandschaft erfordert daher ein vorausschauendes Konfliktmanagement, klare Rahmenbedingungen und transparente Kommunikation. 

„Es erweist sich als Generationenaufgabe, ihre Arbeit [Anm.: die Arbeit der Herdenschutzhunde] so gut wie möglich mit den hiesigen landwirtschaftlichen, gesellschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen in Einklang zu bringen und umgekehrt, diese Rahmenbedingungen, wo möglich, so anzupassen, dass sie den Hunden und ihren Haltern gerecht werden.“ (Quelle: AGRIDEA).

Damit der Schutz von Nutztieren mit Herdenschutzhunden funktioniert, braucht es Motivation und Offenheit aller Beteiligten. Ein Baustein, um den Einsatz von Herdenschutzhunden möglichst konfliktfrei zu gestalten, bildet die fachgerechte Ausbildung und Auswahl von Hunden nach gewissen Qualitätskriterien. Diese können beispielsweise im Rahmen von Zertifizierungen überprüft werden. 

Dabei spielen in Deutschland neben der eigentlichen Schutzarbeit auch folgende gesellschaftsrelevante Aspekte eine zentrale Rolle:

  • umfassende Sozialisation mit Nutztieren, Artgenossen und Menschen
  • angepasstes Verhalten gegenüber Passantinnen und Passanten
  • angepasste Reaktion auf Umweltreize
  • Zauntreue (kein Überspringen oder anderweitiges Überwinden der Einzäunung)

Zertifizierungen erfolgen in Deutschland und in den Nachbarländern Österreich und Schweiz durch autorisierte Stellen. In Österreich und der Schweiz sind hierfür offizielle Stellen wie das Österreichzentrum – Bär, Wolf, Luchs zuständig, in der Schweiz beispielsweise die AGRIDEA. In Deutschland führen die von den Bundesländern anerkannten Herdenschutzhundeverbände diese Zertifizierungen durch. Die Prüfungen simulieren typische Alltagssituationen, etwa Begegnungen mit Spaziergängern – mit oder ohne Begleithund – entlang der Weide.
 

Geteilte Verantwortung

Den landwirtschaftlichen Betrieben kommt eine zentrale Rolle für einen funktionierenden und gesellschaftsverträglichen Einsatz von Herdenschutzhunden zu. Dazu gehören: 

  • sorgfältige Planung und Auswahl geeigneter Hunde und gezielte Teamzusammenstellung
  • fachgerechte Ausbildung und intensive Betreuung der HSH und Herden
  • Geduld und Offenheit bei Herausforderungen, sowohl mit den Tieren als auch mit den Menschen
  • transparente Information der Öffentlichkeit im Einsatzgebiet, z.B. durch das Anbringen von Hinweisschildern am Zaun, und Erfahrungsaustausch mit anderen HSH-Besitzern

Eine frühzeitige Einbindung lokaler Akteure – etwa Tourismusverantwortlicher, Gemeinden und Anwohner – kann Konflikten vorbeugen.

Für das Gelingen der Maßnahme zentral sind außerdem praktikable Rahmenbedingungen: 

  • Beratungsangebote: die kostenfreie Herdenschutzberatung der FVA BW unterstützt Betriebe bei Fragen rund um Herdenschutzhunde.
  • Öffentlichkeitsarbeit zur Sensibilisierung der Bevölkerung und Behörden hinsichtlich Herdenschutzhunde
  • Schulungsangebote und Bereitstellung von Infomaterialien (bspw. Schilder)
  • Weiterentwicklung der Qualitäts- und Prüfstandards im Austausch mit anderen Bundesländern, Verbänden und Behörden
  • Langfristige Ansprechpersonen zum Thema Herdenschutzhunde

Ein konfliktarmes Miteinander erfordert zudem auch die Mitwirkung von Erholungssuchenden und Anwohnern. Diese können durch folgende einfache Verhaltensweisen Rücksicht auf die Arbeit der Hunde nehmen:

  • Weideflächen mit Abstand und ruhig passieren
  • keine hektischen Bewegungen entlang der Zäune ausführen (z. B. Rennen)
  • Hinweisschilder beachten
  • Weiden nicht betreten
  • Hunde im Bereich von Weiden konsequent anleinen
  • nächtliche Störungen vermeiden

Grundsätzlich gilt: Je ruhiger und distanzierter die Begegnung, desto geringer der Reiz für eine Reaktion der Herdenschutzhunde. In der Kulturlandschaft treffen viele unterschiedliche Interessen aufeinander, sodass es trotz sorgfältiger Planung und Vorkehrungen im Einsatz von Herdenschutzhunden zu Konfliktpotenzialen wie verstärktem Bellen kommen kann. Viele dieser Situationen lassen sich jedoch im offenen Gespräch mit den Tierhaltern gut klären. Es wird daher empfohlen, im Bedarfsfall auf die Betriebe zuzugehen und gemeinsam die Situation zu besprechen.

Fazit: Eine gemeinsame Aufgabe

Herdenschutzhunde ermöglichen es landwirtschaftlichen Betrieben, Weidetiere auch in von Wölfen dicht besiedelten Regionen und auf topografisch anspruchsvollem Gelände geschützt weiden zu lassen. Damit leisten die Hunde einen indirekten Beitrag zum Erhalt traditioneller Kulturlandschaften und der dortigen Biodiversität.

Ihr Einsatz ist kein rein landwirtschaftliches Thema. In einer dicht besiedelten und vielfach genutzten Landschaft kann Herdenschutz nur durch das rücksichtsvolle Zusammenspiel vieler Akteure – von Tierhaltern über Behörden bis hin zu Erholungssuchenden – funktionieren.

Pilot- und Praxisbetriebe berichten, dass die Anschaffung und Ausbildung von Herdenschutzhunden zwar anspruchsvoll ist, langfristig jedoch eine tragfähige Lösung im Herdenschutz darstellen kann.

Herdenschutzhunde sind damit im wahrsten Sinne des Wortes „Hunde mit Beruf“: Sie übernehmen eine anspruchsvolle Aufgabe, deren Gelingen von fachlicher Qualität, klaren und praktikablen Rahmenbedingungen und gesellschaftlicher Akzeptanz abhängt.