Hintergrund
Mit der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland seit dem Jahr 2000 und regelmäßigen Nachweisen in Baden-Württemberg seit 2015 haben Herdenschutzmaßnahmen deutlich an Bedeutung gewonnen. Wolfsabweisend gestaltete Zäune sind für viele Betriebe ein zentrales und wirksames Instrument zum Schutz von Weidetieren wie Schafen und Ziegen vor Wolfsübergriffen. Empfohlen werden Elektrofestzäune mit mindestens vier, besser fünf stromführenden Leitern auf 20, 40, 60, 90 und 120 cm Höhe sowie einem zuverlässigen Bodenabschluss und einer optimalen Bestromung.
Eine wirksame Bestromung ist dabei entscheidend für die abschreckende Wirkung der Zäune. Der Effekt beruht darauf, dass Wölfe bei Kontakt mit dem Zaun eine unangenehme Erfahrung machen und diesen künftig meiden – vergleichbar mit dem bekannten Lerneffekt bei Hunden, die negative Erfahrungen mit Elektrozäunen gemacht haben.
Mit der zunehmenden Verbreitung dieser Zaunsysteme stellt sich jedoch die Frage, welche Auswirkungen sie auf wildlebende Tiere haben. Insbesondere wird diskutiert, ob wolfsabweisende Elektrofestzäune die Bewegungen von Wildtieren einschränken und zur Fragmentierung von Lebensräumen beitragen. Um diese Fragestellung fachlich fundiert zu untersuchen, führte die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) von Juli 2021 bis Dezember 2024 ein zweiphasiges Forschungsprojekt zum Querungsverhalten von Wildtieren und zur Wilddurchlässigkeit wolfsabweisender Elektrofestzäune durch.
Zur Unterstützung der Tierhaltenden bei der Umsetzung solcher Herdenschutzmaßnahmen koordiniert die FVA seit 2019 im Auftrag des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg eine landesweite Herdenschutzberatung. Bis 2025 wurden mehr als 800 betriebsspezifische Beratungen durchgeführt; für die Umsetzung der Maßnahmen können Fördermittel über die unteren Naturschutzbehörden beantragt werden.
Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick
- Wolfsabweisende Elektrofestzäune stellen keine vollständige Barriere für Reh-, Gams- und Rotwild dar.
- Die stärkste abschreckende Wirkung auf das Wild ergibt sich aus der Kombination aus Stromführung und der Anwesenheit von Weidetieren.
- In der beweidungsfreien Zeit ist die Wildtieranwesenheit bei nicht bestromten Zäunen deutlich höher.
- Geöffnete Weidetore erhöhen die Nutzung der Flächen durch Wildtiere erheblich.
- Durch angepasste Zaungestaltung und Management lassen sich Herdenschutz und Wilddurchlässigkeit gut vereinbaren.
Wie wurde das Verhalten von Wildtieren untersucht?
Zur Erfassung des Wildtierverhaltens wurden auf allen Untersuchungsflächen Wildtierkameras entlang der Weidezäune installiert. Diese dokumentierten Annäherungen durch Wildtiere, Querungsversuche und erfolgreiche Querungen sowie die Anwesenheit von Wildtieren auf den Weideflächen im Jahresverlauf.
Die Kameras wurden an Zaunpfosten oder Bäumen angebracht und lieferten über die gesamte Projektdauer hinweg kontinuierlich Aufnahmen. So konnte das Verhalten verschiedener Wildarten unter realen Praxisbedingungen erfasst werden.
In der ersten Projektphase (Juli 2021 bis Dezember 2022) stand das Querungsverhalten von Reh- und Gamswild im Fokus. Bestehende Weidezäune mit ein bis maximal drei Leitern wurden schrittweise zu wolfsabweisenden Zäunen aufgerüstet. Dabei kamen Leiterhöhen von 20, 40, 60, 90, 120 cm zum Einsatz.
Untersucht wurden fünf Szenarien, die jeweils über einen Zeitraum von rund vier Wochen erfasst wurden:
- 20, 40, 60, 90, 120 cm – bestromt, mit Weidetieren
Aufgerüsteter Weidezaun mit fünf Kunststoffleitern, Strom an, Weidetiere auf der Fläche - 20, 40, 60, 90, 120 cm – unbestromt, ohne Weidetiere
Gleiche Zaungestaltung, kein Strom, keine Weidetiere auf der Fläche - 20, 40, 60, 120 cm – bestromt, mit Weidetieren
Aufgerüsteter Weidezaun mit entferntem Leiter auf 90 cm, Strom an, Weidetiere auf der Fläche - 20, 40, 60, 120 cm – unbestromt, ohne Weidetiere
Gleiche Leiterkonfiguration ohne 90-cm-Leiter, kein Strom, keine Weidetiere - 1–3 Litzen (Referenz) – bestromt / unbestromt
Ursprünglich eingesetzte Weidezäune mit ein bis maximal drei Litzen als Vergleich zu den aufgerüsteten Varianten

Abb. 4: Weidezaun mit zwei stromführenden Leitern auf 40 und 90 cm Höhe (links) und beispielhafte Aufrüstung eines Weidezaunes (rechts): stromführende Leiter auf 20-40-60-90-120 cm Höhe, zusätzliche mobile Streckenpfosten, vorhandene Eckpfosten werden mit Abstandsisolatoren eingesetzt. Quelle: FVA/L. Huber-Eustachi/D. Kratochwil.
In der zweiten Projektphase (Januar 2023 bis Dezember 2024) wurden ausschließlich Weideflächen mit bereits wolfsabweisend gestalteten Elektrofestzäunen untersucht. Diese entsprachen dem empfohlenen Herdenschutz in Baden-Württemberg mit fünf Drahtleitern auf 20, 40, 60, 90, 120 cm Höhe.
Der Fokus lag hier auf der Untersuchung der langfristigen Nutzung der Weideflächen durch Wildtiere unter unterschiedlichen Betriebszuständen.
In der zweiten Phase wurden drei klar definierte Varianten verglichen:
- Beweidung mit bestromtem Zaun
- Beweidungsfreie Zeit mit stromlosem Zaun
- Beweidungsfreie Zeit mit stromlosem Zaun und geöffneten Weidetoren
Auf dieser Grundlage sollte untersucht werden, wie stark die Bestromung der Zäune und die Beweidung die Anwesenheit von Wildtieren beeinflussen.

Abb. 6: Schemazeichnung der Szenarien und Hypothesen der zweiten Projektphase: Die Hypothesen gehen davon aus, dass die Wilddurchlässigkeit der Elekrofestzäune von Szenario eins bis drei ansteigen wird. Die Annahme war, dass das Abschalten des Stromes und das Öffnen der vorhanden Weidetore zu einer höheren Anzahl von Wildtieren auf den Weideflächen führt. Quelle: FVA
Wie reagieren Reh- und Gamswild auf wolfsabweisende Zäune?
Insgesamt wurden über 600 Annäherungen und Querungsversuche von Reh- und Gamswild dokumentiert. Beide Arten waren grundsätzlich in der Lage, sowohl herkömmliche und damit nicht wolfsabweisende, als auch wolfsabweisend gestaltete Zäune zu queren.
Am häufigsten erfolgte die Querung unter den unteren Leitern oder zwischen den Leitern. Sprünge über den Zaun wurden nur selten beobachtet. Die Aufrüstung der Zäune auf fünf Leiter reduzierte die Querungshäufigkeit nur geringfügig: Auch wolfsabweisend gestaltete Zäune wurden in rund 90 % der Annäherungen gequert.
Strom und Weidetiere wirken deutlich abschreckend
Deutlich war der Einfluss der Bestromung: Sowohl Reh- als auch Gamswild brachen Querungsversuche wesentlich häufiger ab, wenn die Zäune unter Strom standen. Beim Gamswild endete etwa jede zweite Annäherung an einen bestromten Zaun ohne Querung.
Beim Rehwild zeigte sich ein differenzierteres Verhalten. Es reagierte sensibler auf wolfsabweisend gestaltete und bestromte Zäune als auf einfachere, stromführende Zäune.
Zugleich wurde deutlich, dass das Verhalten stark individuell geprägt ist: Einige Tiere inspizierten Zäune intensiv, andere querten sie nahezu ohne zu zögern.
Wann nutzen Wildtiere Weideflächen besonders häufig?
In der zweiten Projektphase wurden zahlreiche Wildarten auf den untersuchten Weideflächen nachgewiesen. Am häufigsten trat Rehwild auf, gefolgt von Fuchs und Feldhase. Dachse wurden regelmäßig dokumentiert, Schwarzwild hingegen nur vereinzelt.
Im Rotwildgebiet Südschwarzwald war Rotwild regelmäßig präsent, während Gamswild nur selten nachgewiesen wurde. Alle Arten wurden in allen drei Szenarien erfasst.
Die statistische Auswertung zeigt klare Unterschiede in der Häufigkeit der Wildtieranwesenheit:
- Bei stromlosem Zaun ohne Weidetiere war die Nutzung der Weideflächen rund 3,5-fach höher als bei bestromtem Zaun mit Beweidung.
- Bei zusätzlich geöffneten Weidetoren stieg die Wildtieranwesenheit sogar auf das Fünffache.
Die Kombination aus Beweidung und Stromführung entfaltet somit eine deutliche abschreckende Wirkung auf Wildtiere. Welcher Anteil dabei auf die Weidetiere selbst oder auf den Strom zurückzuführen ist, konnte nicht getrennt bestimmt werden.
Wie lässt sich Herdenschutz wildtierverträglich umsetzen?
Aus den Ergebnissen lassen sich folgende praxisrelevante Empfehlungen ableiten:
- Wolfsabweisende Elektrofestzäune sind keine absoluten Barrieren für Reh-, Gams- und Rotwild.
- Die stärkste abschreckende Wirkung entsteht durch die Kombination aus Stromführung und Anwesenheit von Nutztieren.
- In der beweidungsfreien Zeit sollten Zäune nach Möglichkeit stromlos geschaltet und Weidetore geöffnet werden.
- Wildwechsel sollten bei der Planung wolfsabweisender Zäune berücksichtigt werden, z. B. durch abschnittsweise Tore.
- Kunststofflitzen und gut sichtbare Leiter können die Querbarkeit von Zäunen erhöhen und das Verletzungsrisiko für Wildtiere senken.
Neben wolfsabweisenden Elektrofestzäunen kommen in der Praxis auch weitere Zauntypen zum Einsatz. Diese waren nicht Gegenstand der Untersuchung, ihre Wirkung auf Wildtiere lässt sich jedoch aus bisherigen Erfahrungen wie folgt einordnen:
Zäune aus Drahtknotengeflecht weisen eine sehr hohe Barrierewirkung auf und werden daher auch gezielt zum Schutz vor Wildverbiss eingesetzt. Mobile Weidenetze können – unabhängig vom Herdenschutz – ein erhöhtes Unfallrisiko für Wildtiere darstellen, insbesondere, wenn sie nicht fachgerecht eingesetzt werden. Mobile Litzenzäune sind für Wildtiere vergleichsweise gut passierbar, führen jedoch während der Beweidungszeit in der Regel zu einer geringeren Wildtiernutzung der Flächen.
Herdenschutz und Wilddurchlässigkeit schließen sich nicht aus
Die Ergebnisse zeigen, dass wolfsabweisende Elektrofestzäune Wildtiere nicht grundsätzlich aussperren. Ihre Wirkung hängt entscheidend vom Betriebszustand, der Beweidung und der Zaungestaltung ab. Durch ein angepasstes Management lassen sich Herdenschutz und Wildtierökologie in vielen Fällen miteinander vereinbaren.



















