Moore sind weit mehr als düstere, baumlose und sumpfige Landschaften. Sie sind hochspezialisierte Lebensräume für seltene Tier- und Pflanzenarten. Doch viele Moore leiden unter Wassermangel – auch der große Moorkomplex auf dem Kaltenbronn im Nordschwarzwald. Ein Revitalisierungsprojekt soll dort den natürlichen Wasserhaushalt verbessern und die wertvollen Moorlebensräume langfristig stärken.
Darüber spricht FVA-Direktor Prof. Dr. Ulrich Schraml in Folge 31 des Podcasts astrein – Wald.Mensch.Wissen mit Moor-Experte Dr. Lars Borrass von der FVA.
Ein außergewöhnlich großer Moorkomplex
Auf dem Höhenrücken des Nordschwarzwaldes, in rund 900 Metern Höhe, erstreckt sich auf dem Kaltenbronn eine für ein Mittelgebirge außergewöhnlich große Moorlandschaft. Der Moorkomplex umfasst etwa 3,6 Quadratkilometer und wird nicht nur von offenen Hochmoorflächen, sondern auch von Moorwäldern geprägt. Dazu gehören Wälder mit der seltenen Moorkiefer (Pinus mugo subsp. rotundata), für deren Erhalt Baden-Württemberg eine besondere Verantwortung trägt, sowie Fichtenmoorwälder in den Randbereichen.
Historische Berichte aus dem 18. Jahrhundert beschreiben die Landschaft allerdings noch deutlich offener als heute: Weiträumige Moorflächen mit einzelnen Moorkiefern, großen Moorkolken und einer vor allem durch Torfmoose geprägten Vegetation bestimmten damals das Bild.
Heute breiten sich auf vielen ehemals offenen Flächen dichte Bestände der Moorkiefer aus. Eine wesentliche Ursache dafür liegt im Wasserhaushalt des Moores.
109 Kilometer Gräben entwässern das Moor
Ende des 18. und Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Kaltenbronn durch ein dichtes Netz von Entwässerungsgräben erschlossen. In mühevoller Handarbeit entstanden insgesamt rund 109 Kilometer Gräben. Auch wenn diese heute nicht mehr gepflegt werden und teilweise zugewachsen sind, führen sie weiterhin Wasser aus dem Moor ab.
Für ein Hochmoor ist das besonders problematisch. Es wird hauptsächlich durch Niederschläge mit Wasser versorgt. Fällt Regen, wird ein Teil dieses Wassers durch die alten Gräben vergleichsweise schnell wieder aus dem Gebiet abgeführt. Besonders in heißen und trockenen Sommerperioden kann dies zum Problem werden.
Sinkende Wasserstände verändern langfristig auch den Moorboden. Der Torf sackt ab, rund um die Gräben entstehen Senkungsmulden und die hydrologischen Verhältnisse verändern sich weiter. Gleichzeitig schreitet die Bewaldung ehemals offener Moorbereiche voran.
Revitalisieren statt renaturieren
Ziel des Projektes ist deshalb, den Wasserabfluss über die alten Entwässerungsgräben zu reduzieren und die Wasserstände möglichst großflächig anzuheben. Das Moor wird dabei nicht künstlich bewässert. Vielmehr soll das vorhandene Niederschlags- und teilweise auch Hangwasser länger im Gebiet gehalten werden.
Bewusst sprechen die Projektbeteiligten dabei von Revitalisierung und nicht von Renaturierung. Denn die ursprüngliche Landschaft aus der Zeit vor der Entwässerung lässt sich nicht einfach wiederherstellen. In manchen Bereichen sind die Veränderungen bereits so weit fortgeschritten, dass eine Rückkehr zum Zustand vor etwa 1800 nicht mehr möglich ist.
Stattdessen sollen die hydrologischen Bedingungen so verbessert werden, dass sich das Moor aus eigener Kraft stabilisieren kann. In geeigneten Bereichen können sich dadurch offene Moorflächen wieder ausweiten. Im Idealfall entstehen sogar Flächen, auf denen erneut Torf wächst und akkumuliert wird. In anderen Bereichen soll sich ein Mosaik aus feuchten Moorflächen und wertvollen Moorwäldern entwickeln.
Torfmoose, Sonnentau und Kreuzotter profitieren
Im Mittelpunkt der Maßnahmen stehen vor allem die typischen Arten der Hochmoore. Denn mit dem Rückgang nasser und offener Bereiche verschwinden auch die besonderen Lebensräume, auf die diese Arten angewiesen sind.
Dazu gehören verschiedene Torfmoose sowie Pflanzen wie Sonnentau und Wollgras. Besonders wichtig sind außerdem die sogenannten Bult-Schlenken-Komplexe: ein kleinräumiger Wechsel zwischen leicht erhöhten Bereichen und wassergefüllten oder stark vernässten Senken. Diese Strukturen beherbergen hochspezialisierte Lebensgemeinschaften.

Abb. 3: Bult-Schlenken-Komplex in einem regenerierenden Hochmoor in Nordwestdeutschland. Bulten und wassergefüllte Schlenken bilden ein kleinräumiges Mosaik unterschiedlicher Lebensräume. (Foto: Elke Freese, BultSchlenke, CC BY-SA 3.0)
Auch verschiedene Libellenarten sind auf solche Schlenkengewässer angewiesen. Eine weitere charakteristische Art im Gebiet ist die Kreuzotter. Rund um den Kaltenbronn befindet sich eines ihrer Kerngebiete. Sie benötigt unter anderem feuchte und kühle Lebensräume und zieht sich im Zuge klimatischer Veränderungen zunehmend in höhere Lagen zurück.
Auch das Auerhuhn kann von den Maßnahmen profitieren. Es ist zwar keine typische Moorart, benötigt aber strukturreiche Landschaften mit einem Wechsel aus offenen Bereichen und lichten Wäldern, wie sie im Umfeld der Moore vorkommen.
Wie verschließt man einen Entwässerungsgraben?
Ein Moor wieder zu vernässen bedeutet nicht, einfach einige Gräben zuzuschütten. Bevor gebaut werden kann, muss zunächst genau geklärt werden, wie sich das Wasser im Moor bewegt: Woher kommt es? Welche Wege nimmt es? Wo verlässt es das Gebiet? Hinzu kommen Untersuchungen der Torfmächtigkeit und des darunterliegenden mineralischen Bodens sowie eine detaillierte Kartierung des Grabensystems.
Auf dieser Grundlage wird festgelegt, an welchen Stellen Sperren notwendig sind. Im Projektgebiet sollen etwa 1.300 Sperren entstehen.
Überwiegend kommen Holzsperren zum Einsatz. Dafür werden Bohlen in den Torfkörper eingebracht und anschließend mit Sägemehl sowie zuvor entnommenem Torf überdeckt. Wo ein besonders hoher Wasserdruck zu erwarten ist – beispielsweise an großen, mehrere Meter breiten Gräben – werden stabilere Konstruktionen benötigt. Dort können auch Stahl oder andere geeignete Materialien zum Einsatz kommen.
Die Sperren sollen das Wasser zunächst innerhalb der Gräben zurückhalten. Wo es die Geländeverhältnisse ermöglichen, soll der Wasserspiegel so weit steigen, dass das Wasser wieder in angrenzende Moorflächen gelangt.
Langfristig besteht die Hoffnung, dass sich die hydrologische Situation so weit stabilisiert, dass die Wirkung auch dann erhalten bleibt, wenn einzelne Sperren irgendwann ihre Funktion verlieren.
Viele Jahre Vorbereitung für die Revitalisierung
Der eigentlichen Umsetzung gehen umfangreiche Planungen voraus. Am Projekt sind das Regierungspräsidium Karlsruhe, ForstBW, der Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord und die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) beteiligt.
Die FVA übernimmt unter anderem Aufgaben im Monitoring, bei der Erfolgskontrolle, der ökologischen Baubegleitung und der hydrologischen Erfassung. Allein die Vorbereitung des gemeinsamen EU-geförderten LIFE-Projektes und die Abstimmung der beteiligten Akteure nahmen mehrere Jahre in Anspruch.
Hinzu kommt ein umfangreiches wasserrechtliches Genehmigungsverfahren. Schließlich verändert das Projekt gezielt den Wasserhaushalt einer großen Fläche. Deshalb muss beispielsweise geprüft werden, welche Auswirkungen die Maßnahmen auf angrenzende Gewässer, mögliche Hochwasserereignisse oder nahegelegene Trinkwasserquellen haben können. Auch mögliche Auswirkungen auf Tier- und Pflanzenarten müssen berücksichtigt werden.
Nach ersten kleineren Erprobungsmaßnahmen können nun die Revitalisierungsmaßnahmen in größerem Umfang umgesetzt werden.
Moor erleben auf dem Kaltenbronn
Der Kaltenbronn ist nicht nur aus Sicht des Naturschutzes von großer Bedeutung. Rund 400.000 Besucherinnen und Besucher kommen jährlich in das Gebiet. Besonders das Wildseemoor und das Hohlohmoor sind beliebte Ausflugsziele.

Abb. 4: Der Wildsee bei Bad Wildbad liegt inmitten des Hochmoorgebiets auf dem Kaltenbronn im Nordschwarzwald. (Foto: Harke, Wildsee Bad Wildbad, CC BY-SA 3.0)
Beide Moorgebiete können auf Bohlenwegen erlebt werden. Die eigentlichen Schutzflächen sind als Naturschutz- und FFH-Gebiet dagegen nicht frei begehbar. Daran ändert auch die Revitalisierung nichts. Vielmehr sollen Naturschutz und Naturerlebnis miteinander verbunden werden.
Im Rahmen des Projektes werden zudem Moor-Guides ausgebildet, die Besucherinnen und Besuchern die Besonderheiten der Landschaft bei Führungen näherbringen.
Zur Podcastreihe FVA Baden-Württemberg
„astrein: Wald.Mensch.Wissen“ ist die Podcastreihe der FVA Baden-Württemberg. In regelmäßigen Gesprächen geben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte und erläutern, welche Bedeutung neue Erkenntnisse für Waldbewirtschaftung, Waldschutz und Wildtiermanagement haben.
Alle Episoden finden Sie auf der Website der FVA Baden-Württemberg sowie auf gängige Plattformen wie Apple Podcasts und Spotify.








