
Abb. 1: Schild beim Schliffkopf. Foto: Adrian Michael, Schild Schliffkopf2, CC BY-SA 4.0
Der Beitrag befasst sich mit den Kulturwäldern des Nationalpark Schwarzwald im Umfeld des Parkzentrums am Ruhestein sowie am Wilden See. Die Wälder des heutigen Nationalparks wurden bereits seit etwa 1000 v. Chr. durch den Menschen geprägt: Sie wurden abgebrannt, gerodet oder in grasreiche Weidewälder umgewandelt. Nutzende Menschen waren im Bereich des heutigen Parks über Jahrtausende hinweg kontinuierlich tätig.
Aufbau der heutigen Wälder
Die alten Wälder des Nationalparks entstanden in ihrer heutigen Form überwiegend nach 1800. Gemeinden wie Baiersbronn bauten die Waldflächen großflächig durch Saat und Pflanzung wieder auf und prägten damit maßgeblich die Waldstruktur, die heute vielfach als „alt“ oder „naturnah“ wahrgenommen wird.
Gestaltung der Landschaft im Nationalpark bis 1790
Der Schwarzwald wurde bereits in vorrömischer Zeit genutzt. Dies wurde im ersten Teil dieser Beitragsreihe belegt [1]. Auch in den Hochlagen des Nordschwarzwaldes setzte die Nutzung früh ein [10]. Hinweise auf dauerhaft besiedelte und genutzte Rodungsflächen liefern die keltische Siedlung Baiersbronn sowie alte Bergwerke bei Freudenstadt. Pollenanalysen belegen baumarme Bereiche, die seit der Eisenzeit (800–50 v. Chr.) als Viehweiden genutzt wurden [6,7]. Schwarzwaldklöster wurden im 8. Jahrhundert nicht in menschenleeren Urwäldern errichtet, sondern setzten eine bereits bestehende Besiedlung und Nutzung der Wälder fort. Handelsbeziehungen zwischen Baiersbronn, dem Westschwarzwald und dem Rheintal über den Ruhestein bestanden vermutlich schon in der Römerzeit [5].
Nutzungskontinuitäten vom Mittelalter bis 1790
Die Landschaft veränderte sich vom Ende des Mittelalters bis 1790 weniger stark, als häufig angenommen wird. Darauf weisen Ergebnisse der Pollenanalyse hin. Schriftliche Zeugnisse zur Landschaftsnutzung liegen erst seit dem späten Mittelalter vor. Bereits im Mittelalter erreichte die Waldnutzung offenbar ein Ausmaß, das der frühen Neuzeit vergleichbar war. Nach 1450 sind erste Dokumente zur Harznutzung an Fichten überliefert, verbunden mit dem Handel über die Höhen des Schwarzwaldes in Richtung Rheintal [2, 9]. Sebastian Münster berichtet 1550, dass sich die Bevölkerung dieses Teils des Schwarzwaldes überwiegend durch Harzgewinnung und den Harzhandel nach Straßburg ernährte; landwirtschaftliche Nutzung sei nur eingeschränkt möglich gewesen [4].
Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) erschwerte den Handelsaustausch, unterband ihn jedoch nicht vollständig. Trotz konfessioneller Gegensätze und der Auseinandersetzungen mit Frankreich bis zur Zeit Napoleons blieben Wirtschaftsbeziehungen über den Schwarzwaldkamm bestehen. Dies zeigte sich besonders beim großen Waldbrand im August 1800 auf württembergischem Gebiet: An den Löscharbeiten beteiligten sich rund 800 Menschen aus Baden sowie etwa doppelt so viele aus Württemberg [9].
Weide- und Harzwälder im Raum Wilder See
Von besonderer Bedeutung ist, dass das Gebiet im engeren Umfeld des Wilder See bereits vor 1800 ein nahezu baumfreies Weidegebiet war. Im heutigen Nationalpark existierten schon vor dem Mittelalter dauerhaft genutzte Weide- und Harzwälder. Mittelalterliche Holznutzungen trafen daher nicht mehr auf ursprüngliche Urwälder (Abb. 2).
Politisch war das Gebiet seit dem Mittelalter dreigeteilt: Der Westen gehörte zum Fürstbistum Straßburg, der größte Teil zu Württemberg, kleinere Anteile zu Baden. Über den Ruhestein verlief der zentrale Handelsweg. Die Gebiete um das Kloster Allerheiligen und das obere Achertal waren mit den Gemeinden Baiersbronn und Reichenbach verbunden. Über die Hornisgrinde und den Ruhestein wurden Harzprodukte aus fichtenreichen Wäldern nach Straßburg transportiert. Die Handelswege sind in der Karte von 1790 dargestellt. Sie führten am Wilden See vorbei und berührten Wiesen- und Gebäudereste einer Einsiedelei mit Kapelle. Hinterlangenbach war damals deutlich kleiner als heute und trug den Namen Zwiesel (Abb. 2).
Eine waldarme Landschaft vor 230 Jahren
Vor rund 230 Jahren existierte in der Landschaft Wilder See-Ruhestein kein Wald im heutigen Sinne. Vom Mummelsee bis zum Melkereikopf erstreckten sich großflächige waldfreie Bereiche, die als Viehweiden genutzt wurden. Diese Offenflächen reichten weit über den Wilden See hinaus in die Täler der Schönmünz, der Rotmurg und des Langenbachs. Wo die Karte von 1790 Wald ausweist, belegen Flurnamen, dass es sich um stark aufgelichtete Weidewälder handelte, in denen die Viehhaltung dominierte. Zentren der Beweidung trugen Namen wie Hörnergrund (heute Hornisgrinde), Harthöhe, Melkereikopf, Lange Hardt, Leerer Berg oder Langer Grund.
Auch die zahlreichen Harzwälder, die von Baiersbronn genutzt wurden, waren deutlich lichter als heutige Wälder. Sie erstreckten sich von der Hornisgrinde über große Bereiche entlang von Kessel- und Wälzbach bis zum Leinkopf. Dort fanden sich waldfreie Flächen, die landwirtschaftlich genutzt und teilweise mit Hanf bestellt waren – vermutlich der Ursprung des Namens Leinkopf. Landwirtschaft und Holznutzung prägten alle Waldformen, auch die Harzwälder. Die Bachläufe waren beiderseits breit ausgehauen und als Weide- und Wiesenflächen genutzt. Der Anteil der Weidewälder betrug 1790 rund 50 Prozent der Fläche (Abb. 2).
Der Aufbau der Landschaft nach 1800
Die Vorgeschichte der großflächigen Aufforstungen im heutigen Nationalpark soll hier nur kurz skizziert werden. Nach 1750 brachten Floßholzhiebe und weitere intensive Holznutzungen das überkommene Gefüge der Waldnutzungsrechte zwischen Bauern und Landesherren aus dem Gleichgewicht. Die bäuerliche Bevölkerung sah ihre Existenzgrundlagen bedroht: Rechte auf Viehweide, Gras-, Acker- und Harznutzung wurden zunehmend eingeschränkt. Entsprechend groß war die Sorge vor einem geplanten Wiederaufbau zerstörter Wälder durch Aufforstung.
Nachhaltigkeit als neues forstliches Leitbild
Im damaligen Württemberg wurde der Wiederaufbau der Wälder dennoch konsequent vorangetrieben. Maßgeblich waren die Wirtschaftsgrundsätze für den herzoglichen Staatswald. Bereits 1770 wurde das Prinzip der „Nachhaltigkeit und Beständigkeit“ als Leitlinie für die jährliche Holznutzung festgelegt. Die Idee war, landesweit nur so viel Holz zu nutzen, „wie Natur und Kunst wieder hervorzubringen vermögen – aber auch nicht weniger“ [9].
Für ganz Württemberg wurde verbindlich geregelt, wie Wälder zu verjüngen sind. Ernte und Wiederbegründung der Wälder durch Naturverjüngung sowie durch Saat und Pflanzung wurden detailliert vorgeschrieben. Die Förster erhielten hierfür eine fundierte Ausbildung, unter anderem in Hohenheim bei Stuttgart. Nach 1790 wurde die Waldverjüngung zu einem zentralen Anliegen der Forstverwaltung. In den Vorschriften und in der Ausbildung war das Konzept schlüssig, sodass eigentlich rasche Erfolge bei der Wiederbewaldung zu erwarten gewesen wären.
Widerstände gegen die Aufforstung
In der Praxis stießen diese Pläne jedoch zunächst auf erhebliche Widerstände. Bei ihren Kontrollen stellten die leitenden Forstbeamten fest, dass die Bevölkerung nicht bereit war, ihre traditionellen Nutzungsrechte im Wald aufzugeben. Mit Beharrlichkeit erreichte sie, dass die landwirtschaftliche Nutzung der Wälder – insbesondere Viehweide sowie Gras- und Ackernutzung – weitgehend fortgeführt werden konnte.
Im Gebiet Ruhestein-Wilder See waren diese Konflikte zwischen 1750 und 1800 besonders ausgeprägt. Eine abrupte Wende trat im Jahr 1800 ein, als ein großflächiger Waldbrand mit einer Ausdehnung von rund 28 Quadratkilometern weite Teile der Wälder zerstörte, die von den Gemeinden Baiersbronn und Reichenbach genutzt wurden. Der Brand vernichtete zentrale Existenzgrundlagen: die Harzwälder sowie jene Bestände, in denen die Bevölkerung als Holzhauer und Fuhrleute tätig war und aus denen sie ihren Holzbedarf deckte.
Der große Waldbrand von 1800 als Wendepunkt
Nach dem Brand reagierten beide Gemeinden rasch und kooperativ. Bereits einen Monat nach dem Löschen der Feuer nahm die Forstverwaltung die Wiederbewaldung in Angriff. Der Oberförster in Freudenstadt wurde angewiesen, unverzüglich mit den Aufforstungen zu beginnen [9].
Die erlassenen Anweisungen spiegeln das forstliche Erfahrungswissen wider, das im Nordschwarzwald über Jahrhunderte hinweg gesammelt worden war. Die Brandflächen sollten vor allem mit Fichten und Kiefern angesät werden, da die Wälder vor dem Brand überwiegend aus diesen Baumarten bestanden hatten. Die Ansaat der Tanne sollte zunächst zurückgestellt werden, bis Fichten- und Kiefernjungwuchs ausreichenden Schutz bot. In Jahren mit starkem Buchensamenfall sollte zudem besonderes Gewicht auf die Verjüngung der Buche gelegt werden.
Rasche Aufforstung und Entstehung des Kulturwaldes
Die Aufforstung schritt mit bemerkenswerter Geschwindigkeit voran. Große Mengen an Saatgut wurden gesammelt und ausgebracht; bereits 1801 waren rund zehn Quadratkilometer Fläche angesät [9]. Weitere etwa 18 Quadratkilometer warteten noch auf die Wiederbegründung. Nach und nach wurde auch die Tanne in größerem Umfang eingebracht.
Bei der Auswahl der Flächen galt die Regel, zunächst die besseren Standorte zu bewalden. Daher ist anzunehmen, dass auf ehemaligen Wiesenstandorten – etwa im Bereich der Einsiedelei mit Kapelle am Wilden See – heute rund 220 Jahre alte Kulturfichten und -tannen stehen. Die steilen Karwände um den See wurden einige Jahre später angesät und durch Pflanzungen von Tannen, Fichten und Kiefern ergänzt.
So entstand im Laufe von gut 200 Jahren durch das Zusammenwirken von Bevölkerung, Forstverwaltung und waldbaulichem Wissen jener Kulturwald, der den Nationalpark Schwarzwald bis heute prägt.
Die Wälder heute
Tiefgreifende Veränderungen der Landschaft ergaben sich aus den großflächigen Aufforstungen und dem Waldumbau seit 1800. Innerhalb von rund 220 Jahren stieg der Bewaldungsanteil im Gebiet auf etwa 89 Prozent. Wanderer, die heute vom Seekopf über den Wilder See in Richtung Baiersbronn blicken, erleben ein nahezu geschlossenes Meer dichter Wälder, aus dem lediglich der See hervortritt. Dass diese Wälder in etwas mehr als zwei Jahrhunderten von der Bevölkerung des Schwarzwaldes aufgebaut und umgestaltet wurden, bleibt den meisten Besucherinnen und Besuchern verborgen.
Alte Wälder mit junger Geschichte
Auf diese Zusammenhänge wird im Nationalpark bislang kaum hingewiesen. Umso wichtiger ist es, die wesentlichen Veränderungen anhand historischer Karten sichtbar zu machen (Abb. 3). Die großflächigen Aufforstungen im Zentrum des Parks rund um den Wilden See sowie im Tal der Schönmünz haben sehr schöne, heute alt wirkende Wälder hervorgebracht. Zu ihnen gehört auch der Bannwald Wilder See. Dieser seit 1911 nicht mehr forstlich genutzte Wald ist das älteste sich selbst überlassene Waldgebiet in Baden-Württemberg.
Für Wanderer wirken die alten Bäume des Bannwaldes majestätisch. Das liegende Totholz und die Höhe der Bäume vermitteln den Eindruck von Urwald, obwohl die Bestände im steilen Kar um den Wilden See erst vor rund 220 Jahren gesät und gepflanzt wurden.

Abb. 5: Die sogenannten „Urwaldtannen“ im Waldmeer des Wilden Sees wurden vor rund 220 Jahren angepflanzt. Foto: Lucypleite03, Nationalpark Schwarzwald, CC BY-SA 3.0
Bedeutung der Kulturlandschaft für das Verständnis heutiger Wälder
Für das Erfassen und Vermitteln des Wertes typischer Kulturwälder des Schwarzwaldes sind diese Veränderungen der Kulturlandschaft von zentraler Bedeutung. Die großflächigen, lichten Weidewälder (Agroforste) des Jahres 1790 wurden vollständig in dicht geschlossene Hochwälder umgebaut. In der Struktur der heutigen alten Wälder sind Aufbau und Pflege der vergangenen zwei Jahrhunderte deutlich ablesbar.
Der Nationalpark erkennt den Aufbau der Wälder durch die Bevölkerung bislang kaum an. Die Darstellung des Gebiets um den Wilden See als Ort völliger Abgelegenheit und Einsamkeit blendet seine Geschichte als Kulturlandschaft weitgehend aus. Forstgeschichtliche Perspektiven erinnern dagegen zu Recht an die Leistungen des Waldaufbaus. Bereits 1911, als Teile des Gebietes aus der Nutzung genommen und das Bannwald-Reservat ausgewiesen wurden, standen nicht Einsamkeit, sondern die Aufforstungsleistung und das Landschaftserlebnis der Wanderer im Vordergrund.
Bannwald als Teil der Kulturlandschaft
Auch die Geschichte des Bannwaldes wird heute oft verkürzt dargestellt. Die Reste einer Kapelle am Wilden See, die über Jahrhunderte den Menschen diente, werden in den Bereich von Sagen verlagert. Die außerordentliche Bedeutung der Nutzung für das Leben der Bevölkerung über Jahrtausende hinweg bleibt unerwähnt. Ebenso fehlt der Hinweis auf die Aufforstung als landeskulturelle Leistung und als Grundlage des heutigen Nationalparks [8].
Das Erlebnis Nationalpark und Wilder See sollte daher nicht ausschließlich in der Sprache der Wildnis, sondern auch in der Sprache der Kulturlandschaft vermittelt werden. Bereits der Begriff „Bannwald“ verweist darauf. Banngebiete waren Waldflächen, die zeitweise für die Nutzung gesperrt wurden, um jungen Wald zu schützen. Diese Sperrung war nie als dauerhafter Ausschluss des Menschen gedacht, sondern als Instrument der Schonung auf Zeit.
Würdigung forstlicher Leistungen und kultureller Werte
An die Idee und den Wert des Waldaufbaus wird im Nationalpark bislang kaum erinnert. Dabei gäbe es Ansatzpunkte: Neben Persönlichkeiten wie Prof. Julius Euting sollten auch die Leistungen der Forstleute Prof. Wagner und Dr. Otto Feucht stärker gewürdigt werden. Letzterer etwa durch einen Gedenkstein an der Peterstanne, einer eindrucksvollen Kandelaber-Tanne (Abb. 6). Otto Feucht hatte diesen Baum vor rund 100 Jahren in die Reihe der schönsten Bäume Württembergs aufgenommen. Heute droht er überwachsen zu werden; Maßnahmen zu seinem Erhalt wären dringend erforderlich. Auch im Nationalpark kann es in Einzelfällen sinnvoll sein, einen alten, markanten Baum zu pflegen, statt ihn dem natürlichen Zerfall als Totholz zu überlassen.
Kulturwald als Teil der Identität des Nationalparks
Der Kulturwald des Nordschwarzwaldes sollte in seiner gesamten Vielfalt sichtbar gemacht werden. Viele eindrucksvolle Waldformationen des Nationalparks verdanken ihre Schönheit und Einzigartigkeit gezieltem Waldbau und jahrhundertelanger Waldkultur. Dies reicht bis in den Artenschutz hinein, etwa bei charakteristischen Tierarten wie Spechten oder dem Auerhuhn.
Die Anerkennung dieser Leistungen der Waldkultur im Programm des Nationalparks wäre ein wichtiger Schritt. Sie könnte das Vertrauen der Schwarzwälder Bevölkerung in den Park stärken und ihren Beitrag zur Entstehung der heutigen Landschaft angemessen würdigen.



![Wilder See 1830. Kahle Karwand und kahler Hügel mit Resten der Einsiedelei; erste Aufforstungen [3]. Heute gibt es überall nur alte Bäume.](/assets/_processed_/0/6/csm_Wilder-See-1830_e4666de2c1.jpg)







