Im Südschwarzwald begann der großflächige Wandel vom Urwald zur Kulturlandschaft bereits um 1000 v. Chr. Mit der Besiedlung durch Kelten und später Römer wurde der Wald zunehmend genutzt und zurückgedrängt – bis in höhere Lagen hinein.

Über Jahrhunderte prägten Rodung, Waldweide, Holzgewinnung und Siedlungsentwicklung das Landschaftsbild. Der ursprüngliche Wald schrumpfte Schritt für Schritt. Um 1790 erreichte der Kulturwald infolge intensiver Nutzung seinen Tiefstand.

Seitdem setzte ein grundlegender Wandel ein: Der Wald wurde systematisch wieder aufgebaut. Aufforstungen, veränderte Nutzungsformen und eine geregelte Forstwirtschaft führten zu einer deutlichen Ausweitung der Waldfläche.

Die Regionen Feldberg/Wiesental sowie St. Peter/St. Märgen im Hochschwarzwald zeigen exemplarisch, wie sich der Südschwarzwald von einer stark beanspruchten Kulturlandschaft zu einem wieder waldgeprägten Raum entwickelt hat.

Frühe Nutzung des Südschwarzwaldes

Der Südschwarzwald war deutlich früher Kulturlandschaft als lange angenommen. Bereits spätestens um 1000 v. Chr. begann der Rückgang des Urwaldes. Brandrodung, Holzentnahme und intensive Waldweide veränderten die Wälder grundlegend – auch in höheren Lagen.

Antike Nutzung: Wald als Rohstoffquelle

Schon vor der Klostergründungszeit um 800 n. Chr. war der Wald flächig genutzt. Große Rodungsflächen und Weidewälder prägten das Bild. Tannenholz aus dem Schwarzwald wurde in römischer Zeit in bedeutende Siedlungszentren wie Mainz, Köln oder Xanten geflößt.

Der starke Rückgang der Weißtanne in dieser Zeit ist durch Pollenanalysen und archäologische Funde belegt. Als die Römer die Provinz Obergermanien eroberten, trafen sie im Rheintal, in der Baar und im Neckarraum keine unberührte Wildnis an, sondern eine entwickelte, landwirtschaftlich geprägte Kulturlandschaft mit forstlichen Nutzungsformen.

Von den Siedlungszentren am Rand des Schwarzwaldes aus wurden zahlreiche Täler erschlossen. Die Nutzung reichte bis in Hochlagen des Südschwarzwaldes.

Kein großflächiger Urwald bis ins Mittelalter

Bis zum Hochmittelalter um 900 n. Chr. hatten die Wälder bereits mehr als 1.000 Jahre Nutzung hinter sich. Archäologische und archäobotanische Befunde widersprechen daher der lange verbreiteten Vorstellung, der Schwarzwald sei bis ins Mittelalter hinein ein weitgehend unberührtes Urwaldgebiet gewesen.

Auch für das Gebiet um den Feldberg sprechen die Befunde gegen die Annahme geschlossener Urwälder im Hochmittelalter. Vielmehr war die Landschaft bereits zuvor durch Nutzung geprägt.

Dauerhafte Überformung der Wälder

Aufgrund der langen Nutzungsgeschichte blieben bis ins 19. Jahrhundert keine größeren Waldflächen ungenutzt. Die Abkehr von natürlichen Waldgesellschaften setzte früh ein und verstärkte sich vor rund 1.000 Jahren deutlich.

Landwirtschaft, Viehhaltung und Holzverwendung führten über Jahrtausende zur Entwaldung und zur intensiven Durchdringung der Wälder mit landwirtschaftlicher Nutzung. Seit dem Spätmittelalter kamen großflächige Hiebe für Glashütten, Eisenwerke und Flößerei hinzu. Diese Nutzungen schufen neue, stark vom Menschen geprägte Kulturlandschaften.

Römische Impulse

In die bereits veränderte Landschaft brachten die Römer eigene Nutzungs- und Anbauformen ein. Sie führten Esskastanie, Buchsbaum, Weinreben und verschiedene Obstbäume ein.

Der hohe Holzbedarf der römischen Siedlungen am Schwarzwaldrand konnte vor Ort nicht mehr gedeckt werden. Daher wurden Tannenbestände im Schwarzwald intensiv genutzt. Die antike Kulturlandschaft bildete damit die Grundlage für die weitere Nutzung im Mittelalter.

Das Feldberggebiet um 1790

Großflächige Urwaldreste gab es im Feldberggebiet Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr. Die Landschaft um die höchsten Gipfel war deutlich durch Almwirtschaft und Waldnutzung geprägt. Statt dichter Totholzbestände dominierten offene Flächen und größere Sukzessionsbereiche mit Nadelholz.

Siedlungs- und Nutzungsraum statt Wildnis

Erstaunlich ist die hohe Siedlungsdichte: Viele Gebäude, die heute noch bekannt sind, existierten bereits um 1790 – darunter der Feldbergerhof (heute Hotel), die Todtnauer Hütte, Gebäude am Rinken, am Baldenweger Buck und am Grüblesattel, der Raimartihof (damals mit mehr Gebäuden als heute), mehrere Jägerhäuser sowie Bauten südlich des Sägebachs.

Damit wies das Feldberggebiet um 1790 mehr Gebäude auf als das heutige Zentrum des Nationalpark Schwarzwald am Ruhestein und am Wilden See.

Offenland bis in Hochlagen

Die damalige Landschaft war wesentlich waldärmer als heute. Wer 1790 zum Feldberggipfel aufstieg oder den Bereich des heutigen Bannwaldes Feldsee durchquerte, bewegte sich überwiegend im Offenland – nicht in geschlossenen Fichten- und Tannenbeständen.

Die Karte von 1790 zeigt ein dichtes Netz aus Wegen und Pfaden. Nahezu alle Bäche – auch in steilen Lagen – waren freigelegt und wurden als Viehweide genutzt. Selbst die heutigen Lawinenbahnen am Feldberg und Seebuck waren waldfrei.

Das Feldberggebiet war somit kein Rückzugsraum unberührter Natur, sondern eine intensiv genutzte Hochlagenlandschaft.

Das Feldberggebiet heute

Seit 1790 hat sich das Feldberggebiet grundlegend verändert: Aus einer waldoffenen Hochlagenlandschaft wurde ein waldreicher Raum. Aufforstungen, Aufgabe der Almwirtschaft und natürliche Sukzession führten zu einer deutlichen Waldzunahme.

Waldaufbau im 19. und 20. Jahrhundert

Im schneereichen Wiesental am Feldberg – mit den steilen Hängen bei Todtnau, Brandenberg und Fahl – setzte eine systematische Wiederbewaldung ein. Das Ölbild von Julius Heffner aus dem Jahr 1936 dokumentiert eine Zwischenphase dieses Wandels (Abb. 3):

140 Jahre nach 1790 waren Weidfelder und Reutberge (s. Reutbergwirtschaft) an Ober- und Unterhängen noch vorhanden – heute sind diese Flächen überwiegend bewaldet. Die Mittelhänge trugen damals Laubwald, häufig als Niederwald bewirtschaftet, sowie Nadelwald. Um 1930 wurde die Niederwaldwirtschaft aufgegeben und der Hochwald setzte sich als Leitbild des Kulturwaldes durch.

Fichtenreiche Bestände entstanden vielfach durch natürliche Ansamung nach Aufgabe der Weidenutzung. So legten gelenkte und ungelenkte Prozesse die Grundlage für die heutigen Mischwälder.

Von 30 auf 70 Prozent Waldanteil

Der Waldanteil im Feldberggebiet stieg von rund 30 Prozent um 1790 auf etwa 70 Prozent heute (Abb. 4).

Aus lichten Weidewäldern wurden dichte Hochwälder. Viele Flächen der Almwirtschaft wurden aufgegeben, Wald stellte sich häufig natürlich ein. Es entstand eine vielfältige, historisch gewachsene Kulturlandschaft mit Mischwäldern aus Fichte, Tanne, Ahorn, Vogelbeere und Buche.

Die Offenhaltung der verbliebenen Freiflächen erfolgt heute meist mit Mitteln des Naturschutzes. Die subalpine Weidevegetation ist ebenso Teil dieser Kulturlandschaft wie die aufgebauten Kulturwälder.

Nutzung oder Stilllegung?

In den Naturschutzgebieten gelten die Vorgaben von Natura 2000. In der Praxis läuft dies häufig auf weitgehenden Nutzungsverzicht hinaus. Daraus ergeben sich Spannungsfelder:

Eine naturschutzorientierte, nachhaltige Forstwirtschaft zielt darauf ab, die entstandene Kulturlandschaft aktiv zu erhalten. Aus forstlicher Sicht sind dabei die Waldfunktionen zu berücksichtigen – insbesondere Klima-, Wasser- und Bodenschutz sowie Erholung.

Vor diesem Hintergrund bleiben waldbauliche Maßnahmen auch künftig notwendig.

Gebiet St. Peter/St. Märgen/Kandel um 1790

Vor rund 230 Jahren war der Hochschwarzwald bei St. Peter, St. Märgen und am Kandel keineswegs waldreich: Der Waldanteil lag bei nur etwa 28 Prozent (Abb. 5). Die verbreitete Annahme, der Hochschwarzwald sei im 18. Jahrhundert noch weitgehend bewaldet gewesen und erst im Hochmittelalter durch Klöster erschlossen worden, hält den Befunden nicht stand. Die Klöster entstanden bereits in einer genutzten Kulturlandschaft – danach wurde die Besiedlung weiter ausgedehnt und die Nutzung intensiviert.

Beispiel Bannwald Zweribach

Die Landschaftsveränderung lässt sich besonders gut am Gebiet des Bannwaldes Zweribach nachvollziehen (Abb. 5 und 6). Heute gilt der steile Einhang im Simonswälder Tal oft als Relikt eines lange unberührten Urwaldes. Einzelne Studien sehen dort eine stärkere Nutzung erst seit dem späten 16. Jahrhundert und beschreiben eine anschließende „Degradierung“ des Naturwaldes.

Die historische Entwicklung verlief jedoch anders: Der Zweribach wurde früh als Weide- und Brandrodungslandschaft genutzt (Reutbergwirtschaft). Entwaldung und landwirtschaftliche Nutzung drangen bis in die Steillagen vor. Die Karte von 1790 zeigt deutlich waldoffene Bereiche. Hauptnutzungsformen waren Weidewälder und regelmäßig abgebrannte Reutberge.

Zwischenstadien waren gemähte Wiesen mit natürlich angeflogenen Bäumen. Mit dem Rückzug der Landwirtschaft setzte Aufforstung und gelenkte Sukzession ein. Innerhalb von rund 150 Jahren entstand so die heutige Kulturwaldlandschaft des Zweribachs.

Wandel statt statischer Urwaldvorstellung

Trotz dieser Befunde werden hochgelegene Tannen-Buchen-Wälder häufig als Reste eines ungenutzten, nacheiszeitlichen Urwaldes interpretiert. Dabei waren viele dieser Flächen früher Wiesen oder Reutberge und wurden gezielt aufgeforstet oder entwickelten sich aus Sukzession.

Damit geraten schutzwürdige Formen von Kulturwäldern aus dem Blick – etwa Heidelbeerlandschaften als Erbe der Reutbergwirtschaft. In diese Flächen wandern Fichten natürlich ein und wachsen zu markanten Einzelbäumen heran (Abb. 8). Zwischen Heidelbeeren finden sich geschützte Arten wie Flügelginster, Arnika oder verschiedene Orchideen.

Eine dauerhaft „statische“ Vorstellung von Ökosystemen – etwa im Sinne eines strikt verstandenen Verschlechterungsverbots nach EU-Vorgaben – wird der historischen Dynamik dieser Landschaft nur eingeschränkt gerecht. Auch Schutzgebiete und Bannwälder unterliegen natürlichen und kulturhistorisch geprägten Entwicklungsprozessen.

Diese Veränderungen werden in Teilen des Naturschutzes – etwa auf Ebene von Behörden und Verbänden – bislang nicht ausreichend berücksichtigt. Die historische Wechselwirkung von Wald und Mensch tritt dabei häufig in den Hintergrund, und Kulturwälder werden als genutzte Ökosysteme zu gering bewertet.

Kulturwald als Funktionsraum

Seit 1790 sind die Wälder deutlich älter und strukturreicher geworden. Mit dem Rückgang der landwirtschaftlichen Nutzung vor rund 100 Jahren wurde der Wald durch waldbauliche Maßnahmen stabilisiert. Dennoch tragen die Bodenvegetation und viele Arten bis heute Spuren der früheren Reutbergzeit.

Im Vergleich zu früheren Epochen ist der Artenreichtum gestiegen. Zudem erfüllt der Kulturwald zentrale Funktionen: Er bindet CO₂ – auch durch die Nutzung von Holz im Bauwesen –, schützt Boden und Wasser und bietet Erholungsraum für Bevölkerung und Tourismus. Gerade im Südschwarzwald sind diese Leistungen von hoher gesellschaftlicher Bedeutung.

Eine nachhaltige, naturschutzorientierte Forstwirtschaft zielt darauf ab, diese gewachsene Kulturlandschaft zu erhalten und weiterzuentwickeln. Nutzung und Schutz stehen dabei nicht im Widerspruch, sondern ergänzen sich.

Autor des Originalartikels: Dr. Helmut Volk war Leiter der Abteilung Landespflege der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) in Freiburg. Zurzeit arbeitet er für die Arbeitskreise Flussauen und Auewälder sowie für den Arbeitskreis Kulturwälder.