Der Schwarzwald wurde bereits früh zur Kulturlandschaft umgestaltet. Auch die Wälder wurden spätestens seit etwa 1200 v. Chr. abgebrannt, gerodet oder in grasreiche Weidewälder umgewandelt. Archäologische Befunde, Pollenanalysen und geschichtswissenschaftliche Untersuchungen belegen den Wandel der Wälder unter dem Einfluss nutzender Menschen über Jahrtausende hinweg. Neue Ergebnisse werden für den Nordschwarzwald zwischen Pforzheim, Ettlingen, Baden-Baden, Calw und Neuenbürg vorgestellt.

Landschaft Schwarzwald in herkömmlicher Sicht

Der Schwarzwald galt in der forstlichen Überlieferung lange Zeit als eine in der Römerzeit (50 v. Chr. bis 400 n. Chr.) weitgehend ungenutzte Landschaft. Erst die Klöster hätten im 8. Jahrhundert Siedler in die vermeintlichen Urwälder gebracht; Raubbau und Zerstörung der Wälder hätten demnach erst spät eingesetzt. Häufig werden historische Parallelen zwischen der großflächigen Waldnutzung höherer Schwarzwaldlagen und der Gründung der Klöster gezogen. Daraus entsteht der Eindruck, dass größere Waldverluste erst im Hochmittelalter (ab etwa 900 n. Chr.) auftraten.

Diese Sichtweise wurde jüngst auch in der Ausstellung „Schwarzwald-Geschichten“ im Augustiner Museum Freiburg aufgegriffen (Schwendemann 2019).

Forstgeschichtliche Arbeiten als Grundlage

Auch zwei grundlegende Arbeiten aus dem Bereich der Forstgeschichte, die an der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt entstanden sind, folgen dieser Betrachtungsweise. Im Fokus stehen die Waldflächenentwicklung im südlichen Schwarzwald seit 1780 (Schmidt, U.-E. 1989) sowie im Nordschwarzwald seit 1851 (Bund, B. 1998). Beide Arbeiten schildern die Landschaftsentwicklung seit den frühen menschlichen Eingriffen in die Urwälder von der Zeitenwende bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Grundlage sind zahlreiche forstliche Veröffentlichungen des 19. und 20. Jahrhunderts sowie Urkunden und andere schriftliche Quellen. Der Beginn intensiver Eingriffe in die Wälder wird dabei überwiegend auf das 9. Jahrhundert datiert.

Neue Forschungsergebnisse und veränderte Perspektiven

Neuere Erkenntnisse aus Archäologie und Pollenanalyse sowie veränderte Interpretationen der Geschichtswissenschaft konnten in diesen Darstellungen der Landschaftsgeschichte vor 1780 noch nicht berücksichtigt werden. Heute erlauben neue Forschungsergebnisse jedoch eine differenziertere Sicht auf Landschaft und Wälder und auf deren jahrtausendealte Wellenbewegungen von Waldnutzung und Wiederbewaldung. Das Verhältnis von Wald und Mensch kann damit stärker als bislang als eine vom Menschen gestaltete Entwicklung verstanden werden. Wälder in Mitteleuropa haben demnach früh die Eigenschaften ursprünglicher, menschenfreier Naturwälder verloren.

Anfänge der Waldveränderung

Nahezu zeitgleich mit der Arbeit von Schmidt (1989) erschienen aufsehenerregende archäologische Ergebnisse aus Ausgrabungen im Rheinland und in Baden-Württemberg. Sie dokumentieren Hausbau, Siedlungsentwicklung und Landschaftsveränderungen bereits in der Jungsteinzeit vor rund 5 000 Jahren (vgl. Volk 2007, 2017a und b, 2019). In Südwestdeutschland sind frühe Siedlungen und die Landnutzung in ihrem Umfeld insbesondere im Bodenseegebiet und in Oberschwaben seit der Jungsteinzeit (4000–2000 v. Chr.) archäologisch gut erforscht. Diese Erkenntnisse wurden im Rahmen der großen Landesausstellung „Pfahlbauten“ im Jahr 2016 allgemeinverständlich zusammengefasst (Volk 2019).

Siedlungen und Waldnutzung am Rand des Nordschwarzwaldes

Neuere Funde aus Pforzheim, Neuenbürg, Ettlingen, Baden-Baden und Calw aus der Eisenzeit (800–50 v. Chr.) zeigen, dass die Ränder des Nordschwarzwaldes mit größeren Siedlungen besetzt waren. Von dort aus konnten Waldnutzungen bis in die Hochlagen des Nordschwarzwaldes ausstrahlen. Ausbreitungswege der Besiedlung vom Rand in das Schwarzwaldinnere bildeten vor allem Häuser entlang von Bächen und Flüssen.

Die Römerzeit knüpfte an die eisenzeitlich-keltischen Siedlungs- und Nutzungsstrukturen an und baute sie weiter aus. Der Waldanteil an der Landschaft nahm deutlich ab: Für das Rheintal mit der Vorbergzone des Schwarzwaldes wird er in der Römerzeit auf unter 50 % geschätzt (Nenninger 2005). Zur Versorgung der Randzentren mit Holz diente die Flößerei, die den Rohstoff aus den inneren Waldgebieten heranführte. Für die Eisen- und Römerzeit sind in den Hochlagen des Nordschwarzwaldes zudem ausgedehnte Weide- und Wiesenwaldlandschaften anzunehmen.

Pollenanalysen als Beleg früher Waldverluste

Bestätigt werden diese Annahmen durch Pollenanalysen aus den Karseen des Nordschwarzwaldes und anderer Schwarzwaldregionen. Demnach setzten in den Hochlagen des Nordschwarzwaldes bereits in der Keltenzeit Waldverluste ein. Pollenzeiger landwirtschaftlicher Nutzung nehmen zu, während die Anteile von Tanne und Buche nutzungsbedingt zurückgehen (Rösch 2011, 2015, 2016).

Im Frühmittelalter (400–750 n. Chr.) kehrte der Urwald trotz angeblicher Nutzungsaufgabe nicht zurück. Nutzungszeiger blieben in den Pollenprofilen erhalten, wenngleich lokale Unterschiede erkennbar sind. Insgesamt lässt sich festhalten, dass großflächige Waldnutzungen – auch im Zusammenhang mit dem Bergbau – bereits in der Kelten- und Römerzeit sowie im frühen Mittelalter flächig verbreitet im Nordschwarzwald stattfanden.

Klostergründungen ohne Erstbesiedlung

Als mit der Gründung des Kloster Hirsau im Jahr 769 n. Chr. das erste Kloster im Raum Hirsau/Calw entstand, handelte es sich daher nicht um eine Erstbesiedlung des Nordschwarzwaldes. Die Landschaft war nachweislich bereits seit nahezu 2 000 Jahren genutzt. Entsprechend verbindet die heutige Geschichtsschreibung die Klostergründung nicht mehr mit einem ersten Siedlungsschub, sondern mit kirchlichen und organisatorischen Zielen in der Region.

Damit entfallen zentrale Annahmen, die bislang einer stärkeren Berücksichtigung neuer archäologischer und naturwissenschaftlicher Erkenntnisse im forstlichen Wissen zur Landschaftsentwicklung entgegenstanden.

Waldzustand um 1700

Für das Mittelalter (800–1500 n. Chr.) mit der weiteren, sehr starken Waldabnahme und der zunehmenden landwirtschaftlichen Nutzung der Wälder liegen keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse vor. Hier kann weiterhin auf die forstgeschichtliche Forschung des 20. Jahrhunderts zurückgegriffen werden, wie sie in den Arbeiten von Schmidt (1989, S. 45–47) und Bund (1998, S. 8–10) dargestellt ist.

Neue Erkenntnisse ergeben sich jedoch für die Beurteilung der Landschaftszustände in der frühen Neuzeit (1500–1700). Sie betreffen zum einen die ausgeprägte Waldarmut um 1700 in der gesamten untersuchten Landschaft, zum anderen die Baumstruktur aller Flächen, die forstpolitisch als Wald galten. Dadurch lässt sich das Ausmaß der Waldveränderungen von 1700 bis heute deutlich klarer als bisher beschreiben.

Eine historische Karte als Schlüsselquelle

Im Rahmen der Forschungen zum Nordschwarzwald wurde eine historische Militärkarte der französischen Armee aus dem Jahr 1710 entdeckt, die den damaligen Waldanteil der Region dokumentiert (SHD, Paris, SHD 1 VD 19, Nr. 1). Zwar bildet diese Karte Landschaft und Wälder weniger exakt ab als heutige topographische Karten, sie übertrifft jedoch viele zeitgenössische Darstellungen an Genauigkeit und Anschaulichkeit (Abb. 2). Daher eignet sie sich als wertvolles Landschaftsdokument.

Die computergestützte Auswertung der Karte ergibt für den Nordschwarzwald einen Waldflächenanteil von rund 25 %. Dieser Wert stimmt gut mit Erhebungen aus dem Mittel- und Südschwarzwald überein, für die im Stichjahr 1780 ein Waldanteil von 31 % ermittelt wurde (Schmidt 1989, S. 112).

Struktur historischer Wälder

Der historische Wald unterschied sich grundlegend von heutigen Wäldern. In der Regel existierten keine geschlossenen, lückenlos mit Bäumen bestandenen Waldflächen. Sowohl im Mittelalter als auch um 1700 waren die Wälder sehr licht, mit einer geringen Zahl von Bäumen pro Flächeneinheit. Die landwirtschaftliche Nutzung dominierte: Wiesen, Äcker und Grasflächen dienten als Viehweiden unter einzeln stehenden Bäumen.

Dieser grundlegende Unterschied zu heutigen Waldstrukturen wird bei der Auswertung berücksichtigt. Um die tatsächliche historische Waldfläche zu bestimmen, ist eine Reduktion der in der Karte von 1700 forstpolitisch ausgewiesenen Waldfläche um etwa ein Drittel erforderlich. Daraus ergibt sich für den Nordschwarzwald ein realer Waldanteil von nur rund 18 % (Volk 2017b, 2019) (Abb. 2).

Konsequenzen für das Verständnis der Landschaftsgeschichte

Die Reduktion der Waldanteile basiert auf umfangreichen Recherchen. Sorgfältige Analysen zahlreicher Waldbeschreibungen und vieler Detailkarten des 17. und 18. Jahrhunderts aus allen Teilen des Schwarzwaldes bestätigen diesen Reduktionswert (Volk 2017a, 2019, 2020).

Damit ergeben sich neue Perspektiven auf das Thema Wald und Mensch im Nordschwarzwald bis zum Mittelalter: Die Klöster leiteten im 8. Jahrhundert n. Chr. keine Erstbesiedlung des Schwarzwaldes ein. Formen der Besiedlung reichen deutlich weiter zurück als bislang angenommen und waren bereits in der Eisenzeit von Bedeutung. Entsprechend kam es schon vor rund 2 800 Jahren zu großflächigen Waldveränderungen im Naturwald sowie zu erheblichen, vom Menschen entwaldeten Flächen.

Neuer Kulturwald durch Waldbau und Aufforstung

Die enorme Waldzunahme von 1700 bis heute wurde maßgeblich von der Bevölkerung des Nordschwarzwaldes getragen. Umfangreiche waldbauliche Maßnahmen und großflächige Aufforstungen prägten insbesondere im 19. und 20. Jahrhundert die Entwicklung – nicht nur hier, sondern in ganz Mitteleuropa. In der Folge stieg der Waldanteil im Nordschwarzwald innerhalb von rund 320 Jahren deutlich von etwa 18 auf 38 %. Die großen Lücken der waldarmen Landschaft um 1700 wurden durch Saat und Pflanzung geschlossen.

Die neu entstandenen Wälder auf ehemals landwirtschaftlich genutzten Flächen sind dabei keineswegs ausschließlich Fichtenmonokulturen, wie häufig angenommen wird. Ein erheblicher Teil der Schwarzwälder Wälder ist als Mischwald ausgeprägt. Selbst dort, wo anfangs Monokulturen begründet wurden, haben waldbauliche Eingriffe und naturnahe Pflege im Laufe der Zeit vielfach zu strukturreichen, älteren Mischwäldern geführt.

Vom übernutzten Raum zum wertvollen Wald-Naturerbe

An die Stelle der waldarmen und stark übernutzten Landschaft um 1700 trat im Laufe der Zeit ein vielfältiges und wertvolles Wald-Naturerbe. Heute stehen diese Wälder insbesondere als Klimaschützer im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung.

Klimafunktion genutzter Kulturwälder

Aus dieser Entwicklung ergeben sich große Chancen für die genutzten Wälder. Deutlich wird, welchen Beitrag das Forstwesen langfristig zum nachhaltigen Klimaschutz geleistet hat. Landschaftsforschung ermöglicht es, die Leistungen genutzter Wälder mit denen ungenutzter Naturwälder zu vergleichen. Dabei zeigen sich genutzte Kulturwälder in ihrer Klimafunktion vielfach als überlegen. Verluste an Waldsubstanz durch Sturmereignisse oder Trockenheit, die die CO₂-Bindung beeinträchtigen, können in bewirtschafteten Wäldern deutlich schneller und umfassender ausgeglichen werden. Diese Wälder werden kontinuierlich beobachtet, und es stehen Instrumente bereit, um klimabedingte Schäden zeitnah zu beheben. Wildniswälder hingegen unterliegen weitgehend unreguliert natürlichen Dynamiken, sodass eine konsequente Sicherung ihrer Klimafunktion nicht erwartet werden kann.

Funktionen moderner Wälder und offene Bewertungsfragen

Mit der heutigen Vielfalt der Waldfunktionen für die Allgemeinheit tut sich auch eine grundsätzlich waldfreundliche Geschichtsschreibung noch schwer. Ein zentraler Beitrag zum Landschaftswandel im Schwarzwald, der für die Ausstellung „Schwarzwald-Geschichten“ in Freiburg verfasst wurde, geht kaum auf die sozialen Funktionen der großen Waldflächen ein. Dazu zählen insbesondere Leistungen für den Klimaschutz, die Bereitstellung sauberen Wassers sowie Erholungsfunktionen. Stattdessen wird der Übergang von der übernutzten Landschaft zum staatlich kontrollierten Wirtschaftswald in der Zeit nach Napoleon stark gewichtet (Schwendemann 2019, S. 36–42).

Von den möglichen Restriktionen des 19. Jahrhunderts sind die Wälder heute weitgehend befreit. Neben Klima- und Wasserschutz spielen auch die Erholung der Bevölkerung sowie der Tourismus im öffentlichen Wald eine zentrale Rolle.

Kulturwald als Ergebnis jahrtausendelanger Entwicklung

Die Landschaftsforschung zielt darauf ab, die positiven Ergebnisse der jahrtausendealten Waldkultur sichtbar zu machen. Bereits vor rund 3 000 Jahren begann der Schwarzwald auf großen Flächen seinen Urwaldcharakter zu verlieren und sich als Kulturwald zu etablieren. Das Verhältnis zwischen Wald und Mensch war dabei nicht ausschließlich von Zerstörung geprägt, sondern ebenso von dem Bestreben, dauerhaft von dem zu leben, was der Wald durch Pflege hervorbringt.

Der Kulturwald wird in Teilen des Forstwesens und des Naturschutzes bis heute pauschal kritisch bewertet. Untersuchungen zum Landschaftswandel über Jahrtausende hinweg können jedoch dazu beitragen, dem Kulturwald eine stärkere Anerkennung in Fachwelt und Gesellschaft zu verschaffen. 

Fazit

Der Schwarzwald ist das Ergebnis einer jahrtausendelangen Wechselwirkung zwischen Mensch und Wald. Archäologische, naturwissenschaftliche und historische Befunde zeigen, dass Nutzung, Waldverlust und Wiederbewaldung keine Phänomene der Neuzeit sind, sondern die Landschaft seit der Jungsteinzeit prägen. Der heutige Wald ist damit kein Relikt einer unberührten Natur, sondern ein gewachsenes Kulturerbe, das durch Waldbau, Pflege und gesellschaftliche Anforderungen geformt wurde und zentrale Leistungen für Klima, Wasserhaushalt und Erholung erbringt.

Autor des Originalartikels: Dr. Helmut Volk war Leiter der Abteilung Landespflege der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) in Freiburg. Zurzeit arbeitet er für die Arbeitskreise Flussauen und Auewälder sowie für den Arbeitskreis Kulturwälder.