Ein vorgezogener Herbst mitten im Hochsommer 2026: In Wäldern der Schweiz und angrenzender Länder zeigten schon im Juni und Juli zahlreiche Laubbäume braune, gelbe oder vorzeitig abfallende Blätter. Betroffen sind Buchen, Linden, Kirschen, Birken und Hainbuchen ebenso wie Eichen, an besonders exponierten Standorten praktisch alle Laubbaumarten, auch Spitzahorn, Bergahorn, Feldahorn und Mehlbeere. Handelt es sich um eine Schutzreaktion, mit der die Bäume den Wasserverlust durch Verdunstung begrenzen? Oder sind die abfallenden Blätter ein Symptom bereits eingetretener, irreversibler Schäden durch die Trockenheit und Hitze? Die Antwort hängt entscheidend von der Baumart ab, und die Unterschiede haben weitreichende Folgen für die Zukunft der betroffenen Bäume. 

Zwei Prozesse, zwei Bedeutungen

Frühzeitigen Blattfall kennen wir aus früheren Jahren, aber spätestens seit 2018/19 und 2022/23, als grossflächig Kronenverfärbungen und Blattfall im August zu beobachten waren. Im Jahr 2026 sehen wir ähnliche Bilder, regional allerdings bereits seit Ende Juni; im Jura weisen an flachgründigen Standorten eine Vielzahl der Bäume ein hohes bis sehr hohes Wasserdefizit und damit einhergehende Blattverfärbungen auf. Äusserlich können die Symptome der Verfärbung ähnlich aussehen, physiologisch müssen wir jedoch zwei unterschiedliche Prozesse unterscheiden: vorzeitige Seneszenz (vorzeitige Blattalterung, als aktiver Prozess des Baumes zur Nährstoffrückgewinnung) und Blattschäden durch Hitze und Trockenheit (Blattverbrennung, leaf scorching). Sie auseinanderzuhalten ist eine Voraussetzung dafür, die Ursachen und Konsequenzen des frühzeitigen Laubfalls richtig einzuordnen (Bergström et al. 2026). 

Die vorzeitige stressinduzierte Seneszenz ist ein aktiver, regulierter Vorgang. Über hormonelle Signale (Ethylen, Abscisinsäure) erkennt der Baum, dass die Wasserreserven im Boden erschöpft sind, und leitet gezielt den Abbau des Blattgewebes ein. Er verlagert Stickstoff, Phosphor und andere wertvolle Nährstoffe zurück in den Stamm; das Blatt vergilbt, am Blattstiel bildet sich eine Abszissionszone (Trennlinie), und das Blatt fällt kontrolliert ab. Was zurückverlagert wird, steht im nächsten Frühjahr für den Neuaustrieb bereit. Anders als bei der herbstlichen Blattalterung, bei der die Rückholung von Stickstoff, Phosphor und Kalium nahezu vollständig gelingt, bleibt sie unter Stress je nach Intensität und zeitlichem Verlauf der Trockenheit unvollständig. Wiederholen sich solche stressinduzierten Ereignisse, zehren sie über Jahre hinweg an den internen Nährstoffreserven des Baumes (Bergström et al. 2026). 

Hitzeschäden und Trockenstress-Verfärbungen (leaf scorching) sind dagegen ein passi­ver, unkontrollierter Zusammen­bruch. Extreme Hitze und Wasser­mangel führen zu raschem Zelltod. Das Blatt vertrocknet meist von den Rändern und Spitzen nach innen, bei stärker exponierter Blatt­mitte auch von innen nach aussen; eine geordnete Nähr­stoff­rückholung findet kaum statt. Das Blatt stirbt ab, bevor der Baum es kontrolliert aufgeben kann. 

Abb. 3. a) Eichenblatt, das von der Blattspitze her vertrocknet. b) Spitzahorn mit einem anderen Absterbemuster von den Leitbahnen und der Spitze des Blattes ausgehend. c) Buchenblätter, die von der Spitze her vertrocknen oder auch von der Blattmitte, den am stärksten exponierten Blattflächen am 5.07.2026. Fotos: Frank Krumm (WSL)

Und wir sehen neben verfärbten auch grüne, welke Blätter ohne jede Verbraunung. Dies deutet dann auf eine sehr schnelle Vertrocknung der Blätter hin, bevor noch biochemische Ab- und Umbauprozesse einsetzen können (Abb. 4).

Abb 4. Die beiden Fotos stammen aus demselben Bestand von einem nordwestlich exponierten Hang bei Laupersdorf im Kanton Solothurn. Die Blätter in diesem jungen Buchenbestand sind grün abgefallen. Die grüne Blattfarbe deutet darauf hin, dass der normale sichtbare Seneszenzprozess kaum eingesetzt hatte und dass die Bäume Nährstoffe nicht oder vermindert zurückziehen konnten. Der Prozess hat hier im Unterstand begonnen und ist dann Richtung Krone fortgeschritten, gegensätzlich zu den Prozessen in Abbildung 2 auf der südwestexponierten Seite des Tals. Das Bild oben zeigt noch wenige verbliebene grüne Blätter im oberen Kronenbereich. Fotos: Frank Krumm (WSL)

Im Bestand treten die verschiedenen Prozesse häufig kombiniert auf, am selben Baum und mitunter am selben Ast. Entscheidend ist deshalb das gesamte Erscheinungsbild und nicht ein einzelnes Merkmal.

Orientierungshilfe im Feld

Eher vorzeitige Seneszenz: relativ gleichmässige Vergilbung, Blattgewebe zunächst noch intakt, kontrollierte Ablösung an der Basis des Blattstiels. 

  • ein aktiver Prozess, der eine teilweise Rückgewinnung von Nährstoffen ermöglicht.

Eher leaf scorching: braune, trockene Blattspitzen oder Blattränder, scharf begrenzte Nekrosen neben noch grünem Gewebe, unregelmässiges oder rasches Absterben.

  • ein passiver Prozess und eine Kombination aus Hitze, atmosphärischer Trockenheit (hohem Wasserdampfdruckdefizit, VPD), intensiver Sonneneinstrahlung und Mangel an Bodenwasser, was insgesamt zu überhöhten Blatttemperaturen und einem Zusammenbruch des Wasserkreislaufs führt. Ein Grossteil der Nährstoffe geht hier verloren.

Zeitfenster beachten

An einem vollständig braunen oder bereits abgefallenen Blatt lässt sich der zugrunde liegende Prozess oft nicht mehr sicher bestimmen, weil die Abbauprozesse rasch einsetzen. Wer unterscheiden will, muss das Blatt beurteilen, solange es noch teilweise grün ist.

Das Sicherheitsventil im Blattstiel

Warum manche Bäume den frühzeitigen Laubfall gut überstehen und andere nicht, hängt von ihrem Wasserleitsystem ab. Der Baum transportiert Wasser durch feine Leitbahnen von den Wurzeln in die Blätter, bei Laubbäumen durch Gefässe, bei Nadelbäumen durch Tracheiden. Den Strom treibt die Verdunstung an: Sie zieht das Wasser nach oben wie durch einen Strohhalm. Werden die Zugkräfte zu gross, weil der Boden austrocknet oder die Luft zu heiss und trocken ist, entstehen in den Leitbahnen Luftblasen (Embolien), die den Wasserstrom unterbrechen. Diesen Vorgang nennt man Kavitation.

Entscheidend für die Schadensbewertung ist, in welchem Teil des Baumes eine Embolie zuerst entsteht. Die Hypothese der hydraulischen Segmentierung besagt: Bei gut an Trockenheit angepassten Arten kavitieren die «billigen», leicht ersetzbaren Organe, also Blätter und Blattstiele, deutlich früher als die teuren Strukturen Ast und Stamm (Tyree und Ewers 1991). Der Blattstiel wirkt dann wie eine Sicherung: Das Blatt wird geopfert, bevor der Stamm Schaden nimmt. Ein Blatt zu verlieren, kostet energetisch gesehen wenig; ein Ast oder Stamm mit dauerhaft verstopften Leitbahnen ist eine schwere Hypothek.

Alle drei beschriebenen Prozesse, vorzeitige Seneszenz, Scorching oder grün vertrocknete Blätter, hängen vor allem vom zeitlichen Verlauf und der Intensität der Trockenheit und der Hitze ab. Vertrocknungssymptome an den Blättern sprechen also nicht gegen ein funktionierendes Sicherheitsventil.

Ob eine Baumart über die Strategie der hydraulischen Segmentierung verfügt, zeigt der Vergleich der Vulnerabilitätskurven und kritischen Wasserpotenziale verschiedener Organe. Der P50-Wert gibt an, bei welchem Wasserpotenzial 50 % der Leitungsbahnen ausfallen. Ein überschrittener P50 bedeutet nicht, dass das Organ abstirbt; er markiert den erheblichen Verlust der hydraulischen Leitfähigkeit. Erst wenn nahezu 90% (P88) der Leitbahnen betroffen sind, gilt der Wassertransport als endgültig unterbrochen. Entscheidend für die Strategie ist die Rangfolge der Kavitationsempfindlichkeit verschiedener Organe: Werden P50 und P88 im Blattstiel bei weniger negativem Wasserpotenzial erreicht als im übrigen Baum, ist das Sicherheitsventil vorhanden. Liegen die Werte im gleichen Bereich, besteht diese Schutzfunktion nicht. Wenn hier die Blätter Schadenssymptome zeigen, muss davon ausgegangen werden, dass auch weitere Teile des hydraulischen Systems in Ästen und am Stamm kavitiert sind. Ausgeprägt ist die Segmentierung vor allem bei Arten aus trockenen Regionen; bei Arten aus humiden Wäldern ist sie oft schwach oder fehlt ganz (Zhu et al. 2016).

Artenunterschiede bei den Laubbäumen

Ein direkter Test der Segmentierung an Blättern, Ästen, Stämmen und Wurzeln von vier Laub- und vier Nadelbaumarten bestätigte das Grundmuster: Blätter und Wurzeln sind generell anfälliger für Embolie als Äste und Stämme (Johnson et al. 2016). Ob eine einzelne Art über ein hydraulisches Sicherheitsventil verfügt, beantwortet dieser Befund allerdings nicht. Das lässt sich nur artweise klären, und für die mitteleuropäischen Baumarten ist der Kenntnisstand sehr unterschiedlich:

BaumartHydraulische SegmentierungBedeutung des LaubfallsLangzeit-Prognose
Rotbuche
(Fagus sylvatica)
Nein – Blattstiel und Stamm kavitieren bei ähnlichem Potenzial (~−2,3 vs. −2,7 MPa)Schadenssymptom: Stamm und Äste sind bereits mitbetroffenErhöhte Mortalität über 3+ Jahre, Rinden­brüter, Schleimfluss
Bergahorn
(Acer pseudoplatanus)
An Sämlingen ausgeprägt (Blattstiel ~−1,1 MPa, Stamm ~−2,5 MPa); an Altbäumen nicht geprüftWahrscheinlich schützend; Vertrocknungs­symptome schliessen das nicht ausErholung nach sommerlicher Entlaubung nicht untersucht
Stiel-/Traubeneiche
(Quercus robur/petraea)
Wahrscheinlich ja – Stamm kavitationsresistent (−4,6 bis −4,7 MPa) (Lobo et al. 2018)Weitgehend schützend bei moderatem StressRingporige Anatomie erneuert Früh­holz­gefässe jährlich; effizienter Wasser­transport im Folge­jahr möglich. Je nach Stand­ort aber auch Mortalität im Folge­jahr möglich (Vitasse et al. 2023)
Hängebirke
(Betula pendula)
Unklar/umgekehrt – Mittelrippe resistenter als ÄsteUneindeutig, eher Stress­symptomVorzeitiger Laubfall ist ein Warn­signal
Esche
(Fraxinus excelsior)
Wahrscheinlich ja – gestufte Sicherung: Stamm > Blattstiel > FiederFiedern opfern sich zuerstDurch Eschen­trieb­sterben vorgeschwächt; Trocken­heit ist Zusatz­stress
Hainbuche
(Carpinus betulus)
UnbekanntUnklarGilt als trockenstress­toleranter als Buche; exakte Daten fehlen
Tab. 1. Hydraulische Segmentierung, Bedeutung des frühzeitigen Laubfalls und Langzeit-Prognose für sechs mitteleuropäische Laubbaumarten. Direkt gemessene P50-Werte (gerundet) liegen nur für Buche und Bergahorn vor (Sämlinge, Losso et al. 2019); die übrigen Einträge sind Einschätzungen von unterschiedlicher Sicherheit.

Frühzeitige Verfärbungs­symptome und Blatt­fall zeigen nicht, ob eine Baum­art ein hydrau­li­sches Sicher­heits­ventil besitzt und ob der Blattfall Schutz oder Schädigung bedeutet, denn die Symptome sind die gleichen. Erst in den Folgejahren zeigt sich der Unterschied: fehlen­de Schäden trotz Blatt­symptomen im Vorjahr deuten dann auf die Wirksamkeit des Schutz­mechanismus hin. Für eine grundlegende Einschätzung der wichtigen einheimischen Baum­arten fehlt bislang die Bestimmung ihrer Kavitations­empfindlich­keit an Blättern, Ästen und Stämmen. Eine wesentliche Aufgabe besteht darin, langfristige Folgen solcher Effekte für unter­schiedliche Baumarten zu kennen. Dafür ist langfristiges Monitoring unabdingbar.

Die Buche: ein evolutionärer Kompromiss

Die Rotbuche ist ein besonders kritischer Fall. Das Fehlen eines Sicherheits­ventils bei dieser Art ist kein Zufall. Es ist die Kehrseite ihrer zentralen Überlebensstrategie: die ausgeprägte Beschattung der Konkurrenten durch ein vollständiges, geschlossenes Kronendach. Wer Konkurrenten mit Schatten verdrängt, kann es sich nicht leisten, vorzeitig Blätter ab­zu­wer­fen. Im Laufe der Evolution hat die Buche das hydraulische Schutzventil zugunsten ihrer Wettbewerbsstrategie aufgegeben (Losso et al. 2019).

Das heisst: Wirft eine Buche im Juli Blätter ab, ist das keine Schutzreaktion. Ein vorzeitiger Laubfall ist somit ein ernstes Stress- und Warnsignal und mit einem erhöhten Risiko lang­fristiger Kronen­schäden und Mortalität verbunden. Das Wasser­potenzial im Stamm war zu diesem Zeitpunkt bereits ähnlich niedrig wie im Blattstiel: Die Embolie hat den Stamm bereits erfasst.

Wo diese Schwelle liegt, ist für die Buche gut beschrieben: Vor Sonnen­aufgang gemessene Blatt­wasser­potenziale zwischen −2,1 und −2,8 MPa markieren den Beginn von Kronen­schäden; unterhalb von −2,8 MPa erlischt die Transpiration und die Kronen­verlichtung übersteigt 20 % (Walthert et al. 2021). Messungen an stark geschädigten Buchen im Juli 2026 bestätigen das aus dem Sommer 2018 bekannte Muster.

Wie folgenschwer das ist, zeigen Lang­zeit­daten aus der Nordschweiz: Dort standen nach dem Extrem­sommer 2018 drei Jahre lang 963 ausgewachsene Buchen unter Beobachtung.

Buchen in der Nordschweiz – drei Jahre nach dem Dürresommer 2018

  • Mit frühzeitigem Laubfall 2018: 7,2 % abgestorben bis 2021 – ohne frühzeitigen Laubfall nur 1,3 %.
  • Kronenverlichtung bei betroffenen Bäumen: im Mittel 29 % bis 2020.
  • 24,6 % zeigten 2019 Schleimfluss (blutende Rindenwunden).
  • 22,8 % wiesen 2021 Borkenkäferbefall auf – drei Jahre nach dem Trockenjahr.

Quelle: Frei et al. 2022

Warum die Schäden über Jahre nachwirken

Vier sich verstärkende Mechanismen erklären, warum die Schäden über Jahre nachwirken:

  • Kohlenstoffdefizit: Ein Laubverlust im Juli verkürzt die Photosynthesesaison um 8 bis 12 Wochen und beeinflusst die Triebbildung für das kommende Jahr negativ. Der Baum geht mit reduzierten Kohlenhydratreserven in den Herbst. Genau diese Reserven braucht er im Frühjahr für den Neuaustrieb und die Bildung neuer Feinwurzeln.
  • Nährstoffverlust: Bei Hitzeschäden bleiben Stickstoff und Phosphor im abgeworfenen Blatt zurück. Über die Streu gelangen sie zwar in den Boden und werden nach der Zersetzung teilweise wieder aufgenommen. Dieser Weg ist allerdings langsam und verlustbehaftet. Da beide Nährstoffe die Blattentwicklung begrenzen, schwächt wiederholter Verlust die Kronenaufbaukapazität über mehrere Jahre hinweg (Bergström et al. 2026).
  • Dauerhaft reduzierte Leitfähigkeit: Kavitierte Xylemgefässe gewinnen ihre Funktion in der Saison nach der Trockenheit nicht zurück. Der Baum gleicht die anhaltende Störung durch eine verringerte Blattfläche aus. Genau das zeigt sich im Folgejahr als Kronenverlichtung (Hunziker et al. 2025; Arend et al. 2022). Ins nächste Trockenjahr startet er damit mit einem geschwächten Leitsystem, einer geringeren Blattoberfläche und daher auch geringerem Photosynthesepotenzial und einem schmaleren Sicherheitspuffer, einem zentralen Treiber der Trockensterblichkeit (Torres-Ruiz et al. 2024).
  • Sekundärschädlinge: Geschwächte Bäume bilden keine ausreichenden Harzbarrieren und keinen Wundkallus mehr. Rindenbrüter wie Pracht- und Borkenkäfer sowie Pilze nutzen das Zeitfenster, oft erst ein bis drei Jahre nach dem Ereignis (Frei et al. 2022).

Diese Mechanismen wirken – allein und in Kombination – weit über ein einzelnes Ereignis hinaus. Die Extremjahre 2003, 2015, 2018/2019, 2022 und 2026 wirken kumulativ: Auf kritischen Standorten sind vielfach dieselben Bäume erneut betroffen, und die Kombination beschleunigt Prozesse wie das über Jahre hinweg gestreckte Absterben von Buchen. Wie stark sich diese Wirkung aufsummiert, ist jedoch nicht quantifiziert.

Nadelbäume: braune Nadeln als spätes Signal

Nadelbäume reagieren grundlegend anders, was die Schadensbewertung verändert. Ihre primäre Schutzlinie besteht nicht im Opfern von Blättern, sondern häufig in der drastischen Reduktion der Transpiration. Echte Abszissions­zonen an einzelnen Nadeln besitzen sie nicht.

Entscheidend ist deshalb der Nadel­jahrgang. Vergilben und fallen ältere Jahr­gänge, kann das eine Schutz­reaktion sein. Sind die aktuellen Jahrgänge verbraunt, ist die Schädigung bereits eingetreten. Zudem hinkt das sichtbare Symptom dem Schaden hinterher: Die auslösende Belastung kann Wochen oder Monate zurückliegen. Wie rasch der kritische Zustand erreicht wird, hängt vor allem von der durch­wurzel­baren Boden­tiefe und der für Pflanzen nutzbaren Wasser­speicherung ab; auch Vor­schädigungen aus dem Vorjahr spielen mit. Bei extremer Trocken­heit können z.B. Fichten auch innerhalb eines einzigen Sommers hydraulisch kollabieren und absterben, ohne zuvor von Schad­organismen befallen gewesen zu sein (Arend et al. 2021).

Zwischen den wichtigsten Arten bestehen grosse Unter­schiede. Die Fichte(Picea abies) ist am verletzlichsten: Ihr flaches Wurzel­system erschliesst nur den Oberboden, und sie hält ihre Spalt­öffnungen länger offen als andere Nadel­bäume. Nadelrötung und Verbraunung der Krone sind bei ihr häufig Begleit­symptome eines aktiven Borken­käfer­befalls (Ips typographus): Die Harz­abwehr setzt Turgor und Kohlen­hydrat­reserven voraus, die nach Trocken­stress fehlen. Der «point of no return» kommt früh. Dass Kronen­schäden bei der Fichte oft von oben beginnen, hat einen hydraulischen Grund: Die jungen Triebe der Kronen­spitze sind inhärent verletzlicher (P50 −1,5 MPa) als das ältere Stamm­holz an der Basis (−4,0 MPa) (Zambonini et al. 2024).

Die Waldföhre(Pinus sylvestris) ist deutlich robuster: Sie schliesst ihre Spalt­öffnungen früh und konservativ, erschliesst mit der Pfahl­wurzel tiefe Boden­schichten und hält ihre Nadeln über mehrere Jahre. Vergilben ältere Nadel­jahr­gänge im Spät­sommer, ist das eine Stress­reaktion, aber noch kein Zeichen dauerhafter Schädigung. Kritisch wird es erst, wenn auch die diesjährigen Nadeln betroffen sind.

Was heisst das für die Forstpraxis?

Frühzeitiger Laubfall oder Blattverfärbung bei Buchen im Juni und Juli ist ein ernstzunehmendes Warnsignal: keine Schutzreaktion, sondern ein Schadenssymptom (Frei et al. 2022; Losso et al. 2019). Solche Bäume lohnt es sich zu markieren und über mindestens drei, besser mehr Folgejahre zu beobachten, auch um zu sehen, ob und wie sie sich erholen. Tritt die Schädigung auf grossen Flächen auf, stösst dieses Vorgehen an Kapazitätsgrenzen. Hier sollte man sich die Tatsache zunutze machen, dass sich das Absterben über mehrere Jahre hinzieht: Das schafft Zeit, eine standortgerechte Verjüngung zu fördern und den Holzmarkt nicht zusätzlich zu belasten.

Ein möglicher Erholungsprozess unterscheidet sich stark nach Baumart:

  • Buche: erhöhtes Sterberisiko über drei Jahre; Schadensmonitoring in den Folgejahren.
  • Eiche: vergleichsweise resilient, da Sollbruchstellen die Ausbreitung von Schäden begrenzen und junge ringporige Frühholzgefässe eine effiziente Erneuerung des Wassertransportwegs ermöglichen. Traubeneiche und Flaumeiche ertragen trockene Standorte besser, letztere wird in Trockenjahren aber stark von Sekundärschädlingen befallen (Sallé 2014).
  • Ahorn: günstigere Prognose, wenn der Laubfall früh im Stressverlauf einsetzt; wie gut sich Ahorne nach einer sommerlichen Entlaubung erholen, ist bisher allerdings nicht untersucht (Losso et al. 2019).
  • Linde: erholt sich von frühzeitigem Laubfall erkennbar besser.
  • Fichte: braune Krone als dringliches Handlungssignal, Borkenkäferkontrolle sofort. Die Dringlichkeit steigt mit dem Fichtenanteil und der Nähe zum nächsten Fichtenbestand.

Entscheidungen, welche Baumarten wo gefördert werden sollen: Buchendominierte Bestände auf Standorten mit geringer Wasserhaltekapazität, also auf flachgründigen Böden, exponierten Hängen und sandigen Substraten, verlangen langfristig eine neue Bewertung. Mit der Häufung von Extremsommern wird der evolutionäre Kompromiss der Buche zur wiederkehrenden Belastung (Frei et al. 2022).

Offen bleibt, wo und in welcher Intensität Durchforstungen die Wasserverfügbarkeit im verbleibenden Bestand verbessern. In Buchenbeständen ist eine solche Massnahme möglicherweise ein schmaler Grat (Gessler et al. 2026): Die Schattentoleranz ist ein zentraler Teil der Strategie der Buche; wenn direkt nach einer Durchforstung günstige Wachstumsbedingungen herrschen, werden die verbleibenden Buchen ihre Ressourcen in einen schnellen Kronenschluss investieren, bevor sie neue Wurzeln ausbilden. Dies macht sie umso anfälliger für die nächste Trockenperiode.

Fazit

Die braunen Blätter und Nadeln des Sommers 2026 erzählen keine einheitliche Geschichte, aber eine wichtige. Für die Buche, die prägende Baumart Mittel­europas, ist das Bild eindeutig: Ihr Laubfall im Hoch­sommer ist kein Sicher­heits­ventil, sondern ein Stress­symptom. Andere Arten wie Linde oder Eiche können sich besser schützen, beim Berg­ahorn ist das Bild offen. Auch die Toleranz der Arten, die ein hydraulisches Sicher­heits­ventil besitzen, hat Grenzen: An den trockensten Extrem­stand­orten geraten inzwischen selbst sie unter Stress. Bei den Nadel­bäumen schliesslich gilt: Was man sieht, kommt spät. Zu spät für einen präventiven Eingriff am einzelnen Baum, aber nicht zu spät, um die Baum­arten­wahl standortweise zu überprüfen. Das Wissen um diese art­spezifischen Unter­schiede ist kein akademisches Detail, sondern eine der wichtigsten Grund­lagen forstlicher Entscheidungen der kommenden Jahrzehnte (Hunziker et al. 2025; Torres-Ruiz et al. 2024).

Literatur

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