Als Folge des Klimawandels ändern sich die ökologischen Rahmenbedingungen für den Wald. Seit 2018 ist es durch abiotische (Windwurf, Trockenheit, Waldbrand) und biotische (Massenvermehrungen von Fichtenborkenkäfern) Störungen (12) zum großflächigen Absterben von ca. 135.000 ha Fichtenbestände in Nordrhein-Westfalen gekommen. Waldbesitzende stehen vor der großen Herausforderung, Wiederbewaldungsmaßnahmen so zu lenken, dass der neu entstehende Wald auch im Klimawandel optimal bestehen kann (7, 21). Dabei sind „Fingerzeiger“ wie das vorhandene Naturverjüngungspotential oder auch solche natürlichen Entwicklungen auf den Kalamitätsflächen zielgerichtet auszunutzen, die die Naturverjüngung von Baumarten fördern können. Zu diesen natürlichen Entwicklungen gehört auch die erste Besiedlung der Schadflächen mit krautigen Pflanzen, die den Waldlichtungsfluren zuzuordnen sind. 

Beschreibung

Die Fingerhüte (Digitalis) sind eine Pflanzengattung aus der Familie der Wegerichgewächse (Plantaginaceae). Der Rote Fingerhut ist eine zweijährige Staude, bildet im ersten Jahr eine Blattrosette, im Folgejahr einen bis zu 150 cm großen Spross, der im oberen Bereich mit purpurrot-violetten, etwas seltener auch weißen fingerhutähnlich geformten Blüten besetzt ist. Er ist eine Langtagpflanze (14), d.h. die Blütenbildung beginnt bzw. wird erst beschleunigt, wenn die Beleuchtungsdauer eine gewisse Tageslänge übersteigt. Die Blütentrauben sind positiv phototrop. Die Lebensdauer der Blüten beträgt ca. sechs Tage. Die Früchte sind Kapseln mit vielen kleinen, gerippten Samen (Ballonflieger). Die Verbreitung der Samen erfolgt durch Tiere und Wind. Fruchtreife ist im August. Die Samen sind Lichtkeimer und können Jahrzehnte im Boden überdauern, keimen aber sofort, wenn Licht auf den Boden trifft.

Pflanzensoziologische Einordnung

Der Rote Fingerhut ist Teil der natürlichen Sukzession. Auf entwaldeten Flächen stellt sich spontan eine temporäre Vegetation ein. Die Gesellschaften der Kahlschläge sind sehr dynamisch und voneinander nicht immer gut zu trennen, da sie aufeinanderfolgende Stadien eines Wiederbewaldungsprozesses (Sekundärsukzession) darstellen. 

Zugeordnet wird der Rote Fingerhut den „Waldnahen Staudenfluren und Gebüschen“ (2). Digitalis purpurea wird der Klasse der „Waldlichtungsfluren“ (Epilobietea), der Ordnung „Atropetalia (= Epilobietalia angusdtifolii)“ und dem Verband „Epilobium angustifolii“ zugeordnet. Dieser umfasst junge Schlagfluren (etwa 1–4 Jahre nach dem Schlag) auf kalkfreiem Untergrund. In Mitteleuropa ist der Rote Fingerhut eine Charakterart des Epilobio-Digitalietum purpureae aus dem Verband der Weidenröschen-Waldlichtungsfluren (Epilobion angustifolii) (5).

Standortsansprüche

Der Rote Fingerhut zählt zur ökologischen Artengruppe mit Schwergewicht auf Standorten mit stärkerer Nitrifikation und hier zur Geranium robertianum-Gruppe, der „schwächer nitrophilen Arten“ (4). Im Untersuchungsgebiet besiedelt der Rote Fingerhut besonders kalkarme und ausreichend mit Stickstoff versorgte Böden, die zudem eine mittlere Feuchte aufweisen. Der Boden darf nicht über 1 % Kalk enthalten (Kalkflüchter) (20), muss aber kalireich und manganhaltig sein. Der Rote Fingerhut ist eine „Halblichtpflanze“ (meist im vollen Licht, braucht aber wenigstens 30 % relativer Beleuchtung), ein „Mäßigwärmezeiger“ und eine „ozeanische Art“. Beschrieben wird er als „Frischezeiger“ (bevorzugt mittelfeuchte Standorte, fehlt sowohl an nassen als auch an ganz trockenen Standorten), „Säurezeiger“ (kommt bevorzugt an sauren Standorten vor, nur ausnahmsweise auch auf Böden mit neutralem pH-Wert) und als „Mäßignährstoff- bis Nährstoffreichtumzeiger“ (an mäßig N-reichen Standorten häufiger als an N-reichen, selten an N-armen Standorten) (2, 3).

Bodenschutz

Als Pionierpflanze besiedelt der Rote Fingerhut die Kalamitätsflächen und schützt somit mit seinen Blättern und Wurzelwerk (bildet eine Pfahlwurzel aus) den Boden vor Austrocknung (Witterungsextreme); in Hanglagen beugt er der Erosion vor (1). Er bindet freigesetzte Nährstoffe, die durch die Mineralisierung der Humusschicht freigesetzt werden und fördert somit als typische Pionierpflanze die Bodenentwicklung und bereitet Flächen für nachfolgende Pflanzenarten vor. In den Blättern werden Kalium, Eisen, Kalzium, Kieselerde sowie Magnesium gespeichert. Eine gut zersetzbare Streu und die abfallenden Blätter wirken sich somit positiv auf das Wachstum benachbarter Pflanzen aus. Wegen seiner nähr- und mineralstoffreichen Blätter kann man den Roten Fingerhut auch als Gründünger (15) verwenden.

Insekten

Der Rote Fingerhut bietet mit seiner dichten Blattrosette und hohen Blütenständen Mikroklimate für verschiedene Kleinlebewesen. Spinnen nutzen ihn als Ausgangspunkt für ihre Netze, während Käfer und andere Insekten in den Blattachseln Schutz finden. Indirekt profitieren auch Vögel (6), Nagetiere, Spinnentiere, Reptilien, die sich von den angelockten Insekten/Larven/Raupen ernähren.

Vorrangig den Arten, die nicht auf bestimmte Pflanzen spezialisiert sind, ist der Rote Fingerhut eine große Hilfe. Gewöhnlich können nur langrüsselige Hummelarten wie die Ackerhummel (Bombus pascuorum), Gartenhummel (Bombus hortorum), Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris), Feldhummel (Bombus ruderatus), Honigbiene (Große Wollbiene, Anthidium manicatum) und die Spargel-Schmalbiene (Lasioglossum sexnotatum) (22) wegen der senkrecht hochstehende Sperrhaare in die Blüte eindringen.

Die Gifte des Roten Fingerhuts werden als Abwehrstoffe angesehen, die im Laufe der Evolution zum Schutz gegen herbivore Fressfeinde entwickelt wurden. Viele herbivore Insekten können Pflanzengifte nicht nur tolerieren, sondern speichern sie zusätzlich in ihren Körpergeweben, um sich gegen Räuber und Parasitoide zu verteidigen (9). Ritterwanzen (Lygaeinae) sequestrieren giftige Pflanzenstoffe. Horvathiolus superbus gehört zu den kleinsten einheimischen Ritterwanzen-Arten und lebt vornehmlich am Roten Fingerhut. Viele Arten der Unterfamilie Lygaeinae sind auffällig rot-schwarz gefärbt, was potentiellen Beutegreifern die Gefährlichkeit von Beutetieren signalisiert, die durch Aufnahme giftiger Inhaltsstoffe in ihrer pflanzlichen Nahrung selbst giftig sind.

Vier Schmetterlingsarten nutzen den Roten Fingerhut als Raupenfutter (13). Der Fingerhut-Blütenspanner (Eupithecia pulchellata) – er frisst Stempel und Staubgefäße im Inneren der Blütenkelche, wozu seine Raupen die Blüte vorne mit einer Art Gespinst verschließen – der Waldkräuter-Blütenspanner (Eupithecia subfuscata), der Kugelblumen-(Zwerg-) Blütenspanner (Gymnoscelis rufifasciata) und die Pupur-Glanzeule (Euplexia lucipara). Die Verpuppung erfolgt in einer Kammer im Erdreich. Die Puppe überwintert. Auch die Raupen des Wachtelweizen-Scheckenfalters (Melitaea athalia) wurden am Roten Fingerhut dokumentiert.

Andere Insektenarten besuchen den Roten Fingerhut zwar, sie tragen jedoch kaum zur Bestäubung bei, da sie die Blüte nicht richtig durchqueren können. So besuchen Schwebfliegen die Blüten regelmäßig und Ameisen werden regelmäßig an den Blüten beobachtet und können zur Samenausbreitung beitragen (19).

Bedeutung im Äsungsspektrum des Wildes

Die Giftpflanze des Jahres 2007 (8, 17) wird gelegentlich vom Schalenwild aufgenommen, obwohl die Pflanze im Äsungsspektrum aufgrund des bitteren Geschmacks und der starken Giftigkeit eher unbeliebt ist (11). Trotz der Giftigkeit kann eine geringe Dosierung beim Rotwild eventuell eine herzstabilisierende Wirkung haben, was eine mögliche Erklärung für die gelegentliche Aufnahme ist. Instinktiv werden vom Rehwild giftige Pflanzen wie der Fingerhut gemieden, solange genügend andere Nahrung vorhanden ist. Zusammenfassend passt wohl eine Formulierung des Arztes Parecelsus (Theophrastus Bombast von Hohenheim) vor mehr als vierhundert Jahren: „Solo dosis facit – die Menge macht das Gift“ (10).

Zustandsanalyse auf Kahlflächen

Im Sommer 2024 wurden in der Region Südwestfalen auf insgesamt sechs Flächen, auf denen der Rote Fingerhut einen hohen Deckungsgrad aufwies, 90 Stichproben (N = 90; à 12,5 m²; Probekreise mit r = 2,0 m) zur Erfassung der Baumarten-Naturverjüngung durchgeführt. Aufgenommen wurden > 1-jährige (= Sämlinge) und < 2-jährige Baumarten, d.h. zum Zeitpunkt der Aufnahme etablierte Verjüngungspflanzen. Keimlinge der vorhandenen Verjüngungspflanzen wurden – zur Einschränkung des Aufnahmeaufwandes – nicht aufgenommen. Grundvoraussetzung für die Flächenauswahl war die Artmächtigkeit (kombinierte Abundanz-/Dominanz-Skala nach der Braun-Blanquet-Skala) des Roten Fingerhuts, die auf den Kalamitätsflächen (Kahlfläche nach Räumung der abgestorbenen Fichten) > 4 = Deckung > 51 bis 100 % betragen musste.

Tab. 1: Verjüngungsdichten 1- und 2-jähriger Baumarten, gegliedert nach deren Anzahl je Hektar

 

Birke

Fichte

Vogelbeere

Mittelwert

4.685

2.077

716

Standardabweichung

2.849

2.056

978

Variationskoeffizient (%)

60,8

99,0

136

 

Aus der Tabelle 1 ist ersichtlich, dass 1- und 2-jährige Birken (überwiegend Sandbirke) das Aufnahmeportfolio dominieren. 93 % der aufgenommenen Probekreise (PK`s) sind mit Birkenverjüngung belegt; d.h. nur sechs Probekreise wiesen keine Birkenverjüngung auf. Mit einem Mittelwert je Hektar von 4.685 Pflanzen (V%: 60,8) und einem Maximalwert von 10.384 Pfl./ha ist das Verjüngungspotential der Birke auf mit Rotem Fingerhut dominierten Flächen dokumentiert. Auch einzelne Flächen mit Verjüngungsdichten (Ausreißer) zwischen 14.320/ha und 11.932/ha sind vorhanden. 

Die zweithäufigste vorkommende Baumart ist die Fichte. Fichten-Verjüngung wurde auf 70 % der Probekreise belegt, d.h. auf 27 Probekreisen ist keine Fichtenverjüngung dokumentiert. Mit im Mittel 2.077 Verjüngungspflanzen je Hektar (V%: 99) und einem Maximalwert von 7.160 Pflanzen je Hektar wird das Verjüngungspotential der Fichte beschrieben. Auf 28 % der Probekreise wurden Verjüngungszahlen zwischen 800 und 1.600 1- und 2-jähriger Fichten je Hektar kartiert. 

Die Vogelbeere ist auf 44 % der aufgenommenen Probekreise vertreten; d.h. 50 Probekreise weisen keine Verjüngung der Vogelbeere auf. Die Verjüngungsdichte liegt bei 716 1- und 2-jähriger Pflanzen je Hektar (Mittelwert). Ein hoher Variationskoeffizient (V%: 136) spiegelt die Streuung der Aufnahmedaten um diesen Mittelwert wider. 

In der Liste der Aufnahme weiterer Baumarten nimmt die Europäische Lärche mit im Mittel 893 1- und 2-jähriger Pflanzen den höchsten Wert je Hektar an. Es folgen Stieleiche mit 468 Verjüngungspflanzen, Hainbuche mit 441 Pflanzen, Bergahorn (380 Pfl./ha) und Buche (318 Pfl./ha). Der hohe Variationskoeffizient spiegelt die hohe Streuung um den Mittelwert wider (vgl. Tab. 2). Weiterhin wurden einzelne Aspen und Salweiden aufgenommen.

Tab. 2: Vorkommen weiterer 1- und 2-jähriger Baumarten, gegliedert nach deren Anzahl je Hektar

 

E-Lärche

Stieleiche

Hainbuche

Bergahorn

Buche

Mittelwert

893

468

441

380

318

Standardabweichung

1.169

637

544

559

500

Variationskoeffizient (%)

134

136

123

147

157

Als Kennart der Weidenröschen-Fingerhut-Schlagfluren trägt der Rote Fingerhut zur Förderung der Biodiversität auf Kalamitätsflächen in Südwestfalen bei. Die vorgestellten Hinweise bezüglich der Bedeutung des Roten Fingerhuts für den Bodenschutz, für Insekten sowie die Aufnahmeergebnisse der Baumartenverjüngung verdeutlichen den Beitrag des Roten Fingerhuts zur Biodiversität auf Störungsflächen. Roter Fingerhut verhindert nicht die natürliche Verjüngung von Baumarten. Durch Effekte der Gründüngung wird die Verjüngung von Baumarten wahrscheinlich gefördert. Möglicherweise schützt der auch für das Wild wenig schmackhafte Rote Fingerhut indirekt vor Verbiss der vorhandenen Naturverjüngung in der Etablierungsphase.

Literatur

(1) Bartsch, N, von Lüpke, B. und E. Röhrig (2020): Waldbau auf Ökologischer Grundlage. 8. Auflage, 2020. Stuttgart.

(2) Ellenberg, H. et al. (1991): Zeigerwerte von Pflanzen in Mitteleuropa. Scripta Geobotanica XVIII.

(3) Ellenberg, H. und C. Leuschner (2010): Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen. Stuttgart.

(4) Leder, B., Lehmann, A. und A. Leonhardt (2005): Vegetationsentwicklung und Avifauna auf Windwurfflächen. LÖBF-Mitteilungen 03/2005: 39–42.

(5) Leder, B. (2007): Empfehlungen für die Wiederbewaldung der Orkanflächen in Nordrhein-Westfalen. Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen. Münster.

(6) Masch, H. (2009): Giftpflanze des Jahres 2007 – Steckbrief Roter Fingerhut. Botanischer Sondergarten Wandsbek, Hamburg.

(7) Petschenka, G. (2021): Pflanzengifte als koevolutionäre Vermittler zwischen Insekten und Pflanzen. Entomologie heute 32: 83–97.

(8) Schäfer, S. G. (2021): Die Dosis macht das Gift. Heilende Pflanzen im Spiegel der Geschichte. Wiebelsheim.

(9) Stöcker, B. (2020): Giftpflanzen im Nahrungsspektrum des Wildes. Stiftung Wald & Wild in Mecklenburg-Vorpommern. Jesteburg.

(10) Wohlgemuth, Th., Jentsch, A. und R. Seidl, R. (2019, Hrsg.): Störungsökologie: Bern.

(11) Forstliche Standortsaufnahme (2016): 7. Aufl. Eching bei München.

(12) Gehlken, B (2025): Beitrag zur Kenntnis der Fingerhut-Schlagfluren des Digitali purpureae-Epilobietum angustifolii Schwick. 1944, Notizbuch der Kasseler Schule 91: 113–147 Kassel.

Weblinks, Internetaufrufe

(13) https://floraweb.de/php/schmetterlinge.php?taxon-id=1964  

(14) https://de.wikipedia.org/wiki/Roter_Fingerhut

(15) https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/pflanzen/pflanzenportraets/wildpflanzen/06074.html

(16) https://www.smagy.de/index.php?func=plant&task=showPlant&taskID=rotfingerhut 

(17) https://www.giftpflanzen.com/

(18) https://www.bund-wesel.de/insekten-und-heimische-wildpflanzen/hummeln/

(19) https://www.oekologie-seite.de/index.php?id=24&pid=850

(20) https://orgprints.org/id/eprint/26707/1/Fingerhut%20verbessert%20Kaliwirkung.pdf

(21) https://www.mlv.nrw.de/wp-content/uploads/2024/11/wiederbewaldungskonzept_nrw.pdf

(22) https://www.bienenroute.de/pflanzen/roter-fingerhut-digitalis-purpurea