Die Heimat des Nordischen Fichtenborkenkäfers (Ips duplicatus) ist ursprünglich in Ostasien, Sibirien und Fennoskandinavien. Seit einigen Jahren breitet sich diese Käferart nach Süden und Westen aus und wird auch an Pinus-Arten oder Lärchen in Ost-, Südost- und Zentraleuropa beobachtet. Neben der natürlichen Ausbreitung ist vermutlich auch der Transport von berindetem Fichtenholz für die Ausbreitung dieser Borkenkäferart verantwortlich.

Forstwirtschaftliche Bedeutung

Der Nordische Fichtenborkenkäfer befällt zwar lebende Bäume, hat aber in den Nachbarländern bisher zumeist noch eine geringere forstwirtschaftliche Bedeutung als der Buchdrucker (Ips typographus). Beide Arten besiedeln ihre Wirtsbäume auch gemeinsam, wobei der Nordische Fichtenborkenkäfer eher im mittleren und oberen Stamm- sowie im Kronenbereich zu finden ist, der Buchdrucker eher in den unteren Stammpartien.

Der Nordische Fichtenborkenkäfer gilt momentan (laut EPPO) als weniger aggressiv als der weitverbreitete, einheimische Buchdrucker, er kann aber durchaus auch eine wirtschaftliche Bedeutung erlangen, wie eine Im Jahr 2000 durcheführte europaweite Umfrage zur wirtschaftlichen Bedeutung von Forstschadinsekten gezeigt hat. Forstentomologen aus Polen und der Slowakei bezeichneten die Art dabei inzwischen durchaus als wirtschaftlich relevant. Auch in Tschechien wurden Massenvermehrungen dieser Borkenkäferart in Zusammenhang mit den extremen klimatischen Bedingungen verzeichnet.

Zum Verwechseln ähnlich

Der Nordische Fichtenborkenkäfer lässt sich auf den ersten Blick nur schwer vom weitverbreiteten Buchdrucker unterscheiden, weil sich beide Arten stark ähnlich sehen. Normalerweise ist der Nordische Fichtenborkenkäfer etwas kleiner (2,8-4,5 mm) als der Buchdrucker (4,2-5,5 mm). Beide Arten sind dunkelbraun und tragen jeweils vier Absturzzähne auf den Flügeldecken. Aufgrund dieser Ähnlichkeiten ist eine eindeutige Bestimmung nur mittels mikroskopischer Untersuchung möglich.

Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal ist die Ausformungen und Anordnung der Absturzzähne auf den Flügeldecken. Beim Nordischen Fichtenborkenkäfer sind der 2. und 3. Zahn an der Basis verschmolzen (s. Pfeil in Abb. 1). Die Geschlechter unterscheidet man bei beiden Arten anhand der Form des 3. Zahnes.

Ebenfalls ähneln sich die Brutbilder beider Arten. Wer die Ausfluglöcher des Buchdruckers gut kennt, bemerkt bei Befall durch den Nordischen Fichtenborkenkäfer, dass dessen Ausfluglöcher zumeist deutlich kleiner (Durchmesser 1-1.2 mm) sind.

Auch in der Entwicklung gleichen sich der Nordische Fichtenborkenkäfer und der Buchdrucker. Normalerweise gibt es hierzulande in tieferen Lagen zwei Generationen. Im Vergleich zum Buchdrucker findet der Frühlingsausflug des Nordischen Fichtenborkenkäfers zumeist einige Tage früher statt. In Mitteleuropa geht man von zwei Generationen pro Jahr aus. Die Käfer verlassen meistens noch im Herbst den Wirtsbaum und überwintern in der Bodenstreu.

Aufgrund der grossen Verwechslungsgefahr der beiden Borkenkäferarten kann es sein, dass eine Bestimmung in der Vergangenheit nicht immer eindeutig war. Aber letztlich spielt es bei einem Befall geschwächter Fichten keine Rolle, von welcher Borkenkäferart sie besiedelt und abgetötet werden.

Situation in der Schweiz

Seit 2019 hat diese invasive Käferartauch die Schweiz erreicht, wie das Monitoring von Beat Wermelinger (WSL) gezeigt hat. Er wies die Art im St. Galler Rheintal (194 Individuen bei Altstätten SG, 175 bei Rüthi SG sowie 5 bei Gams SG) und in Liechtenstein (Nendeln FL (14) und Schaan FL (32)) nach. Wermelinger hält es für möglich, dass diese Art schon vor mehreren Jahren aus den Nachbarländern eingewandert sein könnte, bis 2019 aber unentdeckt geblieben ist.

Im Anschluss an die 2019 durchgeführten Untersuchungen von Wermelinger erfolgte von Waldschutz Schweiz 2020 ein ausgeweitetes Monitoring mit dem Ziel, festzustellen, wie sich die neue Borkenkäferart in der Schweiz weiter ausbreitet.

Monitoring in der Schweiz

Die Auswahl der Standorte für das Monitoring von Waldschutz Schweiz in den Kantonen wurde zusammen mit den Waldschutzbeauftragten und den zuständigen Försterinnen und Förstern durchgeführt. In einem ersten Schritt wurden Fallen in einem Halbkreis um die seit 2019 bekannten Fundstellen aufgestellt. Mit grösserem Abstand platzierten die Forstleute in einem zweiten Halbkreis weitere Fallen. Zudem wurden ausgehend von den ersten Fundpunkten zusätzliche Fallen entlang des Mittellandes bis in den Kanton Fribourg sowie im Jura aufgestellt, um das Fortschreiten dieser invasiven Art dokumentieren zu können (s. Abb. 3).

An den Fallenstandorten mussten genügend leicht besonnte Fichten stehen, die entlang von Transitwegen oder an einem Waldrand oder einer Lichtung liegen und eventuell auch Buchdruckerbefall aufwiesen.

Die Borkenkäferfallen wurden jeweils zwischen Anfang April und Ende Juli aufgestellt und mit einem speziell für den Nordischen Fichtenborkenkäfer entwickelten Lockstoff (Pheromon Dupliwit von Witasek) bestückt. Die regelmässigen Leerungen übernahmen die jeweiligen Waldschutzbeauftragten, Forstämter bzw. Forstreviere. Die morphologische Bestimmung der gefangenen Käfer erfolgte im Pflanzenschutzlabor der WSL und wurde durch genetische Analysen (Barcoding-Technik) bestätigt.

2019
Seit 2019 ist diese invasive Borkenkäferartauch in der Schweiz zu finden. Damals konnte sie an drei Fundorten im St. Galler Rheintal und an zwei Fallenstandorten in Liechtenstein nachgewiesen werden. Es ist möglich, dass die Art bereits vor mehreren Jahren aus den Nachbarländern eingewandert und bis 2019 unentdeckt geblieben war.

2020
Waldschutz Schweiz startete 2020 zusammen mit einigen Kantonen ein ausgeweitetes Monitoring um festzustellen, wie sich die neue Borkenkäferart in der Schweiz weiter ausbreitet. Ausgehend von den ersten Fundorten liegen die 18 Monitoringstandorte in acht (2020) bzw. neun Kantonen (2021).

Im Monitoring 2020 konnte der Nordische Fichtenborkenkäfer im Kanton St. Gallen an zwei weiteren Standorten in geringer Zahl nachgewiesen werden: Rorschacherberg (2 In­di­vi­duen) und St. Gallen (1 In­di­vi­duum).

2021
Für die Überwachung2021 wurden diese beiden Standorte aus dem Monitoring genommen und stattdessen ein neuer Standort im Kanton St. Gallen und ein weiterer im Kanton Thurgau ausgewählt. Die Auswertungen ergaben, dass die Borkenkäferart wiederum an einem Fallenstandort im Kanton St. Gallen in Gams mit einem Individuum nachgewiesen werden konnte.

Die bisherigen Ergebnisse für die Schweiz zeigen, dass die Art sich zwar ausbreitet, aber offenbar sehr langsam und bisher nicht in grosser Anzahl. So wie es nach den Fallenfängen 2020 und 2021 ausschaut, dehnt sich der Nordische Fichtenborkenkäfer in der Schweiz ausgehend von den Funden 2019 geringfügig nach Norden und Westen aus (s. Abb. 3). An den südlich gelegenen Fallenstandorten konnten in beiden Monitoringjahren keine Käfer festgestellt werden. Auch die Fallenstandorte weiter im Westen blieben bis jetzt jeweils ohne Nachweis.

Ausblick

Waldschutz Schweiz führt dieses Monitoring mit leicht angepassten Standorten 2022 fort. Die Gebiete im Kanton St. Gallen, an denen der Nordische Fichtenborkenkäfer nachgewiesen werden konnte, werden durch andere Standorte im Kanton St. Gallen und einen weiteren Standort im Kanton Thurgau ersetzt.

Gegenmassnahmen

Zur Vorbeugung und Bekämpfung sind für den Nordischen Fichtenborkenkäfer dieselben Massnahmen sinnvoll, wie sie auch gegen andere Borkenkäferarten ergriffen werden: Entfernen des bruttauglichen Materials, Zwangsnutzung und schneller Abtransport der befallenen Stämme sowie die Entrindung befallener Stämme. Insgesamt ist die Bekämpfung schwieriger als die des Buchdruckers, weil die wirkungsvolle Fällung im Winter, wie beim Buchdrucker, hier nicht wirkt, da die 2. Generation des Nordischen Fichtenborkenkäfers seine Brutbäume im Herbst verlässt und in der Bodenstreu überwintert. Zudem ist ein Befall im Kronenbereich schwieriger rechtzeitig zu entdecken. Oft stirbt die Krone erst ab, wenn die Käfer den Baum bereits verlassen haben. Ausserdem sollte eine Einschleppung mit berindetem Fichtenholz aus anderen Befallsgebieten wie Deutschland, Österreich oder Tschechien vermieden werden.