Hintergrund

Die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA) hat neue Ertragstafeln für die Baumarten Eiche, Buche, Fichte, Douglasie und Kiefer für Nordwestdeutschland veröffentlicht. 

Die Schätzungen von Volumenzuwächsen und Holzvorräten mit den neuen Ertragstafeln der NW-FVA wurden an Beobachtungsdaten geprüft. Erste Erfahrungen aus der Forstpraxis haben die NW-FVA dazu bewogen, verschiedene Hilfsmittel bereitzustellen. So dienen die Bestockungsgrad-Faktoren dazu, die unterstellten Bestandesdichten (aus den alten, traditionell genutzten Ertragstafeln der Schoberschen Sammlung) in die neue Grundflächenhaltung des unterstellten waldbaulichen Behandlungkonzeptes einer gestaffelten Hochdurchforstung zu überführen. Zudem können Zuwachsverluste durch gehäuft auftretende Extremwetterjahre durch klimabedingte Zuwachskorrekturfaktoren berücksichtigt werden.

In dem Artikel "Eine neue Generation von Ertragstafeln” wird das Konstruktionsprinzip der neuen Ertragstafeln, das unterstellte waldbauliche Behandlungskonzept und ihre Anwendung eingehend erläutert.

Abb. 1: Zwei waldbauliche Behandlungskonzepte, links mäßige Hochdurchforstung und rechts gestaffelte Hochdurchforstung, im Buchendurchforstungsversuch Münden 2028j. Fotos: NW-FVA Archiv.

Konsequenzen des Ertragstafelwechsels

Für die Forstpraxis hat ein Wechsel von derzeit noch gebräuchlichen älteren Ertragstafeln zu den neuen Ertragstafeln folgende Konsequenzen:

  1. Die waldbauliche Referenz der neuen Ertragstafeln ist die Grundflächenhaltung einer gestaffelten Hochdurchforstung (stark -> mäßig -> schwach). Die bei der Festlegung der Eingriffsstärken als Orientierung dienenden Bestockungsgrade sind zwischen den alten und neuen Tafeln nicht vergleichbar.

    Definition Bestockungsgrad (B°): Ist-Grundfläche in Relation zur Soll-Grundfläche der jeweils verwendeten Ertragstafel

    Grundfläche: Die Grundfläche eines Waldbestandes ist die Summe der Querschnittsflächen in 1,3 m Stammhöhe aller Bäume des Bestandes. 

    Grundflächenhaltung: Als Grundflächenhaltung bezeichnet man eine spezifische Grundfläche in einem Bestand, die zur Erreichung bestimmter waldbaulicher Ziele angestrebt wird. Über die Grundflächenhaltung wird die Bestandesdichte bewusst gesteuert.

  2. Für die Nutzungsplanung ergeben sich aufgrund der höheren Zuwächse und veränderter Durchforstungsstärken abweichende, in der Jugend auch höhere Ansätze.
  3. Bei der Forstplanung auf Basis aktueller Inventurdaten und dem Vergleich mit zurückliegenden Forsteinrichtungswerken wird es zu Differenzen in den geschätzten Vorräten kommen. Diese Unterschiede fallen jedoch moderat aus und sollten somit leicht vermittelbar sein.
  4. Mit Hilfe klimabedingter Zuwachskorrekturfaktoren lassen sich die Zuwachsangaben der neuen Ertragstafeln korrigieren (analog zu den dichtebedingten Zuwachs-korrekturfaktoren), um das zunehmend gehäufte Auftreten von Extremwetterjahren mit Hitze und Trockenheit in der Planung zu berücksichtigen.

Erste Erfahrungen bei der Anwendung der neuen Ertragstafeln in der Forstpraxis haben zu den vier genannten Punkten wichtige Erkenntnisse geliefert und zur Bereitstellung weiterer Hilfsmittel geführt.

Bestockungsgrad-Faktoren

Die Grundflächenhaltung als anzustrebende Dichte eines Bestandes unterscheidet sich aufgrund der unterschiedlichen waldbaulichen Behandlungskonzepte zwischen den Ertragstafeln derselben Baumart. Für erfahrene Forsteinrichter:innen, die es bisher gewohnt waren, die Bestockungsgrade in Bezug zu den alten Ertragstafeln der Ertragstafelsammlung von Schober einzuschätzen, stehen Faktoren zur Verfügung, mit denen sich die Bestockungsgrade auf Basis der neuen Ertragstafeln berechnen lassen (siehe Tabelle der Bestockungsgrad-Faktoren). Die Bestockungsgrad-Faktoren sind baumartspezifisch und nach Bonität und Alter gegliedert.

Anwendungsbeispiel: 

Buche, I. Ertragsklasse, Alter 60, geschätzter B°ALT nach Ertragstafel Schober 0,8, das entspricht einer Grundfläche 19,5 m² je ha.  Die Ertragstafelgrundfläche nach Schober beträgt 24,35 m² je ha. Daraus ergibt sich entsprechend der bereits geschätzte B°ALT von 19,5 m² je ha/24,35 m² je ha = 0,8. 

Überführung B°ALT in B°NEU:
- Ablesen des Bestockungsgrad-Faktors in Buchen-Tabelle laut Bonität und Alter: 1,17 
- Multiplikation mit B°ALT = 0,8 x 1,17 = 0,94 
- B°NEU ist 0,94 

Die Ertragstafelgrundfläche nach NW-FVA beträgt 20,8 m² je ha und entsprechend ist B°NEU = 19,5 m² je ha / 20,8 m² je ha = 0,94. Genau wie im obigen Beispiel anhand von B°ALT und Bestockungsgrad-Faktor berechnet. 

Vorratsschätzung

Während sich Zuwachsschätzungen, geplante Nutzungsmassen und abgebildete Baumdimensionen bei einem Wechsel der Ertragstafelreferenz folgerichtig ändern, ist es wichtig zu wissen, dass die Vorratsbilanz für das stehende Holz weitgehend unverändert bleibt. Ausgehend von der Formel Vorrat = Grundfläche x Höhe x Formzahl, kann sich der Vorrat bei einer gemessenen Grundfläche und einer gemessenen Bestandeshöhe nur durch Unterschiede in den Formzahlen der Ertragstafeln ergeben.

Eine Analyse auf Basis der Forsteinrichtungsdaten der Niedersächsischen Landesforsten ergab über alle Altersklassen gemittelt, dass die Differenzen zwischen einer Vorrats-schätzung mittels der neuen Ertragstafeln der NW-FVA und der Ertragstafeln der Ertragstafelsammlung von Schober je nach Baumart bei maximal +/- 5 % liegen. Die Unterschiede in den Vorratsschätzungen fallen somit sehr moderat aus und sollten somit leicht vermittelbar sein.

Klimabedingte Zuwachskorrekturfaktoren

Die neuen Ertragstafeln sind wie alle ihre Vorgänger hinsichtlich der ihren Wachstums- und Nutzungsmodellen zugrundeliegenden Standortsbedingungen Abbilder der Wachstums-verhältnisse in der Vergangenheit. Das statische Ertragstafelmodell kann somit die rasante Dynamik der Standortsveränderung durch den Klimawandel und ihre kurz- bis mittelfristigen Auswirkungen auf den Zuwachs nicht adäquat abbilden. Dies gilt insbesondere beim gehäuften Auftreten von extremen Witterungsbedingungen wie in den Jahren von 2018 bis 2020 mit Hitze, Dürre und nicht aufgefülltem Bodenwasserspeicher im Winter. Es führte zu signifikanten Zuwachseinbußen, die sich in Abhängigkeit von Baumart und Wuchsregion in mehr oder weniger deutlichen Abweichungen der realen Zuwächse von den Zuwachsangaben der Ertragstafeln widerspiegelten. Bei Unterstellung einer Fortsetzung der zuletzt eingetretenen Witterungsabweichungen von den Mittelwerten der Referenzklimaperiode lassen sich die in den Ertragstafeln angegebenen Zuwachswerte mit Hilfe von klimabedingten Zuwachskorrekturfaktoren klimasensitiv korrigieren (siehe Tabelle klimabedingte Zuwachskorrekturen). Die Baumarten Eiche und Douglasie müssen nicht korrigiert werden.

Tab. 1: Baumarten- und bundeslandspezifische klimabedingte Zuwachskorrekturfaktoren 

 BucheFichteKiefer
Hessen0,74       -       -
Niedersachsen0,770,890,80
Sachsen-Anhalt0,650,800,84
Schleswig-Holtstein0,850,880,88

Die in Tab. 1 aufgeführten Zuwachskorrekturfaktoren gelten für alle Bonitäten, Alter und Bestockungsgrade.

Rechenbeispiel: 

Buchenbestand in Hessen, 60-jährig, absolute Höhenbonität im Alter 100 von 36,5 m, (a) vollbestockt, d.h. B° = 1,0,  bzw. (b) bei einem B° von 0,8 

a) Der periodische jährliche laufende Zuwachs im Alter 60 bis 65 beträgt laut Ertragstafel 16,8 m³ je ha und Jahr. Der klimabedingt korrigierte Zuwachs beläuft sich dann auf 16,8 m³ je ha und Jahr x 0,74 = 12,4 m³ je ha und Jahr.

b) Der klimabedingt korrigierte Zuwachs muss zudem mit dem dichtebedingten Zuwachskorrekturfaktor multipliziert werden: 12,4 m3 je ha und Jahr  x 0,87 = 10,8 m³ je ha und Jahr.

Eine Korrektur des Zuwachses bedeutet, analog zu der Anwendung der dichtebedingten Zuwachskorrekturfaktoren, eine gegenüber den Ertragstafelwerten geänderte Vorratsentwicklung und/oder geänderte Vornutzungsmassen sowie Abweichungen in der Gesamtwuchsleistung. Die korrigierten Ertragstafelschätzungen müssen im Rahmen der Forsteinrichtung transparent kommuniziert werden.

Zusammenfassung

Die neuen Ertragstafeln der NW-FVA wurden erstellt, um dem in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegenen Zuwachsniveau Rechnung zu tragen und Veränderungen in der waldbaulichen Behandlung der Bestände besser zu berücksichtigen. Sie bieten sich daher als neue Ertragstafelreferenz für die betriebliche Jahresplanung und die mittelfristige Forsteinrichtungsplanung an. Die Forstpraxis muss sich bei der Verwendung der neuen Tafeln auf eine geänderte Grundflächenhaltung mit entsprechend anderen Bestockungs-graden als Orientierung einstellen. Die Zuwachsschätzungen und Nutzungsmassen werden höher ausfallen, bei weitgehend gleichen Vorratsschätzungen für die aktuellen Bestockungen. Auch die neuen Ertragstafeln können kurz- bis mittelfristige Zuwachs-schwankungen aufgrund von Extremwetterjahren nicht abbilden. Klimabedingte Zuwachs-korrekturfaktoren bieten sich aber als einfaches Hilfsmittel für die Forsteinrichtung an, um dieses Phänomen zu berücksichtigen.

Stets aktuelle Informationen zu den neuen Ertragstafeln finden Sie auf der Website der NW-FVA.