Auwälder zählen zu den artenreichsten und produktivsten Lebensräumen Mitteleuropas, sind jedoch heute stark zurückgedrängt. Durch Flussregulierungen, Entwässerung und Landnutzungsänderungen sind große Teile dieser wertvollen Ökosysteme verloren gegangen. Dennoch erfüllen verbliebene Auwälder weiterhin wichtige Funktionen – auch für Wildwiederkäuer.
Gerade im Winterhalbjahr, wenn das Nahrungsangebot stark eingeschränkt ist, gewinnen strukturreiche Waldbestände an Bedeutung. Auwälder bieten durch ihre ausgeprägte, wintergrüne Kraut- und Strauchschicht sowohl Deckung als auch ein vergleichsweise vielfältiges Nahrungsangebot. Damit unterscheiden sie sich deutlich von geschlossenen Buchenwäldern mit geringer Bodenvegetation.

Untersuchungsgebiet und Vorgehensweise
Die Untersuchung wurde im Rahmen des vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten Projektes “ReForm-regioWald” in Auwaldbereichen des Arnsberger Waldes, Nordrhein-Westfalen, durchgeführt. Die Flächen liegen überwiegend fragmentarisch entlang von Fließgewässern vor und sind durch feuchte bis nasse Standorte sowie typische Auwaldvegetation geprägt.
Zur Erfassung der Krautschicht wurden insgesamt 29 Probepunkte untersucht. An jedem Punkt erfolgte eine Vegetationsaufnahme auf einer Fläche von 10 m². Zusätzlich wurde auf einer Teilfläche von 1 m² die krautige Vegetation geerntet, um die Biomasse und den Futterwert im Labor zu analysieren.
Die Äsungsintensität wurde anhand sichtbarer Verbissspuren an den Pflanzen geschätzt. Ergänzend erfolgte eine Analyse wichtiger Futterinhaltsstoffe wie Rohprotein und Faseranteile.
Auwälder: Dynamische Lebensräume mit hoher Strukturvielfalt
Auwälder gehören zu den dynamischsten Waldökosystemen Mitteleuropas. Regelmäßige Überflutungen, Sedimentumlagerungen und wechselnde Wasserstände schaffen ein vielfältiges Mosaik unterschiedlicher Lebensräume. Entsprechend lassen sich entlang von Fließgewässern verschiedene Zonen unterscheiden: In häufig überfluteten Bereichen dominieren Weichholzauen mit Weiden und Pappeln, während in höher gelegenen, seltener überfluteten Bereichen Hartholzauen mit Arten wie Stieleiche und Esche auftreten.
Charakteristisch ist zudem die ausgeprägte vertikale Struktur. Neben der Baumschicht sind insbesondere Strauch- und Krautschicht gut entwickelt. Da viele auentypische Baumarten spät austreiben und die Bestände oft vergleichsweise licht sind, gelangt mehr Licht bis zum Waldboden als in geschlossenen Laubwäldern. Dadurch kann sich eine artenreiche und produktive Bodenvegetation etablieren.
Die Krautschicht wird überwiegend von feuchtigkeitstoleranten Arten wie Brennnessel, Mädesüß, Seggen oder Flatter-Binse geprägt. Auf nährstoffreichen Standorten entwickeln sich häufig hochwüchsige Staudenbestände, die Struktur und Artenzusammensetzung zusätzlich beeinflussen. Besonders hervorzuheben ist der vergleichsweise hohe Anteil wintergrüner Sauer- und Süßgräser, die auch im Winterhalbjahr zumindest teilweise als Äsung zur Verfügung stehen.
Für Wildwiederkäuer ergibt sich daraus ein bedeutender Vorteil: Die Kombination aus gut erreichbarer Bodenvegetation, winterverfügbarer Biomasse und hoher räumlicher Strukturvielfalt sorgt ganzjährig für ein vergleichsweise stabiles Nahrungsangebot und macht Auwälder zu attraktiven Lebensräumen.
Winteräsung: Anpassungsstrategien von Reh-, Rot- und Sikawild
Die Ernährung von Wildwiederkäuern unterliegt im Jahresverlauf starken Schwankungen. Insbesondere im Winterhalbjahr führen niedrige Temperaturen, Schneelage und eine eingeschränkte Pflanzenverfügbarkeit zu einem Rückgang von Menge und Qualität der verfügbaren Äsung.
Reh-, Rot- und Sikawild reagieren darauf mit einer Anpassung ihrer Nahrungswahl. Während im Frühjahr und Sommer bevorzugt energiereiche und leicht verdauliche Pflanzen aufgenommen werden, steigt im Winter die Nutzung faserreicher Nahrung wie Gehölztriebe, Rinde, Gräser und andere krautige Pflanzen. Rehwild zeigt dabei ein besonders selektives Äsungsverhalten und nutzt auch bei begrenztem Angebot gezielt geeignete Pflanzen. Gleichzeitig passt sich das Verdauungssystem an die veränderte Nahrung an, wodurch faserreiche Pflanzen besser verwertet werden können.
Rot- und Sikawild nutzen ebenfalls ein breites Nahrungsspektrum und greifen im Winter verstärkt auf Gräser, Seggen, Zweige und Rinde zurück. Dabei gewinnen weniger die Futterqualität als vielmehr die Verfügbarkeit und Erreichbarkeit der Nahrung an Bedeutung. Insbesondere wintergrüne Gräser und Seggen stellen daher wichtige Nahrungsressourcen dar.
Für die Krautschicht der Auwälder ergibt sich daraus eine besondere Bedeutung. Durch den vergleichsweise hohen Anteil winterverfügbarer Bodenvegetation ergänzt sie die Gehölzäsung und bietet Wildwiederkäuern auch während des Winterhalbjahres ein kontinuierlich verfügbares Nahrungsangebot.

Abb. 4: Bodennaher Verbiss an wintergrüner Wald-Hainsimse als Hinweis auf die Nutzung der Krautschicht durch Wildwiederkäuer. Foto: Madita Sauerland
Ergebnisse aus dem Regionalforstamt Arnsberger Wald
Die Ergebnisse unterstreichen die hohe Bedeutung auwaldgeprägter Waldbereiche im Arnsberger Wald für die Winteräsung von Wildwiederkäuern. Im Vergleich zu anderen Waldstrukturen stand hier mehr als doppelt so viel beäsbare krautige Biomasse zur Verfügung, was vermutlich auf die günstigen Wasser- und Lichtverhältnisse sowie den hohen Anteil wintergrüner Pflanzenarten zurückzuführen ist.
Die Krautschicht setzte sich aus feuchtezeigenden Arten wie Seggen und Binsen sowie Hochstauden wie Brennnessel und Mädesüß zusammen. Besonders Gräser, Seggen und Hainsimsen wurden kontinuierlich stark beäst und stellten zentrale Bestandteile der Winteräsung dar.
Die Äsungsintensität variierte räumlich deutlich, was auf einen zusätzlichen Einfluss von Faktoren wie Deckung, Bestandesstruktur und Erreichbarkeit hinweist. Gleichzeitig zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Rohproteingehalt und Beäsung, während höhere Fasergehalte tendenziell mit geringerer Nutzung verbunden waren. Insgesamt wird die Nahrungswahl im Winter offenbar stärker durch Verfügbarkeit und Zugänglichkeit als durch den Futterwert bestimmt. Unter begrenztem Nahrungsangebot werden daher auch faserreichere Pflanzen genutzt, was durch die hohen Sikawildbestände im Untersuchungsgebiet zusätzlich verstärkt werden könnte.

Abb. 5: Beäsbare krautige Biomasse (in g Trockensubstanz / m2) in auwaldgeprägten Waldbereichen im Vergleich zu anderen Hochwaldstrukturen aus Nadel- und Laubgehölzen. Quelle: David Kellerhoff (erstellt mit Hilfe von Chat GPT, Open AI)
Tabelle 1: Krautige, auwaldtypische Pflanzenarten mit der höchsten Bedeutung für die Winteräsung im Untersuchungsgebiet, sortiert nach Stetigkeit (in %)

Fazit und Handlungsempfehlungen
Auwaldgeprägte Waldbereiche bieten im Winter ein deutlich höheres Angebot an beäsbarer krautiger Biomasse als vergleichbare Waldstrukturen und besitzen daher eine hohe Bedeutung für die Nahrungsversorgung von Wildwiederkäuern. Entscheidend ist dabei weniger die Artenvielfalt als das Vorhandensein zugänglicher, winterverfügbarer Pflanzenbestände.
Für die Praxis sollten lichte Bestandesstrukturen mit gut entwickelter Krautschicht gezielt erhalten und gefördert werden. Dazu kann auch die Entnahme stark beschattender, nicht standorttypischer Baumarten beitragen. Besonders Süßgräser, Seggen und Hainsimsen sind aufgrund ihrer Bedeutung für die Winteräsung förderungswürdig, während Hochstauden trotz hoher Biomasse nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Darüber hinaus können Auwaldbereiche zur Wildlenkung genutzt werden. Attraktive Äsungsflächen in Verbindung mit Wasser und Deckung bündeln Wildaktivität und können sowohl jagdlich genutzt als auch gezielt beruhigt werden, um Wild aus sensiblen Verjüngungsflächen herauszulenken. Die Wirksamkeit solcher Maßnahmen hängt jedoch wesentlich von einer an den Lebensraum angepassten Wilddichte ab. Eine abgestimmte Steuerung von Lebensraumkapazität und Wildbestand ist daher Voraussetzung, um Nutzungskonflikte langfristig zu reduzieren.






