Der Eichenprozessionsspinner (kurz: EPS) gehört inzwischen in vielen Regionen Deutschlands zum Sommer und sorgt regelmäßig für Schlagzeilen. Bekannt ist er vor allem wegen seiner gesundheitsschädlichen Brennhaare. Gleichzeitig stellt sich aus forstlicher Sicht eine andere Frage: Wann wird aus einem natürlichen Bestandteil des Ökosystems ein Problem für den Wald?

Im Podcast „astrein – Wald.Mensch.Wissen“ sprechen FVA-Direktor Prof. Dr. Ulrich Schraml sowie Lea Dieckmann und Dominik Wonsack vom Arbeitsbereich Waldschutz der FVA über Biologie, Gesundheitsrisiken und die Bedeutung des EPS für die Waldbewirtschaftung.

Die Episode können Sie hier anhören:

Prozessionen, Gespinste und Larvenstadien

Der Name verrät bereits viel über die Lebensweise: Die Raupen des EPS bewegen sich oft in langen Reihen – den namensgebenden „Prozessionen“ – zu ihren Futterquellen in den Baumkronen.

Besonders auffällig werden die Tiere in späteren Entwicklungsstadien: Ab dem fünften Larvenstadium entstehen die typischen Gespinstnester, die sich gut sichtbar an Stamm oder Astgabeln befinden können. Die Entwicklung vom Ei bis zum Falter erfolgt innerhalb eines Jahres. Die Eiablage erfolgt im Spätsommer, die Raupen schlüpfen im Frühjahr und durchlaufen insgesamt sechs Larvenstadien.

Für die Praxis besonders relevant: Erst ab dem dritten Larvenstadium bilden die Raupen die bekannten Brennhaare aus.

Warum der EPS für Menschen problematisch ist

Die größte Gesundheitsgefährdung besteht in der Regel zwischen Mai und Juli. Die feinen Brennhaare können Haut und Schleimhäute reizen und über die Luft verbreitet werden.

Typische Beschwerden sind:

  • starker Juckreiz,
  • Hautreizungen und Ausschläge,
  • Reizungen der Atemwege,
  • individuell unterschiedlich starke Reaktionen.

Problematisch ist außerdem: Auch nach der Verpuppung bleiben Brennhaare in den Gespinsten und Häutungsresten erhalten. Dadurch können belastete Bereiche noch über längere Zeit Beschwerden verursachen.

Wer Kontakt vermutet, sollte:

  • betroffene Hautstellen mit Wasser abspülen,
  • möglichst nicht reiben,
  • Kleidung direkt wechseln und waschen,
  • bei stärkeren Beschwerden ärztlichen Rat einholen.

Auch Haustiere können betroffen sein.

Gehört der EPS zum Wald – oder ist er ein Zeichen des Klimawandels?

Grundsätzlich gehört der EPS zur heimischen Fauna. Massenvermehrungen sind kein neues Phänomen und treten natürlicherweise zyklisch auf.

Beobachtungen zeigen jedoch Veränderungen: Die Art scheint heute flächiger verbreitet zu sein und tritt auch in höheren Lagen auf als früher. Gleichzeitig nehmen Eichen im Waldumbau vielerorts an Bedeutung zu.

Ob diese Entwicklung ausschließlich klimatisch bedingt ist, lässt sich derzeit nicht eindeutig beantworten. Wahrscheinlich wirken mehrere Faktoren zusammen wie etwa Temperaturentwicklung, Verfügbarkeit geeigneter Wirtsbäume und Veränderungen bei natürlichen Gegenspielern.

Wann wird Kahlfraß für Eichen gefährlich?

Ein einmaliger Blattverlust bedeutet für Eichen nicht automatisch einen kritischen Schaden. Eichen gelten grundsätzlich als widerstandsfähige Baumart und können nach Kahlfraß erneut austreiben.

Problematisch wird es, wenn mehrere Belastungen zusammentreffen:

  • wiederholter Kahlfraß,
  • Trockenstress,
  • zusätzliche Schadorganismen.

In solchen Fällen sprechen Fachleute von einer sogenannten „Eichenkomplexkrankheit“. Der Blattverlust schwächt die Bäume und erhöht die Anfälligkeit gegenüber weiteren Organismen wie beispielsweise dem Eichenprachtkäfer.

Das Ziel des Waldschutzes ist deshalb häufig nicht die vollständige Vermeidung eines Fraßereignisses, sondern das Verhindern wiederholter starker Entlaubungen.

Monitoring und Maßnahmen: Wann wird gehandelt?

Um Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, setzt die FVA auf verschiedene Monitoringansätze. Beobachtet werden unter anderem:

  • Eigelege,
  • Schlupfzeitpunkte,
  • Larvenentwicklung,
  • Schadmeldungen aus dem Wald.

Ergänzend kommen phänologische Modelle zum Einsatz, die Entwicklungsstadien regional abschätzen.

Maßnahmen werden dabei immer situationsabhängig bewertet. Entscheidend ist unter anderem:

  • Geht es um Waldschutz oder Gesundheitsschutz?
  • Wie stark ist der Befall?
  • Welche Schutzgüter befinden sich vor Ort?
  • Wie hoch ist das Risiko wiederholter Schäden?

Neben biologischen und mechanischen Verfahren werden in Einzelfällen auch Pflanzenschutzmaßnahmen geprüft, jedoch nur unter engen fachlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen.

Forschung: Noch viele offene Fragen

Der EPS bleibt ein aktuelles Forschungsthema. Untersucht werden unter anderem:

  • Populationsdynamiken,
  • natürliche Gegenspieler wie Pilze oder Insekten,
  • genetische Unterschiede zwischen Populationen,
  • Möglichkeiten einer langfristigen Regulation.

Denn je besser verstanden wird, wie sich die Art ausbreitet und entwickelt, desto gezielter lassen sich Risiken für Wald und Menschen einschätzen.

Zur Podcastreihe FVA Baden-Württemberg

„astrein: Wald.Mensch.Wissen“ ist die Podcastreihe der FVA Baden-Württemberg. In regelmäßigen Gesprächen geben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte und erläutern, welche Bedeutung neue Erkenntnisse für Waldbewirtschaftung, Waldschutz und Wildtiermanagement haben.

Alle Episoden finden Sie auf der Website der FVA Baden-Württemberg sowie auf gängige Plattformen wie Apple Podcasts und Spotify.