Die Kalamität ist gestoppt und die Wiederbewaldung ist endlich gelungen. Wie nun weiter? Die Ausweisung von wenigen Pflegetypen erleichtert, trotz knapper Finanz- und Personalmittel, die gezielte und kleinflächige Konkurrenzsteuerung in „bunten“ Mischungen von Pionier- und Klimax-Baumarten während der Jungbestandspflege. 

Die nächste Herausforderung - Jungwaldpflege

Die Wahrscheinlichkeit für großflächige Störungen in Wäldern steigt und instabile Reinbestände sind nach wie vor reichlich vorhanden. Neue Störungsflächen sind möglichst struktur- und baumartenreich wiederzubewalden, während zeitgleich die etwas stabileren Reinbestandskomplexe regulär umgebaut werden müssen (Abb. 1). Ist das geschafft, gilt es die mühsam erreichte klimawandelangepasste Mischung in diesen Jungbeständen zu erhalten und zu erziehen. Hier wartet eine Mammutaufgabe auf Waldbesitzende und Bewirtschafter, die nur mit Weit- und Übersicht effizient bewältigt werden kann. Für die umfangreichen Schadflächen ab 2018 sollten dabei zweifellos die Erfahrungen aus vorherigen Ereignissen genutzt werden. Ein wichtiger Ausgangspunkt solcher Erfahrungen war der Orkan „Kyrill“ (2007) und die daraus entstandenen Kahlflächen mit z.T. erheblicher Ausdehnung.

Heterogenität der Ausgangsbedingungen

Die Bedingungen zur Wiederbewaldung sind auf Störungsflächen stets vielfältig und die daraus resultierende zeitliche und räumliche Abstimmung der Verjüngungsziele besonders anspruchsvoll. Aus waldbaulicher Sicht besteht neben der Einbringung von Kunstverjüngung und Ergänzungspflanzungen auch die Chance, natürliche Sukzessionsprozesse zu nutzen oder alle Ansätze zu kombinieren. Das Schadgeschehen selbst, das Gelände, der Feinaufschluss, kleinstandörtliche Unterschiede, Restbestockungen, Vorausverjüngung und Naturverjüngungspotentiale usw. prägten die Charakteristik der nun pflegebedürftigen Verjüngung. Beteiligte Baumarten erfordern artspezifisches zeitliches und räumliches Vorgehen. Dies stellt die forstliche Praxis demnächst auf riesigen Flächen wiederkehrend vor enorme Herausforderungen, weil sich letztlich die Festlegung für eine rationelle Pflege kompliziert gestaltet, aber ein zu schematisches sehr einfaches Vorgehen viele mühsam errungene Bestandessituationen ruinieren könnte.

Der Lösungsansatz

Um die Chance zur Etablierung strukturierter Mischbestände, die sich auf diesen Flächen bietet, auch tatsächlich nutzen zu können, sind Vorstrukturierungen im Kopf und im Bestand erforderlich. So lassen sich die notwendigen Pflegemaßnahmen zielorientiert und mit angepasstem Aufwand realisieren. Ein genauerer Blick auf die Verjüngungssituation am Beispiel solcher Kyrill-Flächen in den ziemlich nährstoffarmen Mittelgebirgslagen des Thüringer Waldes zeigt, dass sich nach einem Verjüngungszeitraum von 12 Jahren Jungbestände, bzw. -wälder mit typischen Baumarten- und Mischungskonstellationen etabliert haben. Diese repräsentativen Baumarten- und Mischungskonstellationen können als Grundlage für konkrete waldbauliche Pflegeziele und spätere Behandlungskonzepte dienen. Sie können über so genannte Pflegetypen beschrieben und abstrahiert werden, um auf großen Störungsflächen eine Übersicht zur Flächensituation zu erhalten und diese über Arbeitsanweisungen an forstliche Unternehmer oder eigene Forstwirte zu vermitteln. Dieses Vorgehen erleichtert die anschließende Maßnahmenplanung, jedoch ohne dabei das Ziel strukturierter Mischbestände durch sehr schematisch angelegte Standard-Pflegemaßnahmen zu gefährden. Innerhalb des eigenen Naturraumes oder Revieres lohnt sich diese Vorarbeit auch deshalb, weil sie - einmal ausgearbeitet und vermittelt - auf diversen Wirtschaftsflächen wiederkehrend zum Einsatz kommen kann.

Charakterisierung von Pflegetypen

Dieses Vorgehen sollte man im eigenen Revier selbst trainieren. Unser Fallbeispiel lag im Thüringer Forstamt Oberhof (710-740 m ü. NN, auf einem mäßig trockenen Standort mit skelettarmem Silikatgestein). Der 89jährige Fichtenaltbestand war 2007 durch Kyrill auf einer Flächengröße von 4,2 ha geworfen worden. Die verhältnismäßig hohe Baumartenvielfalt der Verjüngung auf dieser Fläche ist ein Ergebnis des historisch geförderten Samenbaumangebotes (Bergahorn, Birke, Eberesche) im Norden und Westen der Störungsfläche.

Überwiegend vermittelt die Fläche zunächst den Eindruck einer intensiven Buntmischung. Eine erste Orientierungshilfe wurde durch die Feinerschließung geschaffen. Mit der 2018 durchgeführten Stichprobeninventur (auch ein einfacher Begang oder ein Drohnenbild sind zielführend) wurden sechs wiederkehrend auftretende Verjüngungssituationen und daraus resultierende Pflegetypen abgeleitet (Abb. 2). Wichtig waren dabei die (a) Baumarten und -anteile, (b) abgrenzbare Aggregatgrößen der Mischungen (Trupps und Gruppen), (c) deren räumliche Verteilung und (d) die beobachteten Wuchsdynamiken der Baumarten untereinander.

Im konkreten Fall ergab sich die Unterscheidung von sechs charakteristischen Pflegetypen:

  1. Birken-Ebereschen-Mischtrupps und -gruppen 

  2. Ebereschen Trupps und Gruppen mit Fichte im Unterstand

  3. Birkenvorwald-Gruppen mit Fichte im Unterstand

  4. Bergahorn Trupps und Gruppen

  5. Fichten-Trupps und -Gruppen

  6. Intensive Einzelbaummischung in Gruppen

Ableitung der Pflegemaßnahmen zur frühzeitigen Förderung und Konkurrenzsteuerung

Anhand der kleinflächigen Situationen lassen sich nun Pflegemaßnahmen ableiten, um einerseits die Kontinuität kleinflächiger Mischungseinheiten auf der Gesamtfläche zu gewährleisten. Andererseits können Maßnahmen umgesetzt werden, die auch waldbau-technisch ähnlich sind und somit einen sinnvollen Einsatz von Personal und Technik auf großen Flächenanteilen in Arbeitsblöcken erlauben. Dabei sind auch in diesem frühen Stadium die baumartenspezifische Entwicklungsdynamik und das Konkurrenzpotenzial zu berücksichtigen. Jeder Pflegetyp erhält eine individuelle Pflegeanleitung, die auf die Besonderheiten dieses Pflegetyps eingeht, ohne sich dabei unverhältnismäßig in Details zu verlieren.

Aufgrund der kleinräumigen Differenzierung, der hohen Pflanzendichten und der Baumdimensionen von nur 2 bis 8 cm können nur manuelle und bedingt motor-manuelle Werkzeuge für die selektive Entnahme (Abknickschere, Handsäge, Läuterungsmesser, Ringelkette, Akku-Motorsäge) eingesetzt werden. Abknick- und Ringelverfahren sind bei der Reduktion von Pionierbaumarten sinnvoll, um den Kronenschluss nicht dauerhaft zu unterbrechen und die Stockausschlagfähigkeit zu reduzieren. Der Einsatz der rückentragbaren Säge („Spacer“) bleibt in unserem Fall aufgrund des hohen Dichtstandes und fehlenden Arbeitsraumes auf die Randbereiche nahe der Feinerschließung begrenzt.

Fazit

  • Frühzeitig eingeleitete Pflegemaßnahmen auf wiederbewaldeten Kahlflächen fördern den kontinuierlichen Erhalt von Baumartenmischungen und damit die Anpassung an den Klimawandel
  • Pflegetypen sind Strukturierungshilfen, v.a. für große Störungsflächen mit vielfältiger natürlicher Sukzession, und eine einfach umsetzbare Vernetzungsmöglichkeit von kleinräumigen Struktur- und Mischungseinheiten
  • Pflegetypen erleichtern die gezielte und kleinflächige Konkurrenzsteuerung zwischen Pionier- und Klimax-Baumarten in der Jungbestandspflege (Abb. 3)
  • Die Ausweisung solcher Pflegetypen sollte mit angemessenem Aufwand vor dem eigentlichen Arbeitseinsatz erfolgen