Als Arzneipflanze wurde er erst später in Laufe des 16. Jahrhunderts eingesetzt. Volkstümlich auch Fingerkraut, Fuchskraut, Schwulstkraut, Unserer-lieben-Frauen-Handschuh, Waldglöckchen, Waldschelle genannt (12) (englischer Name: Common Foxglove), gehört er zu den besonders giftigen heimischen Pflanzen. Schon die Dosis von zwei bis drei Blättern kann für einen Menschen tödlich sein (4). Andererseits gibt nur wenige Arzneipflanzenarten, die in der Vergangenheit bis zur Gegenwart einer derart intensiven botanischen, chemischen und medizinischen Forschung unterzogen wurden wie Digitalis purpurea L. und Digitalis lanata EHRH., zwei der insgesamt 19 bekannten Digitalis-Arten (5).

Bis ins 6. Jahrhundert

Dem Roten Fingerhut wurde in früheren Zeiten (Mittelalter) nur wenig Bedeutung beigemessen Die früheste Nachricht über die medizinische Verwendung stammt aus irischen Quellen. Die Anwendungen gehen auf eine Rezeptsammlung zurück, die im 5. Jahrhundert beginnt (17). Die Droge wurde bei Geschwülsten des Unterleibs, bei Geschwüren, Kopfschmerzen, Abszessen und Lähmungen empfohlen (8). Die Gift- und Heilwirkung des Roten Fingerhuts war unbekannt. Auch wurde er im 5. Jahrhundert zur „Heilung“ verhexter Kinder – oft mit tödlichem Ausgang – eingesetzt (2). Der Fingerhut galt als Sinnbild für Schönheit und Zauberei, aber auch für List und Zauberei. 

Er wurde mit Feen in Verbindung gebracht, die der Sage nach die Blüten als Kopfbedeckung, nach anderen Überlieferungen auch als Handschuhe, trugen. So sollen böse Feen den Füchsen nicht nur beigebracht haben, sich durch das Läuten der Blumenglöckchen gegenseitig vor Jägern zu warnen. Die Blüten sollen den Rotröcken auch dazu gedient haben, auf leisen Pfoten aus dem Wald zu schleichen und in die Hühnerställe der umliegenden Dörfer zu gelangen. Vielleicht ist das ein Grund, warum die Pflanze ihren heute gültigen englischen Namen Foxglove (Handschuh des Fuchses) erhielt.

Im Mittelalter war der Rote Fingerhut aber nicht nur Gegenstand mythischer Erzählungen, sondern auch ein Bestandteil medizinischer Therapien. Vor allem „Geisteskrankheiten“ wurden damals mit der Giftpflanze behandelt (13). Menschen mit dem „bösen Blick“ mussten stets fürchten, mit dem Extrakt behandelt zu werden. Diese Therapie nahm oft einen tödlichen Ausgang. Nicht zuletzt deshalb geriet die Pflanze immer mehr in Vergessenheit.

11. bis 13. Jahrhundert

Seit dem 11. Jahrhundert wurde der Fingerhut in England therapeutisch angewandt. Eine Rezeptsammlung in walisischer Sprache aus dem 12. oder 13. Jahrhundert erwähnt erstmals eine äußerliche Anwendung der Blätter. Erstmals 1250 wurde die Pflanze durch walisische Ärzte unter den Arzneimittelpflanzen angeführt: Rhiwallon, der Leibarzt eines walisischen Prinzen, erwähnte den Einsatz von Digitalis purpurea in dem Arzneibuch „Meddygon Myddvai“, in welchem er die äußerliche Anwendung von Fingerhutblättern und den innerlichen Gebrauch gegen Kopfschmerzen beschrieb (2). Digitalis purpurea wurde ferner als Brechmittel, zur Förderung des Auswurfs bei Bronchitis und sogar gegen Schwindsucht eingesetzt. Eine weitere Art der Verwendung war der Gebrauch als „Wundpulver”.

16. Jahrhundert

Erst im 16. Jahrhundert fand der Fingerhut Eingang in die Fachliteratur (10). Der Botaniker Leonhart Fuchs gab die erste wissenschaftliche Beschreibung von Digitalis purpurea. In seinem Kräuterbuch (1543) wurde erstmals der Name „Fingerhut” (Digitalis) verwandt, da die Blütenform an den von Schneidern beim Nähen benutzten Fingerhut erinnere (Cap. CCCXLV). 

1543 berichtet er in der deutschen Ausgabe seines Kräuterbuchs: 
Ist in summa ein schön lustig kraut anzusehen, habs derhalben nit künden übergeen, unangesehen das es noch in keinem brauch ist bey den ärtzeten, so vil und mir bewüßt.“ 
Er berichtet aber weiter unter „Krafft und würckung“, wozu es in der Volksmedizin verwendet wird, und schließt dann: „Unnd in summa, haben allerley würckung so die Entian hat, welche wir oben in jrem Capitel erzelet haben. Wer selbigen begert zu wissen, der mag sie am gedachten ort suchen und lesen.“ 

Auch Tabernaemontanus (Jakob Dietrich aus Bergzabern, um 1522) wusste 1588 noch keine ärztliche Verwendung für diese Pflanze: „Wozu diese Kreuter zu gebrauchen seyn / finde ich nicht bey den Authorn.“ 

Zunehmend ist in dieser Zeit der Fingerhut als Zierpflanze auch in den Gärten zu finden (11, 9).

17. Jahrhundert

Der Fingerhut fand 1650 Eingang in die Londoner Pharmakopöen (Arzneibücher). Man gebrauchte die Pflanze damals zur Behandlung von Geschwüren. Leonhart Fuchs und Hieronymus Bock erwähnten den Fingerhut als Brech- und Abführmittel. Diese Wirkungen beruhten auf Vergiftungen und es kam auch zu Todesfällen. Der Fingerhut geriet dadurch als Droge in Verruf.

Der Rote Fingerhut symbolisiert Loyalität und Engagement. Diese Bedeutung rührt vermutlich daher, dass die Pflanze stark und widerstandsfähig ist, ähnlich wie die Eigenschaften, die sie symbolisiert. Historische Aufzeichnungen zeigen, dass diese Blume in Gedichten und Literatur erwähnt wurde, was ihre Position als Symbol für tiefe Wertschätzung weiter festigt (15).

18. Jahrhundert

Die Engländer verwendeten die Pflanze um 1700 sogar gegen die Schwindsucht. 1748 zeigten Versuche der Académie Française, dass nach Verfütterung von Fingerhut an Truthähne deren Herz, Leber, Gallenblase und Lunge geschrumpft waren. Das führte dazu, dass auch die Engländer den Fingerhut seltener anwendeten. Erst der englische Arzt William Withering griff 1775 auf ein altes Familienrezept (zur Behandlung der Wassersucht) zurück und behandelte mit Blättern des Roten Fingerhuts erfolgreich Wasseransammlungen (Ödeme), die auf eine Herzschwäche zurückzuführen waren. Angeblich gestand ihm die Ehefrau eines seiner Patienten, dass sie auf eine Kräuterfrau zurückgegriffen habe. Allerdings – so behauptet es die Legende – wollte die Kräuterfrau ihm nicht Namen und Stand der Pflanze verraten; er ließ sie beobachten und fand, dass das Elixier der Kräuterfrau Digitalis erhielt. 

Von 1776 bis 1779 führte Withering eine Reihe von Experimenten an Dutzenden seiner Herzpatienten durch. Aufgrund seiner Beobachtungen schloss er auch, dass sich das Pflanzengift des Fingerhuts im Körper anreichert, da die Wirkung des Medikamentes bei längerer Verabreichung zunahm. 1785 veröffentlichte er dann seine berühmte Abhandlung „An Account of the Foxglove and some of its Medical Uses“ (2). Mit seinen Untersuchungen legte er die Grundlage zu einer medizinisch fundierten Digitalistherapie. Im Jahre 1786 entdeckte er die richtige Dosierung sowie die herzstärkende Wirkung der Pflanze. Seinen Siegeszug begann der Rote Fingerhut, nachdem es gelang, die wirksamen Digitalisglycoside zu isolieren. 

19. Jahrhundert

Trotz des epochemachenden Berichts von Withering setzte sich die Digitalistherapie nur langsam durch, wohl wegen der geringen therapeutischen Breite des Aufgusses, da die Konzentration des Wirkstoffs in der Pflanze außerordentlich variabel ist. Digitalis wurde außerdem völlig unkritisch eingesetzt, wie die in „Neil’s Medicals Digest“ (1877) angeführten 32 Indikationen belegen. Nachdem Digitalis ursprünglich als „harntreibendes Mittel” eingesetzt worden war, zeigte Drebeyne (1786 – 1887), dass Digitalis nicht nur harntreibend wirkt, sondern auch die Herztätigkeit stärkt. 

Der Wirkstoff Digitoxin wurde 1868 durch Claude-Adolphe Nativelle (1812 – 1889) im Jahre 1867 isoliert. Der pharmakologische Wirkungsnachweis und die Isolierung des Glykosids stellten die Therapie auf eine rationalere Basis. 

Die Digitalistherapie nahm in der Folge einen großen Aufschwung, wie die Feststellung von Naunyn (1839 – 1925) belegt: „Ohne Digitalis möchte ich kein Arzt sein”. Diese Form der Therapie setzte sich jedoch anfänglich nicht durch und erst nach 1850 wurde Digitalis häufiger verschrieben. 

Viele Beschreibungen im 19. Jahrhundert belegen die große Häufigkeit von Digitalis-Intoxikationen. Der interessanteste Fall betrifft den Maler Vincent Van Gogh (1853 – 1890). Mehrere Autoren postulieren einen Zusammenhang zwischen Digitalisintoxikation und farblichen Besonderheiten seiner Bilder (2). Vincent van Gogh litt an Stimmungsschwankungen mit Depression und eventuell hatte er Epilepsie; bekannt ist seine Automutilation (Abschneiden des linken Ohrs) und sein Suizid. Er konsumierte große Mengen Absinth, der das Terpenoid Thujon enthält; die konsumierten Mengen dürften jedoch nicht ausreichen, die erwähnten Farbpräferenzen zu erklären. 

Vincent van Gogh erhielt von seinem Arzt Dr. Gachet, Kunstliebhaber und selbst Maler, nachweislich langdauernd und hochdosiert Digitalis purpurea. Typisches Merkmal einer Digitalis-Intoxikation ist Xanthopsie (Gelb-Blau-Sehen) und Halos, wie sie sich in van Goghs Bildern finden. Digitalis könnte diese Symptome durch zentralnervöse Mechanismen auslösen. Vincent van Gogh schrieb „Wie wunderbar ist die Farbe gelb!” 

Es ist allerdings als alternative Erklärung nicht auszuschließen, dass einfach persönliche Präferenz die auffallende Xanthochromie seiner Bilder erklärt. 

In Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“ (1897/98) taucht der Fingerhut als Symbol des bevorstehenden Lebensendes auf: 
Dubslav hielt die kleine Flasche gegen das Licht und tröpfelte die vorgeschriebene Zahl in einen Löffel voller Wasser. Als er sie genommen hatte, bewegte er die Lippen hin und her, etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weinsorte probt. Dann nickte er und sagte: „Ja, Engelke, nu geht es los, Fingerhut.““ (7)

20. Jahrhundert

Heute wird die ursprünglich auf Withering zurückgehende Digitalistherapie kritischer gesehen. Daher schrieb Uretsky 1986 doppeldeutig: „Is inotropic therapy appropriate for patients with congestive heart failure? Or is the digitalis leaf withering?” (Ist eine inotrope Therapie für Patienten mit Herzinsuffizienz geeignet? Oder verwelkt das Digitalisblatt?) Insgesamt bleibt die Digitalistherapie eine komplexe und kritisch bewertete Therapieoption in der Herzinsuffizienzbehandlung.

In vielen Kulturen hat der Rote Fingerhut eine besondere Stellung eingenommen. In der Viktorianischen Ära wurde er zum Beispiel verwendet, um Bewunderung und Respekt auszudrücken. Diese Blume war auch oft in Gärten der Oberschicht zu finden, was ihre Assoziation mit Eleganz und Raffinesse verstärkte (15).

21. Jahrhundert

Der Rote Fingerhut war die Giftpflanze das Jahres 2007. Der Fingerhut wurde in der Vergangenheit für Giftmorde und Suizide missbraucht (16). Vergiftungen sind dennoch allgemein selten, da die Pflanze einen stark bitteren Geschmack aufweist (6). Die ersten Anzeichen einer Vergiftung sind Übelkeit, Erbrechen, Ohrensausen, Schwindelanfälle und ein Sinken der Pulsfrequenz unter 50 Schlägen pro Minute. Alle Pflanzenteile enthalten herzwirksame Glykoside. Der Hautkontakt mit den Pflanzen ist unschädlich.

Die über siebzig bisher nachgewiesenen Glykoside machen den Fingerhut zur pharmazeutisch bedeutsamsten heimischen Wildpflanze. Alljährlich werden die Blätter in großen Mengen geerntet und zu Herzpräparaten weiterverarbeitet. Eine aktuelle Studie bestätigt nun den Nutzen der Therapie (14).

Der therapeutische Einsatz von Digitalis-purpurea-Blättern ist heute ebenso wie die Verwendung von eingestelltem Digitalis-purpurea-Pulver (Digitalis purpureae pulvis normatus DAB 10) nicht mehr üblich. Große Bedeutung besitzt die Droge demgegenüber als Ausgangsmaterial zur Gewinnung der enthaltenen herzwirksamen Glykoside, die in isolierter Form in exakter Dosierung zur Behandlung der Herzinsuffizienz verwendet werden (6). Wie norwegische Forscher festgestellt haben, wirken Fingerhutpräparate auch gegen Krebszellen (9).

Ende November 2025 erschien in der NDR–Tagesschau ein Beitrag zur Therapie von Herzschwäche mit der Überschrift “Comeback für ein uraltes Medikament aus der Natur“ (18). Beschrieben wird der aus dem Roten Fingerhut gewonnene giftige Wirkstoff gegen Herzschwäche, der zuletzt kaum noch verordnet, nun aber nach einer neuen Studie wieder an Aktualität gewinnt.

Im Bereich der der Biologisch-Dynamischen Wirtschaftsweise wird bei Düngung von Kali zur besseren Aufnahme des Kaliums durch die Pflanze das Pflanzengift des Roten Fingerhuts eingesetzt (1). Auch wird beschrieben, zusätzlich Digitalis-Tinktur auf dem Feld einzusetzen: der Fingerhut soll nicht nur die Nährstoffaufnahme verbessern, sondern auch eine Belebung der Stoffwechselvorgänge in der Pflanze sowie zwischen Boden und Pflanze bewirken (3).

Literatur

(1) Heinze, H. (1983): Zur Frage der Mineraldüngung. In: Mensch und Erde. CH-Dornach.

(2) Ritz, E. und W. Schoner (2008): Von Digitalis purpurea zur Krötenhaut. Eine historische Betrachtung Digitalisanaloger Säugetierhormone. Dtsch Med Wochenschr. 133(51/52): 2690–2694.

(3) Spieß, H. (2003): Fingerhut verbessert Kaliwirkung – Zur Anwendung von Rotem Fingerhut (Digitalis purpurea) im Biologisch-Dynamischen Landbau. Lebendige Erde 1/2003: 44–49.

(4) Van Wyk, Ben-Erik (2004): Handbuch der Arzneipflanzen. Stuttgart.

(5) Wichtl, M. (2001): Digitalis L. - Fingerhut (Scrophulariaceae) – eine wichtige Arzneipflanzengattung. Stapfia 75, zugleich Kataloge des OÖ. Landesmuseums, Neue Folge Nr. 164, S. 89–100. © Biologiezentrum Linz/Austria; Download unter www.biologiezentrum.at.

Weblinks, Internetaufrufe

(6) www.pharmakobotanik.de/systematik/6_droge/digi-p-f.htm

(7) de.wikipedia.org/wiki/Roter_Fingerhut

(8) www.bgbm.org/de/pflanze/roter-fingerhut

(9) www.bionity.com/de/lexikon/Roter_Fingerhut.html

(10) www.pta-forum.de/pflanzen/fingerhut-122819/

(11) anthrowiki.at/Roter_Fingerhut_(Digitalis_purpurea)

(12) www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=13435.0

(13) www.gangolf-apotheke.de/fachartikel/roter-fingerhut/

(14) herzstiftung.de/service-und-aktuelles/herzmedizin/digitalis-praeparate-herzschwaeche

(15) www.picturethisai.com/de/language-flower/Digitalis_purpurea.html

(16) www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Roter_Fingerhut

(17) www.paracelsus.de/magazin/ausgabe/202106/unsere-heilpflanze-roter-fingerhut

(18) www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/herzschwaeche-digitalis-100.html