Todtnau – Nutzung früher als angenommen
Todtnau und Hinterzarten reichen bis an den Feldberg (1.493 m) und gelten als Schlüsselräume für die Landschaftsgeschichte des Hochschwarzwaldes. Lange wurde angenommen, größere Rodungen und eine intensive Nutzung der Urwälder hätten hier erst im Hochmittelalter eingesetzt. Bis etwa 1.000 n. Chr. sei das Gebiet weitgehend unbesiedelt gewesen, mit Resten von Tannen-Buchen-Urwäldern bis in die Neuzeit.
Todtnau verfügt heute über rund 5.000 Hektar Wald. Nahezu der gesamte Stadtwald liegt in Schutzgebieten (FFH-, Vogel- und Naturschutzgebiete sowie Biosphärengebiet). Große Flächen wurden als Ausgleich für Siedlungsentwicklung sowie Tourismus und Wintersport ausgewiesen.
Die verbreitete Annahme eines bis ins Hochmittelalter weitgehend ungenutzten Urwaldes prägt bis heute die Bewertung der Bestände. Zugleich wird darauf verwiesen, dass die Aufforstungen der letzten rund 230 Jahre vielerorts zu fichtengeprägten Reinbeständen geführt haben.
Frühe Nutzung statt spätem Beginn
Neue archäologische und archäobotanische Befunde zeichnen ein anderes Bild der Landschaftsentwicklung. Waldverändernde Nutzungen setzten im Südschwarzwald bereits im 1. Jahrtausend v. Chr. ein. Zwar fehlen für Todtnau selbst noch eindeutige Siedlungsfunde aus der Eisenzeit, doch in zahlreichen Tälern des inneren Südschwarzwaldes wurden in den letzten Jahren entsprechende Spuren entdeckt. Auch im Wiesental liegen Hinweise auf menschliche Aktivitäten aus dieser Zeit vor.
Pollenanalysen und weitere Untersuchungen im Schluchseegebiet, am Titisee und sogar im hoch gelegenen Feldsee belegen frühe Entwaldung und landwirtschaftliche Nutzung nach 1.000 v. Chr. Damit ist klar: Die höheren Lagen waren deutlich früher genutzt, als lange angenommen.
Konsequenzen für die Bewertung der Waldgeschichte
Mit Rodungen, Brandnutzung und Holzentnahmen wurden bereits in der Antike Weideflächen erweitert. Als im Hochmittelalter Siedlungen entstanden und der Bergbau einsetzte, knüpfte man an eine bereits über Jahrhunderte geprägte Kulturlandschaft an. Die Wald-Weide-Reutberg-Nutzung setzte sich fort und wurde intensiviert.
Aus archäologischer Sicht ist deshalb festzuhalten: Unberührte Urwälder gab es im Hochmittelalter im heutigen Biosphärengebiet nicht mehr. Nach der Römerzeit kehrte kein geschlossener Urwald zurück. Landschaftsprägend war bereits vor über 1.000 Jahren ein genutzter Kulturwald.
Historische Referenzzustände müssen differenziert betrachtet werden. Die Vorstellung eines spät genutzten „Naturwaldes“ greift zu kurz und beeinflusst bis heute Zielbilder in Naturschutz und Waldbewirtschaftung.
Landschaftsentwicklung seit 1790 – vom Mangel zum Waldreichtum
Um 1790 lag der Waldanteil in vielen Gemarkungen des heutigen Biosphärengebietes bei 18 Prozent oder weniger. Auch Todtnau präsentierte sich weitgehend waldfrei (Abb. 1). Historische Karten und Darstellungen um 1850 belegen eine offene Landschaft mit Weideflächen, Reutbergen, Felsen und ausgedehnten Geröllhalden (Abb. 2 und Abb. 3). Selbst 1873 waren neu entstandene Waldflächen noch niedrig, lückig und wenig stabil. Am Hasenhorn traten massive Erosionsschäden auf – heute durch Aufforstung saniert.
Der heutige Waldreichtum ist Ergebnis eines langfristigen Waldaufbauprogramms über mehrere Generationen hinweg. Unter Mitwirkung der Bevölkerung wurden ehemalige Weideflächen aufgeforstet, lückige Bestände geschlossen und Mischwälder begründet. Lichte Weidewälder wurden zu Hochwäldern entwickelt (Abb. 2).
Der aktuelle Waldzustand ist kein historischer Normalzustand, sondern Resultat aktiver forstlicher Steuerung seit über 200 Jahren. Große Teile der Hochlagen waren um 1800 von Reutbergen, aufgelichteten Weidewäldern und Niederwald geprägt – auch im Umfeld der Siedlungen. Einzelne Teilorte wie Gschwend oder Präg wiesen zwar höhere Waldanteile von über 30 Prozent auf, insgesamt lag der Anteil im Gebiet jedoch bei rund 18 Prozent.
Die Entwicklung zeigt, wie stark Waldbild, Schutzfunktionen und Stabilität durch langfristige Bewirtschaftung geprägt sind – ein zentraler Befund für aktuelle Diskussionen zu Referenzzuständen und Entwicklungszielen.
Aufforstung, Waldumbau und Pflege – aktives Handeln statt Selbstentwicklung
Die Wälder um 1790 waren Teil einer intensiv genutzten Feld-Wald-Kulturlandschaft. Teilweise wird angenommen, die heutigen Bestände seien vor allem durch natürliche Sukzession aus lichten Waldstadien des späten 18. Jahrhunderts entstanden. Die historischen Befunde zeigen jedoch ein anderes Bild: Der heutige Wald ist Ergebnis gezielter Aufforstung, konsequenter Waldpflege und waldbaulicher Steuerung.
Aus übernutzten, strukturarmen Restbeständen, aus Wiesen, Reutbergen und landwirtschaftlich genutzten Flächen entstanden durch planmäßigen Waldaufbau leistungsfähige Hochwälder. Die Ausgangsfläche von rund 18 Prozent Waldanteil wurde in etwa 230 Jahren auf 76 Prozent erhöht. Dabei wurde nicht ausschließlich Fichte gepflanzt. Neben Pflanzungen spielte die gelenkte Sukzession eine wichtige Rolle: natürliche Verjüngung wurde bewusst genutzt und waldbaulich geführt.
Der Vergleich historischer Darstellungen von 1850 mit der heutigen Situation macht die Dimension deutlich: Aus einer weitgehend waldfreien Landschaft entwickelte sich eine von Mischwäldern geprägte Stadtumgebung (Abb. 1 und Abb. 4).
Für die Praxis ergeben sich zwei zentrale Lehren:
- Waldentwicklung in dieser Region ist seit Jahrhunderten aktiv gestaltet.
- Stabilität, Mischungsanteil und Schutzfunktionen sind Ergebnis forstlicher Planung – nicht zufälliger Naturentwicklung.
Angesichts aktueller Dürreschäden und Kahlflächen zeigt sich zudem: Klimaschutz und Risikovorsorge erfordern weiterhin rasche Aufforstung mit standortgerechten Mischbaumarten und konsequente Pflege (Abb. 5).
Hinterzarten – Waldentwicklung als Gestaltungsprozess
Hinterzarten liegt östlich des Feldbergs und ist heute ein bedeutender Raum für Naherholung, Wander- und Wintersport. Dorf und Umgebung gelten als besonders harmonische Kulturlandschaft – ein Eindruck, der wesentlich durch die Wälder geprägt wird.
Auch hier entstand der heutige Zustand durch gezielte landeskulturelle Entwicklung seit dem 18. Jahrhundert. Drei Prozesse waren maßgeblich:
- junge, lückige Bestände wurden zu Hochwäldern aufgebaut,
- Wiesen und Weiden systematisch aufgeforstet,
- Reut- und Weidberge durch gelenkte Naturverjüngung und Pflege in strukturreiche Mischwälder überführt (Abb. 6 und Abb. 7).
Der Waldanteil erhöhte sich von rund 18 Prozent auf heute etwa 75 Prozent (Abb. 7). Wie in Todtnau dominieren inzwischen Mischwälder.
Die als „natürlich gewachsen“ empfundene Landschaft ist damit Ergebnis langfristiger waldbaulicher Entscheidungen. Mischungsanteil, Stabilität und Erholungswert beruhen auf aktiver Bewirtschaftung und kontinuierlicher Pflege.
Aufbau der Kulturwälder – Bewertung zwischen Idealbild und Realität
Die Ausweitung der Kulturwälder wird nicht von allen positiv bewertet. Wer von einer sehr langen Urwaldphase ausgeht und diesen Zustand als Zielbild versteht, misst vor allem alten Buchen- oder Tannen-Buchen-Wäldern mit hohem Totholzanteil besonderen Wert bei. Junge und mittelalte Mischwälder werden dagegen oft geringer eingeschätzt, ebenso fichten- oder douglasiengeprägte Bestände.
Eine solche, stark am Urwald orientierte Bewertung blendet jedoch die jahrtausendelange Landschaftsentwicklung aus. Die heutigen Wälder im Biosphärengebiet sind überwiegend Kulturwälder – bewusst aufgebaut, gepflegt und weiterentwickelt. Sie als „Defizit“ gegenüber einem fiktiven Naturzustand zu betrachten, greift zu kurz.
Auch Kulturwälder beruhen auf natürlichen Prozessen. Von der Pflanzung bis zur Nutzung sind Bestände über viele Jahrzehnte Witterung, Konkurrenz, Störungen und Sukzession ausgesetzt. Waldbau lenkt diese Prozesse, ersetzt sie aber nicht.
Entscheidend ist daher eine differenzierte Bewertung:
- Der Kulturwald sichert die dauerhafte Waldfläche („grüne Waldsubstanz“).
- Er ermöglicht gezielten Mischungsaufbau und Anpassung an Klimarisiken.
- Er erbringt hohe Ökosystemleistungen – von Holzproduktion über Schutzfunktionen bis zur Erholung.
Die historischen Beispiele aus Hinterzarten zeigen: Aus lichten Weidewäldern mit rund 18 Prozent Waldanteil entstanden durch planmäßigen Umbau und Aufforstung strukturreiche Hoch- und Mischwälder (Abb. 6 bis Abb. 8). Diese Entwicklung ist Ergebnis aktiver Gestaltung – und Grundlage der heutigen Stabilität.
Ausblick – Handlungsspielräume sichern
Im Biosphärengebiet wird diskutiert, den Wald der Zukunft möglichst frei von Baumarten zu halten, die im nacheiszeitlichen Urwald nicht vorkamen. Betroffen wären unter anderem Fichte, Robinie, Douglasie oder Mammutbaum. Eine solche pauschale Einschränkung steht jedoch im Spannungsfeld zu den Anforderungen der Klimaanpassung.
Gleichzeitig geraten ehemals häufige Arten wie Esche und Bergulme durch veränderte biologische Rahmenbedingungen stark unter Druck. Kulturwälder sind darauf angewiesen, geeignete Baumarten gezielt einzubringen, um Ausfälle zu kompensieren und Bestände an veränderte Standorte und Klimabedingungen anzupassen.
Die Entwicklung der vergangenen 230 Jahre zeigt: Stabilität, Wasserschutz, Klimaschutz und Erholungsfunktion beruhen auf aktivem Waldaufbau. Diese Leistungen sollten im Schutzgebietsmanagement ausdrücklich berücksichtigt werden.
Für Gemeinden und Städte im Schwarzwald bedeutet das: Die Ökosystemleistungen der Wälder – Kohlenstoffbindung, Trinkwassersicherung, Schutz vor Erosion sowie touristischer Wert – müssen fachlich fundiert kommuniziert und in Planungen eingebunden werden. Eine zukunftsfähige Waldentwicklung erfordert waldbauliche Flexibilität anstelle starrer historischer Leitbilder.
Autor des Originalartikels: Dr. Helmut Volk war Leiter der Abteilung Landespflege der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) in Freiburg. Zurzeit arbeitet er für die Arbeitskreise Flussauen und Auewälder sowie für den Arbeitskreis Kulturwälder.















