Natura 2000 im Wald: Beratung schafft Klarheit

Das europäische Schutzgebietsnetzwerk Natura 2000 soll die biologische Vielfalt und wertvolle Lebensräume dauerhaft erhalten. In Baden-Württemberg liegen rund ein Viertel der Waldfläche und zahlreiche ökologisch bedeutsame Lebensräume innerhalb dieser Gebietskulisse. Für jedes Gebiet legen Managementpläne fest, welche Arten und Lebensraumtypen erhalten oder entwickelt werden sollen.

Die Umsetzung dieser Ziele erfolgt jedoch nicht auf der Ebene der Managementpläne, sondern in der täglichen forstlichen Praxis. Genau hier entstehen häufig Fragen: Welche Schutzgüter befinden sich auf den eigenen Flächen? Welche Maßnahmen sind erforderlich? Und wie lassen sich Naturschutz und wirtschaftliche Waldbewirtschaftung sinnvoll miteinander verbinden?

Um Waldbesitzende und Forstbetriebe dabei zu unterstützen, entwickelte die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA BW) im Auftrag der Landesforstverwaltung das Konzept einer Waldnaturschutzberatung, das derzeit an ausgewählten unteren Forstbehörden erprobt wird. Sie verbindet die Ziele der Natura-2000-Managementpläne mit den Anforderungen der forstlichen Praxis und begleitet Betriebe bei der Umsetzung geeigneter Maßnahmen.

Warum Natura 2000 im Wald besondere Anforderungen stellt

Für die Umsetzung der Natura-2000-Managementpläne sind in Baden-Württemberg die unteren Naturschutzbehörden verantwortlich. Im Wald übernehmen die unteren Forstbehörden dabei eine zentrale Rolle. Grundlage hierfür ist eine Vereinbarung zwischen Umwelt- und Forstressort, nach der die Landesforstverwaltung das Erhaltungsmanagement der Natura-2000-Schutzgüter im Wald umsetzt.

Die größte Herausforderung besteht darin, die Managementziele eines Natura-2000-Gebiets in die Bewirtschaftung einzelner Forstbetriebe zu übertragen. Viele Waldbesitzende wissen bislang nicht genau, welche Schutzgüter auf ihren Flächen vorkommen oder welche Maßnahmen daraus folgen. Teilweise sind auch die verfügbaren Datengrundlagen unvollständig. Das führt nicht selten zu Unsicherheit und dazu, dass notwendige waldbauliche Maßnahmen aus Vorsicht unterbleiben.

Genau an dieser Schnittstelle setzt die Waldnaturschutzberatung an: Sie schafft Transparenz, ordnet die Anforderungen den einzelnen Betrieben zu und entwickelt gemeinsam mit den Waldbesitzenden praktikable Lösungen für eine Natura-2000-konforme Waldbewirtschaftung. 

Waldnaturschutzberatung verbindet Planung und Praxis

Die Landesforstverwaltung reagierte 2018 auf die bislang nur eingeschränkt umgesetzten Managementpläne und beauftragte die FVA BW mit der Entwicklung eines Konzepts für ein koordiniertes Natura-2000-Gebietsmanagement im Wald. Daraus entstand die heutige Waldnaturschutzberatung (WNS-Beratung), die derzeit an ausgewählten unteren Forstbehörden erprobt wird.

Ihr Ziel ist es, Forstbetriebe bei einer Natura-2000-konformen Waldbewirtschaftung zu unterstützen. Dabei beschränkt sich die Beratung nicht auf einzelne Naturschutzmaßnahmen. Vielmehr verbindet sie den Erhalt wertvoller Lebensräume mit den betrieblichen Zielen einer nachhaltigen und wirtschaftlich tragfähigen Waldbewirtschaftung.

Die Waldnaturschutzberatung bringt Forstverwaltung, Naturschutz und Waldbesitzende zusammen. So können Natura-2000-Maßnahmen gemeinsam geplant und auf Gebietsebene koordiniert werden (Abb. 2).

Ein wesentliches Merkmal des Konzepts ist der betriebsübergreifende Ansatz. Die Beratung erfolgt unabhängig von Eigentumsgrenzen und verbindet die Managementpläne eines Natura-2000-Gebiets mit der praktischen Bewirtschaftung der einzelnen Forstbetriebe. Waldbesitzende werden dabei als Partner des Waldnaturschutzes aktiv in die Planung geeigneter Maßnahmen eingebunden.

So arbeitet die Waldnaturschutzberatung

Im Mittelpunkt stehen speziell qualifizierte Waldnaturschutzberatende der unteren Forstbehörden. Sie sind die zentralen Ansprechpersonen für Waldbesitzende und verbinden forstliches sowie naturschutzfachliches Wissen. Neben der Beratung koordinieren sie die Zusammenarbeit zwischen Forst- und Naturschutzverwaltung sowie weiteren Beteiligten.

Zu Beginn wird durch die FVA BW für jedes Natura-2000-Gebiet analysiert, welche Schutzgüter für das Erhaltungsmanagement besonders relevant sind. Hierzu werden die Schutzgüter zunächst nach der Bedeutung ihres Erhaltungsmanagements priorisiert und anschließend mit den Schutzgutanteilen der einzelnen Forstbetriebe verknüpft. Anschließend wird ermittelt, welche Forstbetriebe von diesen Schutzgütern betroffen sind. Auf dieser Grundlage erhalten die Betriebe eine Einschätzung ihres Handlungsbedarfs (Abb. 3). 

Nicht jedes Schutzgut erfordert dabei zusätzliche Maßnahmen. Viele Arten und Lebensraumtypen können bereits durch eine naturnahe Waldbewirtschaftung, die Umsetzung der Waldbaurichtlinie Baden-Württemberg, Alt- und Totholzkonzepte und die Erhaltung geschützter Waldbiotope gesichert werden. Wo dies nicht ausreicht, entwickeln die Waldnaturschutzberatenden gemeinsam mit den Betrieben standortbezogene Maßnahmen. Dazu können beispielsweise zusätzliche Habitatbaumgruppen oder spezielle Pflegekonzepte gehören. Die endgültige Entscheidung erfolgt stets nach einer Bewertung der örtlichen Situation. 

Gemeinsam Schwerpunkte setzen

Auf Grundlage der Managementpläne analysieren die Waldnaturschutzberatenden zunächst die aktuelle Situation im jeweiligen Natura-2000-Gebiet und leiten daraus den Handlungsbedarf ab. Gemeinsam mit der Naturschutzverwaltung werden anschließend räumliche Maßnahmenschwerpunkte abgestimmt. Auch der ehrenamtliche Naturschutz wird mit seiner Artenkenntnis frühzeitig einbezogen.

Anschließend beginnt die Beratung der einzelnen Forstbetriebe. In gemeinsamen Auftaktveranstaltungen werden die Schutzgutbetroffenheiten vorgestellt und die Ziele des Natura-2000-Managements erläutert. Darauf folgen einzelbetriebliche Beratungsgespräche, in denen konkrete Maßnahmen für die jeweiligen Waldflächen entwickelt und Fördermöglichkeiten besprochen werden.

Ein besonderer Bestandteil des Konzepts sind betriebs- und besitzartenübergreifende Gesprächsrunden. An diesen „Runden Tischen“ kommen alle Betriebe zusammen, die gemeinsam Verantwortung für bestimmte Schutzgüter tragen. Dadurch lassen sich Maßnahmen über Eigentumsgrenzen hinweg koordinieren und Natura-2000-Ziele auf Gebietsebene wirksam umsetzen. 

Mehr Planungssicherheit für die Betriebe

Ein weiterer Baustein der Waldnaturschutzberatung ist die Dokumentation der geplanten und umgesetzten Maßnahmen. Sie schafft Transparenz über die Erhaltungsziele und erleichtert den Betrieben die Einhaltung des Verschlechterungsverbots. Gleichzeitig wird deutlich, welche Handlungsspielräume trotz der Schutzgebietsausweisung bestehen. Die Dokumentation erhöht zudem die Verbindlichkeit der vereinbarten Maßnahmen und schafft eine belastbare Grundlage für die weitere Planung. 

Langfristig sollen die Ergebnisse des Gebietsmanagements auch in die Forsteinrichtung der Betriebe einfließen. Damit werden flächenscharfe Naturschutzmaßnahmen zu einem festen Bestandteil der betrieblichen Planung und schaffen zusätzliche Planungssicherheit für Waldbesitzende.

Pilotprojekt liefert wichtige Praxiserfahrungen

Seit 2023 wird die Waldnaturschutzberatung an zehn unteren Forstbehörden in Baden-Württemberg erprobt. Ziel der Pilotphase ist es, das Konzept unter vielfältigen Rahmenbedingungen zu testen, Praxiserfahrungen zu sammeln und die begleitenden digitalen Werkzeuge weiterzuentwickeln. Daher liegen die ausgewählten Pilotgebiete in unterschiedlichen Naturräumen und unterscheiden sich hinsichtlich ihrer natürlichen Ausstattung sowie der Eigentumsverhältnisse (Abb. 4).

Je nach Startzeitpunkt und personeller Besetzung befinden sich die Pilotstandorte in unterschiedlichen Bearbeitungsphasen. Ein gemeinsamer Schwerpunkt ist derzeit die Analyse der Natura-2000-Gebiete, die Festlegung von Maßnahmenschwerpunkten sowie deren Abstimmung mit der Naturschutzverwaltung. Unterstützt werden die Waldnaturschutzberatenden dabei durch standardisierte Arbeitsvorlagen und ein speziell entwickeltes Werkzeug im Waldnaturschutz-Informationssystem der FVA BW (wnsinfo.fva-bw.de/). Perspektivisch soll dieses System auch die Dokumentation der umgesetzten Maßnahmen sowie den Datenaustausch mit weiteren forstlichen Planungssystemen erleichtern. 

Erste Ergebnisse zeigen den Mehrwert

Bereits während der Pilotphase zeichnet sich ab, dass die Waldnaturschutzberatung die Zusammenarbeit aller Beteiligten verbessert. Die Beratenden haben sich in vielen Landkreisen als zentrale Ansprechpartner für Fragen des Waldnaturschutzes etabliert. Gleichzeitig wurde der Austausch zwischen Forst- und Naturschutzverwaltung, ehrenamtlichem Naturschutz sowie benachbarten Landkreisen intensiviert.

Auch für die Waldbesitzenden ergeben sich konkrete Vorteile. Durch die Zuordnung der Schutzgüter zu den einzelnen Betrieben wird transparent, welche Natura-2000-Ziele die eigenen Flächen betreffen und welche Handlungsmöglichkeiten bestehen. Darüber hinaus informiert die Beratung über Förderprogramme und unterstützt bei deren Beantragung.

Im Rahmen der Pilotphase konnten bereits zahlreiche Maßnahmen umgesetzt werden. Dazu zählen unter anderem die Ausweisung zusätzlicher Habitatbaumgruppen und Waldrefugien, die Anlage von Lebensräumen für die Gelbbauchunke sowie Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen in Lichtwäldern, Waldrändern und Steppenkiefernwäldern. Auch Mischwuchsregulierungen zugunsten der Bechsteinfledermaus gehören zu den bereits realisierten Projekten. 

Viele Schutzgüter profitieren bereits von einer naturnahen Waldbewirtschaftung sowie der konsequenten Umsetzung von Alt- und Totholzkonzepten (Abb. 5).

Ausblick für die Praxis

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Waldnaturschutzberatung einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der Natura-2000-Managementpläne leisten kann. Sie schafft Transparenz, stärkt die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten und unterstützt Waldbesitzende dabei, Naturschutzmaßnahmen in ihre Bewirtschaftung zu integrieren.

Nach Abschluss der Pilotphase soll das Konzept weiterentwickelt und mittelfristig landesweit eingeführt werden. Ziel ist es, den Waldnaturschutz dauerhaft als festen Bestandteil einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung zu etablieren und die biologische Vielfalt im Wald langfristig zu sichern. 

Für Waldbesitzende und Forstbetriebe bedeutet das konkret:

Die Waldnaturschutzberatung unterstützt Waldbesitzende dabei, Natura-2000-Anforderungen verständlich einzuordnen und praxisgerecht umzusetzen. Sie verbindet Naturschutz mit einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung und begleitet Betriebe bei Planung, Förderung und Umsetzung geeigneter Maßnahmen.

Die WNS-Beratung …

  • zeigt, welche Natura-2000-Schutzgüter den eigenen Betrieb betreffen.
  • entwickelt gemeinsam mit den Waldbesitzenden standortbezogene Maßnahmen.
  • unterstützt bei der Auswahl und Beantragung von Förderprogrammen.
  • fördert den Austausch zwischen Forstbetrieben und Naturschutzverwaltung.
  • verbindet Naturschutz mit einer nachhaltigen und wirtschaftlich tragfähigen Waldbewirtschaftung.