Hakenkiefer – ein Begriff, der manche stutzig machen dürfte. Die Bezeichnung Hakenkiefer stammt von einem kleinen Haken an der Spitze der Zapfenschuppen, der jedoch nicht bei jedem Exemplar ausgeprägt sein muss. Doch was ist eine Hakenkiefer überhaupt? Die genaue taxonomische Stellung der Baumart ist wissenschaftlich noch nicht sicher geklärt. Ob es sich also um eine eigene Art oder lediglich eine Unterart oder Varietät der Bergkiefer (Pinus mugo) handelt, ist Gegenstand eines aktuellen Forschungsvorhabens des Bundesamtes für Naturschutz. Bisher wird die Hakenkiefer zur Artengruppe der Bergkiefer (Pinus mugo agg.) gestellt. Sie ist im Gegensatz zur üblichen Bergkiefer (Latsche) durch einen aufrechten, baumförmigen Wuchs gekennzeichnet. Aufrecht wachsende Bergkiefern gibt es auch in Mooren – hier werden sie jedoch als eigene Unterart Spirke (Pinus mugo subsp. rotundata) bezeichnet. Vorkommen der Hakenkiefer gibt es in den Pyrenäen und im Alpenraum. In Deutschland finden sich nur in den bayerischen Alpen verstreute Vorkommen, Schwerpunkte sind das Wimbachgries in den Berchtesgadener und das Friedergries in den Ammergauer Alpen sowie die Schotterterrassen des Isar-Oberlaufes.

Was sind Hakenkiefernwälder?

Hakenkiefernwälder stehen syntaxonomisch bislang bei den Schneeheide-Kiefernwäldern (Erico-Pinetum), mit denen sie viele floristische und standörtliche Gemeinsamkeiten haben. Sie werden in Natura-2000-Gebieten als Wald-LRT nach Anhang I der FFH-Richtlinie geschützt (LRT 9430(*)). Alle bayerischen Vorkommen gehören zur prioritären Ausprägung auf Gips- oder Kalksubstrat. Weiterhin unterliegen sie, wie auch die Schneeheide-Kiefernwälder, als Wälder trockenwarmer Standorte dem gesetzlichen Biotopschutz. Der LRT befindet sich in Bayern an seiner nordöstlichen Verbreitungsgrenze und bildet häufig offene, lichte Wälder mit gut entwickelter Strauch- und Krautschicht aus. In der Baumschicht dominiert die Hakenkiefer- (Pinus mugo agg.), manchmal sind Waldkiefer (Pinus sylvestris), Fichte (Picea abies) oder Lärche (Larix decidua) beigemischt.

Standörtliche Ansprüche und Abgrenzung zu anderen Kiefern-LRT

Standörtlich findet man den LRT vor allem auf Schuttfächern oder Schuttkegeln und im Bereich alpiner Flusstäler an Prallhängen oder auf Schotterterrassen. Einzelne Vorkommen stocken auch auf exponierten Felsrippen- und Graten. Entscheidend für eine Kartierung als LRT 9430(*) ist deshalb das Vorhandensein von mindestens 30 % aufrecht wachsender Bergkiefern in der Baumschicht auf nicht vernässten Mineral- und Skeletthumusböden. Bestände aufrecht wachsender Bergkiefern auf Torfsubstrat werden dem LRT 91D0* “Moorwälder” zugeordnet. Krummholzgebüsche mit gewöhnlichen, buschförmigen Latschen werden zum LRT 4070* “Latschen- und Alpenrosengebüsche” gestellt. Von Waldkiefern dominierte Schneeheide-Kiefernwälder gehören nicht zum LRT. Hinsichtlich der Bodenvegetation sind Hakenkiefernwälder gekennzeichnet durch Trockenheits- und Kalkzeiger, wie z. B. Rotbraune Stendelwurz (Epipactis atrorubens), Zwergbuchs (Polygala chamaebuxus) und Schneeheide (Erica carnea). Die Gesellschaft beheimatet weiterhin eine Vielzahl geschützter Arten, wie den Frauenschuh (Cypripedium calceolus), den Dreizehenspecht (Picoides tridactylus) und den Graublauen Bläuling (Pseudophilotes baton).

Aufgrund der natürlicherweise oftmals sehr lichten Bestände wird der LRT bereits ab einer Kronenüberschirmung von 25 % als Wald-LRT erfasst. Darunter erfolgt eine LRT-Erfassung meist als Offenland in Zuständigkeit der Umweltverwaltung. Der LRT tritt häufig in inniger Verzahnung mit Offenlandbiotopen wie z. B.Kalkmagerrasen oder Uferbiotopen alpiner Flüsse auf. Vielerorts lässt sich eine Entwicklung von jungen Hakenkiefernbeständen auf frisch überschotterten Bereichen hin zu älteren Beständen auf stärker konsolidierten Böden mit fortgeschrittener Humusanreicherung beobachten. Im Verlauf dieser Entwicklung steigt der Fichtenanteil in den Beständen häufig deutlich an, während die Verjüngung der Hakenkiefer abnimmt. Daraus lässt sich eine Abhängigkeit der Hakenkiefernbestände von Störungen wie frischen Überschotterungen durch Steinschlag oder Hochwasser ableiten.

Erfassung der Hakenkiefernwälder innerhalb der FFH-Gebiete

1999 wurde die Definition des LRT 9430(*) “Hakenkiefernwälder” überarbeitet und auf Bestände mit dominierender Hakenkiefer (Pinus uncinata) beschränkt. Wälder mit vorherrschender Waldkiefer (Pinus sylvestris) fielen somit heraus, sodass der LRT in Deutschland anschließend als nicht präsent galt. Ringler (2015) zeigte jedoch, dass es in Deutschland durchaus einige Bestände mit dominierender aufrechter Bergkiefer gibt, mit der Konsequenz, dass der LRT 2017 von der EU-Kommission wieder auf die Referenzliste der Lebensraumtypen für Deutschland gesetzt wurde. Deshalb musste dieser Wald-LRT für die FFH-Managementplanung und für die FFH-Berichtspflicht in Bayern nacherfasst und bewertet werden. In den beiden FFH-Gebieten Nationalpark Berchtesgaden (8342-301) sowie Falkenstein, Alatsee, Faulenbacher- und Lechtal (8430-303) erfolgte dies im Zuge der regulären Managementplanerstellung. Für weitere acht FFH-Gebiete wurden die Hakenkiefernwälder im bayerischen Alpenraum bis 2023 nacherfasst.

Fernerkundliche Vorkartierung

Um die Nachkartierung des LRT 9430(*) effizient zu gestalten, wurde vor der eigentlichen Geländeerhebung eine Stereo-Luftbildinterpretation auf Basis aktueller, amtlicher Luftbilder aus den Jahren 2018 und 2020 durchgeführt. Die Daten stammen vom Bayerischen Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung. Für alle FFH-Gebiete, in denen laut Ringler (2015) Vorkommen der Hakenkiefer dokumentiert sind oder die sich in deren Umkreis befinden, wurde die gesamte Gebietskulisse systematisch im Stereo-Luftbild auf potenzielle Hakenkiefernwälder überprüft – insgesamt rund 100.000 ha.

Die Kronen der Hakenkiefer reflektieren im Falschfarbeninfrarot relativ dunkel – in den Farbtönen Blau bis Weinrot. Damit ähneln sie farblich der Latsche und der Waldkiefer, sind jedoch häufig etwas dunkler (Abbildung 2). Da sich die spektralen Reflexionseigenschaften dieser drei Arten überschneiden, ist zur sicheren Differenzierung die dreidimensionale Information des Stereo-Luftbilds erforderlich. Hierüber lassen sich sowohl die Oberflächenstruktur als auch die Baumhöhe bzw. Bestandshöhe beurteilen. Hakenkiefern erreichen in der Regel Höhen von 3 bis 10 m, in Ausnahmefällen bis zu 15 m, und bleiben damit deutlich kleiner als die wüchsigeren Waldkiefern. Die Krone der Hakenkiefer ist dichter und kompakter als die der Waldkiefer. Besonders schwierig gestaltet sich die Unterscheidung auf steilen Hartkalkfelsen, wo auch die Waldkiefer aufgrund der extremen Standortbedingungen nur geringes Höhenwachstum zeigt. Verjüngungsbestände der Hakenkiefer lassen sich von der Latsche durch verstärktes Wachstum in der Krone und die rundlichere Kronenformen im Stereo-Luftbild abgrenzen. Latschen treiben an der Basis stärker aus und haben daher meist eine flache, geschlossene Oberfläche mit einzelnen spitzen Ästen. Dennoch ist die Unterscheidung zwischen Latsche und Hakenkiefer – selbst im 3D-Modell – gelegentlich schwierig.

Insgesamt wurden über die Stereo-Luftbildinterpretation etwa 250 ha potenzielle Hakenkiefernbestände ausgewiesen und als Grundlage für die Geländearbeit zur Verfügung gestellt.

Erfassung im Gelände

Im Anschluss an die fernerkundliche Vorkartierung fanden im Jahr 2023 die Kartierungen und die Erfassung der Bewertungsparameter im Gelände statt. Nicht alle Flächen konnten aufgrund der Steilheit des Terrains begangen werden – hier erfolgte die Bestätigung der Bestände optisch mittels eines Fernglases.

Auch im Gelände gestaltete sich die Unterscheidung zwischen Hakenkiefer und Waldkiefer auf manchen Standorten schwierig. Teilweise ähneln sich Habitus und Nadelmerkmale beider Arten stark. Die eindeutige Identifikation einer Waldkiefer ist dann nur bei größeren Exemplaren möglich, bei denen die charakteristische Spiegelrinde deutlich ausgeprägt ist. Diese phänotypischen Unschärfen könnten auf Hybridisierungsprozesse zwischen Waldkiefer und Bergkiefer zurückzuführen sein. Ein Beispielbestand für die morphologische Ähnlichkeit beider Baumarten ist im FFH-Gebiet Falkenstein zu finden.

Ergebnisse der Kartierungen

Von den ursprünglich 250 ha als Suchraumkulisse vorkartierten Hakenkiefernwäldern konnten 175 ha im Gelände bestätigt werden. Darüber hinaus wurden weitere 13 ha im direkten Umfeld erfasst, die in den Stereo-Luftbildern zuvor nicht identifiziert worden waren. Hierbei handelte es sich zumeist um sehr lichte Bestände (unter 30 % Überschirmung) mit Hakenkiefernverjüngung, die vom Luftbildinterpreten als Offenland angesprochen worden waren.

Damit ergeben die Nachkartierung und die Kartierung im Zuge der regulären Managementplanerstellung seit 2017 insgesamt eine Fläche von rund 216 ha des LRT 9430(*) innerhalb der FFH-Gebiete des bayerischen Alpenraumes. Darunter liegen 23 ha des LRT als Komplex mit Offenlandlebensraumtypen vor. Die Hauptvorkommen befinden sich entlang der Oberen Isar, im Nationalpark Berchtesgaden und im Friedergries. Der Erhaltungszustand des LRT ist in allen Gebieten gut bis hervorragend (Abbildung 4).

Beeinträchtigungen und Gefährdungen von Hakenkiefernwäldern

Die Lecanosticta-Nadelbräune (Lecanosticta acicola) stellt in der Mehrheit der betrachteten FFH-Gebiete eine deutliche Beeinträchtigung von Hakenkiefernbeständen dar. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich die Pilzerkrankung aus Gärten und Parkanlagen heraus in etlichen Gebieten ausgebreitet. So wurde 2015 das erste epidemische und großflächige Auftreten im östlichen Karwendelgebirge und den Lechtaler Alpen beobachtet. Die Mortalität der befallenen Hakenkiefern ist zwar bislang noch gering, die hohe Anzahl der befallenen Bäume lässt jedoch einen Anstieg des Schadgeschehens erwarten.

Eine Beeinträchtigung des LRT durch zu intensive Beweidung ist möglich, konnte jedoch bisher nicht in relevantem Ausmaß beobachtet werden.

Erhaltungsmanagement von Hakenkiefernwäldern

Ein Großteil der kartierten Hakenkiefernwälder kommt auf Schuttfächern und Schuttkegeln sowie Flussterrassen im Einflussbereich von Überflutungen vor. Hierbei handelt es sich um Standorte, die einer steten Dynamik unterliegen. Hier sind Pflege- bzw. Erhaltungsmaßnahmen in der Regel nicht notwendig.

Hakenkiefernwälder auf stärker konsolidierten Böden unterliegen einer Sukzession hin zu meist fichtendominierten Beständen. In diesen Bereichen kann die Fortexistenz der Hakenkiefer durch eine Zurücknahme der Fichte gesichert werden. Die großflächigen Vorkommen von Hakenkiefernwäldern am Isaroberlauf stocken häufig auf bereits stärker konsolidierten Schotterterrassen. Im Rahmen der Neukonzessionierung des Isar-Walchenseekraftwerkes sollte hierbei auf das Zulassen einer ausreichenden Wildflussdynamik geachtet werden, um geeignete Standortbedingungen für die Hakenkiefernbestände zu erhalten oder neu zu schaffen.

Zusammenfassung

In den FFH-Gebieten der Bayerischen Alpen konnten rund 216 ha des LRT 9430(*) Hakenkiefernwälder kartiert werden. Zur Anwendung kam dabei ein zweistufiges Verfahren, bestehend aus einer fernerkundlichen Vorkartierung mit anschließender Kartierung der Flächen im Gelände. Die aktuellen Erhaltungszustände dieses besonderen LRT sind derzeit als gut bis hervorragend einzustufen. Zum Erhalt dieses günstigen Zustands ist es von entscheidender Bedeutung, dass sich der Befall mit dem Pilz Lecanosticta acicola nicht intensiviert. Eine Stärkung der natürlichen Dynamik der Wildflüsse – insbesondere am Oberlauf der Isar– würde die kontinuierliche Schaffung von Rohbodenstandorten ermöglichen. Diese initialen Substrate sind essenziell für eine erfolgreiche natürliche Verjüngung des LRT und stellen eine zentrale Voraussetzung für dessen langfristigen Fortbestand dar. Bayern trägt für den LRT 9430(*) Hakenkiefernwälder eine besondere Verantwortung, da dieser in Deutschland nur hier vorkommt.