Die Gemeine oder Gewöhnliche Nachtkerze (Oenothera biennis) wurde vom Naturheilverein Theophrastus (NHV) zur Heilpflanze des Jahres 2026 gewählt. Damit steht 2026 eine Pflanze im Fokus, deren Samen essenzielle Fettsäuren enthalten. In Bauerngärten und auf Ruderalstandorten sticht die Nachtkerze wegen ihrer kräftig gelben Blüten sofort ins Auge (Abb. 1). Die Gemeine Nachtkerze ist zweijährig. Im ersten Jahr bildet sich eine flache Blattrosette aus, die im zweiten Jahr zu der bekannten Nachtkerzen-Staude emporwächst.

Nachtkerzen und ihre Verwandtschaft

Die Gattung der Nachtkerzen (Oenothera) gehört der gleichnamigen Familie der Nachtkerzengewächse (Onagraceae) an. Zu dieser Familie zählen auch die heimischen Gattungen Hexenkraut (Circaea), Weidenröschen (Epilobium) und Springkraut (Impatiens) sowie die beliebten Zierpflanzen der Gattung Fuchsia. Weltweit sind 145 Arten der Gattung Oenothera bekannt. Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet sind die gemäßigten bis subtropischen Zonen Nord- und Südamerikas. Viele der Nachtkerzen-Arten sind jedoch in andere Kontinente eingeführt und verschleppt worden und gelten dort z. T. als eingebürgert. Bei der Gewöhnliche Nachtkerze Oenothera biennis handelt es sich um die Typusart der Gattung. Seit 1614 ist die Gewöhnliche Nachtkerze in Europa eingebürgert

Wirksame Inhaltsstoffe

Nachtkerzen-Samen enthalten ein sehr hochwertiges Öl, das besonders für Neurodermitiker hilfreich ist. Die im Nachtkerzenöl enthaltene gamma-Linolensäure ist Vorstufe lebenswichtiger Gewebehormone im menschlichen Körper. In der Naturheilkunde wird die Nachtkerze bzw. Nachtkerzenöl bei verschiedenen Krankheiten, wie Venenleiden, Ekzemen und Diabetes, aber auch bei kindlicher Hyperaktivität und Störungen des weiblichen Hormonhaushalts eingesetzt. Ziel des Anbaus ist es, diese speziellen Öle zur Verwendung als hochwertiges Diät-Nahrungsmittel oder als Rohstoff für die pharmazeutische Industrie zu gewinnen.

Nachtkerzen sind anspruchslos

Die Gewöhnliche Nachtkerze ist anspruchslos gegenüber Bodenverhältnissen, bevorzugt aber tiefgründige, sandige Lehme bzw. lehmige Sande. Nachtkerzen lieben sonnige Lagen und reagieren empfindlich auf Staunässe. Sie besiedeln gerne gestörte Standorte, v.a. an trockenen bis mäßig trockenen, sandigen bis kiesigen Ruderalstellen. Nachtkerzen kommen daher häufig an Wegrändern, Bahnanlagen, auf Bauschutt oder auf Brachen, an Waldränder und Flussufern vor.

Die Nachtkerze öffnet ihre Blüten nachts

Wegen ihrer herrlich gelben Blüten sind v.a. großblütige Sorten der Nachtkerze in Gärten beliebt und geschätzt (Abb. 1, 3). Die Blütezeit der Gemeinen Nachtkerze beginnt in Mitteleuropa Anfang Juni und kann bis September anhalten. Die einzelnen Blüten sind sehr kurzlebig. Sie öffnen sich in der Abenddämmerung innerhalb weniger Minuten und sind meistens bis zum nächsten Mittag verblüht. 

Die kräftig gelb gefärbten Blüten bringen gerade in der abendlichen Dämmerung noch einen auffälligen Farbtupfer. Ein so schnelles Aufblühen ist bei keiner anderen in Mitteleuropa vorkommenden Pflanze zu beobachten. Nach vollständiger Öffnung verbreiten die Blüten einen intensiv süßlichen, vanilleartigen Duft. Die Nachtkerze wird v.a. von Nachtfaltern, wie z.B. dem Ligusterschwärmer, besucht und bestäubt. Aber auch Schwebfliegen, Honigbienen, Wildbienen-Arten und Fliegen besuchen die Nachtkerzen-Blüten

Nachtkerzen als Nahrungspflanze

Die bekannteste Schmetterlingsart, deren Raupen sich von Nachtkerzen und Weidenröschen ernähren, ist der hübsch rosarot gefärbte Mittlere Weinschwärmer (Deilephila elpenor) (Abb. 4). Er ist in ganz Europa bis nach Kleinasien verbreitet.  Die Flugzeit des Mittleren Weinschwärmers liegt in den Monaten Mai bis August. Durch seine intensive rosa Färbung, die weißen Beine und Fühler und durch seine Größe ist er ein auffälliger Schmetterling. Die bis zu 8 cm große, meist braun, seltener grün gefärbte Raupe fällt durch ihre typische Augenzeichnung am Vorderende auf (Abb. 5). Bei Gefahr zieht die Raupe den Kopf in den Körper, so dass sie mit den Augenflecken den Kopf einer Schlange imitiert. Fressfeinde, wie z.B. Kleinvögel, lassen dann irritiert von der Raupe ab. 

Neben der Nachtkerze und den Weidenröschen-Arten wurden die Raupen des Mittleren Weinschwärmers auch an dem eingeschleppten Indischen oder Drüsigen Springkraut (Impatiens glandulifera) gefunden. In Gärten und auf Friedhöfen sind die Raupen durch Fraß an Fuchsien (Fuchsia spec.), die ebenfalls zur Familie der Nachtkerzengewächse zählen, auffällig geworden.

Der Nachtkerzenschwärmer (Proserpinus proserpina) bevorzugt als Raupenfraßpflanze Nachtkerze und Weidenröschen-Arten. Beim Nachtkerzenschwärmer handelt es sich um eine durch die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie Europa rechtlich geschützte Nachtfalterart, die zwar in Deutschland weit verbreitet ist, aber nicht in allen Jahren gleichmäßig häufig auftritt. Die Art scheint etwas wärmebedürftiger zu sein, denn sie fehlt in raueren Mittelgebirgslagen. 

Im Gegensatz zum Mittleren Weinschwärmer benötigt der sehr ähnliche Kleine Weinschwärmer (Deilephila porcellus), der ebenfalls intensiv rosa gefärbt ist (Abb. 6) und gerne an blütenreichen Wegrainen und Böschungen auftritt, als Fraßpflanze Labkrautarten. Daher sieht es künftig für den Kleinen Weinschwärmer eher ungünstig aus, denn die Futterpflanzen seiner Raupen werden auf den Fluren durch Überdüngung und intensive Grünlandwirtschaft verdrängt und im Siedlungsraum durch die oftmals zu gründlichen Pflegemaßnahmen vernichtet. Seine Raupen sollen auch an Weidenröschen, Springkraut oder Nachtkerze auftreten. Der Kleine Weinschwärmer gilt zwar ebenfalls als ein verbreiteter einheimischer Schwärmer, der allerdings in den letzten Jahren immer seltener aufgefunden wird.

Aus dem nordamerikanischen Heimatgebiet der Nachtkerzen wurde auch die Blattlaus Aphis  oenotherae nach Mitteleuropa eingeschleppt. Erstmalig für Europa wurde diese Art 1972 in Ostdeutschland nachgewiesen.

Von den Blattkäfern kommt der Weidenröschen-Erdfloh (Haltica  oleracea) an Nachtkerze vor. Im August leben die Larven dieser Käferart auf jungen Nachtkerzen, deren Blätter sie unterseits befressen und durchlöchern. Als Hauptfraßpflanze wird für diese Art Weidenröschen angegeben. Ebenfalls an Nachtkerze frisst der Fallkäfer (Bromius  obscurus  syn.  Adoxus  abscurus), der ansonsten auch an Weidenröschen zu finden ist.

Die Heilpflanze des Jahres 2026 ist nicht nur ein wertvoller Lebensraum für zahlreiche Tierarten, sondern bietet Naturfreunden auch spannende und vielfältige Beobachtungsmöglichkeiten.

Literatur

  • Anonym (2025): Die Gemeine Nachtkerze ist Heilpflanze des Jahres 2026 – nachtblühende Pflanze ins Licht gerückt. Pressemitteilung des NHV vom 04.06.2025
  • Herrmann, G.; Trautner, J. (2011): Der Nachtkerzenschwärmer in der Planungspraxis. Naturschutz und Landschaftsplanung 43 (10), S. 293–300
  • Klausnitzer, B., Förster, G. (1984): Zur lnsektenbesiedlung von Oenothera biennis Linnaeus Beitr. Ent., Berlin 34 2, S. 421-424
  • Reichholf, J. (2023): Das Drüsige Springkraut Impatiens glandulifera und Änderungen der Häufigkeiten von Mittleren Weinschwärmer Deilephila  elpenor und Springkraut-Blattspanner Xanthorhoe  biriviata in Südostbayern, Mittlg. Zool. Ges.