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Autor(en): Koni Häne (externer Autor)
Redaktion: WSL, Schweiz
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Die Fichte – Baum des Jahres 2017

Ganze 28 Jahre hat es gedauert, bis die Fichte oder Rottanne (Picea abies) zum Baum des Jahres ernannt wurde. Dies sicher darum, weil der "Brotbaum der Forstwirtschaft" während Jahrzehnten vielerorts als standortfremde Baumart und oft in Monokulturen angepflanzt worden ist.

Verbreitung und Name

Die Fichte, Charakterbaumart der Gebirgswälder
Abb. 1 - Die Fichte ist die Charakterbaumart der Gebirgswälder. Anklicken zum Vergrössern.
Foto: Ulrich Wasem (WSL)

Zu den Fichten (Gattung Picea) zählt man – je nach Quelle – 30 bis 50 Arten. Sie gehören zur Familie der Kieferngewächse. Das natürliche Hauptverbreitungsgebiet der Gemeinen Fichte (Picea abies) befindet sich in der borealen Vegetationszone der nördlichen Erdhalbkugel, die etwa zwischen dem 50. und dem 70. Breitengrad liegt. Die ursprüngliche Heimat der Fichte dürfte gemäss Versteinerungen und Pollenfunden Ostasien sein.

In der Schweiz ist sie in den Voralpen und Alpen heimisch und in natürlichen Reinbeständen anzutreffen. Die im Schweizer Mittelland gedeihenden Fichtenbestände wurden mehrheitlich durch Menschenhand gepflanzt. Dies, weil Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts ein grosser Teil unserer Wälder wegen Übernutzung zur Gewinnung von Holzkohle sowie der Herstellung von Glas, aber auch für Bauholz heruntergewirtschaftet und ruiniert war. Zudem wurde in dieser Zeit um des Geldes willen viel Holz ins Ausland exportiert. Erosionen und Überschwemmungen waren die Folge dieser ruinösen Waldwirtschaft.

Um solche Ödflächen möglichst schnell und erfolgreich wieder zu bewalden, bevorzugte man die anspruchslose und wüchsige Fichte. Zudem wurde mit dieser Nadelbaumart auch der Nachfrage für universales Bauholz sowie als Rohstoff für die aufstrebende Papierindustrie Rechnung getragen. Der Schweizer Topografie ist es zu verdanken, dass hierzulande nicht so grosse und weitläufige Monokulturen (Fichtenäcker) entstanden wie andernorts.

   
Standortfremde Monokultur  
Abb. 2 - Standortfremde Monokulturen haben der Fichte mitunter ein schlechtes Image eingebracht.
Foto: Thomas Reich (WSL)

 
   

Wurden solche Bestände auf feuchten oder dichten Böden angelegt, waren (und sind) sie wegen den flachwurzelnden Fichten höchst anfällig für Windwürfe. Zudem fördern reine Fichtenbestände Massenvermehrungen von Schadorganismen, seien dies Borkenkäfer oder parasitische, das Stammholz zerstörende Pilze wie der Hallimasch oder der Gemeine Wurzelschwamm. Und die schwer zersetzbare Nadelstreu erwirkt nach wenigen Jahrzehnten eine starke Versauerung des Waldbodens.

Der botanische Name der Fichte "Picea" leitet sich ab von "pix/picis" und bedeutet Pech oder Harz. Das althochdeutsche "fiutha", "fiuthia", "flohta", "fietha" sowie der mittelhochdeutsche "viethe" bedeutet Rot und ist abgeleitet von der rötlichen Rindenfarbe in der Jugend dieses Baumes. Darum heisst er auch Rottanne. Bei uns im Volksmund heisst die Fichte auch "Tschuppe", "Grotza", "Grötzli" (klein und schlecht wachsend), in Österreich und Deutschland "Fiacht’n" oder "Feicht’n" sowie "Daxbaum", "Taxen" und "Pechbaum".

Aussehen und Botanik

Kegelförmige Krone der Fichte
Abb. 3 - Im Freistand zeigt die Fichte ihre kegelförmige zugespitzte Krone.
Foto: Thomas Reich (WSL)
 
Weiblicher Zapfenblütenstand und männliche Blüten
Abb. 4 - Aufrechtstehender, weiblicher Zapfenblütenstand; darunter kleine noch nicht geöffnete, männliche Blüten (Finnisches Markenheft von 1995).
Foto: Koni Häne
 

Die immergrüne Fichte hat eine kegel- bzw. pyramidenförmige, zugespitzte Krone mit quirlig angeordneten Ästen. Wir unterscheiden zwischen den folgenden drei Wuchstypen: Die Kammfichte mit schlaff herabhängenden Ästen, die Bürstenfichte mit kurzen, bürstenartigen Ästen und die im Gebirge wachsende Platten- oder Kreuzfichte mit horizontal vom Hauptast angeordneten Verzweigungen.

Je nach Standort kann die Fichte 35 bis 50 m, in Ausnahmefälle bis 60 m hoch werden. Im Gebirge oder in Urwäldern wird sie über 500-jährig. Der geradeschäftige, zylindrische, vollholzige Stamm ist im Waldbestand oft bis auf eine Höhe von 15 bis 20 m astfrei. Die flachen, tellerartigen Wurzeln haben starke horizontale Seitenwurzeln und zahlreiche kleine vertikale Senkerwurzeln. Daher sind sie nicht so fest im Boden verankert wie beispielsweise die mit einer zentralen Pfahlwurzel versehene Weisstanne.

Die Fichtenrinde ist während der Jugendjahre recht glatt und vorerst rötlich bis kupferbraun und enthält mehr als 10% Gerbstoffe. Mit zunehmendem Alter der Bäume entwickelt sich die Borke mit meist kleinen, rundlichen, graubraunen Schuppen.

Die dunkelgrünen, nagelförmigen und etwas stacheligen, 10 bis 25 mm langen Nadeln sind spiralförmig um den Zweig angeordnet. Die Lebensdauer der Nadeln beträgt 5 bis 7 Jahre. Die getrennt am gleichen Baum wachsenden männlichen und weiblichen Blüten werden erstmals im Alter von etwa 30 Jahren produziert. Sie erscheinen jeweils im April bis Mai, in Hochlagen erst im Juni. Die kätzchenartigen männlichen Blüten sind vorerst rot bis rotbraun, später wenn die Pollen reif sind, gelb gefärbt. Der weibliche, bereits an die spätere Zapfenform erinnernde Blütenstand kann blassgrün, aber auch rosa bis violett rötlich gefärbt sein.

Waldbauliche und ökologische Bedeutung

Die Fichte hat mit 44% den grössten Anteil aller Baumarten am Holzvorrat in der Schweiz. Sie stellt auch bezüglich Wuchsleistung und Wert die bedeutendste Baumart dar. Sie gilt im Wirtschaftswald mit einer Umtriebszeit von 80 bis 120 Jahren nach wie vor als der "Brotbaum". Dies setzt aber voraus, dass sie auf geeigneten Standorten wächst und richtig behandelt wird. Als Charakterbaum prägt die Fichte die Bergwälder, wo sie auch wichtige Schutzfunktionen erfüllt.

Picea abies ist mischungsfähig mit andern Nadelbaumarten wie Tanne, Lärche und Douglasie sowie den Laubbaumarten Buche, Ahorn und Eiche. Zur Förderung von astfreiem Qualitätsholz sind Mischwälder anstrebenswert. Einerseits sind sie widerstandsfähiger gegen Krankheiten, Schädlinge und Umwelteinflüsse. Andererseits helfen sie sich gegenseitig bei der natürlichen Astreinigung, d. h. bei entsprechend nahen Abständen zwischen den Bäumen sterben die Äste im unteren Stammbereich ab, wodurch astfreies Holz entsteht. Die Fichte ist diesbezüglich jedoch als "Totast-Erhalter" eine Ausnahme. Deshalb sollten ihre Äste im Alter von 20 bis 30 Jahren in der unteren Stammhälfte manuell oder maschinell entfernt werden. Dieser Eingriff lohnt sich, weil der astfreie Stamm bei der Ernte nach 50 bis 70 Jahren als Furnierholz teuer verkauft werden kann.

Vielen Tieren, vor allem Vögeln, gewährt die Fichte willkommene Gastfreundschaft, sei es als Nahrungsquelle oder zum Brutgeschäft. Vorab sind dies: Fichtenkreuzschnabel, Waldbaumläufer, Meisen, Tannenhäher, Eulen, Spechte, Sperber und Bussarde. Auch Steinadler können in Fichten nisten, wenn sie keine passenden Felsstandorte finden. In Gebirgswäldern ist speziell der Auerhahn auf diese Baumart angewiesen. Grossen Säugetieren wie Hirsch, Reh und Gämse dienen Fichtenwälder als Schutz und Nahrungsquelle.

 
Fichtenkreuzschnabel (Loxia curvirostra)Eichhörnchen
Abb. 5 - Der Fichtenkreuzschnabel oder das Eichhörnchen profitieren von Fichtensamen.
Fotos: Koni Häne

 

Nicht wenige Pilze bilden mit der Fichte eine enge Lebensgemeinschaft, eine sogenannte Mykorrhiza. Dazu zählen vorab die beliebten Speisepilze Eierschwamm und Gemeiner Steinpilz, aber auch weniger oder gar nicht kulinarisch gefragte Arten wie der weissrote Fliegenpilz sowie der jede Mahlzeit zerstörende, dem Steinpilz zum Verwechseln ähnliche Gallenröhrling oder der tödliche Knollenblätterpilz.

Verwendung

Das nahezu weisse bis gelblichbraune Holz zeigt ausgeprägte Jahrringe ohne Kernfärbung. Es weist eine gute Festigkeit auf, ist elastisch, leicht spalt- und bearbeitbar und deshalb bei den Drechslern und Holzschnitzern für die Herstellung von Haushaltgeräten und Spielzeugen beliebt. Die Fichte ist einer der gefragtesten und am meisten verwendeten Nutzholzlieferanten als Bauholz für den Aussenbau sowie als Ausstattungsholz für den Innenausbau. Zudem ist sie der wichtigste Rohstoff in der Papier- und Zellstoffindustrie.

Fichten der Voralpen und Alpen sind als Resonanzholz von Klavier- und Geigenbauern speziell gefragt. Denn sie besitzen enge und regelmässig angeordnete Jahrringe, was für die Klangentwicklung vorteilhaft ist. Auch die Hersteller von Schindeln bevorzugen dieses Holz.

   
Stall mit Hausteil aus Fichtenholz  
Abb. 6 - Fichtenholz wird seit Jahrhunderten in verschiedenen Formen als Baumaterial geschätzt.
Foto: Thomas Reich (WSL)
 
   

Volkskunde, Medizin und Kunst

Fichte als Aufrichtbaum zum Richtfest
Abb. 7 - Fichte als "Aufrichtbaum" zum Richtfest
Foto: Uli Carthäuser/pixelio.de
 
Albrecht Altdorfer "Landschaft mit den zwei Fichten"
Abb. 8 - Zum 500. Geburtstag von Albrecht Altdorfer erschien 1980 eine Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost: Radierung "Landschaft mit zwei Fichten und einer Burg". Anklicken zum Vergrössern.
Foto: Peter Steiner, Wikimedia public domain
 

Bereits in vorchristlicher Zeit verkörperten immergrüne Pflanzen Lebenskraft. Speziell die Rot- und Weisstannen wurden in der Zeit der Wintersonnenwende ins Haus gebracht, dies in der Hoffnung auf baldige Wiederkehr des Frühlings. Daraus entwickelten sich die bis heute erhaltenen Traditionen wie der Weihnachtsbaum, der Maibaum (auch Freiheitsbaum) sowie der Aufrichtbaum beim Hausbau.

In ländlichen Gegenden wurden vielerorts zum Schutz der Ställe und des Viehs Fichtenzweige an die Stallwände gesteckt. Diese Zweige sollten mit ihren spitzigen Nadeln Hexen und Blitze fernhalten.

In Literatur und Dichtung werden Fichten und Fichtenwälder oft erwähnt. Nach einer Wanderung im Thüringer Wald und wohl angetan ob der Aussicht über die unendlichen Fichtenwälder schrieb Johann Wolfgang von Goethe am 6. Juli 1780 auf die Holzwand einer Jagdhütte unweit eines Aussichtturmes "Über allen Wipfeln ist Ruh …". Weitere bekannte Dichter wie Heinrich Heine, Christian Morgenstern, Peter Rosegger sowie Gottfried Keller beschrieben diese häufige Nadelbaumart. Letzterer schrieb in der Geschichte "Vom Fichtenbaum, dem Teiche und den Wolken" vom Lichtspiel der Sonne mit der Landschaft.

Verschiedene Zeichner und Maler verstanden es, die Schönheiten, aber auch die Eigenarten der Fichte oder deren Wälder auf eindrückliche Art und Weise auf Papier oder Leinwand zu bannen. Eines der ältesten Werke dürfte ein Fichtenaquarell sein, das Albrecht Dürer vor 1500 malte. Um 1517-1520 entstand die Radierung "Landschaft mit zwei Fichten und einer Burg" von Albrecht Altdorfer. Ähnliche Bilder des gleichen Malers heissen "Landschaft mit Doppelfichte" oder "Landschaft mit grosser Fichte".

Nicht unerwähnt darf die Musik bleiben. Sei dies im "Freischütz" von Carl Maria von Weber in seiner Vorstellung vom düsteren Fichtenwald in der Wolfsschlucht oder in den verschiedenen Liedern von Gustav Mahler und schlussendlich in der Operette "Schwarzwaldmädel" von Leon Jessel.

Bereits um 1150 schrieb die Nonne und Heilkundlerin Hildegard von Bingen in ihrer "Naturkunde" Empfehlungen und Anwendungen mit Extrakten der Fichte. Vor allem helfen Harz (Terpentin) als Salben und Öle gegen Kopfschmerzen, Rheuma, Gicht und Hexenschuss, aber auch gegen Magen- und Milzbeschwerden. Ob der folgende gesprochene Vers, verbunden mit verschiedenen Handlungen, von ihr stammt, ist so wenig überliefert als auch die erhoffte Wirkung!

  • Guten Morgen, Mutter Fichte.
    Ich hab die reissende Gichte.
    Ich hab sie gehabt dieses Jahr.
    Du sollst sie haben immerdar.

Ein altes, bewährtes Hausmittel ist der aus jungen Fichtentrieben im Frühling hergestellte, konfitürenähnliche Gelee. Er hilft bei Erkältungen, Husten und Bronchienbeschwerden.

Quellen
  • Schmidt-Vogt, H.(1977-1991): Die Fichte. Ein Handbuch in zwei Bänden. Bd. 1 (1977, 2. Aufl. 1987), Bd. 2/1 (1986), Bd. 2/2 (1989), Bd. 2/3 (1991). Verlag P. Parey Hamburg und Berlin
  • Kuratorium Baum des Jahres

Übersicht über alle Bäume des Jahres

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