Erhaltung und Nutzung forstgenetischer Ressourcen für die forstliche Rekultivierung von Bergbaufolgelandschaften

Die Gewinnung von Braunkohle im Tagebau wie in der Lausitz stellt einen schwerwiegenden Eingriff in Natur und Landschaft dar. Von solchen Eingriffen sind auch genetische Ressourcen von Waldbaumarten mit großer Bedeutung für Naturschutz, Forstwirtschaft und Landeskultur betroffen.

Auf Grund ihrer besonderen Eigenschaften und Strukturen besitzen sie eine große Bedeutung für

  • die Erhaltung des genetischen Potentials dieser Arten
  • die Waldbewirtschaftung in der Region
  • den naturnahen Aufbau der Bergbaufolgelandschaft durch Rekultivierung.

Im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen der Vattenfall Europe Mining AG und dem Staatsbetrieb Sachsenforst (SBS) wurde versucht, die unvermeidbare Beeinträchtigung von Natur und Landschaft durch Maßnahmen der forstlichen Generhaltung in Waldbeständen der Traubeneiche, Waldkiefer und Tieflandsfichte im Vorfeld des Braunkohlentagebaus Nochten/Lausitz auszugleichen bzw. zu vermindern.

Erhaltung der Biodiversität – ein Kriterium nachhaltiger Entwicklung

Die genetische Vielfalt innerhalb der Arten ist zusammen mit der Vielfalt der Ökosysteme und der Arten ein Bestandteil der Biodiversität. Die biologische Vielfalt ist eine Grundvoraussetzung für die Produktivität der Ökosysteme und ihre Anpassungsfähigkeit gegenüber Umweltveränderungen. Die intensive Nutzung der natürlichen Ressourcen durch den Menschen übersteigt gegenwärtig die Regenerationsfähigkeit der Erde um etwa ein Viertel und ist mit einem steten Verlust an Lebensräumen, Arten und deren genetischer Variation verbunden. Die damit einhergehende unumkehrbare Verarmung der Natur gefährdet zunehmend auch die Lebensgrundlagen der Menschheit.

Der Erhalt und die nachhaltige Nutzung der Biodiversität ist Ziel des 1992 auf der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro getroffenen Übereinkommens über die biologische Vielfalt. Dieses Abkommen, dem die Bundesrepublik Deutschland 1993 beigetreten ist, sowie die einschlägigen Resolutionen der Ministerkonferenzen zum Schutze der Wälder in Europa von 1993 bis 2005 bilden den Hintergrund für den Erhalt und die nachhaltige Nutzung von genetischen Ressourcen im Wald.

Erhaltung und Nutzung forstlicher Genressourcen

Im Rahmen eines Bund-Länder-Konzeptes zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung forstlicher Genressourcen werden in Sachsen verschiedene, aufeinander abgestimmte Generhaltungsstrategien verfolgt. Diese haben zum Ziel, die Artenvielfalt der Waldbäume und die genetische Vielfalt innerhalb dieser Arten als Grundlage für die Anpassungsfähigkeit der Wälder an sich ändernde Umweltbedingungen zu erhalten und zu fördern. Damit soll ein Beitrag geleistet werden, der durch menschliche Eingriffe in Wald und Landschaft hervorgerufenen Einengung des Genpools entgegen zu wirken, vielfältige Waldökosysteme zu erhalten und wiederherzustellen sowie die Leistungen der Wälder nachhaltig zu gewährleisten.

Grundlage für die Erhaltung forstlicher Genressourcen ist eine umfassende Inventarisierung von seltenen und gefährdeten Vorkommen heimischer Baumarten und deren Ausweisung als "Wald mit besonderer Generhaltungsfunktion". Die Bewirtschaftung derartiger Bestände, Baumgruppen und Einzelbäume ist auf eine weitgehende und dauerhafte Erhaltung dieser Genressourcen vor Ort (in-situ) ausgerichtet. Ist die unmittelbare Erhaltung vor Ort durch Eingriffe in die Natur wie Infrastruktur- oder, wie nachfolgend geschildert, Bergbaumaßnahmen gefährdet, ermöglicht die Anlage von Erhaltungssamenplantagen und Erhaltungsbeständen an einem anderen Ort (ex-situ) die Sicherung des genetischen Potentials.

Samenplantagen, die mit Pfropflingen angelegt werden, ermöglichen dabei eine mehr oder weniger unmittelbare Saatgutproduktion über das Lebensalter des zu erhaltenden Bestandes hinaus. Dies gilt vor allem dann, wenn die Pfropfreiser von Altbäumen im fruktifikationsfähigen Alter gewonnen wurden, da dadurch das physiologische Alter des Ausgangsbaumes und somit die Fähigkeit zur Fruktifikation weitgehend erhalten wird. Samenplantagen können nach bisher vorliegenden Erfahrungen auf Grund der unbedrängten Entwicklung sowie freien Stellung der Kronen bereits nach fünf bis zehn Jahren beginnen, in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen Saatgut zu produzieren.

Waldökosysteme im Vorfeld des Tagebaus Nochten/Lausitz

Das ca. 100 ha große ehemalige Naturschutzgebiet "Urwald Weißwasser" liegt im Zentrum des Waldgebietes Muskauer Heide, im Wuchsgebiet Düben-Niederlausitzer Altmoränenland, westlich der Stadt Weißwasser (s. Abb. 2). Charakteristisch für das Gebiet sind warme, trockene Sommer und kalte Winter mit Spätfrösten. Die Jahresmitteltemperatur liegt bei 8,5°C und die mittlere Niederschlagssumme bei 658 mm. Die Böden gehören meist zu den Nährkraftstufen Z (ziemlich arm) und A (arm) und sind im Bereich des Naturschutzgebietes grundwassernah.

Das Waldbild in diesem Bereich wird seit Jahrhunderten durch natürliche Traubeneichen-Kiefern-Wälder und Fichten-Kiefernwälder geprägt. Die Hauptbaumarten dieser Waldgesellschaften sind die Traubeneiche (Quercus petraea [Matt.] Liebl.), die Gemeine Fichte (Picea abies [L.] Karst.) und die Waldkiefer (Pinus sylvestris L.).

Hauptbaumarten

Die Traubeneiche kommt auf trockeneren Standorten mit besserer Nährstoffversorgung in Anteilen von 60 % bis 100 % in Mischung mit Hainbuche und Waldkiefer, auf wechselfeuchten Standorten mit Roteiche, Winterlinde und Hainbuche vor. Das Alter der Traubeneichen beträgt bis zu 300 Jahre. Das Vorkommen gilt als das älteste Traubeneichen-Vorkommen Sachsens.

Auf den nährstoffärmeren, trockeneren Standorten löst die Waldkiefer mit Anteilen von 60 % bis 90 % die Traubeneiche als Hauptbaumart ab und tritt in Mischung mit dieser sowie mit der Hainbuche auf. Auf mineralischen Nassstandorten ersetzen Birkenarten und Fichte Traubeneiche und Hainbuche. Die älteren Vorkommen der Waldkiefer haben ein Alter von etwa 250 Jahren.

Auf frostgefährdeten mineralischen Nassstandorten wird die Waldkiefer durch die "Lausitzer Tieflandsfichte" mit Anteilen von 50 % bis 70 % abgelöst. Als Mischbaumarten treten auf diesen Standorten Birkenarten, Stieleiche, Weißtanne und Kiefer hinzu. Die bis zu 125 Jahre alten Fichtenbestände des Waldgebietes bilden das größte zusammenhängende Reliktvorkommen der Fichte am Nordrand ihres herzynisch-karpatischen Teilareals in Sachsen.

Forstlicher Genressourcen

Die beschriebenen Bestände der Traubeneiche, Waldkiefer und "Lausitzer Tieflandsfichte" können auf Grund ihres Alters sowie der bekannten Waldgeschichte mit hoher Wahrscheinlichkeit als autochthon angesprochen werden. Das bedeutet, dass sich diese Bestände nach der letzten Eiszeit auf den genannten Standorten angesiedelt haben und sich seitdem fortgesetzt unter den gegebenen Standortsverhältnissen natürlich verjüngt haben. Dies führte im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte zu einer Anpassung der Vorkommen an die Klimabedingungen ihres Wuchsortes, vor allem an trockene, heiße Sommer und plötzliche Temperaturänderungen. Dadurch unterscheiden sie sich deutlich von anderen Vorkommen dieser Arten, die z.B. aus mehr atlantisch getönten Gebieten stammen.

Da die geschilderten Standortsverhältnisse typisch für weite Teile Nordost-Sachsens und Süd-Brandenburgs sind und vergleichbare Bestände dieser Baumarten in dieser Form nicht mehr existieren, kommt der Erhaltung der Vorkommen eine überregionale Bedeutung zu. Als bedeutender Bestandteil der genetischen Vielfalt dieser Arten besitzen sie somit eine sehr hohe Erhaltungswürdigkeit und wurden deshalb als "Wald mit besonderer Generhaltungsfunktion" ausgewiesen. Auf Grund des Abbaufortschrittes im Tagebau Nochten ist ihre Erhaltung sehr dringlich.

Rekultivieren von Tagebauen

Der Braunkohlenbergbau stellt einen schwerwiegenden Eingriff in Natur und Landschaft dar. Die damit verbundenen und unvermeidbaren Beeinträchtigungen sollen durch den Aufbau der Bergbaufolgelandschaft und deren Rekultivierung einschließlich naturnaher Gestaltungen ausgeglichen werden. Dies betrifft die

  • Erhaltung der durch die Rodung im Abbaubereich betroffenen genetisch bedeutenden Ressourcen der Traubeneiche, Tieflandsfichte und Waldkiefer,
  • Herstellung von Kippenflächen, die den forstwirtschaftlichen Anforderungen entsprechen
  • Aufforstung naturnaher artenreicher Wälder, wobei die Gehölze standortgerecht auszuwählen sind.

Die Bergbaufolgelandschaft des Tagebaus Nochten wird mit ca. 4500 ha forstlicher Rekultivierungsfläche durch Wald geprägt. Die zukünftigen Waldbestände sollen nach dem Braunkohlenplan zu 60 % durch Nadelbäume und zu 40 % durch Laubbäume dominiert werden.

In Abhängigkeit vom Bodensubstrat soll sich auf den aufzuforstenden Waldflächen die zukünftige Bestockung aus Traubeneichen-Hainbuchen-Linden-Wald mit 60 % bis 90 % Traubeneiche, Tieflandskiefern-Wald mit 60 % bis 90 % Kiefer und Tieflandsfichten-Wald mit 50 % bis 70 % Fichte zusammensetzen. Um sowohl den naturschutzfachlichen Aspekten als auch den besonderen Belastungen der Rekultivierungsbestände durch die vorliegenden Bodenverhältnisse und das Kippenklima gerecht zu werden, kommt der Verwendung von Saat- und Pflanzgut, das an das Regionalklima in hohem Maße angepasst ist, eine besondere Bedeutung zu.

Vorhaben "Charakterisierung und Erhaltung von Plattenkiefer, Traubeneiche und Lausitzer Tieflandsfichte"

In Zusammenarbeit mit dem Eigentümer des Waldes im Vorfeld des Braunkohlentagebaus Nochten, der Vattenfall Europe Mining AG und der lokalen Forstbehörde führt der Staatsbetrieb Sachsenforst bereits seit mehreren Jahren Maßnahmen zur Erhaltung der genetischen Ressourcen von Waldkiefer, Traubeneiche und Tieflandsfichte durch. Ziel ist es, die bedrohten Vorkommen nach Beschreibung mit quantitativen und qualitativen Merkmalen als Grundlage für die Bereitstellung von Forstvermehrungsgut für die Rekultivierung und für die Waldbewirtschaftung im nordöstlichen Sachsen und im südlichen Brandenburg dauerhaft und repräsentativ zu erhalten.

Dazu wurden in einem von Vattenfall finanzierten Vorhaben von Dezember 2005 bis Ende 2009 alle bereits durchgeführten Maßnahmen evaluiert, die Vorkommen mit biochemisch-genetischen Analyseverfahren charakterisiert, die für eine repräsentative Erhaltung notwendigen Bäume ausgewählt, dokumentiert und durch Pfropfung vermehrt sowie Erhaltungssamenplantagen geplant und angelegt.

Der
erreichte Stand, die Methodik der Charakterisierung und der jeweils notwendige
Umfang der Erhaltungsmaßnahmen unterscheidet sich für die Baumarten beträchtlich. Daher wird in gesonderten Beiträgen auf die Waldkiefer, Traubeneiche und "Lausitzer Tieflandsfichte" eingegangen.

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