Zwei Waldbrände, ihre Analyse und Lehren für die Praxis

Ein außergewöhnlich heißer und trockener Juli führte 2023 in Rheinland-Pfalz zu zwei markanten Waldbränden bei Oberwesel im Mittelrheintal am Rand des Hunsrücks sowie bei Sitters im Donnersbergkreis. Beide Ereignisse traten unter nahezu identischen Wetterbedingungen auf – Temperaturen über 30 °C, geringe Luftfeuchte und Wind – und erfüllten damit die sogenannte 30-30-30-Regel für höchste Waldbrandgefahr. Dennoch unterschieden sich Verlauf und Folgen deutlich. Die Analyse zeigt, welche Faktoren dafür ausschlaggebend waren und welche Lehren sich für Praxis und Einsatz ableiten lassen.

30-30-30-Regel: Temperaturen über 30 °C, relative Luftfeuchte unter 30 % und Windgeschwindigkeiten über 30 km/h kennzeichnen Bedingungen mit höchster Waldbrandgefahr.

Vom Flurbrand zum Waldbrand

In beiden Fällen gingen die Brände mutmaßlich von Funkenflug bei der Getreideernte aus (Abb. 1). Ein Risiko, das an Waldrändern mit trockener Bodenvegetation häufig unterschätzt wird. Das Feuer breitete sich als Bodenbrand über Kraut- und Streuschicht aus; ein Übergreifen in die Kronen konnte durch rasches Eingreifen verhindert werden. Rückegassen, Wege und lückige Unterwuchsbereiche wirkten lokal als natürliche Brandriegel – sofern sie ausreichend gepflegt waren.

Fachlich handelte es sich um typische Bodenbrände. In Sitters bestand jedoch zeitweise das Potenzial zur Eskalation (Blow-up): Unter ungünstigeren Wind- oder Brennstoffbedingungen hätte sich das Feuer sprunghaft intensivieren können. Entscheidend für das Ausbleiben dieses Szenarios waren gute Erschließung, schnelle Löschmaßnahmen und günstige Bestandsstrukturen.

Beim Brandereignis in Sitters war die starke Rauch- und Dampfbildung aus der Luft deutlich sichtbar (Abb. 2). Wärmebildaufnahmen zeigen zudem, dass nicht nur der Boden, sondern auch der durch den Bestand ziehende Rauch erhöhte Temperaturen aufwies (Abb. 3).

Was bedeutet Blow-up? Bezeichnet die plötzliche, explosionsartige Intensivierung eines Waldbrandes, bei der sich Flammenhöhe, Ausbreitungsgeschwindigkeit und Hitzeentwicklung innerhalb kurzer Zeit stark erhöhen. Typische Auslöser sind hohe Brennstoffverfügbarkeit, geringe Luftfeuchte, Wind, Hanglagen sowie eine zunehmende Konvektion.

Datengrundlage der Analyse

Die Auswertung basiert auf einer vollständigen Geländeaufnahme der beiden Brandflächen. Dabei wurden sämtliche Bäume erfasst und unter anderem Baumart, Brusthöhendurchmesser, Baumhöhe, Verkohlungshöhe, Austriebsform und Vitalität dokumentiert. Insgesamt flossen die Daten von über tausend Individuen in die Analyse ein, ergänzt durch Gespräche mit Einsatzkräften, Forstleuten und Waldbesitzenden.

Brandintensität entscheidet über Schäden

Warum Sitters deutlich stärker betroffen war, lässt sich klar benennen: Dichte Brombeerverfilzung, trockene Streu, viel feines Brennmaterial und eine offene Bestandsstruktur begünstigten dort eine hohe Brandintensität. Hanglage und Wind verstärkten die Aufwärtsausbreitung zusätzlich. In Oberwesel dagegen reduzierten geschlossene Kronen, geringere Bodenvegetation und strukturreiche Bestände die Flammenhöhe und Brandtemperatur erheblich.

Das Ergebnis: In Oberwesel überlebten über 90 % der Bäume, in Sitters lag die Mortalität bei mehr als 40 %. Auf der Brandfläche in Sitters trat ein hoher Anteil an stehendem und liegendem Totholz auf, der auf die dort deutlich höhere Brandintensität hinweist (Abb. 4).

Baumarten reagieren unterschiedlich

Die Auswertung von über tausend erfassten Bäumen zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Baumarten. Laubbaumarten erwiesen sich insgesamt als widerstandsfähiger als Nadelbäume. Besonders robust zeigte sich die Roteiche mit sehr hohen Überlebensraten. Die Traubeneiche reagierte flexibel mit Kronenaustrieb und Stockausschlag. Europäische Lärchen dagegen wiesen eine hohe Sterblichkeit und starke Verkohlung auf.

Ein zentraler Befund: Je geringer die Verkohlungshöhe und je größer der Baumdurchmesser, desto höher die Überlebens- und Regenerationswahrscheinlichkeit. Kleinere Bäume waren stärker betroffen und starben häufiger ab.

Die beschriebenen Unterschiede in Überleben, Verkohlung und Regeneration zwischen Standorten, Baumarten und Stärkeklassen sind statistisch abgesichert und erwiesen sich in den Auswertungen als signifikant.

Regeneration aus eigener Kraft

Auffällig war die ausgeprägte vegetative Regeneration. In Sitters trieben fast alle Sträucher – etwa Hasel und Liguster – trotz starker Verkohlung wieder aus. Auch Eichen regenerierten sich häufig über Stockausschlag, vor allem in kleineren Durchmesserklassen. 

In Oberwesel überwog dagegen der Kronenaustrieb, was auf eine geringere Brandeinwirkung und die hohe Vitalität der dort häufig vertretenen Roteichen hinweist. Punktuell trat jedoch auch hier basaler Neuaustrieb auf, etwa bei Buche, Birke und Vogelkirsche. Letztere regenerierte sich überwiegend über Wurzelbrut, was auf eine starke Schädigung der Krone schließen lässt.

Diese Regenerationsfähigkeit ist ein zentraler Resilienzmechanismus. Sie eröffnet waldbauliche Optionen: Statt sofortiger Räumung oder Pflanzung kann gezielt natürlicher Neuaustrieb gefördert werden – vorausgesetzt, Wildverbiss und Konkurrenz werden kontrolliert.

Feuerwehr im Wald: hoher Aufwand, hohe Kosten

Beide Einsätze erfolgten in schwierigem Gelände ohne Hydrantennetz. Löschwasser musste aufwendig herangeführt werden. In Oberwesel waren über 250 Einsatzkräfte im Einsatz. Moderne Technik wie Drohnen und Wärmebildkameras erwies sich als unverzichtbar zur Lageerkundung und Nachkontrolle.

Bemerkenswert ist die Kostenbilanz: Die Einsatzkosten überstiegen den forstwirtschaftlichen Wert der betroffenen Flächen deutlich. Damit unterstreichen die Brände den hohen ökonomischen Nutzen vorbeugender Maßnahmen – für Waldbesitzende wie für die öffentliche Hand.

Mehr als Feuer: sekundäre Risiken

Zusätzlich traten gesundheitliche Risiken für Einsatzkräfte auf. Auf mehreren Flächen waren Ahornarten bereits vor dem Brand von der Rußrindenkrankheit befallen (Abb. 6). Pilzsporen in Kombination mit Brandrauch stellen eine bislang unterschätzte Belastung dar und erfordern künftig stärkere Beachtung im Arbeitsschutz.

Fazit

Die Brände von Oberwesel und Sitters zeigen: Waldbrandresilienz entsteht nicht im Einsatz, sondern durch langfristige Struktur- und Pflegeentscheidungen. Bestandsaufbau, Brennstoffmanagement und gute Erschließung sind entscheidend dafür, ob ein Feuer begrenzt bleibt – oder eskaliert.

INFOBOX: Handlungsempfehlungen

Prävention statt Intervention

Waldbrandresilienz entsteht nicht durch kurzfristige Reaktion im Einsatzfall, sondern durch langfristige Entscheidungen in Waldbau, Pflege und Organisation. Wirksamer Schutz beginnt mit vorausschauender Planung – nicht erst mit dem Löschangriff.

Für Waldbesitzende

  • Struktur fördern: Heterogene, laubbaumreiche Bestände – insbesondere mit Eiche, Buche und Linde – sowie gestufte Waldränder reduzieren die Brennstoffkontinuität und wirken brandhemmend.
  • Vegetation steuern: Dichte Bodenvegetation wie Brombeerfilz, Gräser und trockene Auflagen regelmäßig regulieren; wo möglich Wiederbewaldung anstoßen, um offene, leicht entzündliche Flächen zu vermeiden.
  • Nadelwaldpflege: In exponierten Lagen bodennahe Äste bei Kiefer und Fichte entfernen, um eine Feuerweiterleitung vom Boden in den Bestand zu unterbinden.

Für Feuerwehren

  • Erschließung sichern: Wege, Wasserentnahmestellen und Zugänge regelmäßig begehen, dokumentieren und für den Einsatzfall aktuell halten.
  • Taktik trainieren: Vegetationsbrandszenarien, Schlauchmanagement und Riegelkonzepte praxisnah üben – idealerweise interdisziplinär gemeinsam mit der Forstwirtschaft.
  • Lageführung modernisieren: Digitale Karten mit topografischen Informationen und Wasserpunkten dauerhaft einsatzbereit vorhalten und regelmäßig aktualisieren.

Für Politik und Verwaltung

  • Strukturelle Prävention fördern: Investitionen in feuerresiliente Waldumbauten, Pflegekonzepte und Brandschutzriegel gezielt unterstützen.
  • Ausrüstung anpassen: Geländeangepasste Löschtechnik sowie geeignete Schutzkleidung für Vegetationsbrände bereitstellen.
  • Koordination stärken: Die Zusammenarbeit zwischen Forst, Feuerwehr und Kommunen institutionalisieren und als zentralen Baustein der Risikominimierung verankern.

Bilderstrecke Brandfläche Sitters

Alle Fotos: T. Adam

Bilderstrecke Brandfläche Oberwesel

Alle Fotos: T. Adam