Kastanienrindenkrebs: Schadsymptome, Biologie, Gegenmassnahmen

Der Kastanienrindenkrebs ist eine gefährliche Pilzkrankheit der Edelkastanie. Er wurde aus Asien weltweit verschleppt und zerstörte in den USA innerhalb von 30 Jahren die ausgedehnten Kastanienwälder fast vollständig. In Europa verläuft die Rindenkrankheit glücklicherweise weniger dramatisch.

Der Kastanienrindenkrebs wird durch den Pilz Cryphonectria parasitica (früher Endothia parasitica), verursacht. Ursprünglich stammt der Erreger aus Ostasien, wo er als schwacher Parasit auf der resistenten Japanischen (Castanea crenata) und Chinesischen Kastanie (Castanea mollissima) vorkommt. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurde der Pilz mit Pflanzenmaterial aus Asien in die USA eingeschleppt und führte dort zu einer dramatischen Epidemie. Innerhalb von 30 Jahren zerstörte er die ausgedehnten Kastanienwälder in den östlichen USA fast vollständig.

1938 entdeckte man die gefährliche Baumkrankheit auch in Europa, im Hinterland von Genua. Darauf breitete sie sich schnell in Italien und den angrenzenden Ländern aus. In der Schweiz wurde der Kastanienrindenkrebs erstmals 1948 im Tessin gefunden. Heute sind fast alle Kastanienbestände in Europa betroffen (Abb. 2).

Milder Krankheitsverlauf dank Hypovirulenz

Im Unterschied zur Epidemie in den USA verlief die Krankheit in Europa allerdings weniger dramatisch. Einerseits scheint die Europäische Kastanie (Castaneasativa) etwas weniger anfällig zu sein als die Amerikanische Kastanie (Castaneadentata), andererseits tauchten Pilzstämme mit abgeschwächter Virulenz auf. Diese hypovirulenten Pilzstämme verbreiteten sich südlich der Alpen entlang des nördlichen Mittelmeerraumes spontan und verhinderten so die Zerstörung der lokalen Kastanienwälder. Die Kastanie ist in der Südschweiz dank der Hypovirulenz nicht in ihrem Überleben bedroht.

Seit den 1980er Jahren wird der Kastanienrindenkrebs auch in Kastanienbeständen auf der Schweizer Alpennordseite festgestellt. Genetische Analysen zeigen, dass der Erreger in den meisten Fällen von der Alpensüdseite eingeschleppt wurde. Anders als dort traten in den Befallsherden nördlich der Alpen spontan keine hypovirulenten Pilzstämme auf. Durch mehrjährige, gezielte Krankheitsbehandlungen konnte man die Hypovirulenz unterdessen aber auch in vielen Beständen auf der Alpennordseite etablieren.


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Biologie

Der Erreger des Kastanienrindenkrebses Cryphonectria parasitica gehört zu den Schlauchpilzen (Ascomycetes). Seine Sporen werden durch Regenspritzer, Insekten, Schnecken und Vögel weiterverbreitet. Treffen die Sporen auf Wunden einer Edelkastanie, so keimen sie aus. Dies kann in Rindenrissen, an Astabbrüchen und Schnittwunden oder an Veredelungsstellen der Fall sein. Der Pilz wächst anschliessend in der Rinde und im Kambium. In Europa ist die Edelkastanie der Hauptwirt des Pilzes. Er kann sich aber auch auf Eichen entwickeln, wo er allerdings nur leichte Schäden verursacht.

Krankheitssymptome

Cryphonectria parasitica befällt die Rinde von Stamm und Ästen der Edelkastanie. Die befallene Stelle verfärbt sich rot (Abb. 3), sinkt ein und springt später auf (Abb. 4). Als Reaktion darauf versucht der Baum, das zerstörte Gewebe zu überwallen und es entwickeln sich sogenannte Rindenkrebse. Sobald ein Rindenkrebs den ganzen Ast oder Stamm umwachsen hat, stirbt die Pflanze oberhalb der Befallsstelle ab. Die Blätter welken, werden aber nicht abgeworfen. Welke Blätter während der Vegetationszeit oder braune, hängende Blätter im Winter sind ein typisches, von weitem sichtbares Verdachtssymptom für den Kastanienrindenkrebs.

Unterhalb der Befallsstelle treiben meist Wasserreiser aus (Abb. 5). In der Rinde und im Kambium bildet der Pilz gelbliche Myzelfächer, welche ein zuverlässiges Befallsmerkmal sind (Abb. 6). Schliesslich entwickeln sich auf der abgestorbenen Rinde oder in Rindenrissen die gelb-orangen bis roten Fruchtkörperchen (Abb. 7). Hypovirulente C. parasitica-Stämme wachsen in den Äusseren Rindenteilen und erzeugen nur oberflächliche Krebse, welche rasch ausheilen. Viele der oberflächlichen, ausgeheilten Krebse weisen eine typische, schwärzliche Verfärbung auf (Abb. 8).

Seit sich die Edelkastaniengallwespe(Dryocosmus kuriphilus) in Europa ausbreitet, werden in den Baumkronen der Kastanien vermehrt kleine abgestorbene Äste oder Triebe beobachtet. In den meisten Fällen verursacht ein Zusammenspiel zwischen der Gallwespe und dem Kastanienrindenkrebs dieses neuartige Befallssymptom: Der Krebs dringt häufig durch verlassene Gallen der Wespe in die Zweige ein (Abb. 9) und tötet diese ab.

Massnahmen

  • C. parasitica ist ein Quarantäneorganismus, der in der Eidg. Pflanzenschutzverordnung (SR 916.20) aufgeführt wird. Da der Erreger häufig mit Pflanzenmaterial verschleppt wird, gilt es in erster Linie, diesen Verbreitungsweg zu regeln. So unterliegt der Handel von Kastanien- und teilweise auch Eichenmaterial besonderen Bestimmungen, die weltweit gelten. Ausgenommen von diesen Massnahmen sind die Kastanienfrüchte.
  • In Regionen ohne Kastanienrindenkrebs sollten neue Befallsherde schnell eliminiert werden. Befallene Bäume sind zu entfernen oder falls möglich gesund zu schneiden. Das Schnittholz wird entweder vor Ort verbrannt oder in eine Verbrennungsanlage abgeführt. In befallenen Kastanienselven führt das regelmässige Ausschneiden von virulenten Krebsen zu einer Reduktion des Befalles. Nach allen Arbeiten an kranken Kastanien oder in befallenen Kastanienbeständen sind die Werkzeuge zu desinfizieren.
  • Ist der Kastanienrindenkrebs in einem Waldbestand schon weit verbreitet, ist eine Ausrottung nicht mehr realistisch. In diesem Fall besteht die Möglichkeit der aktiven biologischen Bekämpfung mit hypovirulenten Pilzstämmen. Dabei werden Rindenkrebse gezielt mit virus-infizierten, hypovirulenten C. parasitica-Stämmen beimpft.

Resistente Kastanien

Mehrere Hybridkastanien, die auf dem Markt erhältlich sind, zeigen eine gewisse Resistenz gegenüber dem Kastanienrindenkrebs. Diese Hybride sind mehrheitlich aus Kreuzungen zwischen europäischen und japanischen Kastanien entstanden. In Baumschulen werden vor allem Hybridsorten aus Frankreich angeboten. Drei weitere Sorten – Brunella, Marowa und Golino – sind aus einem Züchtungsprogramm in der Schweiz hervorgegangen. Diese Sorten kommen auf der Alpennordseite an warmen Standorten mit sauren Böden für den Liebhaber- und Selbstversorgeranbau in Frage.

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