Im Schutzgebiet "Bosco Fontana" (Italien, Lombardei) wurde die Eliminierung fremdländischer Baumarten zur Verbesserung von Habitatstrukturen, die für alte Wälder typisch sind, genutzt. Dazu wurden für Roteiche und Hybridpappel differenzierte Strategien entwickelt, die die Ökologie der jeweiligen Art berücksichtigen.

Das Tiefland der Lombardei wäre ohne menschliches Einwirken mit Eichen-Hainbuchenwäldern bedeckt. Heute sind davon nur noch kleine Reste - wie das 236 ha grosse Schutzgebiet "Bosco Fontana" - vorhanden. Allerdings findet man im Schutzgebiet auch zahlreiche fremdländische Baumarten, die im Rahmen der Wiederherstellung des in den beiden Weltkriegen stark übernutzten Waldes angepflanzt worden sind. Hauptsächlich handelt es sich um Roteiche (Quercus rubra) und Hybridplatane (Platanus hybrida).

1999 wurde im Rahmen eines Life-Projektes ein Managementplan zur Beseitigung dieser Baumarten ausgearbeitet, da von ihnen eine Beeinträchtigung der ursprünglichen Artenvielfalt in diesem wertvollen Ökosystem ausgeht.

Ziel: Wiederherstellung des ursprünglichen Ökosystems

Das Projektziel war, die fremden Baumarten dauerhaft aus dem Schutzgebiet zu eliminieren, weshalb Strategien entwickelt werden mussten, die die Ökologie der jeweiligen Art berücksichtigen. Durch die Beseitigungsmassnahmen durfte zudem das eigentliche Schutzziel – die Erhaltung des ursprünglichen Ökosystems mir den darin vorkommenden einheimischen Arten – nicht gefährdet werden. zugleich sollten die Massnahmen dazu genutzt werden, Im Naturwald häufig anzutreffende, im bewirtschafteten Wald aber selten gewordene Habitatstrukturen wie Totholz und Baummikrohabitate zu fördern.

Roteiche: Eliminierung bei gleichzeitiger Schaffung von Totholz

Die Bekämpfung der Roteiche im Schutzgebiet beruht auf Eigenschaften, die zur Einfuhr und zum Anbau der Art in Europa geführt haben:

  • Ihre Anpassungsfähigkeit
  • Ihre hohe Wuchsleistung
  • Ihre Resistenz gegen Parasiten

Diese Eigenschaften können sie zur Gefahr in natürlichen und naturnahen Lebensräumen werden lassen. Insbesondere in Mitteleuropa ist das Verjüngungspotenzial dieser Baumart sehr hoch. Selbst bei einem Überschirmungsgrad von mehr als 90% können Roteichen weitaus grössere Stückzahlen erreichen als einheimische Laubhölzer und diese auch in der Wuchsleistung deutlich übertreffen. Zusätzlich wird die Ausbreitung dieser Baumart durch die Produktion von Allelochemikalien gefördert, die die konkurrenzierende Vegetation hemmen.

Die Eingriffe zur Beseitigung der Roteiche sind so ausgeführt worden, dass unterschiedliche Arten von Totholz entstanden sind:

  • a) Stämme ab einem Brusthöhendurchmesser (BHD) von 25 cm wurden mithilfe einer Seilwinde auf einer Höhe von drei bis vier Metern abgebrochen und dann geringelt, um ein erneutes Austreiben zu unterbinden (s. Abb. 2a)
  • b) Hochstümpfe wurden auch durch Sprengung erzeugt. Dazu wurden ja nach BHD verschieden grosse Bohrlöcher in drei bis vier Metern Höhe angelegt und mit Sprengstoff gefüllt.
  • c) Für stehendes Totholz (BHD > 20 cm) wurden die Bäume auch nur in Bodennähe mit der Motorsäge geringelt (s. Abb. 2b). Diese Methode führte aber nicht zur vollständigen Eliminierung der Roteiche, weil es oft zu Stockausschlägen kam.
  • d) Roteichen mit einem BHD > 30 cm wurden auch mithilfe einer Winde entwurzelt (s. Abb. 2c). Dadurch konnten zusätzlich zu Totholz Mikrohabitate wie Bodenerhebungen, flache Gruben und aufgestellte Wurzelteller geschaffen werden.

Hybridplatane: Beschleunigung der Alterung durch Schaffung von Mirkrohabitaten

Hybridplatanen sind steril, verjüngen sich also nicht. Daher bestand keine Notwendigkeit, die im Schutzgebiet vorkommenden Exemplare sofort zum Absterben zu bringen. Mit gezielten Eingriffen sollten aber zum einen der Alterungsprozess beschleunigt und zum anderen gleichzeitig an alten Bäumen typische Habitatstrukturen geschaffen werden (s. Abb. 3a). Dies bot sich an, da die heimische Stieleiche (Quercus robur) im Schutzgebiet weniger als 200 Jahre alt war und demzufolge nur wenige Mirkohabitate aufwies.

  • a) Am Stammfuss wurden mit einer Motorsäge horizontale Einkerbungen angebracht (s. Abb. 3a,3b). In diesen kann sich Regenwasser sammeln und so einer hoch spezialisierten Fauna in sogenannten Wassertöpfen ein Habitat bieten.
  • b) Auf einer Höhe von einem bis fünf Metern wurden zudem unterschiedlich grosse Höhlen angelegt, um Nistplätze für verschiedene Vogelarten zu schaffen.

Vorteile

Untersuchungen zeigen, dass 80% der Bäume mit künstlich angelegten Höhlen und Einkerbungen auch nach acht Jahren noch nicht abgestorben sind, womit die Hybridpappel tatsächlich die ihnen zugedachte Funktion, vorübergehend Habitate bereitzustellen, erfüllen können.

Ein weiterer Vorteil sind die geringen Kosten, die bei der Anlage der Höhlen entstehen. Sie sind mit denen vergleichbar, die beim Anbringen von Nistkästen entstehen. Zudem ist die Wärmedämmung der Höhlen deutlich besser.

Längerfristig können die Höhlen du Einkerbungen überwallen (s. Abb. 3c). Daher müssen sie in regelmässigen Abständen kontrolliert und ggf. wieder geöffnet werden.

Für die Anlage solcher Mikrohabitate eignet sich nicht jede Baumart. Nadelbäumen reagieren bei mechanischen Beschädigungen z. B. mit starkem Harzfluss.

Einsatz von Wachstumsregulatoren als Alternative zu Herbiziden

Die Anwendung von Herbiziden zur Bekämpfung unerwünschter Baumarten ist wegen ihrer nachhaltigen Auswirkungen auf Tier- und Pflanzenarten und deren Lebensräume sehr umstritten und in einigen Ländern, wie der Schweiz im Wald, verboten.

Wachstumsregulatoren können eine Alternative sein. In Form von natürlichen und synthetischen Verbindungen beeinflussen sie die Entwicklungs- oder Stoffwechselprozesse höherer Pflanzen, haben aber laut Experten keine nachhaltigen Auswirkungen auf Säugetiere, Vögel, Wasserorganismen oder andere, unbehandelte Pflanzen.

Im Schutzgebiet "Bosco Fontana" wurde es als Alternative zur Unterbindung von Stockausschlag bei der Roteiche getestet. Die Versuche beinhalteten einen kombinierten Ansatz mit zwei verschiedenen Ringelungsmethoden (1. dreiecksförmige Kerbe bis ins Kernholz, 2. Horizontale Einschnitte im Abstand von 50 cm) und einer Ausbringung des Wachstumsregulators NAA zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Erste Ergebnisse deuten daraufhin, dass das Ausbringen eines NAA-haltigen Lösungsmittels auf die geringelten Flächen den Stockausschlag signifikant reduzierte. Negative Effekte auf andere Arten blieben bisher aus.

Erkenntnisse

Der Ausrottung von gebietsfremden Baumarten in Schutzgebieten sollte eine detaillierte Planung vorausgehen, bei der es in erster Linie um das Verständnis der Regenerationsstrategien der Arten geht, die es zu entfernen gilt. Je nach Ökologie und Alter bzw. Entwicklungsstand der zu entnehmenden Art bieten sich mechanische und chemische Bekämpfungsmethoden an, die einzeln oder kombiniert angewendet werden können. Dabei gilt es, die jeweiligen gesetzlichen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen.

Die in Italien durchgeführten Experimente zeigen, dass Baumarten, die man bekämpft, auch zur Förderung der Biodiversität genutzt werden können: die Hybridplatanen liessen sich in Habitatbäume verwandeln und die Roteichen dienten der Totholzanreicherung, wobei ganz unterschiedliche Totholzqualitäten geschaffen werden konnten.

Austausch via Internetplattform wünschenswert

Leider sind derzeit viele Untersuchungen zur Bekämpfung gebietsfremder bzw. invasiver Baumarten als "graue Literatur" publiziert und somit nur begrenzt zugänglich. Um Erkenntnisse austauschen und Managementstrategien weiterentwickeln zu können, wäre die Einrichtung einer Internetplattform wünschenswert. Das würde es auch ermöglichen, das Management invasiver bzw. unerwünschter Baumarten in Biodiversitätshotspots besser zu koordinieren und effizienter zu gestalten.