Interview: Fledermäuse im Winterquartier
Winterruhe und Winterquartiere
Was machen eigentlich Fledermäuse im Winter?
Die kurze Antwort ist: nichts!
Aber da gibt es natürlich noch etwas mehr zu erzählen: Fledermäuse halten Winterruhe – einen Zustand, der dem Winterschlaf ähnelt. Sie suchen sich möglichst frostfreie, geschützte Orte mit konstanter Temperatur wie Höhlen, Keller, Stollen oder seltener auch Baumhöhlen. Dort verringern sie ihre Körpertemperatur, verlangsamen ihren Stoffwechsel und zehren von ihren Fettreserven, die sie sich im Sommer angefressen haben.
Ist es möglich, Fledermäusen im Winter zu begegnen?
Ja, das ist durchaus möglich – mitunter sogar im eigenen Keller. Wenn Fledermäuse dort geeignete, ruhige und frostfreie Bedingungen vorfinden, nutzen sie solche Orte gern als Winterquartier. Es ist schön, wenn Sie diese Tiere vorübergehend beherbergen und ihnen damit einen wichtigen Rückzugsraum bieten.
Dabei ist es jedoch entscheidend, die Fledermäuse nicht zu stören. Jedes Aufwachen aus der Winterruhe ist mit einem hohen Energieverlust verbunden, da die Tiere ihre Körpertemperatur aktiv anheben müssen. Dies kann ihre Fettreserven stark verringern und damit ihre Überlebenschancen im Winter deutlich verschlechtern.
Aktivität im Winter: Ausnahmefälle
Aber sieht man nicht manchmal Fledermäuse auch im Winter fliegen?
Stimmt, wenn es so warm ist, dass Insekten unterwegs sind, werden einige Fledermäuse, besonders die Wasserfledermaus, manchmal aktiv. Dies ist aber ein riskantes Unterfangen, da genug Nahrung vorhanden sein muss, damit sich das sehr energieintensive Aufwachen aus der Winterruhe lohnt.
Ein anderer Grund, warum man manchmal Fledermäuse auch im Winter sieht, ist das sogenannte Frostschwärmen. Dies wird bei Zwerg- und Mückenfledermäusen vor stärkeren Frostperioden beobachtet. Es wird vermutet, dass Individuen, die in kleineren Quartieren mit weniger Frostschutz überwintern, in größere Massenwinterquartiere umziehen, die besser vor Frost geschützt sind.
Fortpflanzung und Winterruhe
Die Paarungszeit von Fledermäusen ist im Herbst – wie kommt es, dass die heimischen Fledermausweibchen dann trotzdem nicht über den Winter trächtig sind?
Während der Winterruhe werden die Körperfunktionen der Fledermäuse auf ein Minimum heruntergefahren. Deshalb kommt es trotz der Paarung im Herbst erst im Frühjahr zur eigentlichen Befruchtung, an die sich dann die Trächtigkeit anschließt. Möglich wird dies durch einen biologischen Trick, die sogenannte verzögerte Befruchtung: Die Weibchen speichern die Samenzellen über den Winter und beginnen die Entwicklung der Jungen erst mit steigenden Temperaturen und besserem Nahrungsangebot im Frühjahr.
Die FVA betreibt ein landesweites Fledermausmonitoring im Wald – was machen dann eigentlich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wenn ihre Artengruppe Winterruhe hält?
Eine Winterruhe gibt es für sie natürlich nicht. Es werden bereits die Fledermauserfassungen für das Folgejahr vorbereitet, und die Daten aus dem vergangenen Sommer – zum Beispiel aus akustischen Erfassungen oder Netzfängen (Fang, Befreiung nach maximal zehn Minuten, Vermessung, Weiterfliegen) – werden gesichtet und ausgewertet.
Das ist der spannendste Teil, denn hier werden beispielsweise Arten an Standorten entdeckt, an denen man sie vielleicht nicht erwartet hätte, oder Zusammenhänge zwischen Waldbeschaffenheit und Artvorkommen sichtbar.
Forschung und Monitoring im Winter
Gibt es denn gar keine Erfassungen, die im Winter stattfinden?
Doch, es gibt auch Zählungen von Fledermäusen in Winterquartieren, zum Beispiel in Höhlen. Das wird in Baden-Württemberg lobenswerterweise in der Regel durch Ehrenamtliche durchgeführt.
Die Wintererfassungen der FVA betrachten hingegen nicht die Tiere selbst, sondern ihre potenziellen Quartiere im Wald. Dazu werden auf den Untersuchungsflächen systematisch sogenannte Mikrohabitate wie Spechtlöcher, Astabbrüche oder Rindentaschen an Bäumen kartiert. Mit diesen Daten kann anschließend geprüft werden, ob tatsächlich dort viele Fledermäuse vorkommen, wo auch die Verfügbarkeit möglicher Quartiere hoch ist.
Fledermäuse im landesweiten Biodiversitätsmonitoring
Das Fledermausmonitoring ist Teil eines landesweiten Waldbiodiversitätsmonitorings – welche Gruppen werden noch erfasst?
Neben den Fledermäusen werden auch Insekten, Bodenfauna und Vegetationsstrukturen erfasst sowie fernerkundliche Methoden angewandt. Alle Erfassungen finden auf einer gemeinsamen Flächenkulisse von über 100 Flächen statt, die über Baden-Württemberg verteilt sind.
Die Flächen sind in vier Sets unterteilt, die in einem Vier-Jahres-Turnus erfasst werden. Da im nächsten Jahr Set 4 bearbeitet wird, ist dies etwas Besonderes, da dann erstmals Daten von allen Flächen vorliegen. Besonders spannend wird es jedoch bei den Wiederholungserfassungen, wenn zeitliche Trends sichtbar werden.
Fazit
Fledermäuse sind im Winter keineswegs „verschwunden“, sondern halten eine energiesparende Winterruhe in geschützten Quartieren. Störungen können für die Tiere lebensbedrohlich sein, während milde Phasen oder Quartierwechsel mit zusätzlichen Risiken verbunden sind. Umso wichtiger sind geeignete Rückzugsräume im Wald und im Siedlungsbereich sowie ein langfristiges Monitoring, das hilft, Lebensräume zu verstehen, zu erhalten und gezielt zu verbessern.
Zu den Personen
Elisabeth Schüler und Gerhild Liegl sind Mitarbeiterinnen der FVA BW in der Abteilung Waldnaturschutz. Sie arbeiten im landesweiten Fledermausmonitoring und befassen sich mit der Erfassung von Vorkommen, Aktivität und Lebensraumnutzung heimischer Fledermausarten in den Wäldern Baden-Württembergs.











