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Artikel

Autor(en): Dagmar Nierhaus-Wunderwald, Beat Forster
Redaktion: WSL, Schweiz
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Die Gefährliche Weisstannentrieblaus (Dreyfusia nordmannianae)

Um 1840 wurde die Gefährliche Weisstannentrieblaus aus der östlichen Schwarzmeer-Region nach Mitteleuropa eingeschleppt. Hier finden Sie umfassende Informationen zu diesem hauptsächlich junge Tannen befallenden Insekt.

Weisse Wachswollhäufchen
Abb. 1 - Weisse Wachswollhäufchen im Juni/Juli auf der Nadelunterseite und an Achsen der Maitriebe zeigen frische Eigelege an.
Foto: Waldschutz Schweiz

Die Weisstannentrieblaus ist in den höheren Regionen des westlichen Kaukasus, im östlichen Pontusgebirge (Anatolien) und auf der Krim beheimatet. In diesen Gebieten bildet die Nordmannstanne (Abies nordmanniana) Reinbestände oder Mischbestände mit der Orientfichte (Picea orientalis). Dreyfusia nordmannianae wechselt in einem komplizierten Entwicklungszyklus zwischen diesen beiden Nadelholzarten.

In den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts wurde die Trieblaus mit Nordmannstannen nach Mitteleuropa eingeschleppt, wechselte erfolgreich auf die Weisstanne und zeigte sich sehr bald der alteingesessenen Europäischen Weisstannenstammlaus (Dreyfusia piceae) überlegen, da wirksame heimische Gegenspielerarten fehlten. An die einheimische Fichte (Picea abies) konnte sich die Tannentrieblaus allerdings nicht anpassen.

Um 1880 machte sie sich erstmals in Deutschland sowie in der Schweiz, hier insbesondere im zentralen und östlichen Mittelland, durch die typischen Befallsbilder bemerkbar. Seit ihrem ersten heftigen Auftreten nach der Jahrhundertwende breitete sie sich sehr rasch über ganz Europa aus und war in den Zwanziger- und Dreissigerjahren in alle europäischen Weisstannengebiete eingedrungen. Diese sehr schnelle Ausbreitung ging vermutlich von Parkanlagen und Gärten aus, in denen Nordmannstannen zusammen mit Orientfichten als Zierbäume gepflanzt wurden. Mit dem Pflanzgut gelangte die Trieblaus in isolierte Anbaugebiete der Weisstanne.

Wirtsbäume und Befallsdisposition

Nadelkrümmung an Maitrieben
Abb. 2 - An den sich entwickelnden Maitrieben krümmen sich die Nadeln nach unten.
 
Saugende Junglarven
Abb. 3 - Auf der Nadelunterseite können die saugenden Junglarven hohe Dichten erreichen.
 
Fotos: Waldschutz Schweiz
 

Dreyfusia nordmannianae ist in europäischen Weisstannenwäldern und Anpflanzungen von Nordmannstannen weit verbreitet. In Parkanlagen und Gärten werden auch andere eingeführte Abies- Arten sowie die Orientfichte befallen. Mit der Weisstanne wurde die Trieblaus nach Nordamerika verschleppt. Tannentriebläuse besiedeln zum überwiegenden Teil dünnrindige Stämmchen, Äste oder Triebe, nur wenige ihrer Stadien entwickeln sich an jungen Mainadeln. Bevorzugt werden der Sonne ausgesetzte, warme Baumpartien.

Für die Erstbesiedlung durch die Triebläuse sind vitale Weisstannen mit sattgrüner Benadelung attraktiver als gelblich verfärbte Bäume mit kurzen, zarten Trieben. Ein primäres Auftreten der Läuse konzentriert sich auf frei gestellte, bis zu 1,5 m hohe Jungtannen. Die Befallsdichte zeigt bereits in der ersten Vegetationsperiode eine signifikante Zunahme. Ab einer Baumhöhe von 2 m sinkt die Befallsbereitschaft der Tannen deutlich. An Jungtannen unter Schirm hingegen etablieren sich die Triebläuse nur mit geringem Erfolg und gehen in der folgenden Vegetationsperiode meist zugrunde. Nur wenig befallsdisponiert sind Tannen im Freistand ab einer Baumhöhe von 3,5 m.

Hoher Befallsdruck aus einem frei gestellten Jungbestand fördert auch die Entstehung latenter Befallsnester an Tannen unter Schirm in der Nachbarschaft. Bei der Freistellung solcher Tannen reicht dann schon eine Bestandeslücke mit einem Radius von 6 m für eine Neuausbreitung. Wichtige Kriterien für eine Ausdehnung des Befalls sind demnach horizontal und vertikal frei gestellte Jungtannen, die hoher Lichteinstrahlung ausgesetzt sind, sowie die Nähe zu einem Befallsherd.

Biologie

Eine ausführliche Beschreibung des Entwicklungszyklus finden Sie im Originalartikel (Download siehe unten).

Bedeutung und Befallsbilder

absterbende Tannen
Abb. 4 - Nach mehrmaligem Befall sterben die Tannen vom Wipfel her ab.
Foto: Waldschutz Schweiz
 

Als licht- und wärmeliebendes Insekt bevorzugt Dreyfusia nordmannianae Tannen an sonnenexponierten Hängen bis zu 1400 m ü. M., frei stehende Tannen, solche an Dickungsrändern oder in Wildschutzzäunen. Besonders gefährdet sind Jungtannen bis zum Alter von 30 Jahren, gleichgültig ob gepflanzt oder natürlich verjüngt. Zunehmend werden auch ältere Bäume befallen, so dass inzwischen alle Altersklassen betroffen sein können. Unter günstigen Vermehrungsbedingungen, feuchte Frühlingswitterung, gefolgt von warmen Sommern, sowie starke Winde in diesem Zeitraum, kann die Entwicklung und Ausbreitung so rasch fortschreiten, dass Maitriebe schon im zweiten Jahr nach dem Erstbefall des Baumes absterben. Andererseits kann sich der Befall über Jahre hinziehen, bis die Tanne von der Krone her abstirbt oder bis es zu einem Zusammenbruch der Gradation kommt. Der Befall kann sowohl in natürlichen Tannenwaldgesellschaften als auch in künstlich angelegten Beständen stark in Erscheinung treten.

Erste auffällige Anzeichen eines Trieblausbefalls nach dem Ende des Austriebs sind Verformungen der Mainadeln, die sich nach unten krümmen ("Flaschenbürstchen"), im Unterschied zur harmlosen Europäischen Weisstannentrieblaus (Mindarus abietinus), nach deren Befall sich die Nadeln von unten nach oben aufrollen (unterseitige Wachsstreifen aussen). Die Tannentriebläuse zapfen bei ihrer Saugtätigkeit den Siebröhrensaft an, so dass Nadeln und Triebe nach wiederholtem Befall "verhungern" und "verdursten". In der Regel bleibt die Saugtätigkeit an der Rinde eher unauffällig. Erst bei mehrmaliger, starker Besiedlung kommt es zum Absterben der Jungtannen vom Gipfeltrieb her. Die Rinde dieser Triebe wird rissig und pockennarbig und es kommt zur Verdickung an der Triebbasis. Die Knospen treiben nicht mehr aus. Nach dem Absterben des Gipfeltriebes gelingt es der Tanne oft, durch Aufrichten eines noch lebenden unteren Astes einen Ersatzwipfel zu bilden, der das Höhenwachstum fortsetzt. Die allgemeine Schwächung der Weisstannen erleichtert Sekundärorganismen die Ansiedlung.

Gegenmassnahmen

Auf Waldareal sind zurzeit keine chemischen Mittel zur Bekämpfung der Weisstannentrieblaus zugelassen. Es sind nur mechanische Massnahmen möglich, in erster Linie das Heraushauen und Verbrennen von stark befallenen Bäumen im Winter. Vorbeugend kann starkem Befall durch die Weisstannentrieblaus mit waldbaulichen Massnahmen entgegengewirkt werden: Tannen sollten mit Vorteil unter Schirm verjüngt und aufgezogen werden, zum Beispiel unter leicht aufgelichtetem Altbestand oder unter Vorbau von Erle oder Vogelbeere.

In Christbaumkulturen ausserhalb des Waldes sind Insektizide zugelassen und dürfen angewendet werden. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Die Vorschriften zum Schutze des Grundwassers müssen eingehalten werden, und blühende Pflanzen zwischen den Bäumchen sollten vorgängig entfernt werden, um Bienen nicht zu gefährden. Bester Zeitpunkt zum Spritzen ist die Periode kurz vor oder während dem Austrieb, wenn die neuen Triebe noch deutlich hellgrün sind. Die auf die jungen Nadeln gewanderten Junglarven können so zum Absterben gebracht werden, noch bevor sich die Nadeln durch die Saugtätigkeit der Läuse zu kräuseln beginnen.

Empfohlene Strategie bei starkem Befall im Wald

Phytosanitäre Bestandespflege durchführen nach dem Prinzip der negativen Auslese. Dabei ist auf folgende Punkte zu achten:

  • Vor allem stark befallene Tannengruppen entfernen und an geeignetem Ort verbrennen.
  • Stark befallene Bäume bei der Nutzung möglichst nicht durch weniger befallene Tannenbestände schleifen (dies würde die Läuse weiter verbreiten).
  • Überlebensfähige Tannen mit mehr oder weniger intakten Gipfeltrieben bei einem ersten Eingriff nicht zu stark frei stellen; dies würde sie noch anfälliger machen.
  • Nicht jede befallene Tanne muss entfernt werden! Stangenholz kann sich unter Umständen recht gut erholen.
  • Tote (dürre) Tannen müssen nicht mehr genutzt werden.

Überwachung weiterführen. Je nach Schadenverlauf und waldbaulichen Möglichkeiten muss die Eingriffsstrategie überprüft und allenfalls angepasst werden. Sind genügend andere Baumarten vorhanden, muss die Tanne unter Umständen lokal aufgegeben werden. Die teuren Bekämpfungsmassnahmen sollten nicht rigoros fortgesetzt werden, bis die letzte Jungtanne herausgehauen ist.

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