Bei der Suche nach einem Maßstab für das Holzanweisen entstand 1990 das Konzept des "Ziel-Baums". Wenn ein Z-Baum (Zukunfts-Baum) gefunden ist, geht es um die Frage, welche Bäume zu seinen Gunsten entnommen werden müssen? Das Auszeichnen von Bäumen an Hand von Stammzahlen je Hektar, von Grundfläche je Hektar oder Vorrat je Hektar ist nicht praktikabel, weil erst nach dem Anweisen das vollzogene Auszeichen-Ergebnis mit einem solchen Maßstab verglichen werden kann.

Zwei Produktionszonen bestimmen das Wachstum

Hintergrund des Zielbaum-Konzepts ist: Jeder erntefähige Baum gliedert sich in zwei Produktionszonen, welche das sie verbindende Produkt erzeugen. Damit ein Baum in einer kurzen Zeit einen dicken Erdstamm bilden kann, benötigt er:

  • Eine lange (und breite) grüne Krone. Die grüne Krone ist der assimilierende Zuwachsmotor des Baumes und dieser sollte möglichst stark sein.
  • Eine gesunde, große, tief oder fest eingegrabene Wurzel.

Beide Baumteile bestimmen, neben den standörtlichen Einflussgrößen, das Wachstum eines Baumes und sind in erster Linie ein Produktionsmittel.

Das über den wirtschaftlichen Erfolg entscheidende Produkt ist das Erdstammstück. Wird dieses dank seiner vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten gesucht, erzielt es am Markt einen hohen Preis.

Als anzustrebendes Ergebnis wurde bestimmt, dass in einer möglichst kurzen Zeit gesundes, astreines Stammholz starker Dimension in einer bestimmten Länge erzeugt werden soll. Mit dieser Vorgabe wurde der Ziel-Baum auf maximal 10 m Erdstamm-Länge präzisiert. Offen blieb, wie dieses Z-Baum-Ziel zu erreichen ist und zu welchen Folgen es führt.

Eine am Zielbaum orientierte Durchforstung soll zu einem Baum führen, der keine oder nur eine kurze Schwarzast- oder Beulenzone (Totastzone) aufweist. Eine Zone mit toten Ästen leistet keinen Zuwachs und ist geringwertiges Holz. Sie ist kein Produktionsmittel und kein lohnendes Produkt. Das entscheidende Ziel ist ein fehlerfreies Erdstammstück zwischen zwei produktiven Baumbereichen Wurzel und grüner Krone. Stammholz mit toten Ästen oder Beulen ist zu vermeiden. Damit darf nach dem Beginn des Kronenausbaus keiner der stark gewordenen Äste mehr absterben. Bei jenen Baumarten, die ihre toten Äste zu lange erhalten, müssen schon vorhandene Äste im Erdstammbereich mit Beginn des Kronenausbaus entfernt werden.

Versuchsflächen der HFR

Als das Ziel fest stand, galt es zu klären, was dafür zu tun ist und zu welchen Ergebnissen es führt. Dank der Unterstützung durch die baden-württembergische Landesforstverwaltung mit einer Assistentenstelle und der Mithilfe des Forstamtes Rottenburg entstanden dazu im Lehrrevier Versuchsflächen.

Auf diesen Versuchsflächen sammelt die Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg (HFR) seit 1990 Erfahrungen in der praktischen Umsetzung und misst die Folgen für die Produktivität. Erste Ergebnisse wurden 1997 veröffentlicht (EBERT, SCHEUFLER). Mehrere Berichte folgten. Der Orkan "Lothar" schädigte 7 Flächen sehr stark, 31 existieren 2008 noch. Als Beispiel wird aus zwei Flächen berichtet:

Versuchsfläche 01: Eiche

Standort

Der aus Naturverjüngung eines Eichen-Mittelwaldes hervorgegangene Bestand steht auf Schichtlehmen bis Lehmkerfen, Braunerde bis Braunerde-Pseudogley, entstanden aus Lößvergütung und Solifluktion über den Sedimenten des Lias Alpha (Angulatensandstein und "Schweichel" = Tone).

Mehrere Kultur- und Jungbestands-Pflegemaßnahmen und zwei schwache Durchforstungen (im Alter von 38 bis 46 Jahren) waren entsprechend früherer Pflegevorstellungen über den Bestand gegangen. 1990 wurde der Bestand mit 50 Jahren in das Versuchsprogramm der Hochschule genommen.

Durchforstung

Die Durchforstung nach dem Zielbaumprinzip erfolgte mit 50 Jahren zu spät. 1990 wurde der Eingriff eher als zu früh beurteilt. Wer Sorge hat, Eichen könnten wegen des Klimawandels keine 140 Jahre alt werden, sollte viel früher beginnen, nämlich dann, wenn die Kronenbasis der wüchsigen guten Bäume bei 5 m steht, also im Alter von weniger als 20 Jahren, im Gestänge.

Anfangs ist alle 3 Jahre eine Pflege notwendig. Das Licht, welches die lockere Oberschicht durchlässt, fördert das Wachstum der unterständigen Bäume (meistens Hainbuche und Rotbuche). Dieses jetzt rasch wachsende Unterholz bedroht regelmäßig die Eichenkronen von unten. Es muss rechtzeitig auf den Stock gesetzt werden. Die wieder ausschlagenden Weißbuchen bleiben als Unterstand erhalten, während die Rotbuchen allmählich verschwinden. Ohne Unterstand bilden sich Grasflächen.

Das Licht im Stammraum kommt auch Stamm-Austrieben (Wasserreiser) zu gute. Wasser-Reiser leben oft 2 bis 3 Jahre und trocknen dann ab oder aber sie werden zu Kleb-Ästen, wenn es für sie nicht durch nachdrängenden Unterstand zu dunkel wird. Regelmäßig läuft Eichen-Verjüngung auf, die wieder vergeht.

Die Vorräte gehen in der Phase der Erziehung (wenn ab 10 m bis 20m Z-Baumhöhe die Bedränger entnommen werden) gegenüber den Vorräten der bisherigen Pflege stark zurück und steigen erst sichtbar an, wenn fast nur noch Z-Bäume auf der Fläche stehen. Dies erweckt in dieser Phase den Eindruck eines zu lockeren Bestandes, ähnlich einer beginnenden "Waldverwüstung". Die G/ha bewegt sich in dieser Zeitspanne um 15 m² bis 20 m².

Holzzuwachs

Die allmählich größer werdende Assimilationsmasse der Z-Bäume führt bei dünnem Stammdurchmesser zu breiten Jahrringen. Im Weitstand begründete Eichen auf sehr gutem Standort können bei 10 m bis 15 m Höhe (um 20 bis 30 Jahre) Jahrringe mit
5 mm und mehr bilden. Mit zunehmendem Stammdurchmesser sinkt die Jahrringbreite.

Selbst wenn für Eichen-Stammholz mit Jahrringbreiten von mehr als 3 mm weniger bezahlt wird, als für engringiges Holz, wiegt der höhere Erlös selten den Einfluss des Durchmessers auf. Bei gleicher Produktionsdauer (von 100 Jahren) wachsen bei
4 mm Jahrringbreite 80 cm, bei 2mm nur 40 cm heran. 40 cm Durchmesser sind nur ein Viertel vom Volumen von 80 cm, der Preis je m³ müsste somit 4-mal so hoch sein und ist aktuell nur etwa 1,3-mal so hoch. Bäume mit kleinerem Zuwachs (auf demselben Standort) besitzen kleinere Kronen, benötigen damit weniger Standraum, weshalb mehr Bäume/ha Platz haben. Ein kleinerer Baumzuwachs führt zu längeren Wachstumszeiten (bei gleichem Ziel-BHD), somit längerer Kapitalbindung (weshalb der Zinseszins-Effekt größer ist) und die Zeit des Risikos ist länger.

Die Krone der geförderten Z-Bäume wird größer, deren Baumzuwachs steigt. Weil der Durchmesser dicker wird, muss der Baumzuwachs ständig steigen, wenn die Jahrringbreite gleich bleiben soll. Mit dem dicker werdenden Stamm nimmt die Jahrringbreite ab, weil der Zuwachs dauerhaft nicht so stark wie die Stammoberfläche ansteigt.

Versuchsfläche 07: Tanne

Die Tannen wurden mit Rotbuchen im Zaun gepflanzt. Sie wachsen auf Stubensandsteinverwitterung mit Lößauftrag. Der Boden ist ein mäßig saurer Decklehm, in mäßig wechselfeuchter bis wechseltrockener Flachlage. Als Bodentyp hat sich eine schwach podsolige Parabraunerde gebildet. Im Alter von 15 und 20 Jahren erfolgten Stammzahlverringerungen auf zuletzt rund 1.200 Bäume/ha. 1991 wurde der Bestand mit 30 Jahren in das Versuchsprogramm der Hochschule genommen.

Unter Tannen setzt die Naturverjüngung spätestens nach der 2. Durchforstung ein und bleibt erhalten, wenn der Verbiss es zulässt. Leider bilden einige Tannen nach der Ästung Stammreiser. Diese müssen in angemessener Zeit (nach 5 bis 10 Jahren) nachgeästet werden.

Folgerung

Eine sich am Zielbaum orientierende Durchforstung zwingt früh zu einer konsequenten und termingerechten Durchforstung: Sobald der untere Kronenbeginn der Z-Bäume nahe der Zielhöhe steht, muss durchforstet werden, gleichgültig, ob das dabei anfallende Holz kostendeckend verkauft werden kann. Damit der Z-Baum eine große Krone aufbauen kann, darf die Kronenbasis an diesem Zeitpunkt nicht zu hoch sein. Zwischen 5 m bis 10 m Höhe als unterer Kronenrand ist bei rund 30 m hoch werdende Bäumen eine akzeptable Höhe. In diesem Entwicklungszustand können Bäume ihre Krone gut nach oben vergrößern, weil sie deutlich von ihrer Endhöhe entfernt sind.

Wer eine Durchforstung hinausschiebt, weil er das anfallende Schwachholz nicht kostendeckend verkaufen kann, schiebt den unteren Kronenbeginn nach oben. Kaputte untere Kronenteile bleiben futsch - wenn sich keine Wasserreiser-Klebäste bilden. Das "Nachholen einer Durchforstung" ist eine Illusion. Wegen des jährlichen Wachstums wird der Baumzustand nie wieder so sein, wie er war und versäumte bzw. hinausgeschobene Pflegemaßnahmen können nie mit dem gleichen Ergebnis nachgeholt werden. Wer dies weiß, hat keine Ausrede. Er muss entweder die Pflege durchführen oder er verstößt gegen das Pflegekonzept, welches zu Zielbäumen führen soll.

Unterlassene Pflegemaßnahmen werden in der Waldwirtschaft oft bagatellisiert, weil deren wirtschaftliche Folgen erst Jahrzehnte später zu Tage treten. Der heute kassenwirksame Nutzen aus forstlichen Maßnahmen ist (meistens) das Ergebnis der Arbeit (und Sparsamkeit) von Forstleuten (und Waldbesitzern), die längst gestorben sind. Auf lange Sicht dürfte die Zielbaumpflege lohnend sein, weil großkronige Bäume mehr Holz bilden als kleinkronige und weil Geld vor allem mit dicken astreinen Erd-Stammstücken zu verdienen ist, die dank großer Kronen in vertretbarer Zeit wachsen.

Die Angst vor dem gegenwärtig kassenwirksamen Finanzergebnis einer frühzeitigen Baumpflege und Wertästung führt auf lange Sicht zu einer geringeren Baumproduktivität. Zusätzlich leidet darunter die Baumstabilität z.B. gegen Windbelastungen.

Die Erziehung dicker und hochwertiger Erdstammstücke erfordert vom Förster ein besseres Zeitmanagement bei der Durchforstung. Der finanzielle Mehraufwand ist kurzfristig größer, aber insgesamt bescheiden, denn die fixen Kosten wie Personalkosten, Erschließungskosten etc. sind dieselben. Für die Rendite des Betriebes ist es langfristig ein entscheidender Unterschied, ob Stammholz in der Güteklasse C oder B/A, in dünner oder in dicker Form wächst.

Im alten Bestand dürfte eine Zielbaumerziehung ein hohes Maß an Flexibilität bieten. Wenn großkronige Endbestandsbäume ausgeformt sind, dann kann – wenn die Nachfrage nach dem Sortiment groß und der Preis hoch ist – geerntet werden oder es kann die Nutzung um Jahre oder Jahrzehnte verschoben werden. Solange Z-Bäume nicht im Erdstamm faulen, werden sie wertvoller. Lediglich nachdrängende, dünne Bäume müssen entnommen werden, falls sie die Zielbaum-Kronen zu beschädigen drohen.

Die Versuchsflächen der Hochschule für Forstwirtschaft sollen uns in 50 Jahren eine fundierte Antwort auf Fragen geben: Wie viel Zuwachs verlieren wir in der Oberschicht? Wie groß ist dafür der Zuwachs an wertvollen Z-Bäumen und wie wertvoll muss deren Holz sein, um die Arbeit zu rechtfertigen? Wie entwickelt sich eine Verjüngung und ersetzt dadurch Kulturkosten?

Literatur

  • EBERT, H.-P. und T.SCHEUFLER (1997): Die Zielbaumerziehung im praktischen Versuch. Allgemeine Forst Zeitschrift, Der Wald Berlin 52 (2): 79-82.
    EBERT, H.-P. (1997): Tree Targeting regime. The Target-Tree Training. In Heft Nr. 07 der Schriftenreihe der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg, S. 37- 49.
    EBERT, H.-P. (1997): Nature Oriented Forest Management at Rottenburg University: Experimental Plots. In Heft Nr. 07 der Schriftenreihe der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg S. 99-109.
    EBERT, H.-P. und T.RIEGER (2000): Die Baumkrone als Maßstab für den Zuwachs von Eiche. Allgemeine Forst Zeitschrift, Der Wald Berlin 55 (8): 403-406.
    EBERT, H.-P. und R.DEUSCHLE (2000): Die Baumkrone als Maßstab für den Zuwachs von Fichte. Forst u. Holz 55 (14): 452-454.
    EBERT, H.-P und M.EISELE (2001): Die Baumkrone als Maßstab für den Zuwachs von Kiefer. Forst u. Holz 56 (7): 226-231.
    EBERT, H.-P. (2006): Die "Zielbaumerziehung" am Beispiel der Eiche. Forst und Holz 61 (1): 11-14.