Verbiss an Weisstanne erst Ende März?

Der Verbiss der Weisstanne durch Schalenwild erfolgt bevorzugt im Winter. Darin sind sich die Fachleute einig. Neue Beobachtungen zeigen, dass Reh, Hirsch und Gämse die jungen Triebe offenbar nicht während des ganzen Winters verbeissen, sondern meistens erst ganz am Schluss der kalten Jahreszeit.

Unter Winterverbiss versteht man den Verbiss an Bäumen in der Winterruhe, d.h. vor dem Austrieb im Frühjahr. Nach Reimoser (1988) wird die Tanne erst mit der Verholzung gegen den Herbst hin für die Tiere attraktiv. Aufgrund von drei ganz unterschiedlichen und voneinander unabhängigen Beobachtungen haben wir letzter Zeit den Eindruck gewonnen, dass zumindest in gewissen Gebieten der grösste Teil des Winterverbisses an der Weisstanne sogar erst ganz gegen Schluss des Winters eintritt:

  1. Eine über mehrere Jahre regelmässig kontrollierte Tannennaturverjüngung wurde jeweils nur um den Monatswechsel vom März auf den April von Rehen verbissen.
  2. Die Überwachung einer Tannenpflanzung mit einer Wildkamera zeigte, dass sowohl Gämsen wie Rothirsche im Februar die Tannen verschmähten, obwohl sie unmittelbar daneben nach Nahrung suchten. Im April waren dann alle Bäume massiv verbissen.
  3. Förster stellen bei der Erhebung von Winterverbiss im Frühjahr ganz unterschiedliche Ergebnisse fest, je nachdem ob sie ihre Arbeit ein paar Tage früher oder später ausführen.

Sollte es sich bestätigen, dass sich der Verbiss an Weisstannen gegen Schluss der Winterruhe häuft, müsste man entsprechend auf eine späte Ansetzung des Erhebungszeitpunktes bestehen.

Beispiel Uetliberg

Seit Februar 2005 haben wir eine Naturverjüngung von fünfzehn 30 cm grossen, ca. 8-jährigen Tannen am zürcherischen Üetliberg regelmässig auf Wildverbiss kontrolliert. In diesen drei Jahren registrierten wir zweimal einen Verbiss durch Rehwild. Der Zeitpunkt des Ereignisses war 2005 und 2006 jeweils der Monatswechsel vom März zum April. Seit April 2006 blieb dann der Verbiss ganz aus.

Eine der Tannen ist in den Abbildungen 1-3 dargestellt. Am 24. März 2005 hatte eine Tanne zwei praktisch gleich lange Sprosse (Abb.1). Am 1. April 2005 waren Seitentrieb und Endtrieb (Pfeile) bei einem der beiden Sprosse abgebissen.

Ausser in der letzten Märzwoche 2005, bzw. der ersten Aprilwoche 2006 fand das ganze Jahr über an keiner der beobachteten Tannen ein Verbiss statt. Der am Terminaltrieb verbissene Spross (Abb. 1-3, Spross links) hat nun, drei Jahre später, wieder die Höhe, die er zum Zeitpunkt des Terminaltriebverbisses im März 2005 schon gehabt hat. Dies bestätigt die bekannte Tatsache, dass der Verlust des Terminaltriebs einem Höhenzuwachsverlust von 2-3 Jahren entspricht.

Überwachung mit Wildkamera

Im Eidgenössischen Jagdbanngebiet Kärpf im Kanton Glarus ist die Dichte an Rot-, Gams- und Rehwild sehr hoch. Aus früheren Versuchen ist bekannt, dass im April gepflanzte Tannen schon wenige Tage nach der Pflanzung verbissen werden. Die Bedingungen schienen damit ideal, um mit einer Fotofalle zu testen, ob sich die Verbisstätigkeit von Schalenwild dokumentieren lässt. Mit einer gezielten Pflanzung von Tannen schufen wir eine Situation, von der wir die grösstmögliche Chance erwarteten, dass man ein Tier beim Verbeissen von Jungbäumen fotografisch festhalten könnte.

Am 13. Februar pflanzte der Förster eine Gruppe Weisstannen. Schon am Folgetag registrierte die Wildkamera Modell Moultrie® GameSpy I-60 eine Gämse zwischen den gepflanzten Bäumen (Abb. 4), und fünf Tage später besuchte auch ein weibliches Stück Rotwild die Pflanzung (Abb. 5). Obwohl beide Tiere mit ihrem Riechorgan die Bäume praktisch berührten, konnten wir danach an den Tannen keinen Verbiss registrieren.

Offenbar schmecken die Tannen erst kurz vor dem Austreiben

Diese Beobachtungen weisen klar darauf hin, dass sich der Winterverbiss an der Weisstanne nicht gleichmässig auf die ganze Zeit der Vegetationsruhe verteilt, sondern sich auf das Ende der kalten Jahreszeit hin konzentriert.

Es gibt einleuchtende Erklärungen für einen solchen Sachverhalt. Die Tannen werden möglicherweise für das Wild erst attraktiv, wenn wieder Leben in die Pflanze kommt, der Saftstrom zu fliessen beginnt und sich Geschmackstoffe entwickeln, also in den Wochen unmittelbar vor dem Frühjahresaustrieb. Auch der Jahresrhythmus des Schalenwildes könnte zur Erklärung beitragen. Im Winter ist der Nahrungsbedarf der Tiere reduziert. Mit der erwachenden Natur steigt dieser wieder an.

Weitere Untersuchungen sollen die These stärken

Verbiss, der vor dem Austreiben der Jungbäume im Frühjahr stattfindet, gilt als Winterverbiss. Um diesen vollständig zu erfassen, müsste korrekterweise zugewartet werden, bis sich der neue Jahrestrieb bildet, also mit regionalen Abweichungen bis ca. Anfang Mai.

Die Verbissaufnahmen werden aber oft schon einige Wochen früher angesetzt. Wenn der Schnee weg ist und sich die Krautvegetation noch nicht entwickelt hat, sind die Bäume leicht auffindbar und mit viel weniger Aufwand zu erfassen. Das erscheint unproblematisch, da ja der Winter vorüber ist.

Wie die geschilderten Beobachtungen aber vermuten lassen, kann das zumindest bei der Weisstanne beträchtliche Fehler verursachen. Verbiss, der vor dem Austreiben der Tannen eintritt, erscheint in der nachfolgenden Aufnahme nicht mehr, weil bei der Inventur im Folgejahr nur noch der Verbiss am neuen Jahrestrieb berücksichtigt wird.

Um die vorhandenen Unsicherheiten auszuräumen und eine solide Basis für Verbisserhebungen zu schaffen, sind weitere Untersuchungen erforderlich. Es ist vorgesehen eine grössere Anzahl Pflanzen längerfristig zu beobachten um bessere Kenntnisse über den Zeitpunkt von Verbissereignissen bei unterschiedlichen Standorts- und Wildverhältnissen im Jahresverlauf zu gewinnen.

Literatur

  • Gill, R.M. A., 1992: A Review of Damage by Mammals in North Temperate Forests: 3. Impact on Trees and Forests. Forestry 65,4: 363-388.
  • König, 1976: Wildschadenprobleme bei der Waldverjüngung, Schweiz.Z.Forstwes. 127,1: 40-57.
  • Onderscheka; Reimoser; Völk; Tataruch; Steineck; Klanse; Vavra; Willing; Zandl, 1990: Integrale Schalenwildhege im Rätikon (Herrschaft-Prättigau/Graubünden) unterer besonderer Berücksichtigung der Walderhaltung. Eigenverlag, Wien, 366 S.
  • Osterloher, A.; Wiechmann, R., 1993: Zur unterschiedlichen Verbisstoleranz der Baumarten. Allg. Forstz. (Münch.) 48,22: S.1159-1160.
  • Reimoser, F., 1988: Forstliche Beiträge zur Vermeidung von Wildschäden, Internationaler Holzmarkt, Band 19, Seite 1-6.
  • Schwyzer, A., 2000: Wildverbiss und Pflanzenreaktion. Wie reagieren die kleinen Bäume?

Interne Links

  • Verbiss der Weisstanne durch Huftiere
  • Die Weisstanne (Abies alba)
  • Kontrollzäune sinnvoll einsetzen, Ergebnisse richtig interpretieren
  • Schutzwirkung von liegen gelassenem Sturmholz gegen Wildverbiss
  • Das integrale Management von Reh, Gämse, Rothirsch und ihrem Lebensraum
  • Von der Regulierung des Wildes zum Wildtiermanagement
  • Der Rothirsch (Cervus elaphus)
  • Einsatz von Fotofallen im Waldschutz