Kurzer Überblick

  • Die Extremwetterereignisse von 2018 bis 2020 verursachten in der Forstwirtschaft, sehr vorsichtig bewertet, Schäden von mehr als 12,7 Mrd. EUR – dies entspricht dem 10‑fachen des jährlichen Nettogewinns des gesamten Bereichs Forstwirtschaft in Deutschland.
  • Die feststellbaren Waldschäden umfassen ein Schadholzaufkommen von 176,8 Mio. Efm – annähernd die Größenordnung von drei regulären Jahreseinschlägen – und eine wieder zu bewaldende Schadfläche von 284.500 ha.
  • Die von Bund und Ländern über verschiedene Soforthilfeprogramme zur Verfügung gestellten Mittel decken nur einen Bruchteil (ca. 10 bis 15 %) dieser Schäden ab.
  • Die bewerteten Schäden, die nur die Rohholzproduktion und keine anderen Ökosystem-Dienstleistungen betrachten, treffen die Forstbetriebe in Deutschland in ihrer Substanz und werden sie auf Jahrzehnte beeinträchtigen.

Abschätzung der ökonomischen Schäden der Extremwetterereignisse der Jahre 2018-2020 in der Forstwirtschaft

Die Waldschäden durch Extremwetterereignisse in den Jahren 2018-2020 haben die deutsche Forstwirtschaft mit einem Schadholzaufkommen von 176,8 Mio. Efm und einer wieder zu bewaldenden Schadfläche von 284.500 ha vor außergewöhnliche wirtschaftliche Herausforderungen gestellt. Vom Ausschuss für Betriebswirtschaft des Deutschen Forstwirtschaftsrates wurde daher die „Arbeitsgruppe Schadensbewertung“ initiiert, um mit Experten aus Praxis, Wissenschaft und Verwaltung erstmalig eine ökonomische Zwischenbilanz für die relevantesten Waldschäden 2018-2020 zu ziehen. Die dabei bewerteten Schadenskomponenten summieren sich als „vorsichtige“ Bewertung auf rd. 12,75 Mrd. € für die deutsche Forstwirtschaft. Der Gesamtschaden beläuft sich hiermit auf das 9,7-fache des jährlichen Nettounternehmensgewinns des Wirtschaftsbereiches Forstwirtschaft. Zu betonen ist, dass hiermit „lediglich“ die bereits feststellbaren Schäden für die Ökosystemleistung Rohholzproduktion der multifunktionalen Forstwirtschaft in Deutschland, nicht jedoch zu erwartende Folgeschäden und Schäden für die weiteren Ökosystemleistungen wie z. B. Biodiversität, Klimaschutz oder Erholungswert bewertet wurden.

Ziel der Untersuchung

Umfang und Bedeutung der durch Stürme, Trockenheit, Käfer und Pilze ausgelösten Waldschäden der Jahre 2018-2020 wurden bisher ganz überwiegend mittels naturaler Kennziffern (wie Kalamitätsholzanfall, Kalamitätsflächen etc.) kommuniziert. Über die dadurch entstandenen wirtschaftlichen Verluste wurde bisher kaum berichtet. So besteht allgemein Unklarheit über deren Größenordnung und auch die methodischen Möglichkeiten zu deren Abschätzung. Der dafür zentrale Grund wird in der Tatsache gesehen, dass in der Forstwirtschaft im betrieblichen Rechnungswesen eine laufende Erfassung und Bewertung der Veränderungen des Holzvorratsvermögens nicht möglich ist. Mithin gibt bspw. auch das Testbetriebsnetz Forst (TBN-Forst) des BMEL, welches auf Ergebnissen der Finanzbuchhaltung fußt, nur unzureichend Auskunft über die ökonomische Betroffenheit der Forstbetriebe in Deutschland durch die aktuellen Kalamitäten. Denn es sind insbesondere Schäden an den Waldbeständen und damit am Waldbestandsvermögen, die durch die Extremwetterereignisse der Jahre 2018-2020 hervorgerufen wurden.

Ziel dieses Beitrages ist es deshalb, die ökonomisch relevanten Schadenskomponenten der Extremwetterereignisse der Jahre 2018-2020 für die Forstbetriebe zu identifizieren, dafür geeignete ökonomische Bewertungskonzepte vorzustellen und die erforderlichen Datengrundlagen für eine summarische Schadensbewertung für Deutschland abzuschätzen.

Im Weiteren wurden nur die durch die Extremwetterereignisse der Jahre 2018-2020 verursachten forstwirtschaftlichen Schäden (Einkommens- und Vermögensschäden) bewertet. Dafür wurde ein analytisches Vorgehen gewählt, d.h. der Gesamtschaden wird in verschiedene Schadenskomponenten zerlegt, für die jeweils getrennte Abschätzungen erfolgen. Aus der Summe der bewerteten Komponenten wurde dann die Höhe des Gesamtschadens abgeleitet.

Es gelten aber noch weitergehende Einschränkungen. Unberücksichtigt blieben bspw. die aufgrund des weiter fortschreitenden Klimawandels in Zukunft zunehmenden Risiken der Waldbewirtschaftung, die erforderlichen langfristigen Anpassungsmaßnahmen bspw. durch Baumartenwechsel, aber auch Schäden, die über die Einkommens- und Vermögenssphäre hinausgehen. Dafür sind komplexe, z. B. dynamische, Simulationen unter Berücksichtigung von Klimaszenarien erforderlich. Hinzuweisen ist auch darauf, dass die Bewertung der Schäden ohne die Berücksichtigung der forstpolitischen Instrumente (wie Förderungen, steuerliche Begünstigungen im Kalamitätsfall etc.) erfolgten, die von der Allgemeinheit bereitgestellt werden und zur wirtschaftlichen Schadensmilderung in den Forstbetrieben beitragen.

Multifunktionale Forstwirtschaft in Deutschland zeichnet sich durch die Bereitstellung eines Bündels an gesellschaftlich nachgefragten und zum Teil waldgesetzlich eingeforderten Ökosystemleistungen aus. Da der Fokus dieses Beitrages auf den betriebswirtschaftlichen Schäden lag, wurden in diesem lediglich die Schäden an der Ökosystemleistung Rohholzbereitstellung bewertet und auf eine Schadensbewertung bei anderen Ökosystemleistungen wie z. B. Biodiversität, Klimaschutz oder Walderholungswert verzichtet. Auch die Schäden, die den nachgelagerten Unternehmen und deren Beschäftigten im Cluster Forst und Holz dadurch entstehen werden, dass das Schadholz der vergangenen Jahre dem Holzmarkt in Zukunft fehlen wird, wurden nicht berücksichtigt.

Originalartikel

Die Methodik und Quellen finden Sie im vollständigen Originalartikel, den Sie hier als PDF herunterladen können.

Zusammenfassung und Ausblick

Bildet man die Summe über die – keineswegs vollständigen und hier eher vorsichtig bewerteten – forstbetrieblichen Schadenskomponenten der Extremwetterjahre 2018-2020, so ergibt sich ein Schadenbetrag in Höhe von rd. 12,75 Mrd. €.

Der überwiegende Teil dieses Betrages betrifft die Schäden in den Waldbeständen, die im pagatorischen, die Geldflüsse aufzeichnenden Rechnungswesen, üblicherweise nicht erkennbar werden, sondern einer Bestandesrechnung bedürfen, wie sie hier stark vereinfachend kalkulatorisch vollzogen wurde. Das gilt insbes. für die Hiebsunreife-Verluste und für die Wertzuwachs-Verluste, aber auch für die Schadensbeträge für nicht absetzbares Schadholz. Auch die Mindererlöse und Mehrkosten beim Kalamitätseinschlag und die Mehrkosten der Wiederbegründung der Kulturen werden im betrieblichen Rechnungswesen i.d.R. nicht unmittelbar erkennbar, weil dort nur die tatsächlichen Zahlungen aufgezeichnet werden, und nicht jene, die normalerweise angefallen wären. Das verdeutlicht, dass eine Schadensbewertung ohne ein entsprechendes kalkulatorisches Vorgehen, wie es hier exemplarisch vorgestellt wurde, nicht möglich ist.

Kritik an dem hier vorgestellten Bewertungskonzept ist aber angebracht. So konnte nur ein Teil der als relevant erachteten Schadenskomponenten berücksichtigt werden. Und selbst dafür sind die Datengrundlagen zum Teil sehr unzulänglich. Das beginnt bei dem Fehlen eines bundesweiten systematischen quantitativen Waldschadensmonitorings (am Aufbau eines solchen wird derzeit gearbeitet) und setzt sich fort im Fehlen von aktuellen, repräsentativen forstbetrieblichen Kennziffern. Entsprechend können die hier verwandten Konzepte und Daten, die auf Statistiken und Quellen der Waldbewertung, exemplarischen Ergebnissen und Expertenschätzungen aufbauen, nicht für sich beanspruchen, die Größen bundesweit zweifelsfrei abzubilden. Auch wurde bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass insbesondere die langfristigen, im Zusammenhang mit dem fortschreitenden Klimawandel stehenden dynamischen Effekte, wie die Zunahme der Risiken, die Verschiebung der Baumartenanteile und der Altersklassen, durch das hier gewählte Vorgehen nicht abgebildet werden können.

Gleichwohl verdeutlichen die von einer Gruppe von Experten ermittelten Größenordnungen die ökonomische Außerordentlichkeit der aktuellen Schadenssituation in der Forstwirtschaft durch die Extremwetterjahre 2018-2020. Mit 176,8 Mio. m³ Schadholz in den Jahren 2018-2020 erreicht das Schadholzaufkommen annährend die Größenordnung von drei regulären Jahreseinschlägen nach Einschlagsrückrechnung des Thünen-Institutes für Int. Waldwirtschaft und Forstökonomie (Mehrjahresmittel 2012-2017: 70,6 Mio. m³ pro Jahr). Die aufsummierte Schadenssumme von insges. 12,7 Mrd. € beläuft sich auf das 9,7-fache des jährlichen Nettounternehmensgewinns des Wirtschaftsbereiches Forstwirtschaft (inkl. der Forstlichen Dienstleister) nach Forstwirtschaftlicher Gesamtrechnung. Angesichts dieser hohen Waldschäden wurden von der Bundesregierung aus dem Konjunktur- und Zukunftspaket 500 Mio. € für den Erhalt und die nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder durch die „Nachhaltigkeitsprämie Wald“ zur Verfügung gestellt. Ebenso wurde der Förderbereich 5 F „Förderung von Maßnahmen zur Bewältigung der durch Extremwetterereignisse verursachten Folgen im Wald“ in die Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes (GAK) aufgenommen und die GAK-Mittel für den Wald durch den Bund um 480 Mio. € für 4 Jahre aufgestockt (inkl. Co-Finanzierung der Länder knapp 800 Mio. €). Einige Länder haben zusätzliche Landeshilfen sowie Sonderzuweisungen für ihre Landesforstbetriebe zur Verfügung gestellt. Der Betrag dieser Hilfen liegt noch deutlich unterhalb der Summe der ermittelten Mehrkosten für die Wiederbegründung der Kulturen und der Mehrkosten der Verwaltung. Einen Ausgleich der Vermögensverluste in den Waldbeständen ermöglichen sie nicht.

Auch wenn die hier vorgestellten Zahlen geeignet erscheinen, summarisch die aktuelle wirtschaftliche Betroffenheit der Forstwirtschaft in Deutschland aufzeigen, so sind sie doch nur eine Momentaufnahme in einem sehr dynamischen Geschehen. Entsprechende Erhebungen und Auswertungen sollten deshalb jährlich fortgeführt werden, wobei sowohl die Datenerfassung als auch die Bewertungsmethoden laufend zu verbessern sind und zu einem ökonomischen Waldschadensmonitoring ausgebaut werden sollten. Idealerweise finden dann auch betrieblich differenzierte Erhebungen statt, welche die große Spannbreite zwischen den einzelbetrieblichen Betroffenheiten erkennen lassen. Eine Vielzahl von Forstbetrieben steht buchstäblich vor dem „Nichts“, andere verzeichnen zwar nur geringe Vorratsverluste, waren aber durch die mangelnde Absetzbarkeit des Holzes sowie durch den bundesweiten drastischen Holzpreisverfall ebenfalls betroffen.

Auch dürften die ökonomischen Zahlen die Aufmerksamkeit dahin lenken, dass das betriebliche und auch forstpolitische Hauptaugenmerk darauf liegen sollte, die derzeitig noch vorhandenen Bestände, die die zentrale Vermögenssubstanz der Forstbetriebe bilden, zu erhalten und zu sichern. Denn die vorhandenen Waldbestände sind für die Forstwirtschaft das wichtigste „Asset“. Auch sollte forstpolitisch alles getan werden, damit den Forstbetrieben nach den bereits eingetretenen Substanzverlusten wirtschaftliche Perspektiven erhalten bleiben – sollen sie nicht in Agonie verfallen. Es ist noch einmal darauf hinzuweisen, dass hier lediglich die Schäden an der Ökosystemleistung Rohholzproduktion der multifunktionalen Forstwirtschaft in Deutschland, nicht jedoch Schäden der weiteren Ökosystemleistungen, wie z. B. Biodiversität, Klimaschutz oder Erholungswert, bewertet wurden. Da diese Ökosystemleistungen bisher von den Forstbetrieben überwiegend unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden, bedürfen sie einer wirtschaftlichen Basis, welche bisher weitgehend die Rohholzproduktion darstellt. Die hier ermittelten Schäden legen nahe, dass dieses Finanzierungsmodell zukünftig nicht mehr tragen wird. Gemäß der breit anerkannten Regel „Öffentliches Geld für öffentliche Güter“ sind daher von der Politik neue Instrumente zur Honorierung der Ökosystemleistungen des Waldes zu entwickeln.