Wann ist ein Wald schön? Auf diese Frage gibt das Buch klugerweise keine konkrete Antwort, denn Schönheit ist ein subjektives Gefühl. Der Autor möchte vielmehr die Leserinnen und Leser sensibilisieren, sich vermehrt auf das emotionale Empfinden einzulassen, die Ästhetik des Waldes zu spüren und sich daran zu erfreuen. Das Buch soll in erster Linie die Wahrnehmung des Waldes in all seinen Facetten stärken.

Auf 500 Seiten beleuchtet Wilhelm Stölb alle wichtigen Aspekte der Waldästhetik. Den Anfang machen gesellschaftliche, geschichtliche und philosophische Betrachtungsweisen. Hier geht es um die Wurzeln der Waldästhetik, die Problematik des ästhetischen Urteils, die Rolle des Menschen in der Natur oder um die Naturliebe als tiefes menschliches Bedürfnis.

Den Wald erleben

Im zweiten Kapitel werden verschiedene Möglichkeiten beleuchtet, den Wald zu erleben. Ein Förster sieht den Wald vermutlich mit anderen Augen als eine Jägerin. Ein Waldeigentümer nimmt seinen Wald wohl intensiver wahr als die Hobby-Läuferin, die an ihm vorbeirennt. Forstwissenschaftler, Künstlerinnen oder Werbe-Agenturen haben wiederum ganz unterschiedliche Zugänge zum Wald.

Stölb versteht es, die unterschiedlichen Betrachtungsweisen des Waldes differenziert darzulegen. Er stellt immer wieder Bezug zur Waldästhetik her und hält dabei auch mit seiner eigenen Meinung nicht zurück. Er prangert zum Beispiel die hochmechanisierte Holzernte an, die durch ihre groben Eingriffe ins Waldgefüge kaum Rücksicht auf waldästhetische Belange nimmt. Gleichzeitig bringt er Verständnis dafür auf, dass die moderne Technik nicht nur ökonomischer, sondern auch wesentlich schonender für die Gesundheit der Waldarbeiter und somit "menschenfreundlicher" ist.

Es gelingt dem Autor, diese Differenziertheit durchs ganze Buch aufrechtzuerhalten, obwohl er seine kritische Sicht auf die aktuelle Forstwirtschaft, den Naturschutz und die Wissenschaft immer wieder äussert. Er spricht Dinge in klaren Worten an, die seiner Meinung nach negativ zu werten sind. Dabei erreicht Stölb sein Ziel, "nicht ohne Emotion, aber ohne Polemik" zu argumentieren, in bemerkenswerter Weise.

Ästhetische Vielfalt

Der dritte Teil des Buches behandelt die praktische Waldästhetik. Der Autor zeigt ein Verfahren zur waldästhetischen Bewertung von Beständen, schlägt Ziele und Grundsätze der Waldästhetik vor und erläutert Massnahmen für die Umsetzung in der Praxis. Thematisiert werden unter anderem die verschiedenen Betriebsformen, Verjüngungs- und Durchforstungsverfahren, Waldwege, Waldränder, Gastbaumarten oder alte Bäume, aber auch nicht-forstliche Einrichtungen wie Nistkästen, Informationsschilder oder Windkraftanlagen.

Eine Kernbotschaft ist, dass es in der Waldästhetik nicht um eine bestimmte Art und Weise der Waldbewirtschaftung geht, die besonders schöne Wälder hervorbringt, sondern dass die Kombination verschiedener ansprechender Waldbilder und damit Vielfalt anzustreben ist. In diesem Sinne sind auch Natur- und Urwälder nicht das waldästhetische Nonplusultra, weil bewirtschaftete Wälder – und damit künstliche Waldbilder – mindestens ebenso schön sein können.

Was nicht messbar ist, hat dennoch Wert

Wenn heute über den Wald diskutiert wird, so geht es meistens um die Holznutzung (Ökonomie) und um Naturschutz (Ökologie). Die Forstwirtschaft orientiert sich stark an betriebswirtschaftlichen und waldbaulichen Kriterien: Hiebsatz, Erntekosten, Reinerlös, Zieldurchmesser, Schlankheitsgrad. Auf der anderen Seite dreht sich auch im Naturschutz alles um Sachliches und Messbares: Biotoptypen, Gefährdungsfaktoren, Habitatansprüche, Rote Listen, Umsetzungskosten. Sogar der gemütliche Waldspaziergang – eine Erholungsnutzung – wird heute oft aus volkswirtschaftlicher Perspektive betrachtet. Der Buchautor fragt deshalb zurecht: wo bleiben da die Gefühle?

In seinem Buch stellt Stölb den beiden allgegenwärtigen Polen Ökonomie und Ökologie einen dritten Pol gegenüber: die Ästhetik. Denn jeder Wald hat neben seinem ökonomischen und ökologischen Wert auch einen ästhetischen Wert. Letzterer ist allerdings nicht messbar, sondern nur zu spüren und bleibt daher häufig unbeachtet.

Den Wald (wieder) mit anderen Augen sehen

Beim Lesen merkt man, dass sich Stölb während vieler Jahre und sehr vertieft ins Thema eingearbeitet hat und über grosses Wissen verfügt. Seine Gedankengänge sind breit abgestützt, logisch und nachvollziehbar. Zahlreiche Beispiele unterstützen seine Argumentation. Der Autor appelliert besonders an die Forstleute, sich vermehrt über die Schönheit des Waldes Gedanken zu machen und bei forstlichen Entscheidungen häufiger das Gefühl mitsprechen zu lassen. Denn Förster beeinflussen bei ihrer täglichen Arbeit das Aussehen des Waldes massgeblich – und dies für viele Jahrzehnte.

Das in anschaulicher Sprache geschriebene Buch ist allerdings sehr umfangreich. Teilweise wird die Lektüre aufgrund thematisch weit ausholender Passagen langatmig. Als Leser wünscht man sich hie und da etwas mehr roten Faden und stärkeren Bezug zur Waldästhetik. Eine Straffung des Inhalts würde dem Buch guttun, damit es mehr Leute lesen. Denn dieses mit Herzblut verfasste Werk empfiehlt sich uneingeschränkt allen, denen unser Wald am Herzen liegt und die in ihm mehr sehen als ein Ort der Holzproduktion, den Lebensraum von Tausenden von Arten oder eine Sportstätte an frischer Luft.

Das Buch "Waldästhetik" bewegt. Es weckt Emotionen und regt zum Nachdenken an. Es öffnet den Blick für Neues, Verborgenes, Vergessenes, Unbeachtetes, Übersehenes. Man muss mit Stölb in vielen Punkten nicht einer Meinung sein, um dank seinem Buch gewisse Tendenzen in der Forstwirtschaft zu hinterfragen und den Wald vermehrt mit anderen Augen zu sehen. Das ist auch das Hauptanliegen des Buches: dem menschlichen Empfinden in der Waldbewirtschaftung mehr Bedeutung zu geben.
 

Stölb, W. (2012)

Waldästhetik: Über Forstwirtschaft, Naturschutz und die Menschenseele.

2. Auflage.
Preis: 29.90 EUR / ca. 33.-- Fr.
Umfang: 530 S.
ISBN: 978-3-00-038132

Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder kann beim Autor bestellt werden.

(TR)