Die Wildwarnanlage an der B 504 im Reichswald bei Kleve – Erfolgskontrolle in den ersten beiden Betriebsjahren

Große Wildtiere in unserer zersiedelten Kulturlandschaft zu erhalten ist eine anspruchsvolle Daueraufgabe. Konflikte mit anderen Landnutzern, der Land- und Forstwirtschaft oder dem Straßenverkehr erfordern abgestimmte Konzepte und an die lokale Situation angepasste Maßnahmen.

Von der Römerzeit bis zum Mittelalter lag zwischen Nimwegen, Kleve und Goch ein geschlossener Wald. Deutsche Fürsten kamen hierher zur Jagd, wenn sie in der Pfalz in Nimwegen residierten (Ueckermann 1993). Heute ist der Reichswald Kleve mit etwa 5.100 ha das größte geschlossene Waldgebiet des Niederrheinischen Tieflandes. Auf altpleistozänen Stauchendmoränen und Sanderflächen stocken mittelalte Kiefernbestände (Pinus sylvestris) und ältere Buchenbestände (Fagus sylvatica). Adlerfarn (Pteridium aquilinium) und Pfeifengras (Molinia caerula) weisen Stauhorizonte in 1-3 m Tiefe auf (Förster 1998).

Der Rothirsch (Cervus elaphus) besiedelte ursprünglich die großen Fluss- und Stromauen des Tieflands. Mit zunehmender Landnutzung wurde er in die verbliebenen Waldinseln zurückgedrängt und nur die jagdliche Nutzung ermöglichte ein Überdauern durch die Jahrhunderte. Im Reichswald lebt heute eines der letzten autochthonen Vorkommen des Niederrheins-Rotwilds (Ueckermann 1993). Aktuell hat der Rotwildbewirtschaftungsbezirk "Nr. 10 Reichswald Kleve" einen Zielbestand von 120 Stück. Weitere Huftiere im Reichswald sind Wildschweine (Sus scrofa) und Rehe (Capreolus capreolus).

Das Rotwildvorkommen im Reichswald ist seit 120 Jahren isoliert: Schon ab 1893 verhinderte ein Feldschutzzaun, dass Rothirsche aus dem Reichswald in die umliegenden Landwirtschaftsflächen wechseln konnten. 1954 wurde der im Krieg zerstörte Feldschutzzaun um eine Fläche von 4.200 ha neu errichtet, damit Rotwild weiter im Gebiet erhalten werden konnte (Ueckermann 1993). Der Zaun unterbindet die natürliche Wanderung des Rotwildes in die nahegelegenen Niederungen von Maas und Rhein und verhindert den genetischen Austausch mit benachbarten Populationen z. B. in den Niederlanden. Im Rahmen des grenzüberschreitenden Ketelwaldprojekts wurde 2005 der Feldschutzzaun im Bereich Koningsvenn auf niederländischer Seite abgesenkt und dem Rotwild auf 20 ha weitere Äsungsflächen verfügbar gemacht; damit war der erste Schritt zu einer teilweisen Öffnung getan (Groot Bruinderink et al. 2008).

Wildwarnanlage mit radargesteuerten Wildwarndisplays

Der Reichswald wird von zwei überörtlichen Straßen durchschnitten, der L 484 (Grunewaldstraße) von Grunewald nach Kleve und der B 504 (Kranenburger Straße) von Goch nach Kranenburg. Wildunfälle mit Rehen, Wildschweinen und Rothirschen im Reichswald werden seit 1987 durch die Forschungsstelle in Kooperation mit dem Forstamt untersucht. Es wurden umfangreiche Daten über verunfallte Huftiere (Art, Altersklasse, Geschlecht) sowie über Ort und Zeit des Unfalls gesammelt und unterschiedliche Maßnahmen zur Wildunfallvermeidung erprobt (Lutz 2012). Die Daten waren Grundlage für die Planung einer Elektronischen Wildwarnanlage an der B 504, die 2011 mit Mitteln des Konjunkturprogramms II der Bundesregierung realisiert werden konnte. Das Projekt wird durch eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der Kreisjägerschaft Kleve e.V., der Kreispolizei Kleve, der Gemeinde Kranenburg, des Landesjagdverbandes NRW e.V., des Landesbetriebs Straßen NRW, des Regionalforstamts Niederrhein und der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung begleitet.

Die B 504 verläuft in auf einer Strecke von 2,5 km in Nord-Süd-Richtung durch den gezäunten Bereich des Reichswaldes. Am Nordende ist ein Gitterrost in die Fahrbahn eingelassen, und im Süden wird der Feldschutzzaun beidseitig auf 1 km parallel zur Straße mitgeführt, um ein Auswechseln des Wildes über die Straße aus dem Reichswald heraus zu verhindern.

Die Wildwarnanlage (Firma Maibach VuS GmbH, Velen) besteht aus sieben LED-Displays (Abb. 1), von denen drei in Fahrtrichtung Kranenburg und vier in Fahrtrichtung Goch am Straßenrand installiert wurden (Abb. 4). Die Displays zeigen die zulässige Geschwindigkeit (hier 70 km/h) und das Warnpiktogramm "Wild" mit LED-Dreieck an. Die Befestigung erfolgte leicht geneigt in einer Höhe von 2-3 m zur Gehäuseunterkante an Rundpfosten. Das Prinzip dieser Anlage ist die Kombination aus einem permanent anzeigenden Wildwarndisplay, welches im aktiven Zustand dauerhaft leuchtet, mit weiteren radargesteuerten Wildwarndisplays, die nur aufleuchten, wenn ein Fahrzeug schneller ist als die zulässige Höchstgeschwindigkeit. Die Messeinheit besteht aus einem Doppler-Radar mit einer Reichweite von 130 m bei PKWs. Die registrierten Fahrzeuggeschwindigkeiten werden gespeichert. Parametrierung und Datenauswertung erfolgen mit dem Programm Wavetec User Assistant V3 (Firma Wavetec Radar Solutions GmbH & Co. KG, Solingen) für Windows-Betriebssysteme.

Der Standort muss so gewählt werden, dass der Radarstrahl die ankommenden Fahrzeuge ohne Störung erfassen und die Reflektion ungehindert empfangen kann: möglichst gerade Strecke, am Fahrbahnrand keine hohe Bebauung oder geparkte Fahrzeuge. Ausrichtung und Neigung des Displays müssen optimal an die jeweiligen Geländeverhältnisse angepasst, regelmäßig überprüft und ggf. nachjustiert werden. Eine mit Lichtschranken ausgestattete Wildwarnanlage, wie sie im Oktober 2007 an der L 484 eröffnet wurde (Groot Bruinderink 2008; Lutz 2012), war u. a. auf Grund des nicht ebenen Geländeverlauf technisch nicht zu realisieren.

Die Wildwarnanlage wurde am 14.04.2011 in Betrieb genommen. In den folgenden Wochen wurden technische Änderungen vorgenommen und Displays ausgetauscht. Der reguläre Betrieb begann am 06.05.2011. Die Betreuung erfolgt durch das Regionalforstamt Niederrhein: regelmäßige Funktionskontrollen, Wechseln und Aufladen der Akkus (z.T. mehrmals wöchentlich), Wechsel der Speicherkarten, Einstellung der Laufzeiten, Information des Herstellers bei technischen Problemen und Anpassung der Laufzeiten an die Dämmerungszeiten.

Akzeptanz beim Autofahrer und Entwicklung der Wildunfallzahlen

Die Häufigkeit und Schwere von Wildunfällen ist u. a. abhängig von der gefahrenen Geschwindigkeit. Das Ziel der Wildwarnanlage ist es, die Fahrgeschwindigkeit bei Nacht und in der Dämmerung nachhaltig zu senken, um das Wildunfallrisiko zu vermindern und den Wildtieren ein gefahrloses Queren der Straße zu ermöglichen. Vor dem Bau der Wildwarnanlage im Jahr 2009 haben Verkehrsmessungen an der B 504 Durchschnittsgeschwindigkeiten von 103 bzw. 107 km/h (je nach Fahrtrichtung) ergeben. Der Spitzenwert lag bei 230 km/h (Kreispolizei Kleve, mdl. Mitt.).

Seit der Inbetriebnahme der Wildwarnanlage im Mai 2011 konnte die Fahrgeschwindigkeit während der Laufzeiten nachweislich gesenkt werden. Abb. 6 zeigt als Beispiel eine Auswertung von Daten eines Displays vom 1. bis 31. Dezember 2012. Deutlich erkennbar sind die Zunahme von Fahrzeugen im Berufsverkehr und der hohe Anteil von Fahrzeugen unter 80 km/h. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 74 km/h; 85 % der Fahrzeuge fuhren bis 86 km/h. Verkehrsmessungen der Polizei bestätigten, dass sich der Großteil der Verkehrsteilnehmer an die in der Wildwarnanlage vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h hält (Kreispolizei Kleve, schriftl. Mitt.).

Für eine erste Bewertung der Auswirkungen der Anlage auf die Häufigkeit von Wildunfällen wurden die zwei Jahre vom 1. Mai 2009 bis 30. April 2011 mit dem Zeitraum 1. Mai 2011 bis 30. April 2013 verglichen. In der Summe ging die Zahl der verunfallten Wildtiere in zwei Jahren von 35 auf 24 zurück (-31 %); vier Tiere wurden tagsüber getötet. Verluste an Wildschweinen gingen von 21 auf 17 zurück; zwei Wildschweine verunfallten im südlichen Bereich zwischen den Zäunen. Bei Rehen war kein Rückgang feststellbar (drei ohne, vier mit Wildwarnanlage, davon eins tagsüber). Sehr deutlich ist der Rückgang beim Rotwild von elf auf drei (-63 %). Rotwild ist beim Queren von Straßen sehr vorsichtig und profitiert offenbar besonders von der reduzierten Fahrgeschwindigkeit. Die weitere Beobachtung der Situation wird zeigen, ob die Häufigkeit von Wildunfällen dauerhaft sinkt.

Zusammenfassung

Im Reichswald Kleve wurde im Mai 2011 an der B 504 (Kranenburger Straße) eine Elektronische Wildwarnanlage in Betrieb genommen, welche die zulässige Geschwindigkeit in der Dämmerung und bei Nacht auf 70 km/h beschränkt. Die Auswertung der von der Anlage gespeicherten Geschwindigkeitsmessungen und parallel durchgeführte Messungen der Kreispolizei Kleve haben nachgewiesen, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit auf unter 75 km/h abgesenkt werden konnte. Die Zahl der verunfallten Rehe, Wildschweine und Rothirsche ist in zwei Jahren insgesamt um 31 % zurückgegangen, bei Rothirschen sogar um 63 %.

Literatur

Förster, A. (1998): Wild und Vegetation im Reichswald Kleve. Z. Jagdwiss. 44:66-77.

Groot Bruinderink, G.W.T.A., G. Kurstjens, M. Petrak & L. Reyrink (2008): Rothirsch. Chancen von Reichswald bis Meinweg. Deutsch-Niederländischer Naturpark Maas-Schwalm-Nette, Roermond.

Lutz, W. (2012): Verminderung von Wildverlusten im Straßenverkehr: Zwei Jahrzehnte Versuche im Reichswald Kleve. Rheinisch-Westfälischer Jäger 1/2012: 10-11.

Ueckermann, E. (1993): Zur Geschichte des Rotwildes am Niederrhein in Nordrhein-Westfalen. Z. Jagdwiss. 39:106-127.

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