Etwa 30 einheimische Schmetterlingsarten sind auf Wald-Lebensräume angewiesen und können deshalb als "Waldtagfalter" bezeichnet werden. Natürlich gibt es keine scharfe Grenze zwischen den Waldtagfaltern und anderen Schmetterlingen, die neben ihren Lebensräumen im offenen Land auch gerne in Waldlichtungen oder an Waldrändern herumfliegen. Dennoch ist es für die praktische Arbeit nützlich, wenn man Tagfalter, die in mindestens einem Lebensstadium (Ei, Raupe, Puppe oder Falter) obligat oder im hohen Masse an den Wald gebunden sind, als Waldtagfalter bezeichnet.

Zu dieser Gruppe gehören einige der schönsten, aber auch geheimnisvollsten Schmetterlingsarten. Manche verbringen einen grossen Teil ihres Lebens hoch oben in den Busch- und Baumkronen, gut versteckt vor menschlichen Blicken. Ab und zu verlassen diese Schönheiten jedoch die luftigen Höhen und lassen sich bei der Nahrungsaufnahme oder beim Sonnenbad beobachten. Solche Begegnungen bleiben in Erinnerung, sind sie doch nicht alltäglich und meistens sehr eindrücklich.

Schillerfalter, Eis- und andere Sommervögel

Der Grosse Schillerfalter (Apatura iris, Abb. 1) ist in der Schweiz weit verbreitet, tritt jedoch nie in grossen Zahlen auf. Sein Namensvetter, der Kleine Schillerfalter (Apatura ilia, Abb. 2), ist eher in den unteren Lagen anzutreffen, vor allem in der Nähe von Gewässern, zum Beispiel in Auenwäldern. Entgegen seinem Namen kann er durchaus die Grösse eines Grossen Schillerfalters erreichen.

 

Den Grossen Eisvogel (Limenitis populi, Abb. 3) kann man als den König des Waldes unter den Schmetterlingen bezeichnen. Bezüglich seiner Grösse, Schönheit und Seltenheit wird er von kaum einer anderen Art überboten. Er scheint noch seltener auf den Boden zu kommen als die Schillerfalter, und es braucht grosses Glück oder viel Können, ihn zu beobachten. Sein kleinerer "Bruder", der Kleine Eisvogel (Limenitis camilla, Abb. 4), ist dagegen weit verbreitet und einiges häufiger, er lässt sich auch einfacher beobachten. Im Gegensatz zu den bereits erwähnten Arten ist er ein fleissiger Blütenbesucher, obwohl auch er gerne an feuchten Waldstrassen oder am Rand von Pfützen Flüssigkeit und Nahrung aufnimmt.

Schillerfalter und Eisvögel saugen gerne an Exkrementen, toten Tieren oder an Baumsäften. Deshalb lassen sich diese Arten auch leicht anlocken, zum Beispiel mit stark riechendem Käse. Der Schwarze Trauerfalter (Neptis rivularis) ist in der Schweiz nur im Tessin anzutreffen und kann beim flüchtigen Hinsehen mit dem Kleinen Eisvogel verwechselt werden. Er lebt gerne in der Nähe von Bächen und Wasser und ist häufig in sonnendurchfluteten Waldschluchten anzutreffen.

Weitere Waldtagfalter wie etwa der Trauermantel (Nymphalis antiopa, Abb. 5) oder der Grosse Fuchs (Nymphalis polychloros, Abb. 6) kommen regional noch in guten Beständen vor, die Populationsgrössen können von Jahr zu Jahr aber sehr stark schwanken. Beide Arten findet man auch ausserhalb des Waldes, so in naturnahen Obstgärten oder Pärken. Im Spätsommer saugen sie häufig an Fallobst, obwohl sie Blumennektar nicht verschmähen. Beide Arten überwintern als Falter und gehören zu den als erste erscheinenden Schmetterlingen im Frühling.

Die kleinen Zipfelfalter, der Blaue Eichen-Zipfelfalter (Neozephyrus quercus) und der Braune Eichen-Zipfelfalter (Satyrium ilicis), können nur mit viel Erfahrung in den Wipfeln von Eichen erspäht werden. Obwohl der erste in der Schweiz weit verbreitet ist und an vielen Waldrändern mit Eichenbestand vorkommt, braucht es doch etwas Geduld, um ihn nachzuweisen. Der mit etwa 1,5 cm Flügellänge eher kleine Falter sitzt nämlich oft minutenlang auf Eichenblättern herum, um dann kurz aufzufliegen und eine neue Sitzwarte zu beziehen. Seine silbrig glänzende Unterseite verrät ihn jedoch von weitem. Ebenso schwierig zu beobachten ist der Braune Eichen-Zipfelfalter, der dazu viel weniger weit verbreitet ist als sein blaues Pendant.

Unter den Waldschmetterlingen hat in letzter Zeit vor allem der Gelbringfalter (Lopinga achine, Abb. 7) an Popularität gewonnen. Der braune Falter mit den markanten Ringen ist ein typischer Bewohner von lichten Wäldern und Waldrändern. Die Art gehört europaweit zu den bedrohten Arten (IUCN-Gefährdungskategorie: vulnerable, d.h. verletzlich). Mit relativ einfachen Massnahmen wie zum Beispiel schonender Durchforstung lassen sich geeignete Lebensräume aufwerten. Davon profitieren nicht nur der Gelbringfalter, sondern auch andere lichtbedürftige Tiere und Pflanzen.

Und zu guter Letzt soll auch der häufigste Waldtagfalter erwähnt werden: das Waldbrettspiel (Pararge aegeria, Abb. 8). Diese Art fehlt in keinem grösseren Waldareal. Ihre grosse Verbreitung verdankt sie vor allem der Tatsache, dass sie pro Jahr mehrere Generationen bilden kann und die Raupen bezüglich der Frasspflanzen nicht sehr wählerisch sind; sie ernähren sich von verschiedenen Gräsern.

Neben den erwähnten leben in den Wäldern auch viele Arten, die sich ähnlich wie die "Offenlandarten" vor allem in Waldfluren aufhalten, die eine gut ausgeprägte, blumenreiche Krautschicht aufweisen, zum Beispiel Waldränder, Waldlichtungen und Schlagfluren. Der Kaisermantel (Argynnis paphia, Abb. 9) oder der Veilchen-Perlmutterfalter (Boloria euphrosyne) sind solche Arten. Je ausgeräumter und intensiver bewirtschaftet das an den Wald angrenzende Kulturland ist, desto höher ist die Bedeutung von Waldhabitaten auch für die übrigen Schmetterlinge. Manch eine Art wäre ohne Krautsäume an den Waldrändern um einiges seltener, so etwa der Aurorafalter (Anthocharis cardamines) oder das Landkärtchen (Araschnia levena).

Jeder Raupe ein Zuhause

Will man sich an den schönen Faltern erfreuen, muss man um die Raupen und ihre Lebensräume besorgt sein. Denn entscheidend, ob eine Art in einem Gebiet vorkommt oder nicht, ist oft nicht nur der Lebensraumtyp des Falters, sondern vor allem der intakte Lebensraum der Raupe. Einige Arten sind diesbezüglich recht wählerisch: Die richtige Raupenfrasspflanze muss in richtiger Anzahl, in richtiger Wuchsform und am richtigen Standort wachsen, damit das Weibchen darauf seine Eier ablegt. Ein Grossteil der Arten bevorzugt nur gerade eine oder wenige Arten von Raupenfrasspflanzen (Abb. 10).

Aufgrund der Ansprüche der Raupen kann man die Waldtagfalter grob in zwei Gruppen einteilen: die Baum-Raupen-Waldtagfalter, deren Raupen sich von den Blättern von Büschen und Bäumen ernähren, und die Gras-/Kraut-Raupen-Tagfalter, deren Raupen in der Kraut- oder Hochstaudenschicht leben.

Auffällig bei der ersten Gruppe ist, dass die meisten dieser Arten vor allem auf Lichtbaumarten wie Zitterpappel, Sal-Weide oder Birke angewiesen sind. Für den Grossen Schillerfalter ist es zum Beispiel wichtig, dass die Sal-Weide (Salix caprea, Abb. 11) genügend luftfeucht steht, damit die Weibchen sie zur Eiablage annehmen. Alleinstehende oder gut besonnte Bäume oder Sträucher werden gar nicht oder selten angenommen. Bevorzugt werden dagegen solche, die in Geländemulden oder an halbschattigen Standorten am Waldrand stehen. Der Grosse Eisvogel scheint besonders dominantstehende Zitterpappel-Gruppen im Waldrandbereich zu bevorzugen (Abb. 12). Auch hier spielt die Ausrichtung des Waldrandes eine grosse Rolle.

Viele Waldtagfalterarten lassen sich nur schwer nachweisen. Bei einigen ist es effizienter, wenn man ihre Zwischenstadien sucht, etwa Eier oder Raupen. Eisvögel und Schillerfalter hinterlassen als Jungraupen eine charakteristische Frassspur. Der Kleine und der Grosse Eisvogel überwintern zudem in kunstvoll angefertigten "Winterschlafsäcken", den Hibernarien. Die Raupen des Grossen Fuchses und des Trauermantels leben gemeinsam in ihren "Nestern", die abgefressenen Blätter sind schon von weitem sichtbar (Abb. 13). Andere Arten lassen sich durch abgelegte Eier finden, so etwa die Zipfelfalter.

Die Schönheiten sind selten geworden

Im vorletzten Jahrhundert waren viele Waldtagfalter-Arten einiges häufiger als heute, wie man aus Aufzeichnungen oder Schmetterlings-Sammlungen weiss. Dies dürfte unter anderem auf die Tatsache zurückzuführen sein, dass vor dem Inkrafttreten des damals neuen Waldgesetzes die Waldstruktur und Zusammensetzung in weiten Teilen der Schweiz eine andere war. So beschreibt zum Beispiel Erwin Wullschleger im sehr sorgfältig recherchierten Werk "Waldpolitik und Forstwirtschaft im Kanton Aargau" den Zustand der Wälder in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wie folgt: "Im Mittelwald mangelte es an Überhältern, die Stockausschläge kamen bereits nach 12 bis 15 Jahren wieder zur Nutzung; manche solcher Wälder waren zu Niederwäldern degradiert. Es fehlte an Jungwaldbeständen, grosse Flächen waren Blössen. Weichhölzer (Espe, Schwarzpappel und Weiden) und Dorngebüsch nahmen überhand".

Das heisst natürlich nicht, dass man nun das Rad der Zeit zurückdrehen sollte; niemand wünscht sich die "gute, alte Zeit" mit all ihren Nachteilen wieder zurück. Tatsache ist aber, dass an vielen Orten nach wie vor Lichtbaumarten als schädliche Konkurrenz angesehen werden und somit als "Problemhölzer" bekämpft werden (Abb. 14). Zudem lässt die heutige Waldrandstruktur oft zu wünschen übrig, es fehlt eine Buschzone, ein Krautsaum oder die Bestände sind monoton.

Förderung der Waldtagfalter ist leicht möglich

Das Aufwertungspotenzial im Wald zugunsten der Waldtagfalter ist enorm. Mit verhältnismässig geringem Aufwand lässt sich sehr vieles erreichen. In erster Linie sollen die Lebensräume der Raupen gefördert werden. Hier gilt es, bekannte Standorte zu schützen und potenzielle aufzuwerten sowie mit den vorhandenen zu verbinden. Da die Ansprüche je nach Art sehr unterschiedlich sind, lohnt es sich, eine Fachperson zu Rate zu ziehen. Vielen Arten wird geholfen, wenn die entsprechenden Lichtbaumarten an den geeigneten Stellen gefördert werden. Für einige Arten scheint es zudem wichtig, dass nicht nur einzelne Bäume oder Büsche, sondern ganze Gruppen mit verschiedenen Altersklassen stehen bleiben.

Waldtagfalter, deren Raupen in der Krautschicht leben, müssen durch entsprechende andere Massnahmen gefördert werden. Dies kann mit der Auslichtung von Wäldern oder dem Anlegen von breiten Krautsäumen geschehen, die danach periodisch gepflegt werden müssen, damit sie nicht (zu stark) verbuschen. In der Regel werden die betroffenen Gebiete gemäht. Je nach Zeitpunkt der Mahd kann dies für viele Arten problematisch sein. Es empfiehlt sich daher, nie alles auf einmal zu mähen und an immer wechselnden Standorten einen Teil der Fläche über den Winter ungemäht stehen zu lassen. Dies ist nicht nur für die Waldtagfalter, sondern für viele andere Tier- und Pflanzenarten sehr wichtig.
 

 

(TR)