Bis etwa zur Römerzeit nahmen Alters- und Zerfallsphasen in mitteleuropäischen Urwäldern grosse Flächen ein, so dass sich grössere Mengen alten, absterbenden und toten Holzes anhäufen konnten. Diese Vielfalt der Alt- und Totholzhabitate liess im Laufe der Zeit eine reiche und teilweise auch hoch spezialisierte Fauna und Flora entstehen. Mindestens 20 % der Waldarten hängen von Alt- und Totholz ab. Als Folge der jahrhundertelangen, teilweise intensiven Waldnutzung fehlen heute in Mitteleuropa jedoch alte, totholzreiche Wälder weitgehend.

Da es in der Schweiz dank ihrer nachhaltigen Waldbewirtschaftung verhältnismässig viele naturnahe Wälder gibt, trägt sie für die Erhaltung der saproxylischen Artenvielfalt Mitteleuropas eine besondere Verantwortung. Um die auf Totholz angewiesenen Arten effizient schützen zu können, sollte man ihre Förderungspotenziale erkennen und entsprechend nutzen.

 
 
  • saproxylisch
    sapro- = faulig, xylos = Holz
    saproxylische Arten sind von Alt- und Totholz abhängig
  • anderer Begriff: xylobiont
    xylos = Holz, bios = Leben
    also "das Holz bewohnend", "im Holz lebend" oder "Holzbewohner"
 
 

Wenig "alte" Bestände

Die waldwirtschaftliche und die ökologische Definition von Altholz gehen stark auseinander. Im waldwirtschaftlichen Sinne spricht man meist dann von Altbestand oder Altholz, wenn die wirtschaftliche Hiebsreife erreicht und der Bestand gegen Ende der so genannten Umtriebszeit geräumt und verjüngt wird. Im ökologischen Sinne hingegen ist ein Bestand dann alt, wenn er sich dem Ende seiner natürlichen Entwicklungsphase nähert. Grob gesagt werden die Bestände im Wirtschaftswald nur etwa halb so alt wie diejenigen im Naturwald.

Aus ökologischer Sicht fehlen sehr alte Waldbestände (>200 Jahre) und alte, dicke Bäume (BHD>80 cm) in einigen Gebieten weitgehend oder sie sind sehr selten (Abb. 2). Tatsächlich zeigt sich, dass Altholzbewohner im Mittelland am stärksten bedroht sind. Etwas geringer ist die Bedrohung im Jura, in den Vor- und Südalpen. Am besten sind die Lebensbedingungen für solche Organismen heute in den Alpen.

Totholz ungleich verteilt

Das Totholz ist in der Schweiz sehr ungleich verteilt. Mit kaum 4 m3/ha (stehendes und liegendes Totholz) hält das zentrale Mittelland den Tiefenrekord. Auch in den anderen Mittellandregionen sowie im Jura findet man mit 5 bis 7 m3/ha nicht wesentlich mehr Totholz. Die höchsten Werte beobachtet man in den nordöstlichen und südwestlichen Alpen (29 und 23 m3/ha). In den übrigen Alpen- und Voralpenregionen sowie in den Südalpen hat es mittlere Totholzmengen zwischen 10 und 18 m3/ha.

Erhaltungs- und Förderungspotenziale für saproxylische Arten

Ungefähr 20 % der mitteleuropäischen Waldarten (Flora und Fauna) sind direkt oder indirekt von Alt- und Totholz abhängig. Direkt abhängig sind zum Beispiel Käferlarven, die in abgestorbenen Bäumen leben oder Pilze und Flechten, die Totholz als Substrat brauchen; indirekt abhängig sind räuberische Arten, die von xylobionten Organismen leben. Das Vorkommen von mehreren Tausend Arten hängt also zu einem grossen Teil von Quantität und Qualität (Abbauzustand, Baumart, Durchmesser und Lage) des Totholzes ab.

Wegen der Verknappung der finanziellen Ressourcen werden im Naturschutz Prioritäten vor allem dort gesetzt, wo mit wenig Mitteln möglichst grosse Ergebnisse zu erwarten sind. Eine wichtige Aufgabe ist es folglich, zu beurteilen, wo sich in der Schweiz die grössten Erhaltungs- und Förderungspotenziale für saproxylische Organismen befinden. Zur Beantwortung dieser Frage führten Wissenschafter der Forschungsanstalt WSL eine Modellierung mittels einer Kombination von GIS- und Statistikwerkzeugen durch.

Handlungsprioritäten

Aus der Karte der potenziellen "saproxylischen Hotspots" (Abb.4) leiteten die Forscher die nationalen Handlungsprioritäten bezüglich Förderung und Erhaltung von Alt- und Totholz ab. Dafür untersuchten sie, wie viel geeignete Waldfläche pro Region (z. B. Kanton oder Wirtschaftsregion) für die saproxylischen Arten vorhanden ist. Basel, Jura und Solothurn weisen auf mehr als 50 % ihrer Waldfläche eine hohe Eignung für saproxylische Arten auf. Nach dieser Beurteilung haben sie die grössten Förderungspotenziale, gefolgt von Aargau, Zürich und Schaffhausen. Betrachtet man jedoch die absolute geeignete Waldfläche, so stehen Bern, Waadt, Aargau und Jura an oberster Stelle.

Zur Festlegung der Handlungsprioritäten benützten die Wissenschafter beide Standpunkte (absolute und relative geeignete Waldfläche für saproxylische Arten). Als erste Priorität galten Kantone, welche gleichzeitig einen hohen Waldflächenanteil (>25 %) an geeigneten Habitaten und eine grosse geeignete Waldfläche (>100 km2) aufweisen. Die zweite Priorität betraf Kantone, die entweder einen hohen Flächenanteil oder eine grosse absolute Fläche haben. Die dritte Priorität bestimmten die Autoren qualitativ. Es handelt sich um Kantone oder Kantonsteile, welche eine Vernetzungsrolle zwischen Gebieten mit hohem Potenzial spielen. Es zeigt sich, dass die grössten Förderungspotenziale für solche xylobionte Arten vor allem im Jura und im Mittelland liegen. Gebiete, wo viele so genannte saproxylische Hotspots vorkommen und zugleich ökologische Alt- und Totholzdefizite bestehen (Abb. 6).

Totholzförderung vs. Energieholznutzung

Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen markante Mängel an Alt- und Totholz für die Erhaltung der Artenvielfalt in fast allen Regionen der Schweiz (ausser in den Alpen). Darunter befinden sich Gebiete mit sehr grossen Förderungs- und Erhaltungspotenzialen bezüglich ihrer potenziellen Vielfalt an saproxylischen Arten.

In den meisten Regionen liegen Alt- und Totholzmengen gemäss Definition und Erhebungsmethode im LFI2 und vor dem Orkan Lothar 1999 weit unter den gelegentlich in der Praxis für die Erhaltung der Artenvielfalt empfohlenen minimalen Soll-Werten. Was in den Schweizer Wäldern am meisten fehlt, sind Baumveteranen, das heisst sehr alte Bäume, die der Nutzung entzogen bleiben, ihren Lebenszyklus vollständig durchlaufen und erst nach einigen Jahrhunderten natürlich absterben.

Die Bedingungen in der Schweiz sind für die Realisierung von Massnahmen zur Förderung von Alt- und Totholzspezialisten zur Zeit günstig: Im Rahmen der Waldentwicklungsplanung werden laufend von den Kantonen neue Waldreservate ausgeschieden, und Wirtschaftswälder wurden in den letzten Jahrzehnten aus rein ökonomischen Gründen immer extensiver bewirtschaftet. Viele Waldbestände werden deshalb immer älter, ihre Totholzmenge nimmt auch ohne formale Förderungsprogramme zu.

Allerdings wird die Ressource Holz angesichts der prekären Lage von fossilen Rohstoffen in Zukunft wahrscheinlich auch in der Schweiz an Bedeutung gewinnen. Eine Intensivierung der Bewirtschaftung und das vermehrte Interesse an Alt- und Totholz als Brennstoffe könnten mittelfristig diese für die Arterhaltung unerlässlichen Strukturen sogar in Berggebieten wieder gefährden. Alt- und Totholz müssen daher strategisch gefördert werden, um die Erhaltung der Artenvielfalt zu gewährleisten.