Totholz als Lebensraum

Totholz ist ein wichtiges Strukturelement in Wäldern, auf das 20 bis 25% aller Waldarten angewiesen sind [Quelle, PDF]. Stehend oder liegend, von frisch abgestorben bis vollständig zersetzt bietet Totholz einen Lebensraum für viele Tier-, Pilz- und Pflanzenarten.

Je nach Zersetzungsstadium des Holzes besiedeln unterschiedliche Holzkäferarten das stehende oder das liegende Totholz. Spechte wie der seltene Dreizehenspecht (Picoides tridactylus), dessen Nahrung hauptsächlich aus Borkenkäfern besteht, suchen dort ihre Nahrung. Die von ihnen gezimmerten Höhlen werden von anderen Höhlenbewohnern wie Siebenschläfern, Waldvögeln und Fledermäusen genutzt.

Totholz ist ein zentrales Strukturelement für die Waldbiodiversität. Dennoch erreicht das Totholz im Wirtschaftswald oft nicht die benötigte Menge und Qualität, um hochspezialisierte Arten mit hohen Ansprüchen an diese Ressource zu fördern.

Wie viel Totholz braucht's?

Doch wie viel Totholz brauchen Arten wie der Dreizehenspecht wirklich? Für die Evaluierung der Alt- und Totholz-Programme und gute Kompromisslösungen in Zeiten erhöhter natürlicher Störungen ist das eine zentrale Frage. Ein Ansatz, diese Frage zu beantworten ist, die Ansprüche der von Totholz abhängigen Arten zu analysieren und Schwellenwerte bezüglich Totholzmenge und -qualität zu finden, ab denen für diese Arten gute Reproduktionsmöglichkeiten bestehen, bzw. die das Habitatoptimum abbilden.

Der Dreizehenspecht ernährt sich vorwiegend von Borkenkäfern der Art Ips typographus (Buchdrucker), aber auch von anderen Totholz bewohnenden Insekten. Daher ist er auf absterbende und frisch abgestorbene Bäume angewiesen. Er gilt als Schirmart für andere xylobionte Arten, die vom Schutz der Dreizehenspecht-Habitate profitieren, außerdem gilt er als Schlüsselart für Höhlenbrüter. Aus diesen Gründen und aufgrund seiner Seltenheit in Deutschland wird der Dreizehenspecht häufig als Zielart für Waldnaturschutzprogramme gewählt.

Methodik: Totholz ist nicht gleich Totholz

Um die Habitatansprüche des Dreizehenspechts zu analysieren, wurde die Habitatausstattung von Flächen mit und ohne nachgewiesene Spechtvorkommen verglichen.

Um für die Gesamtfläche des Nationalparks Bayerischer Wald Einzelbaumdaten zu erhalten, wurden in der Studie [Quelle] Laserscanning- (LiDAR) und Infrarot-Luftbilder genutzt. Sie lieferten flächige Informationen zu Brusthöhendurchmesser (BHD), Grundfläche (G), Baumhöhe (H) und Holzvolumen (VOL). Die Anwendung der LiDAR-Technologie ermöglichte dabei eine genaue Erfassung von Wald- und Baumstrukturen, ihre Kombination mit farbinfraroten Luftbildern erlaubte eine Unterscheidung zwischen Laub-, Nadel- und Totholz.

Mit dem Ziel, sowohl Quantität als auch Qualität des Totholzes zu analysieren, wurde stehendes Totholz zunächst in "tote Bäume" und "Stümpfe" eingeteilt. Basierend auf Baumhöhe (H) und Kronenfläche (C) erfolgte die Einteilung wie folgt:

  • "toter Baum": Totholz mit einer durchschnittlichen Astlänge von mindestens 2 m (C > 4 m²) und einer Baumhöhe von mehr als 15 m (H ≥ 15 m);
  • "Stumpf": Totholz mit (C < 4 m²) oder (C > 4 m² und H < 15 m²).

Hiermit kann frisches Totholz, das für den Dreizehenspecht besonders wichtig ist [Quelle], von Totholz mit höheren Zersetzungsgraden unterschieden werden.

Ergebnisse: Nicht zu viel Totholz und auch lebende Nadelbäume notwendig

Das Vorkommen und die Anzahl von lebenden, absterbenden und frisch abgestorbenen Fichten waren essentiell für die Habitatwahl des Dreizehenspechts. Bei acht oder mehr toten Bäumen pro Hektar lag die Wahrscheinlichkeit des Spechtvorkommens bei 75 bis 80%. Die mittlere Kronenfläche des stehenden Totholzes (sowohl der toten Bäume“ als auch der "Stümpfe") hatte einen positiven Effekt auf das Dreizehenspechtvorkommen, was die Bedeutung der abgestorbenen Bäume mit großen Kronen in früheren Zersetzungsstadien unterstreicht.

Interessanterweise wurde auch ein oberer Schwellenwert für das Totholzvorkommen gefunden: überschritt die Menge an stehenden toten Bäumen 40 bis 55 Stück pro Hektar, sank die Wahrscheinlichkeit eines Dreizehenspecht-Vorkommens wieder. Ähnliches beobachtete bereits Scherzinger [Quelle] nach Borkenkäferkalamitäten im Nationalpark Bayerischer Wald: Nach einer anfänglichen deutlichen Zunahme der Anzahl der Dreizehenspechtreviere direkt nach dem Absterben der Waldbestände, schrumpfte die Population schon nach fünf Jahren wieder, wenn Buchdrucker und andere Frischholzbesiedler die Bäume wieder verlassen hatten.

Die Ergebnisse unterstreichen außerdem die Rolle des lebenden Nadelbaumbestandes bei der Habitatnutzung der Dreizehenspechte: Es darf nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig lebende Bäume in Relation zum Totholz geben. Ähnliche Aussagen finden sich in einer Studie von Braunisch [Quelle].

Die vorgestellte Studie liefert Zielwerte für die Förderung des Dreizehenspechts im Rahmen der Waldbewirtschaftung.

Zusammenfassung

  • Ab acht frisch abgestorbenen, großkronigen Bäumen (vorzugsweise Fichten) pro Hektar stieg die Wahrscheinlichkeit des Spechtvorkommens auf 75 bis 80%
  • Hierfür müssen diese Werte innerhalb von mindestens 20 ha bzw. 100 bis 250 m um den Brutbaum herum erreicht werden
  • Das Belassen von Totholzinseln in einem Mindestabstand von 500 m zueinander kann einen Kompromiss zwischen Förderung des Dreizehenspechts und Borkenkäferprävention darstellen.

Die Ergebnisse zeigen zudem, wie sich Naturschutzmanagement und Artenförderung durch Methoden der Fernerkundung unterstützen lassen.