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Forschungsanstalt WSL

Eidg. Forschungsanstalt WSL
Gebirgsökosysteme
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Artikel

Autor(en): Josef Senn, Walter Schönenberger, Ulrich Wasem et al.
Redaktion: WSL, Schweiz
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Lawinenhänge aufforsten – gewusst wie

20 Jahre Versuchsaufforstung Stillberg bei Davos

Einfach ist es nicht, Lawinenhänge an der oberen Waldgrenze aufzuforsten. Wo die Temperaturen tief sind, wo sich im Winter der Schnee türmt, wo die Vegetationsperiode kurz ist und das Wachstum gering, wo das Wild Nahrung sucht, und wo starker Wind bläst, da müssen junge Bäume um ihr Überleben kämpfen.

Übersicht über die Versuchsfläche
Abb. 1 - Übersicht über die Aufforstungsfläche
Foto: Ulrich Wasem (WSL)
 
 

Wie lassen sich Lawinenhänge, wo man nicht auf die natürliche Wiederbewaldung warten kann, möglichst schnell und kostengünstig aufforsten? Ein Versuch der Eidg. Anstalt für das forstliche Versuchswesen (EAFV) und des Eidg. Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF), seit 1989 zusammengeschlossen zur Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), gibt darüber Aufschluss.

An einem Steilhang namens Stillberg in der Nähe von Davos pflanzten 1975 die Wissenschafter 92'000 junge Bäume. Zu Beginn bildeten die Arven, Föhren und Lärchen ein schachbrettartiges Muster (siehe Fotos). 20 Jahre später zeigte sich der Hang als Flickenteppich mit Stellen, wo keine Bäume überlebt haben, Stellen, an denen sie teilweise überlebt haben, und Stellen, wo sie dicht und üppig wachsen. Die Lärche beherrscht das Bild; hingegen sind ein Grossteil der Arven und Föhren abgestorben. Todesursache waren meistens Pilze.

Ausaperung wichtigster Faktor

deutliches Aufforstungs-Muster
Abb. 2 - Im Herbst war das schematische Pflanzmuster jeweils besonders gut sichtbar.
Foto: Ulrich Wasem (WSL)

Drei Faktoren bestimmen darüber, ob Bäume auf dem Stillberg überlebt haben und wie sie gewachsen sind:

  • die Temperaturverhältnisse im Sommer
  • die Schneebedeckung im Winter
  • die Ausaperung im Frühling

Der Zeitpunkt der Ausaperung scheint der wichtigste Faktor zu sein. Auf Standorten, welche im Frühling relativ früh schneefrei sind, überleben die Bäume gut. Die Überlebensrate nimmt mit zunehmender Dauer der Schneebedeckung rasch ab. In ausgeprägten Schneelöchern sind die Bäume fast vollständig Pilzen zum Opfer gefallen.

Für die Forstpraxis bedeutet dies, dass ein potentielles Aufforstungsgebiet während der Ausaperung beobachtet werden sollte. Die zuerst ausgeaperten und somit günstigsten Stellen sollten gruppenförmig bepflanzt werden, während die am spätesten ausapernden Stellen gar nicht bepflanzt werden sollten. In der Gruppe wachsen die Bäume innert weniger Jahre zu einem dichten Verband zusammen, in dem sie sich gegenseitig gegen das extreme Klima, aber auch gegen Verbiss durch Wild schützen.

Lawinenbahnen

Schutzwald ersetzt Lawinenverbauungen
Abb. 3 - Ein Schutzwald soll dereinst die Lawinenverbauungen ablösen.
 
Aufforstung im Winter
Abb. 4 - Aufforstungen an Extremstandorten erfordern überlegtes Vorgehen.
 
Fotos: Ulrich Wasem (WSL)
 

Die in den Lawinenbahnen gelegenen Standorte sind meistens auch unter natürlichen Bedingungen waldfrei. Möchte man darin aufforsten, muss der Anbruch der Lawinen mit baulichen Massnahmen verhindert werden. Die Kehrseite der Medaille: Vor den Verbauungen häuft sich der Schnee an, was dazu führt, dass weniger Bäume überleben. Es gilt deshalb jeweils prüfen, ob nicht zuerst gepflanzt werden soll und die temporären Verbauungen zu einem späteren Zeitpunkt errichtet werden. Die Verbauungen sollen dann die Schneedecke so lange stabilisieren, bis die Bäume stark genug sind, um diese Aufgabe zu übernehmen. Natürlich gilt dies nur in Gebieten, wo keine menschlichen Einrichtungen gefährdet sind und deshalb Lawinen nicht sofort verhindert werden müssen.

Der Hauptversuch auf dem Stillberg ist zwar abgeschlossen; doch wird in den nächsten Jahren noch vieles erforscht. Zum Beispiel untersuchen die Wissenschafter, ob und wie sich die zunehmende Höhe der Bäume auf die Schneeverteilung, auf die Lawinenhäufigkeit und auf die Ausaperung im Frühling auswirkt. Die Versuchsfläche auf dem Stillberg wird zudem weiterhin Besuchern aus Forschung und Praxis vor Augen führen, wie sich der Standort auf die Entwicklung einer Aufforstung auswirkt. Denn der Versuch hat klar gezeigt: Die Lebensbedingungen für die Bäume können sich je nach Standort innerhalb weniger Meter drastisch ändern. Wer einmal gesehen hat, wie sich das Schachbrettmuster innert 20 Jahren völlig aufgelöst hat, wird die Natur nicht nach Schema behandeln, sondern die Kleinstandorte berücksichtigen und die natürlichen Vorgänge ausnützen. Damit lässt sich Zeit und Geld sparen.

Forschung wird weitergeführt

Nachdem wichtige Resultate des Hauptversuchs publiziert und umgesetzt sind, wird seit 1995 nur noch alle 10 Jahre ein intensives Monitoring durchgeführt. Im Vordergrund stehen dabei die Themenschwerpunkte:

  • Vegetation, Klima und Umwelteinflüsse
  • Wechselwirkungen zwischen Schnee, Lawine und Pflanzen
  • Landnutzungsänderung und Waldexpansion
  • Vegetation und Standort

Literatur

  • Senn J., Schönenberger W. (2001). Zwanzig Jahre Versuchsaufforstung 'Stillberg': Überleben und Wachstum einer subalpinen Aufforstung in Abhängigkeit vom Standort. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen 152, 226-246.

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