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Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg
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Artikel

Autor(en): Marisa Molinari, Andreas Schabel
Redaktion: FVA, Deutschland
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Neben der Spur? Erhaltung der Gelbbauchunke im Rahmen der Waldbewirtschaftung

Nachdem die Primärlebensräume der Gelbbauchunke – natürliche Überschwemmungs­gebiete in Auenlandschaften – fast verschwunden sind, bleiben der Gelbbauchunke oft nur Sekundärlebensräume. Vor allem die besonnten wassergefüllten Fahrspuren und Pfützen auf Rückegassen im Wald sind in vielen Gebieten für den Erhalt der Art von großer Bedeutung. Der Waldbewirtschaftung kommt damit eine hohe Verantwortung für diese aus Naturschutzsicht herausragende Art zu.

Inhalt

Gelbbauchunke (bombina variegata)
Abb.1: Gelbbauchunke (Bombina variegata). (Foto: J. Mayer)

Die Gelbbauchunke ist eine heimische Art, die unter den schutzwürdigen Arten eine prominente Stellung einnimmt. Sie ist eine Art des Anhangs II der FFH-Richtlinie, für deren Erhalt FFH-Gebiete ausgewiesen wurden. Sie ist außerdem nach Anhang IV der FFH-Richtlinie eine streng geschützte Art, deren lokale Populationen – auch außerhalb von FFH-Gebieten – durch die Waldbewirtschaftung nicht verschlechtert werden dürfen. Hinzu kommt, dass die Gelbbauchunke ihren Verbreitungs- und Vorkommensschwerpunkt in Süddeutschland hat. Sie ist also auch noch eine baden- württembergische Verantwortungsart. Darüber hinaus wurde im Nationalen FFH-Bericht im Rahmen des EU-Monitorings ein ungünstiger Erhaltungszustand für Baden-Württemberg konstatiert. In der Roten Liste Baden-Württembergs wurde sie als stark gefährdet eingestuft. Viele ihrer Vorkommen liegen heute im Wald. Die Waldwirtschaft ist daher gefordert, Konzepte für die Gelbbauchunke zu entwickeln, die einen integrierten und mit der Waldbewirtschaftung verträglichen Schutz gewährleisten. ForstBW stellt sich dieser Verantwortung und hat die FVA beauftragt, entsprechende Konzeptvorschläge zu entwickeln sowie Fortbildungen zur Gelbbauchunke im Wald durchzuführen.

Biologie

Die Gelbbauchunke (Bombina variegata) war in Baden-Württemberg ursprünglich ein Bewohner der natürlichen Bach- und Flussauen, wo sich nach Hochwassern in unregelmäßigen Abständen temporäre Kleingewässer bildeten. Durch die zunehmende Siedlungsentwicklung und den Ausbau von Fließgewässern ging dieser Lebensraum fast vollständig verloren. Temporäre Kleinstgewässer entstehen aber auch in Abbaustätten wie zum Beispiel in Steinbrüchen und bei Bodenverdichtung durch Befahrung. In den letzten Jahrzehnten hat die Gelbbauchunke als ausgesprochene Pionierart dieses Potenzial erschlossen. Das in den letzten Jahrzehnten systematisch angelegte Feinerschließungsnetz im Wald mit seinen vor allem nach frostarmen Wintern auftretenden Rohbodentümpeln in den Fahrspuren bietet günstige Bedingungen für die Gelbbauchunke. Dort – nicht neben der Spur sondern mittendrin – laicht sie am erfolgreichsten. Denn in den immer wieder neu entstehenden Tümpeln gibt es keine Feinde. In halbtags besonnten Fahrspuren entwickelt sich ihr Laich innerhalb weniger Wochen zu kleinen Unken, wenn das Gewässer nicht vorher austrocknet.

Nachdem die Primärlebensräume – die natürlichen Überschwemmungsbereiche – selten geworden sind, sind die Sekundärlebensräume im Wald für den Erhalt der Art von großer Bedeutung. Doch auch diese Sekundärlebensräume könnten aufgrund des Bodenschutzes und der damit einhergehenden Sanierung der Rückegassen seltener werden. Den Zielkonflikt zwischen Boden- und Artenschutz gilt es somit zu lösen. Denn der Artenschutz "gefährdet" sozusagen den Schutz der Rückegassen und somit den Bodenschutz im Wald.

Die Gelbbauchunke und ihre Praxishilfe

In den FFH-Gebieten ist ein Erhaltungsmanagement für Anhang II Arten gefordert mit dem Ziel, einen günstigen Erhaltungszustand zu gewährleisten oder wiederherzustellen. Wesentliche Komponenten des Erhaltungsmanagements sind die Vermeidung von Verschlechterungen und die Durchführung notwendiger Erhaltungsmaßnahmen. Beides orientiert sich an den Erhaltungszielen.

Erhaltungsziele der Gelbbauchunke (Bombina variegata)

  • Erhaltung eines Mosaiks aus ausreichend besonnten, flachen, vegetationsarmen, zumeist temporären Klein- und Kleinstgewässer wie in Fahrspuren, an Wurzeltellern oder in Abbaugebieten
  • Erhaltung von Laub- und Mischwäldern, Feuchtwiesen und Ruderalflächen, insbesondere mit liegendem Totholz, Kleinsäugerhöhlen und weiteren geeigneten Kleinstrukturen im Umfeld der Fortpflanzungsgewässer als Sommerlebensräume und Winterquartiere
  • Erhaltung des räumlichen Verbundes zwischen den jeweiligen Teillebensräumen

Der Arbeitsbereich Natura 2000 hat für die Gelbbauchunke im Wald eine Praxishilfe erstellt. Die Praxishilfe versorgt die forstliche Praxis mit dem notwendigen Wissen zur Gelbbauchunke und gibt Hinweise zu unterstützenden, aber auch zu beeinträchtigenden forstbetrieblichen Arbeiten und Pflegemaßnahmen. Die Praxishilfe wurde zusammen mit Experten erarbeitet und im Nachgang intensiv mit der Forst- und Naturschutzverwaltung abgestimmt und soll nun zeitnah veröffentlicht werden.

Das Vorsorgende Konzept von ForstBW für die Gelbbauchunke

Neben dem oben genannten Erhaltungsmanagement in FFH-Gebieten genießt die Gelbbauchunke einen flächendeckenden Schutz aufgrund des Besonderen Artenschutzes (§ 44 BNatSchG), der für alle Arten des Anhangs IV der FFH-Richtlinie zu beachten ist. Danach dürfen die lokalen Populationen der Gelbbauchunke im Zuge der Waldbewirtschaftung nicht verschlechtert werden. Selbst das unbeabsichtigte Zerstören einer Fortpflanzungsstätte beispielsweise ein Laichgewässer in einer Rückegasse, kann ein Rechtsverstoß sein. Um Rechtssicherheit im Hinblick auf § 44 BNatSchG herzustellen, sind vorsorgende Maßnahmen notwendig, mit denen etwaige Verluste im Zuge der Holzernte ausgeglichen werden.

Der Arbeitsbereich Natura 2000 der FVA-Abteilung Waldnaturschutz wurde damit beauftragt, ein Vorsorgendes Konzept im Sinne des § 44 Absatz 4 BNatSchG für den Erhalt der Gelbbauchunke im Rahmen der Waldbewirtschaftung zu erarbeiten, das den Ansprüchen des Bodenschutzes und der Holzernte gleichermaßen gerecht wird wie den Ansprüchen des Artenschutzes. Das Vorsorgende Konzept soll im gesamten Staatswald – soweit dieser Lebensraum der Gelbbauchunke ist – verbindlich zur Anwendung kommen, um Rechtssicherheit im Sinne des §44 BNatSchG herzustellen. Mit dem Vorsorgenden Konzept im Sinne des § 44 (4) sollen somit unvermeidbare Zugriffe durch die Waldbewirtschaftung vorsorglich ausgeglichen werden. Ein derartiges Konzept stellt auch das vom Arbeitsbereich Natura 2000 erarbeitete Alt- und Totholz­konzept von ForstBW dar. Die sachgerechten und praxisnahen Lösungen des Vorsorgenden Konzepts werden noch in 2018 durch die FVA entwickelt und bei der ForstBW-Jahrestagung vorgestellt. Dafür bemühte sich der Arbeitsbereich gleich von Anfang an um eine enge Zusammenarbeit mit dem Referat 84 Fachbereich Waldarbeit des Regierungs­präsidiums Tübingen sowie mit der LUBW und dem Umweltministerium Referat 72 Biotop und Artenschutz / Eingriffsregelung.

Fortbildung für den Erhalt der Gelbbauchunke

Im April 2018 führte die FVA eine spannende Fortbildung zum Thema Erhalt der Gelbbauchunke im Rahmen der Waldbewirtschaftung durch. Die Fortbildung in Herrenberg-Mönchberg, die mit Revierleiter Winfried Seitz durchgeführt wurde, war mit über 40 Teilnehmenden ein voller Erfolg. Die hohe Teilnahmezahl zeigt die Aktualität des Themas sowie das große Interesse der forstlichen Praxis und auch der unteren Naturschutzbehörden.

Fortbildung
Abb.2: Fortbildung. (Foto: Lucas Lang)

Bemerkenswert war für viele Teilnehmende, dass die unscheinbaren Eiklumpen der Gelbbauchunke, die an Pflanzenstängeln befestigt werden oder auf den Grund sinken, nur mit einem geschulten Auge erkennbar sind. Neueste Erkenntnisse aus der Wissenschaft gaben nicht nur den Teilnehmenden, sondern auch den Organisierenden und Referierenden der Fortbildung interessante und wichtige Aspekte mit auf den Weg. So konnten Felix Schrell und Prof. Dr. Dieterich von der Universität Hohenheim mittels einer Mustererkennungs­software eine adulte Unke aus dem Jahre 1997 anhand eines Fotos ihrer Bauchzeichnung in 2017 wieder­erkennen. Somit konnten sie beweisen, dass Gelbbauchunken in freier Wildbahn ein sehr hohes Alter von über 20 Jahren erreichen können.

Biotop der Gelbbauchunke
Abb. 3: Biotop der Gelbbauchunke.

Gemeinsam mit der Universität Hohenheim sollen zukünftig in einem Projekt der Deutschen Umweltstiftung weitere wichtige Erkenntnisse zum Erhalt der Gelbbauchunken-Populationen im Wald gewonnen werden. Im Stadtwald Herrenberg gab Revierleiter Winfried Seitz den Teilnehmenden Impulse, wie im Rahmen des regulären Betriebsablaufes Laich- und Aufenthalts­gewässer für die Gelbbauchunke geschaffen werden können. Die Fortbildung soll im nächsten Jahr wiederholt werden, mit dem Schwerpunkt der Umsetzung des Vorsorgenden Konzeptes.

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