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Rolf Holderegger

Forschungsanstalt WSL

Eidg. Forschungsanstalt WSL
Biodiversität und Naturschutzbiologie
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Artikel

Autor(en): Daniela Csencsics, Rolf Holderegger
Redaktion: WSL, Schweiz
Kommentare: Artikel hat 0 Kommentare
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Die Schwarzpappel profitiert von Flussrevitalisierungen

Die seltene Schwarzpappel ist eine typische Auenbaumart und gilt in ihrem ganzen europäischen Verbreitungsgebiet als gefährdet. Die Ergebnisse genetischer Tests zeigen, dass die Wiederherstellung von Auenwäldern mit artreinen Schwarzpappeln durch Flussrevitalisierungen Erfolg versprechend ist.

Trieb einer jungen Schwarzpappel
Abb. 1 - Trieb einer Schwarzpappel im Pfynwald an der Rhone.
Foto: Daniela Csencsics (WSL)
 

Weite Teile der Bevölkerung wünschen, dass naturnahe Flusslebensräume erhalten bleiben oder wieder hergestellt werden. Dieses Anliegen lässt sich gut mit Massnahmen für einen sicheren Hochwasserschutz verbinden. So wurden in den letzten Jahren verschiedene kanalisierte Flussabschnitte revitalisiert und damit Lebensraum für typische Tier- und Pflanzenarten der Flussauen geschaffen. Diese Arten brauchen jedoch oft eine gezielte Förderung, damit sie sich an einem Ort wieder ansiedeln und erfolgreich fortpflanzen können.

Die Schwarzpappel (Populus nigra) ist eine typische Auenbaumart und gilt in der Schweiz wie in ihrem ganzen europäischen Verbreitungsgebiet als gefährdet. Hierfür gibt es hauptsächlich zwei Gründe:

  1. Die Verringerung beziehungsweise der Verlust von Lebensraum, insbesondere von geeigneten Verjüngungsstandorten, hervorgerufen durch Fluss-Korrekturen, Seeuferverbauungen und den Sink-Schwall-Betrieb von Kraftwerken.
  2. Gefährdung durch den Anbau von nordamerikanischen Pappelhybriden aus forstwirtschaftlichen Gründen. Da sich die Schwarzpappel mit diesen Hybriden kreuzen kann, wird angenommen, dass die Einführung von fremdem Erbgut die einheimische Schwarzpappel gefährdet.

In der Schweiz besteht heute ein starkes Interesse an Schwarzpappeln, da es für verschiedene grosse Flussrevitalisierungsprojekte (z. B. Aare, Thur, Rhone) artreines Schwarzpappelvermehrungsgut zur Wiederbegründung typischer Auenwälder braucht. An der Eidgenössischen Forschungsanstalt haben Wissenschaftler deshalb in einem Projekt mit genetischen Methoden untersucht, ob die Naturverjüngung artreiner Schwarzpappeln in revitalisierten Flussabschnitten im Schweizer Mittelland gewährleistet ist. Aufgrund der Ergebnisse machen sie konkrete Vorschläge zur Förderung der Schwarzpappel-Naturverjüngung.

Charakterbaum der Auenwälder

Schwarzpappeln mit typischen Maserknollen
Abb. 2 - Schwarzpappeln mit typischen Maserknollen
Foto: Daniela Csencsics (WSL)

Die Schwarzpappel ist neben Erlen und Weiden der wichtigste Charakterbaum der Weichholzaue. Man findet sie in den Auenwäldern nahe bei den Flüssen sowie an  Seeufern. Sehr alte Schwarzpappeln stehen manchmal in einiger Distanz zu einem Fluss und weisen auf die frühere, deutlich grössere Ausdehnung des Auenwaldes und den früheren Flusslauf hin.

Die Ausbreitung der Samen fällt mit dem Abklingen der Juni-Hochwasser zusammen. Während dieser Zeit finden sich die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Keimung. Durch die Ablagerung von nährstoffreichem Substrat und die Neugestaltung von Lebensraum finden die Samen, die nur kurze Zeit keimfähig sind, nach den Hochwassern optimale Bedingungen. Die Veränderung der natürlichen Flussdynamik durch Kraftwerke und Staustufen führte jedoch dazu, dass an unseren Flüs­sen heute geeignete Orte für die Natur­verjüngung der Schwarzpappel oft ganz fehlen. Werden Flussabschnitte allerdings revitalisiert, siedeln sich bald erste Pap­pelkeimlinge auf den neu geschaffenen Kiesbänken an. Nach wenigen Jahren fin­det man auch Stellen mit Jungbäumchen. Bislang war allerdings unbekannt, ob es sich hierbei um artreine Schwarzpappel­verjüngung handelte oder ob sich Hybridpappeln eingekreuzt hatten.

Da eine zuverlässige Artansprache anhand von morphologischen Kriterien bei Schwarzpappelkeimlingen und -jung­wuchs nicht möglich ist, sammelten wir an zwei revitalisierten und einem natürlichen Flussabschnitt Blattproben und untersuchten diese anschliessend im Labor genetisch auf Artreinheit. In jedem Untersuchungsgebiet sammelten wir eine Stichprobe von Keimlingen auf einer Kiesbank, eine Stichprobe von Jungwuchs (ca. 5- bis 10-jährig) sowie alle ausge­wachsenen vermuteten Schwarzpappeln.

Befreite Thur

mächtige Schwarzpappel
Abb. 3 - Eine mächtige Schwarzpappel auf einer Wiese ca. 100 m von der Thur entfernt.
Foto: Sabine Brodbeck (WSL)

Das Schäffäuli, das erste untersuchte Gebiet, befindet sich an der Thur bei Niederneunforn (Kanton Thurgau). Die zweite Thur-Kor­rektur, die 1978 nach einem verheeren­den Hochwasser projektiert wurde, sollte neben einem verlässlichen Hochwasser­schutz auch neuen Lebensraum für Flora und Fauna bieten. Kernstück des Projektes bildet eine grosse Aufweitung unterhalb der Brücke von Altikon.

Auf einer Länge von 1500m wurde eine Anzahl von Buhnenfeldern und Leitwerken angelegt. Der Fluss erhielt viel Freiheit, konnte sich bis auf eine Breite von 150m ausdehnen und schuf so eine grosse Strukturvielfalt. Auf der rechten Flusseite befindet sich ein Auenwald von nationaler Bedeutung. Hier gedeihen einige reine Schwarzpappeln; auf den neu geschaffenen Flächen siedelte sich viel Pappeljungwuchs an. Auf einer vorgelagerten Kiesbank wachsen viele Pappelkeimlinge.

Ausserhalb des Gebietes wird intensiv Landwirtschaft betrieben. In der Umge­bung sind einzelne Pappelhybriden und Hybridpappelkulturen zu finden.

Juwel im Reusstal

Das Gebiet Foort befindet sich auf der Innenseite einer grossen Reuss-Schleife unterhalb von Bremgarten (Kanton Aargau). Vor eini­gen Jahren führte die Naturschutzorganisation "ProNatura Aargau" eine umfassende Umgestaltung und Renatu­rierung des Gebietes durch. Entlang ehemaliger Giessen wurde ein neuer Seitenarm ausgehoben, wodurch zwei grosse Inseln entstanden. Uferverbauungen wurden entfernt und mehrere Uferanrisse geschaffen. Im unteren Teilgebiet soll eine flächige Terrainabsenkung Lebensraum für eine Weichholzaue bieten und dynamische Veränderungen des Gerinnes zulassen.

Die Schwarzpappel wird im Gebiet Foort gezielt gefördert, Schulklassen halfen bei der Pflanzung zahlreicher junger Schwarzpappeln. Ausserdem gedeihen auf den Inseln 24 ausgewachsene reine Schwarzpappeln, einige davon direkt am Flussufer bei einer neu entstandenen Kiesbank mit Pappelkeimlingen.

Ausserhalb des Waldes werden die Flächen landwirtschaftlich intensiv genutzt (Gemüsebau). In der näheren Umgebung sind einige Hybridpappeln zu finden, insbesondere entlang eines ehemaligen Altlaufs der Reuss.

Natürlicher Pfynwald

Das Gebiet Pfynwald an der Rhone im Wallis diente uns als Referenzstrecke für einen natürlichen Flusslauf. Auf einer Länge von acht Kilometern fliesst die Rhone zwischen Leuk und Siders frei durch den Naturpark Pfyn/Finges. Neben einem dynamischen Flussauengebiet mit wertvollen Auenwäldern beherbergt der Naturpark Pfyn/Finges ausgedehnte Föhrenwälder. Entlang der Rhone kommen in den Auenwäldern sehr viele Schwarzpappeln vor, auch Jungwuchs und Keimlinge sind auf den Kiesflächen sehr zahlreich.

Ausserhalb des Pfynwaldes wird die Landschaft intensiv durch Siedlungen, Verkehrsinfrastruktur, Rebbau und Landwirtschaft genutzt. In der näheren Umgebung der Schwarzpappelvorkommen befinden sich viele Hybridpappelkulturen.

Eindeutige Resultate

Die drei Untersuchungsgebiete unterscheiden sich deutlich in ihrem Anteil an artreinen Schwarzpappeln:

Untersuchte Anzahl Schwarzpappeln
Kiesbank an der Reuss
Abb. 4 - Durch die Flussrevitalisierung an der Reuss neu geschaffene Kiesbank, die gute Bedingungen für Schwarzpappelkeimlinge bietet.
Foto: Daniela Csencsics (WSL)
 
Junge Schwarzpappeln auf einer Kiesbank
Abb. 5 - Junge Schwarzpappeln auf einer Kiesbank im Pfynwald an der Rhone.
Foto: Daniela Csencsics (WSL)

Im Schäffäuli an der Thur kommen in unmittelbarer Nähe zu den Orten mit Pappelverjüngung nur wenige ausgewachsene, reine Schwarzpappeln vor, jedoch stehen dort viele Pappelhybriden. Der Anteil reiner Schwarzpappelnaturverjüngung ist sowohl bei den Keimlingen als auch beim Jungwuchs gering. Um die Naturverjüngung der Schwarzpappel im Schäffäuli an der Thur zu gewährleisten, ist deshalb die gezielte Pflanzung und Förderung artreiner Schwarzpappeln nötig.

Im Foort an der Reuss stehen deutlich mehr reine, ausgewachsene Schwarzpappeln als im Schäffäuli. Hybridpappeln kommen in geringer Zahl vor. Der Anteil artreiner Verjüngung liegt sowohl bei den Keimlingen als auch beim Jungwuchs bei über 90%. Deshalb sind im Foort zurzeit keine Massnahmen zur Förderung der Schwarzpappelnaturverjüngung nötig, jedoch sollte die weitere Entwicklung beobachtet werden.

Im Pfynwald an der Rhone wachsen sehr viele adulte artreine Schwarzpappeln und sämtliche untersuchten Keimlinge oder Jungbäumchen waren artrein, obwohl in der Umgebung viele Hybridpappeln vorkommen. Die Naturverjüngung der Schwarzpappel in diesem Gebiet ist somit ohne weitere Massnahmen sichergestellt.

Fazit

Die Ergebnisse des Projektes "Nachweis artreiner Schwarzpappelnaturverjüngung" zeigen, dass die natürliche Verjüngung artreiner Schwarzpappeln dann möglich ist, wenn geeignete Revitalisierungsflächen vorhanden sind und in der Umgebung genügend artreine ausgewachsene Schwarzpappeln vorkommen. Dies ist sogar dann der Fall, wenn in der Nähe dieser Revitalisierungsflächen Hybridpappeln stehen. Flussrevitalisierungen zur Förderung des Schwarzpappel-Auenwaldes sind also Erfolg versprechend.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Wald und Holz. Wald und Holz

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