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LWF

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Artikel

Autor(en): Joachim Hamberger
Redaktion: LWF, Deutschland
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Spessartförster erfindet Totholz-Pyramiden

Ernst Tochtermann ist eine Größe in der Hirschkäfer-Forschung. Viele Jahre erforschte er in Ungarn die Biologie des Insekts. Um den größten einheimischen Käfer zu fördern, entwickelt er das Konzept der Totholzmeiler, die den Larven Lebensraum bieten und die inzwischen in ganz Deutschland nachgebaut werden.

Totholzpyramide
Abb. 1: Totholzmeiler – "künstlicher" Lebensraum für Hirschkäferlarven (Foto: E. Tochtermann).

Für eine vergrößerte Ansicht bitte auf das Bild klicken.

LWF aktuell: Sie engagierten sich als einer der ersten für den Erhalt der Lebensräume dieser Art. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

E. Tochtermann: Ich kam 1969 als Revierleiter nach Bischbrunn im Spessart. Meine Frau war dort Lehrerin. Damals brachten die Kinder viele Hirschkäfer mit in die Schule. Etwa 1985 hörte das auf. Ich wollte den Grund herausfinden. Deshalb sammelte ich ca. 1.000 Abhandlungen zu Hirschkäfern. Darin war zwar sehr viel über Schutz und Habitat geschrieben, nichts jedoch über die Biologie. Mir war schnell klar, dass erst die Biologie erarbeitet werden muss, um die Art effizient schützen zu können.

LWF aktuell: Welches Problem stellt sich beim Hirschkäfer?

E. Tochtermann: Der Hirschkäfer ist an Eichenwälder gebunden. Die Larve lebt unterirdisch an vermodernden Stöcken, der Käfer ernährt sich vom Saft, der aus Wunden der Eiche fließt. Fehlen saftende Eichen, wandert der Käfer in die angrenzende Feldflur, wo er seine Eier unter alte Holzlager legt. So kann der Eindruck entstehen, dort gäbe es mehr Käfer als im Wald.

LWF aktuell: Im Spessart werden jeden Winter 200.000 Eichen geschlagen, da müsste doch genug Material für die Eiablage des Hirschkäfer vorhanden sein?

E. Tochtermann: Der Hirschkäfer nimmt diese Stöcke nicht an, denn im Winter sind Saft und Nährstoffe in der Wurzel konzentriert, so dass sich nicht die Art von Fäule bildet, die die Hirschkäferlarven brauchen. Bereits faule, z. B. im Sommer vom Sturm geworfene Bäume sind nötig. Bäume mit saftenden Astwunden oder Rissen gibt es viel zu wenige, weil die bei der Durchforstung als erste entnommen werden.

LWF aktuell: Warum sind saftende Eichen so wichtig für den Hirschkäfer?

E. Tochtermann: Der Saft enthält Quercitin, Eichenzucker, der als Nahrung für den sehr anstrengenden und energieverzehrenden Flug gebraucht wird. Der Saftfleck an der Rinde wird oft von Bakterien besiedelt, die den Zucker zu Alkohol vergären.

Es ist herrlich zu beobachten wie die Hirschkäfer trinken und berauscht zu Boden fallen. Sie liegen dann auf den Rücken, strecken die Beine in die Luft und zappeln. Nach einer halben Stunde werden sie wieder nüchtern, krabbeln erneut zum Saftfleck, trinken und fallen abermals berauscht zu Boden. Der Geruch des Saftes lockt beide Geschlechter an. Dort treffen und paaren sie sich. Dann suchen die Weibchen nach einem geeigneten Eiablageplatz, der den künftigen Larven Nahrung bietet. Sie gehen dorthin, wo sie geboren wurden, wenn genügend Mulm da ist. Ansonsten müssen sie sich einen Ort mit ausreichend Mulm suchen.

Ernst Tochtermann

Ernst Tochtermann: Voller Einsatz für die Hirschkäfer

Ein Jahrzehnt lang fuhr Ernst Tochtermann jährlich je drei Wochen in seinem Urlaub nach Ungarn um an Hirschkäfern zu forschen, denn dort gab es wesentlich mehr dieser Käfer als in Deutschland. Das ungarische Forstministerium erteilte ihm eine Sonderforschungsgenehmigung und wies ihm ein 25.000 km2 großes Naturschutzgebiet zu.

Außerdem wurden ihm ein russischer Jeep mit Fahrer, zwei Waldarbeiter und ein Forsthaus mitten im Wald gestellt. Mit großem Eifer untersuchte er die dort lebenden Hirschkäfer und fand Dinge heraus, die bis dahin völlig unbekannt waren.

Geboren ist Tochtermann 1944 als Sohn eines Kunstmalers im schwäbischen Wertingen. Er trat 1962 in die Forstverwaltung ein "als die forstlichen Zeiten noch schöner und die Möglichkeiten vielfältiger waren" und wurde zum Revierleiter ausgebildet. Nach seiner Ausbildung in Schwaben und Mittelfranken kam Tochtermann 1969 nach Bischbrunn in den Spessart und übernahm dort ein Staatswaldrevier. "Eichen und Hochwild haben mich gereizt, an Hirschkäfer habe ich damals noch nicht gedacht", bekennt der gebürtige Schwabe. Seine Frau, eine Lehrerin, die ebenfalls aus Wertingen stammt und die mit ihm zur Schule gegangen war, hat er in Lohr wiedergetroffen.

Tochtermann hat sich zunächst mit großer Leidenschaft kulturell engagiert und ist noch heute Spezialist für mittelalterliche und frühneuzeitliche Gläser. Er hat Kataloge geschrieben und Ausstellungen organisiert. "Aber die Hirschkäfer lagen mir mehr, weil ich es wegen des Artenrückgangs für notwendiger erachtete. Gläser, sagte ich mir, kann auch ein anderer bearbeiten." Seine Ergebnisse hat er publiziert, er arbeitet noch an einer Monographie über den Hirschkäfer. Über sein Berufleben resümiert er: "Ich habe es nicht bereut, den Forstberuf ergriffen zu haben."

LWF aktuell: Um den Hirschkäfer zu fördern, haben Sie 1985 die ersten fünf Totholz-Meiler gebaut?

E. Tochtermann: Ich habe mir überlegt, wie ich ihm helfen kann. Am einfachsten ist es, einen Stamm auf dem Boden liegen zu lassen, damit Fäulepilze eindringen können. Außerdem habe ich Hirschkäferlarven an Brennholzlagerplätzen beobachtet, dort, wo die Scheite Kontakt mit dem Boden hatten. Das war die entscheidende Beobachtung. Stämme liegen zu lassen, bedeutet, auf viel Nutzholz zu verzichten. Mit Abschnitten kann man mit einer geringeren Holzmasse relativ viel Holz-Boden-Kontakt herstellen.

LWF aktuell: Wie sieht so ein Platz aus?

E. Tochtermann: Die ca. 30 cm langen Eichenrollen werden senkrecht etwa 10 cm tief in den Boden eingegraben, in einem Kreis mit 2-3 m Durchmesser. Am besten werden die Randstücke wegen der Wildschweine etwas tiefer eingearbeitet. Der etwa 30 bis 50 cm hohe Meiler muss am Boden leicht aufgewölbt sein, damit sich kein Wasser staut.

LWF aktuell: Wie lange ist ein Meiler fängisch, d.h. attraktiv für die Käfer?

E. Tochtermann: Das kommt darauf an, wie schnell er fault. Die Fäulnis kommt von unten, von der Seite und von oben. Länger als zehn Jahre hält er nicht. Wir haben auch schon Flächen mit Eichen-Scheiben angelegt, die halten aber nur etwa fünf Jahre.

LWF aktuell: Haben Sie Erfolge kontrolliert?

E. Tochtermann: Anfangs ja, aber die Larven sind sehr empfindlich und bekamen Druckstellen als ich die Holzrollen wegnahm. Diese Larven, die immerhin vier Jahre alt waren, gingen alle ein. Deshalb habe ich die Kontrollen später unterlassen.

LWF aktuell: Sie haben in Zeiten, als es noch keine Minisender gab, auf ziemlich ungewöhnliche Weise herausgefunden, wie weit die Käfer fliegen.

E. Tochtermann: Ja, in Ungarn folgte ich in einem Wiesental einem Käfer mit dem Jeep 1,5 km. Ich wusste aber nicht, wie weit er vorher geflogen war. Bei ausreichend Wärme und guter Thermik können dies zwei Kilometer sein, sonst vielleicht nur 500 Meter. Für mehr als etwa zwei Kilometer reicht die Nahrung nicht, denn so weite Flüge beanspruchen den Muskelapparat erheblich. Wir markierten jährlich 50-70 Käfer mit Nagellack an den Flügeldecken. Das beeinträchtigt sie nicht und wir konnten täglich die Flugbewegungen beobachten.

LWF aktuell: Welche Feinde hat der Hirschkäfer?

E. Tochtermann: Wir beobachteten ein Buntspechtpärchen mit vier Jungen, das sich offensichtlich auf Hirschkäfer spezialisiert hatte. Innerhalb einer Woche fanden wir dreißig Hirschkäferköpfe am Boden vor der Bruthöhle.

LWF aktuell: Haben Sie einen Duftstoff entwickelt?

E. Tochtermann: Ich habe Malzbier verwendet, aber auch synthetische Lockstoffe. Eindeutig am besten ist Baumsaft, der bei der Holzkohlegewinnung anfällt. Das ist natürlicher Holzsaft, der dem Stoff, der aus den Astwunden austritt, sehr nahe kommt. Unsere Lockstoffe wirkten bis zu einer Entfernung von 300 m.

LWF aktuell: Was ist ein gutes Hirschkäferjahr?

E. Tochtermann: In Mitteleuropa benötigt der Hirschkäfer je nach Nahrungsangebot fünf bis sieben Jahre zu seiner Entwicklung. In diesen Jahren gibt es dann mehr Käfer. Er verpuppt sich im Boden und schlüpft im Mai/Juni (je kühler, desto später). Spätestens Ende August sind die Käfer tot.

LWF aktuell: Ihr Modell hat sich in ganz Deutschland durchgesetzt?

E. Tochtermann: Ja, inzwischen gibt es Hirschkäfermeiler in Hessen, in Niedersachsen, in Rheinland-Pfalz, im Saarland, in Nordrhein-Westfalen und sogar in England werden welche nach meinen Vorlagen gebaut.

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