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Alois Zollner

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

Abt. Biodiversität,
Naturschutz, Jagd
Hans-Carl-von-Carlowitz-Pl. 1
D-85354 Freising

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Autor(en): Redaktion waldwissen.net – LWF
Redaktion: LWF, Deutschland
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Natürliche Fichtenwälder sind hochgradig gefährdete Ökosysteme

Säulenfichten
Abb. 1: Der Wuchs der Fichten ist an den winterlichen Schneedruck mit z.B. schmalen, spitzen Kronenformen angepasst (Foto: H. Walentowski).
 
Fichten-Moorwald
Abb. 2: Die Mortalität der Fichte bzw. der Totholzanteil im Fichten-Moorwald-Ökosystem ist natürlicherweise hoch (Foto: H. Walentowski).

Die Gemeine Fichte (Picea abies) besitzt ein riesiges Verbreitungsgebiet in der borealen Nadelwaldzone Eurasiens. In Europa werden vor allem zwei Sippen unterschieden. Die Europäische Fichte (P. abies ssp. abies) nimmt den Hauptteil des europäischen Areals ein. Die Sibirische Fichte (P. abies ssp. obovata) hat ihre Hauptverbreitung zwar in Sibirien, reicht im Norden Europas jedoch bis nach Schweden. Im Überlappungsbereich gibt es Übergangsformen mit allen erdenklichen Merkmalsabstufungen.

Fichtenwald-Vorkommen in Europa

In Mitteleuropa finden wir heute natürliche fichtendominierte Wälder unter folgenden Bedingungen vor:

  • In der subalpinen Höhenstufe, in der die Vegetationszeit für Buche oder Tanne schon zu kurz ist.
  • Unterhalb der subalpinen Höhenstufe auf extremen Sonderstandorten: Fichtenwälder in Mooren sowie Fichten-Kalk- und Fichten-Silikatblockwälder mit mächtigen Tangel- oder Rohhumus-Ansammlungen in kaltluftführenden Felsblock-Humus-Mosaiken.

In klimatisch rauen Bergmischwäldern konnte die Fichte sich neben Buche und Tanne bis heute als natürliche Haupt- oder Nebenbaumart behaupten.

Fichtenwald-Flora und Lebensraumtypen

Die Fichtenwälder werden von der Fichte dominiert. Daneben finden sich Lärche, Zirbe, Tanne, Kiefer, Birken-Arten und Vogelbeere. Die Bodenvegetation setzt sich zusammen aus Wintergrüngewächsen, Bärlapp-Gewächsen, Beersträuchern, dem Moosglöckchen, dem europäischen Siebenstern, Orchideen-Gewächsen, dem Wald-Wachtelweizen und zahlreichen Moosarten.

Die Fichtenwälder Mitteleuropas enthalten aber auch Florenelemente, die in der borealen Nadelwaldzone fehlen, z.B. das Wollige Reitgras, die Berg-Troddelblume, der Grüne Alpenlattich und Hainsimsen-Gewächse. Damit zeigen die Fichtenwälder der Mittelgebirge und Alpen eigenständige Artenkombinationen, die von den borealen Fichtenwäldern abweichen. Dies gilt auch für Fichtenwälder auf Sonderstandorten. So unterscheidet sich beispielsweise der boreale Fichten-Moorwald von dem präalpiden Fichten-Moorwald.

Damit zeigt sich, dass die Vorkommen in allen standörtlichen und biogeografisch bedingten Abwandlungen erhalten werden müssen. Nur so wird die biologische Vielfalt der Fichtenwälder geschützt. Die Fichtenwälder der Mittelgebirge und Alpen gelten als eigener Lebensraumtyp (LRT).

Die natürlichen Fichtenwald- und Fichtenmoorwald-Vorkommen in Deutschland sind geprägt von boreal-montan und ostpräalpid verbreiteten Arten. Sie gelten gegenüber der Klimaerwärmung, verlängerten Vegetationszeiten, Austrocknung und Eutrophierung als wenig widerstandsfähig.

Fallstudie Bayerischer Wald

Jahresdurchschnittstemperaturen
Abb. 3: Häufigkeitsverteilung der Jahresdurchschnittstemperatur innerhalb als LRT 9410 kartierter Flächen in ausgewählten FFH-Gebieten.

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Spitzberg (1.233 m ü. NN)
Abb. 4: Waldregeneration im Hochlagenfichtenwald nach Borkenkäfermassenvermehrung im Nationalpark Bayerischer Wald (Foto: C. Kölling).

Die Fichte besitzt eine starke Bindung an Gebirgslagen und Kälte. Es deutet einiges darauf hin, dass sowohl die natürliche als auch die künstliche Verbreitung der Fichte in der Kälteperiode der "Kleinen Eiszeit" gefördert wurde. Die darauf folgenden starken Temperaturanstiege verschlechterten die Lebensbedingungen der Baumart vor allem in den Randbereichen ihrer ökologischen Nische stark.

Der Bayerische Wald verfügt über die größten Vorkommen natürlicher Fichtenwälder Bayerns außerhalb der Alpen. In seinen Hochlagen bilden auf etwa 6.000 Hektar natürliche Fichtenwälder eine eigene klimatisch bedingte Höhenstufe. Bei der Kartierung für die FFH-Gebiete ergab sich für den Lebensraumtyp "Montane bis subalpine bodensaure Fichtenwälder" eine Gesamtfläche von über 5.500 Hektar. Damit sind die natürlichen Fichtenwälder der Hochlagen des Bayerischen Waldes fast vollständig kartiert.

Die räumliche Verbreitung dieses charakteristischen Lebensraumtyps ist streng an die Länge der Vegetationsperiode, wie sie sich in der Jahresdurchschnittstemperatur ausdrückt, gebunden. Unterhalb einer Jahresdurchschnittstemperatur von etwa 4°C sind Buche, Weißtanne und Bergahorn nicht mehr am Aufbau der Baumschicht beteiligt. Fichte und wenig Eberesche bleiben übrig. Der Schwerpunkt der Verbreitung liegt mit 95 Prozent unter 4,5°C. Über zwei Drittel der Vorkommen weisen sogar Jahresdurchschnittstemperaturen unter 4°C auf (Abb. 3). Wärmere Vorkommen stocken auf Sonderstandorten wie Moorbildungen oder Blockhalden.

Der Klimawandel bringt diese hochgradig an Kälte angepasste Lebensgemeinschaft stark in Bedrängnis. Selbst bei dem "milden" Szenario B1 gerät die Hälfte der Fläche des Lebensraumtyps in ein wärmeres Klima über 5,5°C. Nur in den allerhöchsten Gipfellagen verbleiben Refugien mit Jahresdurchschnittstemperaturen unter 5°C. Die derzeitige Fläche vermindert sich dabei um über 90 Prozent auf nur noch 360 Hektar. Es kommt zu einer deutlichen Fragmentierung des Lebensraumes in getrennte und teilweise äußerst kleine Teilflächen, die häufig viele Kilometer auseinander liegen.

Aber auch in den Hochlagen der Mittel- und Hochgebirge wird der Klimawandel massive Folgen in den natürlichen Fichtenwäldern zeigen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass wärmeliebende Baumarten wie Rotbuche, Bergahorn und Weißtanne die Flächen des Lebensraumtyps erobern und nachhaltig verändern werden. Die Fichte wird in dem neuen Bergmischwald auch weiterhin eine Rolle spielen, wenngleich Störungen aufgrund von Borkenkäferbefall häufiger und intensiver werden dürften. Der von Kälte geprägte Hochlagenfichtenwald wird in vielen Mittelgebirgen stark an Fläche verlieren. Er wird bis auf sehr wenige Restflächen auf kältegeprägten Extremstandorten (kaltluft-erzeugende Blockhalden) oder dem Rand von Hochmooren verloren gehen.

Die Situation in den kartierten FFH-Gebieten ist repräsentativ für den gesamten Bayerischen Wald und vergleichbare Mittelgebirge. Sie wiederholt sich mit gewissen Abwandlungen auch in einem Hochgebirge wie den Alpen. Dort sind zwar die Gipfelhöhen der Berge um einiges größer, dennoch sind der Höhenwanderung der Fichte deutliche Grenzen gesetzt. Oberhalb der natürlichen Fichtenwälder befinden sich entweder unbesiedelbare Felszonen oder verjüngungsfeindliche Latschenfelder, die erst nach und nach erobert werden müssen. Häufig sind auch almwirtschaftlich genutzte Flächen benachbart.

Bezogen auf die Landesfläche Bayerns kann man die montanen bis subalpinen Fichtenwälder als hochgradig gefährdeten Lebensraum betrachten. Adäquate Schutzkonzepte sind kaum denkbar. Es kommt als darauf an, den Temperaturanstieg mit einer wirksamen Klimaschutzpolitik auf ein erträgliches Maß zu beschränken.

Auswirkungen auf die Fauna

Der Rückgang natürlicher Fichtenwälder wird sich auch massiv auf die ursprüngliche Fauna dieses Lebensraumes auswirken. Mit den bodenbewohnenden Laufkäfern und den Totholzkäfern werden zwei gut erforschte Gruppen herausgegriffen, die an die Standortsbedingungen und die Habitattradition ursprünglicher Fichtenwälder angepasst sind. Andere Arten, z.B. aus den Gruppen der Spinnen und Weberknechte und den Kurzflüglern, sind in ähnlicher Weise betroffen.

Laufkäfer

Insgesamt setzt sich die spezialisierte Laufkäferfauna der Fichten-Hochlagenwälder auffallend aus ausbreitungsschwachen (flugunfähigen) Kältespezialisten zusammen. Das kann als Anpassung an stabile Habitate gedeutet werden. Viele Arten haben weltweit gesehen ein kleines Areal. Unsere Schutzverantwortung für sie ist hoch. Von 17 Arten sind nur fünf eurasiatisch oder holarktisch verbreitet. Zwölf Arten gibt es nur in Europa. Eine der Arten (Patrobus assimilis) ist deutschlandweit "stark gefährdet", sechs weitere stehen auf der Vorwarnliste. Schlüsselfaktoren für ihr Überleben sind der Erhalt jener Faktoren, die kühl-feuchte Lebensbedingungen gewährleisten wie etwa eine Baumschicht, die nicht großflächig entfernt ist, viel bodenbürtiges Holz als Versteck- und Jagdplatz sowie ein intakter Wasserhaushalt.

Xylobionte Käfer

Die xylobionten Käfer an Fichte umfassen 300 bis 400 Arten. Allerdings beschränkt sich die Kenntnis meist auf Buchdrucker, Kupferstecher und Fichtenbock. Nur sehr wenige dieser Arten sind monophag an die Fichte gebunden. Die meisten Fichtenbesiedler nutzen auch andere Nadelhölzer als Brutbäume. Einige Urwaldreliktarten sind streng an Gebiete mit natürlichen Fichtenvorkommen gebunden. Acht dieser Arten sind innerhalb Deutschlands nur aus Bayern nachgewiesen (Tab. 1). Diese Arten sind flugfähig, kommen aber wegen einer anzunehmenden Bindung an klimatische Faktoren nur an wenigen isolierten Standorten mit autochthoner Fichte vor. Die prognostizierten milderen Winter gefährden vor allem die boreomontanen Reliktarten in den Alpen und in den Mittelgebirgen.

Urwaldreliktarten
Tab. 1: Urwaldreliktarten an Fichte mit boreomontaner Verbreitung

Differenzierte Artenschutzkonzepte notwendig

Fichtenwälder nehmen in den Gebirgen und Mittelgebirgen Mitteleuropas nur eine relativ geringe Fläche ein. In den Gebirgen, in denen in der nacheiszeitlichen Wärmephase das Ausweichen der Fauna in größere Höhenlagen nicht möglich war, ist die eiszeitliche Fauna der subalpinen Fichtenwälder stark verarmt. Das zeigt, welchen Risiken unsere natürlichen Fichtenwälder im Klimawandel ausgesetzt sein werden.

Kleiner Arber
Abb. 5: Abgestorbener natürlicher Altbestand des Fichten-Hochlagenwaldes am Kleinen Arber (Foto: S. Müller-Kroehling).

Das Absterben aufgrund von Borkenkäferbefall gehört zur natürlichen Dynamik dieses Waldtyps. Dennoch können nicht automatisch alle Absterbeprozesse von Fichtenwäldern als natürliche Vorgänge bezeichnet werden. Werden in ein Konzept des "Prozessschutzes" im Fall von Fichtenwäldern auch nicht- und halb-natürliche, reine, relativ gleichaltrige Fichtenbestockungen einbezogen, kann es zu massiven Massenvermehrungen von Fichtenborkenkäfern und flächenhaftem Absterben kommen. Das kann unter Umständen auch in natürliche Fichtenwälder übergreifen.

Einige charakteristische Arten, vor allem die wärmeliebenden Totholzkäfer, werden von großflächigem Zerfall zumindest kurzfristig profitieren. Andere Arten, z.B. solche, die auf den Halbschatten im Übergang von Fichtenmoorwäldern zu Hochmooren angewiesen sind, dagegen nicht. Nur differenzierte Schutzstrategien können die Artenvielfalt in natürlichen Fichtenwäldern erhalten helfen.

Fichtenwälder sind sensible Ökosysteme. Als "dünnhäutige" Baumart ist die Fichte eine leichte Beute für verschiedene Borkenkäferarten. Auch Fichten-Gespinnstblattwespe, Schneebruch und Hallimasch setzen ihr zu. Die Verjüngung ist in ihrem natürlichen Areal, trotz geringer Verbissgefährdung und Mäusefraßgefahr, keinesfalls ein Selbstläufer. Gerade hier ist sie sehr stark auf die Rannenverjüngung angewiesen und verjüngt sich bei fehlendem liegendem Starkholz oftmals praktisch gar nicht.

Erfolgskontrolle und Forschung

Der Schutz natürlicher Fichtenwälder ist ein Naturschutzthema, das einer fachlichen Diskussion um die richtige Kombination aus Handlungsvarianten bedarf. Der in den Schutzkategorien gesicherte Flächenanteil dieses Waldtyps ist kein geeignetes Maß für den Erfolg, da der Klimawandel vor Schutzgebietsgrenzen nicht halt macht. Geeignetere Indikatoren wären das durchschnittliche Alter der Bestände, die Verbundsituation ihres Areals, das Vorhandensein aller prägnanten Standortsbedingungen und Habitatrequisiten, das Vorkommen der charakteristischen Arten aus Flora und Fauna und auch die Prognose im Klimawandel.

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