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Artikel

Autor(en): Christian Küchli (externer Autor)
Redaktion: WSL, Schweiz
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Pflanzung oder Naturverjüngung – eine Frage so alt wie der Forstberuf

Soll man in einem Bestand pflanzen oder der Naturverjüngung den Vortritt lassen? Welche Baumart will man fördern? Diese Fragen stellen sich Förster, schon seit es ihren Berufsstand gibt. Die Entscheidung hängt unter anderem vom waldbaulichen Ziel ab. Als Fazit aus diesem gerafften Rückblick auf Pflanzung und Naturverjüngung in den letzten rund anderthalb Jahrhunderten ist der Trend zur Naturverjüngung und anderen kostensparenden waldbaulichen Ansätzen klar zu erkennen.

Douglasie im Buchenbestand
Abb. 1 - Erwachsene Douglasie, eingebettet in einen standortsgerechten Buchenbestand. Könnte so klimaangepasster Wald aussehen?

Foto: Christian Küchli

 
Pflanzung
Abb. 2 - Pflanzung von Laubbäumen - geschützt in Aufwuchshülsen.

Foto: Doris Hölling (WSL)

1868 hat der Badener Oberförster Emil Baldinger die Folgen der damals intensiven Pflanztätigkeit in den Wäldern so gesehen: "Will man vom Walde nur Holz und wieder Holz, dann muss man folgerichtig auf Abwege, auf eine naturwidrige Waldbehandlung kommen, auf eine Forstwirthschaft, die sich schliesslich selbst wiederum auch im Holzertrage, in der Waldrente rächen wird". 

Sein Lenzburger Kollege und Kontrahent Walo von Greyerz hielt von Baldingers "hochtönenden Phrasen von reiner Natur-Wirthschaft" wenig. Er sah in der Pflanzung "das erste und rentabelste Verjüngungsmittel", nicht zuletzt aus standespolitischen Gründen, denn wenn "die Natur alles selber machen kann im Walde, so brauchen wir wahrlich keine Forstleute".

Erfahrungen verhelfen waldbaulichen Ansätzen zum Durchbruch

Recht haben beide bekommen: Von Greyerz hatte im "Berg" in Lenzburg 900‘000 Bäume setzen lassen, 750‘000 Buchen und 150‘000 Lärchen. Ziel: gutes Buchenbrennholz für die Energieversorgung des Städtchens. Die rasch wachsenden Lärchen waren lediglich als Lückenbüsser vorgesehen, bis die Buchen übernehmen konnten. Doch "die dummen Buchen erfrieren mir immer", soll sich von Greyerz beschwert haben, und weil sich diese so schlecht entwickelten, begann er auf die Lärchen zu setzen. Diese sind heute hiebsreif und generieren gutes Einkommen für den Forstbetrieb. So ist es in Lenzburg trotz waldbaulicher Irrtümer doch noch gut herausgekommen. 

Vielerorts jedoch haben sich Baldingers Befürchtungen bewahrheitet: Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten Borkenkäfer im Aargau und in Zürich Schäden an zehntausenden von Fichten bewirkt, und auch Ende des 19. Jahrhunderts vernichteten Schädlinge Fichtenmonokulturen und falsch gewählte Exoten auf bedeutenden Flächen.

Es waren solche Erfahrungen, welche den schon bei Emil Baldinger dokumentierten und von Pionieren wie Henry Biolley im neuenburgischen Couvet verfeinerten waldbaulichen Ansätzen zum Durchbruch verhalfen.

Natürliche Verjüngung – naturnaher Waldbau

Um die Wende zum 20. Jahrhundert beginnen die Forstleute auch auf natürliche Verjüngung zu setzen, und die insgesamt kurze Phase von Kahlschlag und Holzackerbau wird meistenorts durch Verjüngungen auf kleineren Flächen abgelöst. Es folgt eine lange Phase, in der Pflanzung und Naturverjüngung nebeneinander bestehen und vielerorts zu Mischbeständen führen.

Die biologischen und ökologischen Kenntnisse über den Wald nehmen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark zu. Sie werden unter koordinierender Führung von Hans Leibundgut, von 1940 bis 1979 Professor für Waldbau an der ETH Zürich, zur Lehre vom naturnahen Waldbau verdichtet. Dessen Ziel ist eine auf den natürlichen Standort abgestimmte Lebensgemeinschaft Wald, die auf Störungen von aussen träge reagiert oder sich nach solchen rasch wieder erholt, und damit weitgehend selbstregulierend ist und langfristig stabil bleibt.

Zwischen 1900 und bis in die 1970er Jahre werden im Schweizer Wald Jahr für Jahr zwischen 15 und 20 Millionen Pflanzen gesetzt. Heute weist die Forststatistik noch etwas über eine Million Bäume aus – nicht viel mehr als die Lenzburger seinerzeit total am "Berg" pflanzten. Laubholz ist vorab in den 1950er Jahren gepflanzt worden, nachdem es in den Kriegsjahren als Brennmaterial extrem gesucht war. Sonst wurden vor allem Nadelbäume eingebracht, zweifellos am meisten Fichten.

Die Fichte – Brotbaum der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft

Fichtenverjüngung
Abb. 3 - Fichtenverjüngung im Dauerwald. Wo, in welchen Strukturen und mit welchem Risiko kann die Fichte nachgezogen werden?

Foto: Christian Küchli

Keine Baumart ist derart umstritten und emotional umbrandet wie die Fichte, noch heute der Brotbaum der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft. Für die einen stellt sie eine Bedrohung der Biodiversität dar und ist zum Feindbild geworden. Die anderen monieren ihre Vernachlässigung und sehen die Rohstoffversorgung gefährdet. 

Als Kulturfolgerin, deren Anwesenheit im Mittelland seit Jahrtausenden pollenanalytisch belegt ist, hat sich die Fichte auch in tiefen Lagen stets natürlich verjüngt. Nachdem der Druck auf den Wald mit dem Bau der Eisenbahnen und der Industrialisierung abgenommen hatte, fand die Fichte seit den 1880er Jahren beste Keimbeete auf den vielen Standorten, die durch jahrhundertelange Waldweide und Streunutzung verhagert waren. Auch grosse Teile der mageren Weideflächen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts wieder zu Wald geworden sind, dürften durch Fichtenanflug zurückerobert worden sein. Diese natürlichen Verjüngungsprozesse und die rege Pflanztätigkeit bis in die 1970er Jahre sind der Grund für die nach wie vor hohen Fichtenanteile in unseren Wäldern.

Abnahme der Pflanztätigkeit

Die rasche Abnahme der Pflanztätigkeit seit den 1970er Jahren hat diverse Gründe. Ein Faktor ist sicher der Einfluss der ETH und des dort gelehrten naturnahen Waldbaus. Zudem beginnen die Forstbetriebe in jenen Jahren, auch aufgrund von Rentabilitätsüberlegungen, vermehrt auf die unentgeltlich vorhandenen Kräfte der Natur zu setzen. Wenn noch gepflanzt wird, dann kleinflächig und in grösseren Abständen. Ab Mitte der 1980er Jahre weisen die Sanasilva-Daten die Fichte zusammen mit der Weisstanne als Arten mit den grössten Nadelverlusten aus. Kurz vor der Jahrtausendwende fegen Vivian und Lothar über das Land, und dann kommt der Trockensommer 2003.

Die beiden letzten Ereignisse und die nachfolgenden Borkenkäfer waren für einen wesentlichen Teil der gut 8 Millionen m3 Fichte verantwortlich, welche das LFI3 allein für das Mittelland als abgestorben ausweist. Auch das Waldsterben hat die Waldeigentümer vorsichtiger gemacht gegenüber der Fichte. Lothar und der Sommer 2003 werden als Vorgeschmack auf das Schicksal gewertet, das die Fichte als Folge des Klimawandels erfahren dürfte. Das schlägt auch auf die Risikoüberlegungen der Waldeigentümer durch.

Trend zur Naturverjüngung hält an

Buchennaturverjüngung
Abb. 4 - Buchennaturverjüngung

Foto: Doris Hölling (WSL)

Schliesslich wirkt sich auch der Trend der letzten Jahrzehnte zum Dauerwald nicht förderlich auf die Fichte aus. Die Waldböden haben sich insofern erholt, als nun auch Mullkeimer wie die Buche sich wieder natürlich verjüngen – Bedingungen unter denen die Fichte nicht mehr so leicht keimen kann wie einst auf den verhagerten Standorten.

Als Fazit aus diesem gerafften Rückblick auf Pflanzung und Naturverjüngung in den letzten rund anderthalb Jahrhunderten ist der Trend zur Naturverjüngung und anderen kostensparenden waldbaulichen Ansätzen klar zu sehen. Pflanzung und die Fichte haben beim Wiederaufbau der Schweizer Wälder eine ausserordentliche Rolle gespielt – aber es ist wohl nicht vermessen zu sagen, dass die heutige Präsenz der Fichte wohl nie mehr erreicht werden wird.

Der Schweizer Wald im Zeichen der Klimaerwärmung

Grundsätzlich ist der Schweizer Wald heute wiederum in einem Zustand, in dem er die meisten der von ihm erwarteten Funktionen sehr gut erfüllen kann. Als nächste grosse Herausforderung steht die Klimaänderung vor der Tür. Wie die vielfältigen Waldleistungen auch unter veränderten Klimabedingungen sichergestellt werden können, ist zurzeit Gegenstand des WSL-Forschungsprogramms Wald und Klimawandel. Dabei dürfte die Frage nach Pflanzung oder Naturverjüngung auch wieder prominent diskutiert werden.

Gute Anpassungsfähigkeit

A priori bieten naturnah bewirtschaftete Wälder eine gute Ausgangslage, denn sie sind widerstandsfähig und dürften eine gute Anpassungsfähigkeit aufweisen. Die Widerstandsfähigkeit beruht auf ihrer vielfältigen Struktur, welche die Stabilität bei Ereignissen wie Sturm oder Hitze erhöht. Die Anpassungsfähigkeit, also das Vermögen, sich als Individuum oder als Art an andere Klimabedingungen anzupassen, ist vorab genetisch bestimmt.

Grosse genetische Variationsbreite

Grundsätzlich besitzen die Baumarten in naturnah bewirtschafteten Wäldern eine grosse genetische Variationsbreite. Die grosse Anzahl an Individuen in einem Bestand führt meist zu einer hohen genetischen Vielfalt. In Wäldern, wo verschieden alte Bäume nebeneinander vorkommen, ist dies noch ausgeprägter, weil die Verjüngung laufend stattfindet und ganz unterschiedliche Mutterbäume an diesem Prozess beteiligt sind.

Ändern sich ökologische Standortsbedingungen wie im Klimawandel, ist eine grosse Zahl von Genkombinationen die beste Voraussetzung für Nachkommen, um sich an neue Umweltbedingungen anzupassen.

Pflanzgut in Baumschulen
Fichtennaturverjüngung
Abb. 5 - Fichten-Pflanzgut in einer Baumschule.

Foto: Doris Hölling (WSL)

In Baumschulen ist der Selektionsdruck auf das Pflanzgut geringer. Die kontrollierten, günstigen Wuchsbedingungen bewirken, dass auch weniger widerstandsfähige Bäume überleben. Daraus lässt sich schliessen, dass die natürliche Verjüngung grundsätzlich bezüglich Anpassungsfähigkeit ein besseres Potential hat als Pflanzgut aus Baumschulen.

Entscheidend für den Waldbau unter Klimaänderung wird ein herausstechendes Merkmal des naturnahen Waldbaus sein: der strategische Ansatz zur Minimierung der Risiken. Von Greyerz ist in Lenzburg enorme Risiken eingegangen, indem er die waldbaulichen Optionen auf nur noch zwei Arten reduzierte, und dies auf grosser Fläche.

Herausforderung Klimawandel

Die Herausforderung Klimawandel wird ein viel breiteres Portfolio von Arten und Genotypen verlangen für eine erfolgreiche Bewältigung. Dies könnte durchaus auch einschliessen, dass Herkünfte einheimischer Baumarten aber ferner Provenienz oder auch exotische Baumarten, die sich durch gute Trockenheitsresistenz auszeichnen, beigemischt werden. Dies sollte jedoch einzeln oder in Gruppen von einigen Individuen geschehen, denn es besteht stets die Gefahr, dass sich die Neuen nicht an Bedingungen wie zum Beispiel Frost anpassen können. Damit ist auch zu erwarten, dass Baumschulen und Pflanzung künftig wieder mehr Bedeutung erlangen werden.

Forstliche Kernkompetenz ist gefragt

Im Rahmen des Forschungsprogramms Wald und Klimawandel wird unter anderem untersucht, wie sich die Standortseinheiten unter verschiedenen Klimaszenarien ändern werden. Wenn es gelingt, diesen Schlüssel zu finden, lassen sich – ausgehend von den aktuell ausgeschiedenen Standortseinheiten – die künftig an einem bestimmten Standort herrschenden Bedingungen besser abschätzen. Dann wird auch klarer, welche Baumarten und Herkünfte schon in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten eingebracht werden sollten zum Aufbau eines Waldes, der unseren Ansprüchen auch in fernerer Zukunft entspricht.

Das schliesst auch die Frage ein, wo, in welchen Strukturen und mit welchem Risiko die Fichte künftig nachgezogen werden kann. Bei all diesen Überlegungen und der entsprechenden Umsetzung sind die forstlichen Kernkompetenzen angesprochen. Walo von Greyerz können wir beruhigen: auch künftig wird es wahrlich viele Forstleute brauchen, in Zeiten des Klimawandels erst recht.

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