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Dr. Hans-Joachim Klemmt

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

Abt. Boden und Klima
Hans-Carl-von-Carlowitz-Pl. 1
D-85354 Freising

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Artikel

Autor(en): Redaktion waldwissen.net – LWF
Redaktion: LWF, Deutschland
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Wirksames Medikament oder unbedenkliches Hausmittel?

Nutzen, Risiken und Nebenwirkungen der Waldkalkung

Bei der Kalkung drängen sich Vergleiche mit der Humanmedizin auf, wirkt sie doch wie ein starkes Medikament auf Böden und Wälder. Heilmittel haben aber oft Risiken und Nebenwirkungen. Die sind dem erwarteten Nutzen beim Patienten gegenüber zu stellen.

Mangel an Fichten
Abb. 1: Bei klarer, durch Symptome und/oder Nadelanalysen belegter Diagnose besteht kein Zweifel an der Behandlungswürdigkeit. Eine Gabe von dolomitischem Kalk ist in solchen Fällen dringend angezeigt (Foto: M. Hertel).

Die Kalkung wird als Therapie für kranke Böden und Wälder verstanden. Dabei sind deutliche Reaktionen in den behandelten Wäldern beabsichtigt und werden auch fast immer erzielt. Sieht man die Kalkung als medizinische Maßnahme, stellt sich sofort die Frage, ob die Behandlung mit mehr Nutzen als Risiken für den Patienten verbunden ist.

Bei der Waldkalkung ist es besonders wichtig, die Notwendigkeit einer Behandlung zu überprüfen und die Vor- und Nachteile abzuwägen, denn die Maßnahme

  • verursacht Kosten,
  • weist einen nicht unerheblichen Kohlenstofffußabdruck auf,
  • kann die Ökosysteme verändern und deren Selbstregulation in Frage stellen.

Kalk im Wald ist kein unbedenkliches Hausmittel, das ausschließlich Vorteile und Nutzen aufweist.

Motive für die Waldkalkung

Die Waldkalkung verfolgt im Wesentlichen drei Ziele:

  1. Neutralisation von Säuren
    Bei der Neutralisation aus dem Regen eingetragener Säuren entstehen Neutralsalze, die mit dem Sickerwasser aus dem Boden ausgewaschen werden. Die Kalkung hat aber keine Auswirkung auf die Mobilität der Anionen, diese werden nach wie vor in Lösung gehalten. Daher kann der Verlust von Basenkationen im Unterboden auch nach einer Kalkung ungebremst fortgesetzt werden. Mit dem Rückgang der sauren Niederschläge ist die Säurefracht in die Wälder und die Belastung des Sickerwassers mit Sulfat und Nitrat stark zurückgegangen. Der Neutralisationsaspekt der Kalkung tritt umso mehr in den Hintergrund, je weniger Säure aus Luftverunreinigungen in die Wälder gelangt.

  2. Regeneration der Bodentauscher
    Vermehrt wird die Regeneration der mit Säurekationen (v.a. Aluminium) belegten Kationenaustauscher als Motivation für die Kalkung angeführt. Durch die Zugabe von Calcium und Magnesium soll das pflanzenschädliche Aluminium von den Austauschern entfernt und so die Zusammensetzung der Austauscherbelegung für die Bäume günstiger gestaltet werden. Allerdings werden dabei zwangsläufig Reaktionsprodukte frei. Das von Austauscher verdrängte Aluminium kann das Sickerwasser belasten, in tiefere Bodenhorizonte oder in die Fließgewässer verlagert werden und dort zur Versauerung führen. So wird die Versauerung nur lokal im Oberboden beseitigt, aber mit dem Sickerwasser nach unten weitergereicht.

  3. Zufuhr von im Mangel befindlichen Nährstoffen
    Ist beispielsweise ein eindeutig akuter Magnesiummangel diagnostiziert, kann als rasche Therapie dieser Ernährungsstörung Magnesium – z.B. in Form von dolomitischem Kalk – zugegeben werden. In Bayern ist eine Waldkalkung hauptsächlich dann angezeigt, wenn aufgrund einer Bodendisposition sichtbare oder latente Nährstoffmängel auf lange Sicht zu befürchten sind oder bereits diagnostiziert werden. Im Vordergrund steht dabei vor allem das Wohlergehen des Baumbestands. Der Boden selbst wird nur deshalb mit Kalk angereichert, damit es den Bäumen besser geht.

Der sanfte Weg der Humuspflege

Kalkungskulisse
Abb. 2: Kalkungskulisse für die Waldfläche Bayerns (LWF 2010/2013, Ausschnitt): Die grünen Flächen benötigen keine Kalkung. Auf den roten Flächen kann eine Kalkung sinnvoll sein, definierte Ausschlussstandorte (z.B. nährstoffreiche Standorte, Gewässerumgebung, nasse Standorte, Block- und Felsstandorte, Trockenstandorte) sind jedoch auszusparen.

Eine Kalkungsmaßnahme sollte stets vor dem Hintergrund des gesamten Stoffhaushalts der Wälder gesehen werden. Durch die Baumartenwahl und das Mischungsprinzip wird erreicht, dass der Boden in seiner ganzen Tiefe von den Wurzeln verschiedener Baumarten abgeweidet und ausgeschöpft wird. Dann ist wichtig, dass die von den Bäumen aus dem Unterboden aufgenommen Stoffe dem Oberboden zugeführt werden – über den Streufall und die Ernterückstände. Waldbäume sind fähig, mit ihren Abfallprodukten über die Jahrhunderte den eigenen Standort nachhaltig zu verbessern. Das sollte durch die Art der Nutzung, beispielsweise durch übermäßige Ernten, nicht unnötig beeinträchtigt werden. Es kommt darauf an, die Humusdecke unserer Wälder als Nährstoff- und Wasserspeicher zu erhalten und zu pflegen. Nur wenn der Stoffhaushalt der Wälder so stark gestört ist, dass die Gefahr von Fehlernährungen und Mängeln besteht, ist die Kalkung ein unterstützendes Mittel. Ziel der naturnahen Forstwirtschaft bleibt die weitgehende Selbstregulation. Dazu gehören standortgerechte Mischbestände mit einem ausreichend hohen Laubbaumanteil, langfristige Verjüngungsverfahren und bodenpflegliche Erntemaßnahmen. Eine Kalkung wird in Bayern daher nur auf hinsichtlich des Bodenzustands und der Ernährungssituation kritischen Standorten gefördert. Damit wird sichergestellt, dass von der Kalkausbringung keine negativen Auswirkungen auf das Ökosystem ausgehen.

Endpunkte

In der Humanmedizin bezeichnet der klinische Endpunkt den Zustand, der durch die medizinische Behandlung erreicht werden soll. Dafür werden messbare und klar definierte Kriterien festgelegt.

Welcher klinische Endpunkt wird nun bei der Kalkung angestrebt? Soll der pH-Wert nach der Behandlung 4,5 oder 5,65 Einheiten betragen? Wird als Humusform Mull angestrebt oder reicht auch Moder? Sollen die Böden viele oder wenige Regenwürmer haben? Und was ist unter viel und wenig zu verstehen? Genügen ausreichend ernährte Bestände ohne Mangel oder wird maximales Wachstum gewünscht? Soll die Basensättigung bei 15 Prozent liegen oder sind zehn Prozent ausreichend? Was ist ein „guter“ Bodenzustand? Der ursprüngliche, vom Menschen wenig beeinflusste Zustand um das Jahr 1000, der stark veränderte historische Zustand nach den Übernutzungen der Neuzeit um 1900, der erneut durch sauren Regen veränderte Zustand um 1980 oder der nach mittlerweile erfolgten Kalkungsmaßnahmen veränderte Zustand der Jetztzeit?

Nach Bundesbodenschutzgesetz sind die Abwehr von Schäden, von Nachteilen und Beeinträchtigungen als Motivation für das Handeln im Bodenschutz legal definiert. Im genutzten Wald ist die Hauptbodenfunktion die als Standort für die land- und forstwirtschaftliche Nutzung. Die Kernfrage müsste also sein, ob durch schädliche Bodenveränderungen die Nutzungsfunktion beeinträchtigt ist: Können die Bäume beiden gegebenen Bodenzustand so wachsen und gedeihen, wie Waldbesitzer oder Forstbedienstete das von ihnen erwarten? Oder müssen diese regulierend eingreifen? Fragen zum Bodenschutz im Wald sind: Sollen über die Funktion als Produktionsstandort hinaus weitere Bodenfunktionen gesichert und wiederhergestellt werden? Sollen die nachgeschalteten Gewässer gleich mit betrachtet werden? Ist der Boden auch als Lebensgrundlage und Lebensraum für Menschen, Tiere, Pflanzen und Bodenorganismen gefährdet?

Es ist Zeit, sich über die zu erreichenden Endpunkte zu verständigen und einen Konsens darüber herbeizuführen, welche Qualität die Waldböden haben sollen und wie man diese erwirken soll. In natürlichen Systemen wie dem Wald muss nicht zwangsläufig jeder denkbare Endpunkt verwirklicht, nicht jeder Zustand optimiert werden. Schließlich ist es gerade die Vielfalt von armen und reichen Böden, von froh- und mattwüchsigen Wäldern, von wilder und gezähmter Natur, die unsere Waldumwelt für uns alle so reizvoll macht. Die Frage der Kalkung im Wald ist weniger eine naturwissenschaftliche, sondern eher eine gesellschaftliche und politische.

Originalartikel

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