Suche

    
Suche nur in dieser Rubrik

Erweiterte Suche

Kontakt

Dr. Hans-Gerhard Michiels

zur FVA Homepage

Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA)
Abteilung Waldnaturschutz

Wonnhalde 4
79100 Freiburg im Breisgau

Tel.: (0761) 4018 - 178

Die waldwissen.net-App!

App Waldwissen

Waldwissen Newsletter

Unser Newsletter informiert Sie vier, fünf Mal jährlich per E-Mail über spezielle Beiträge und Waldwissen-Aktivitäten. Ihre E-Mail-Adresse wird lediglich zum Zweck der Zustellung des Newsletters verwendet und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können sich jederzeit aus dem Newsletter heraus abmelden oder Ihre Einwilligung per E-Mail an uns widerrufen. Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

Ihr E-Mail*

Artikel

Autor(en): Frank Hohlfeld
Redaktion: FVA, Deutschland
Kommentare: Artikel hat 0 Kommentare
Bewertung: Zu Favoriten Druckansicht 68.3368.3368.3368.3368.33 (107)

Efeulianen in den Rheinauen – Gefahr oder Naturschutzziel?

In den Laubmischwäldern am Oberrhein, oft ehemalige Auewälder, ist Efeu (Hedera helix) als charakteristische Lianenart häufig. Die alten Efeuranken haben eine beachtliche Ausdehnung und schaffen einen für Vögeln und Kleintiere nutzbaren Lebensraum an den Bäumen. Viele Forstleute stehen der Kletterpflanze jedoch skeptisch gegenüber und sehen die Bäume durch den "Baumwürger" gefährdet. Wie sollen die Efeulianen im Rahmen der naturschutzorientierten Waldwirtschaft behandelt werden?

Die Untersuchung

Efeu mit Früchten
Abb. 1: Früchte an Efeu. (Foto: Th. Ullrich)

Im 75 ha großen Bannwald "Weisweiler Rheinwald" in der Oberrheinischen Tiefebene nördlich des Kaiserstuhls treten Lianen wie Efeu, Waldrebe und Waldgeißblatt in außergewöhnlichem Umfang auf. Das Waldschutzgebiet gliedert sich in einen alten Teil mit älterem Waldbestand der schon seit 30 Jahren sich selbst überlassen ist, und einen neuen Teil mit älterem Waldbestand aber auch Stangenhölzern, Dickungen und Gebüschzonen, der erst vor 3 Jahren aus der forstlichen Bewirtschaftung herausgenommen wurde.

Bei einer Kartierung des Efeubestandes im Spätherbst und Winter 1999 wurden Daten über Verbreitung, Verteilung, Durchmesser und Überlebensstrategien des Efeus in diesem Waldschutzgebiet erhoben. Die Zusammensetzung und Strukturierung der Waldbestände des Bannwaldgebietes wurde durch das Stichprobenverfahren der Forstlichen Grundaufnahme in Bannwäldern repräsentativ erfasst. Ornithologische Untersuchungen ließen Aussagen über die Nutzung des Efeus durch die waldbewohnenden Vögel zu. Die Auswertung mithilfe eines Geographischen Informationssystems (GIS) ermöglichte die genaue räumliche Zuordnung der Kartierungsergebnisse.

Verteilung des Efeus im Bannwald

Die 2431 kartierten Efeulianen des Bannwaldes verteilen sich auf die älteren Waldbestände des Schutzgebietes (ca. 55 ha). Die restlichen 20 ha waren als Gebüsche, Dickungen, Stangenhölzer, Schilf- und Wasserflächen nicht von Efeu bewachsen (siehe Abb. 2). Der größte Teil des Efeus ist relativ jung. 44 % der kartierten Efeulianen hatten einen Brusthöhendurchmesser (BHD) von 2-5 cm, 52 % einen BHD von 6-15 cm und 4% einen BHD von mehr als 15 cm. Letztere kamen bevorzugt an Eichen vor (Tab. 1). Bei zwei toten Efeuranken mit BHD > 15 wurden die Jahrringe ausgezählt. Sie waren 49 (BHD=16 cm) und 57 (BHD= 18) Jahre alt. Dickeres und damit älteres Efeu fruktifiziert stärker als die jüngeren Efeupflanzen, seine Blätter und Zweige umschließen den Stamm und die Kronenäste der Bäume. Außerhalb des alten Bannwaldteils wurden dickere Efeulianen im Zuge von Durchforstungsmaßnahmen immer wieder unten abgesägt. Daher konzentrierte sich ihr heutiges Vorkommen auf den schon seit 30 Jahren nicht mehr genutzten, alten Teil des Bannwaldes (Abb. 2).

Junge Efeulianen mit einem Brusthöhendurchmesser (BHD) von 2-5 cm am Hauptstamm sind dagegen anders verteilt (Abb. 2). Ihr Besiedelungsschwerpunkt liegt in einer lichten Balsampappelkultur im Westen des Weisweiler Rheinwaldes. Innerhalb dieser Kultur befinden sich auf 13 % der kartierten Efeufläche über 33% des Efeus dieser Durchmesserklasse. Beim jungen Efeu tritt die Pappel daher als Wirtsbaum hervor und die Eiche zurück (siehe Tab. 1). Der große Pflanzabstand der Bäume ließ zunächst viel Licht bis auf den Boden fallen und schuf sehr günstige Ausgangsbedingungen für das Efeu. Entlang der regelmäßig ausgemähten, breiten Rückegassen blieben optimale Lichtbedingungen lange erhalten und das heutige Vorkommen des jungen Efeus konzentriert sich dort.

Verteilung der Efeulianen im Bannwald
Abb. 2: Verteilungen der Efeulianen mit 2-5 cm BHD (n= 1070) und mit mehr als >15 cm BHD (n= 90) im kartierten Bannwald "Weisweiler Rheinwald". Efeulianen mit 6-15 cm BHD (n= 1271) waren relativ gleichmäßig verteilt und sind in der Abbildung nicht dargestellt.

Besiedelte Baumarten

Insgesamt kam Efeu an 24 verschiedene Baumarten vor. Eichen, Eschen und Pappeln waren die am häufigsten besiedelten Bäume (Tab. 1). Die meisten Trägerbäume besaßen mittlere Brusthöhendurchmesser zwischen 21 und 60 cm. Das dünnste efeubewachsene Bäumchen maß 7 cm im Durchmesser, der dickste Baum 180 cm. Die dünneren Bäume waren trotz ihrer Häufigkeit im Bestand nur relativ selten mit Efeu bewachsen. Bei Brusthöhendurchmessern unter 21 cm wurden Robinien und besonders Weißdorn als Wirtsbäume bevorzugt. Dickere Bäume waren im Bestand seltener, trugen aber meist Efeu. Bei Bäumen mit BHD > 60 cm spielten die Eichen die entscheidende Rolle als Wirtsbäume. Normalerweise beeinträchtigt der Efeu den Gesundheitszustand der Eichen nicht, gerade alte, efeubewachsene Eichen wirken oft besonders vital. Schattbaumarten wie Buche und Hainbuche waren unabhängig von ihrer Dicke sehr selten mit Efeu bewachsen. Ihr dichtes Laubwerk macht sie als Wirtsbäume für Efeu ungeeignet.

Nur etwa 7 % der mit Efeu bewachsenen Bäume waren tot. 20 % der Efeulianen an den toten Bäumen waren selbst bereits abgestorben. Nur jeder zweite abgestorbene Efeubaum war von der Lianen bis zur Baumspitze überwachsen. Viele tote Bäume stürzen um bevor sie überwachsen sind, da verstärktes Efeuwachstum erst nach dem Absterben der Wirtsbäume mit der Änderung der Lichtverhältnisse einsetzt. Abgestorbene Bäume sind deshalb als dauerhafte Besiedelungsmöglichkeit für den Efeu ungeeignet.

Tab. 1: Prozentuale Anteile der verschiedenen Baumarten im Bannwald "Weisweiler Rheinwald" bei den kartierten 1.) Bäumen mit Efeulianen, Lianenbrusthöhendurchmesser (BHD) 2-5 cm. 2.) Bäumen mit Efeulianen, Lianenbrusthöhendurchmesser (BHD) 6-15 cm. 3.) Bäumen mit Efeulianen, Lianenbrusthöhendurchmesser (BHD) > 15 cm. 4.) Bäumen der Forstlichen Grundaufnahme im Bannwald. * signifikante, ** hochsignifikante Unterschiede zu den prozentualen Anteilen der Forstlichen Grundaufnahme (Chi 2-Test).
    Mit Efeulianen bewachsene Bäume   Stichprobenverfahren
Baumart 1.) Efeu-BHD = 2-5 cm (n=1070) 2.) Efeu-BHD = 6-15 cm (n=1271) 3.) Efeu-BHD > 15 cm (n=90) 4. ) Bäume der Forstlichen Grundaufnahme (n=1673)
Eiche (Quercus robur) 11 * 49 ** 66 ** 8
Esche (Fraxinus excelsior) 21 25 * 21 21
Pappel (Populus spec.) 35 ** 7 ** 7 * 10
Bergahorn (Acer pseudoplatanus) 9 ** 3 ** 1 ** 14
Hainbuche (Carpinus betulus) 2 ** 5 ** 2 ** 9
Sonstige 22 10 4 38
Summe: 100 % 100 % 100 % 100 %

Konkurrenz in den Baumkronen

Prinzipiell ist die Beziehung des Efeus zu seinen Wirtsbäumen, auf denen er epiphytisch gedeiht, von wechselseitiger Konkurrenz um Sonnenlicht, Bodennährstoffe und Wasser geprägt. Im Untersuchungsgebiet mit nährstoffreichen Auenböden und relativ hoch anstehenden Grundwasserspiegel spielt die Konkurrenz um Nährelemente und Wasser keine Rolle. Die Belichtungsverhältnisse dagegen prägen die Verteilung des Efeus auf der Fläche entscheidend, was sich besonders deutlich bei den jüngeren Efeuranken erkennen läßt (Abb. 2). Im Kampf ums Licht macht der Efeu den Bäumen, auf denen er gedeiht, normalerweise keine Konkurrenz. In 4% aller kartierten Fälle überwuchs der Efeu lebende Bäume und Sträucher. Ein Fünftel der betroffenen Bäume war absterbend oder krank und hatte weitgehend sein Laub verloren. Der Efeu überwuchs allerdings, im Gegensatz zu seinem sonstigen Verhalten, vitale Weißdornsträucher in 31 von insgesamt 82 kartierten Fällen. Für den Weißdorn kann die Konkurrenz um Licht durch den Strauch überwachsende Efeuranken zu einer Schädigung führen.

Für die anderen Baumarten besteht keine Gefahr durch das Einwachsen des Efeus in die Kronenregion. Der mittlere Abstand des Efeus zur Kronenspitze der Bäume beträgt meist über 4 m (Tab. 2). Eine schädigende Wirkung des Efeus durch direkte Konkurrenz um Licht im Kronenraum ist dadurch weitgehend ausgeschlossen.

Tab. 2: Mittlere Entfernung vom höchsten Efeuausläufer bis zur Kronenspitze des Wirtsbaums.
Baumarten Anzahl (n) Abstand (Efeu/ Kronenspitze)
Eiche 802 5 ± 3,7 m
Esche 569 8 ± 4,9 m
Balsampappel 316 5 ± 1,6 m
Graupappel 147 8 ± 4,6 m
Bergahorn 127 7 ± 4,2 m
Robinie 113 4 ± 4,0 m
Weißdorn 82 1 ± 1,3 m
Sonstige 179 6 ± 3,5 m
Gesamt 2431 6 ± 4,2

Tiere im Efeu

Efeu überzieht Stämme und Baumkronen mit einem dichten Geflecht, das mit steigendem Alter der Pflanze immer größer wird. 10 Vogelarten nämlich Amsel, Singdrossel, Mönchsgrasmücke, Zaunkönig, Zilpzalp, Sommergoldhähnchen, Schwanzmeise, Waldbaumläufer, Ringeltaube und Eichelhäher wurden als Brutvögel im Efeu registriert. Während der Efeukartierung wurden 67 Vogelnester im unteren Bereich der Efeulianen gefunden. Die reifen Früchte des Efeus sind gegen Ende des Winters eine wichtige Nahrung für Drosseln, Spechte und Stare. Besonders dicke Lianenarme des Efeus wiesen bisweilen auch Hackspuren des Buntspechtes auf. Verschiedene Insektenarten, wie die Pochkäferart Ochina ptinoides im Holz der Liane und die Raupen mehrerer Nachtfalterarten, wie Nachtschwalbenschwanz (Ourapteryx sambucaria) und Schwarzes Ordensband (Mormo maura) sind als Efeunutzer bekannt. Das Geflecht von Lianenarmen und immergrünen Blättern bietet Versteck- und Jagdmöglichkeiten für die verschiedensten Kleintiere, von denen in einer Studie an efeubegrünten Hauswänden 18 zoologische Ordnungen nachgewiesen wurden. Vögel suchen während der Wintermonate oft Efeugeflechte als deckungsreiche Schlafplätze auf. Die nektarreichen Blüten von über 1700 fruktifizierenden Efeubäumen waren im Herbst 1999 eine wichtige Bienenweide im Untersuchungsgebiet, an der auch zahlreiche andere Blütenbesucher festgestellt wurden.

Empfehlungen zum Efeu unter Naturschutzaspekten

Die hohe Efeudichte von mehr als 30 Exemplaren pro ha im Bannwald Weisweiler Rheinwald ist charakteristisch für rheinnah gelegene Laubmischwälder. Bei ausreichender Wasser- und Nährstoffversorgung wird das Efeuvorkommen überwiegend durch Lichteinfluss reguliert was sich besonders deutlich bei den jungen Efeulianen mit BHD von 2-5 cm zeigte (siehe Abb. 2). Die älteren Efeulianen machten den Bäumen im Kronenraum jedoch keine Konkurrenz um Licht (siehe Tab. 2). Die Rankpflanze spielt in diesen Wäldern eine wichtige Rolle als Versteckmöglichkeit und Nahrungslieferant für die Tierwelt. Der Schutz und die Erhaltung von alten Efeubeständen ist daher ein Anliegen des Waldnaturschutzes. Die moderne Waldbewirtschaftung in den Rheinauen sollte Efeu als weit verbreitete Lianenart in ihren Konzepten entsprechend würdigen. Dabei sind folgende Punkte besonders zu berücksichtigen:

  1. Die Bekämpfung von Efeu aus waldbaulichen Gründen erwies sich im Untersuchungsgebiet als unnötig. Im Bannwald wiesen 98 % der mit Efeu bewachsenen Bäume keine Schäden auf, obwohl der Efeu teilweise über 50 Jahre alt war.
  2. Die Bekämpfung von Efeu behindert das Erreichen gewünschter Naturschutzziele (z.B. Arten- und Individuenreichtum der Vogelwelt und der blütenbesuchenden Insekten ).
  3. Alte Efeulianen mit einem BHD von mehr als 15 cm kommen im bewirtschafteten Wald nur selten vor und verdienen besonderen Schutz. Sie bieten wertvollen Brut- und Lebensraum für verschiedene Tiergruppen und ihre Trägerbäume sollten ähnlich wie Horst- oder Höhlenbäume aus ökologischen Gründen geschont werden.

Literatur

  • Carbiener, R. (1974): Die linksrheinischen Naturräume und Waldungen der Schutzgebiete von Rhinau und Daubensand (Frankreich): eine pflanzensoziologische und landschaftsökologische Studie. In: Das Taubergießengebiet. Natur- und Landschaftsschutzgebiete Baden-Württembergs 7: 438-535.
  • Hegi, G. (1965): Illustrierte Flora von Mitteleuropa. Bd. V, Teil 2 S: 915-925.
  • Kärcher, R.; Weber, j.; Baritz, R.; Förster, M.; Song, X. (1997): Aufnahme von Waldstrukturen. Arbeitsanleitung für Waldschutzgebiete in Baden-Württemberg. Mitteilungen der Forstl. Versuchs- u. Forschungsanstalt Bad.- Württ. 199, 41 S.
  • Kegler, H.. (1999): Der Bannwald "Hechtsgraben". Berichte Freiburger Forstliche Forschung Heft 15. 39 S.
  • Michiels, H.-G. (2000): Der natürliche Wald - ein Leitbild für den naturnahen Waldbau in der Oberrheinaue? Mitteilungen des Vereins für Forstliche Standortskunde und Forstpflanzenzüchtung Nr. 40, April 2000, S. 23-34.
  • Rieger, A. (1995): Die Besiedelung von begrünten Hauswänden durch Arthropoda im Stadtbereich. in Paustian (ed.): Faunistisch-Ökologische Mitteilungen 19: 27-46.
  • Schnitzler, A. (1995): Community ecology of arboreal lianas in gallery forests of the Rhine valley, France. Acta Oecologica 16(2): 219-236.
  • Schütt P., H.J. Schuck, G. Aas, U.M. Lang (1994): Enzyklopädie der Holzgewächse. Handbuch und Atlas der Dendrologie. 11 Erg. Lfg. 3/98 Ecomed. Landsberg.
  • Stetzka, K.M. & Roloff, A. (1996): Der Efeu als "Baumwürger"? Nützt Klimaerwärmung winter- und immergrünen Gefäßpflanzen? AFZ 4: 210-212.