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Prof. Dr. Ulrich Kohnle

PD Dr. Ulrich Kohnle

Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA)
Abteilungsleiter Waldwachstum

Wonnhalde 4
D-79100 Freiburg i. Breisgau

Tel. +49 761 4018 251
Fax +49 761 4018 333

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Artikel

Autor(en): Ulrich Kohnle
Redaktion: FVA, Deutschland
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Fichte im Klimawandel – was tun?

Klimawandel: Ja oder Nein? Hier scheinen sich die Geister grundlegend zu scheiden. Auf den zweiten Blick wird allerdings deutlich, dass es auch weitgehende Übereinstimmungen gibt. So besteht schönste Einigkeit in der Einschätzung, dass Klima grundsätzlich dem Wandel unterliegt und dass dies in der Vergangenheit eher die Regel denn die Ausnahme war. Gezankt wird dagegen vor allem über die Frage, ob und in welchem Umfang sich das Klima momentan ändert, welchen Verlauf das nehmen könnte und was denn letztendlich die Ursachen dafür sein könnten.

Inhalt

Mischbestand: Die Risiken auf verschiedene Baumarten zu verteilen, ist unbestritten eine der wirkungsvollsten forstlichen Maßnahme im Hinblick auf den Klimawandel.
Abb. 1: Mischbestand: Die Risiken auf verschiedene Baumarten zu verteilen, ist unbestritten eine der wirkungsvollsten forstlichen Maßnahme im Hinblick auf den Klimawandel.

Jedenfalls ist für Baden-Württemberg belegbar, dass sich der Klimawandel im letzten Jahrhundert beschleunigt hat. Zwar schwankt die Witterung nach wie vor erheblich von Jahr zu Jahr. Im Durchschnitt zeigt sich jedoch seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein deutlich ansteigender Temperaturtrend, der sich seit den 1980er Jahren markant verschärft hat. Bei den Niederschlägen sind die Veränderungen dagegen geringer. Sie sind in der Jahressumme etwa gleich geblieben; die Dauer (sommerlicher) Trockenperioden hat allerdings tendenziell zugenommen.

Baumarten-Eignungskarten zeigen das Anbaurisiko

Für Pflanzen haben steigende Temperaturen bei konstanten bis leicht rückläufigen Niederschlägen folgende Konsequenz: Die Verhältnisse bei der Wasserversorgung sind stärker angespannt. Der springende Punkt bei der Frage ist, ob und wie lange sich diese Entwicklung in Zukunft fortsetzt. Dies wiederum lässt sich aufgrund der vielfältigen Wirkungsbeziehungen und Einflussgrößen nicht sicher vorhersagen. Denn frei nach einem gerne Kurt Tucholsky zugeschriebenen Zitat gilt grundsätzlich: "Prognosen sind schwierig – vor allem wenn sie die Zukunft betreffen". Trotz dieser veritablen Unsicherheiten gibt es aber ganz brauchbare Versuche, um abzuschätzen, wie sich der Klimawandel auf die Anbaufähigkeit der Fichte in Baden-Württemberg auswirkt – der momentan wichtigsten Nutzholz-Baumart. Methodisch geht das im Prinzip folgendermaßen vor sich:

Klima-Risiko-Karte für Fichte (Baden-Württemberg). Die linke Karte enthält das ausschließlich aufgrund klimatischer Faktoren berechnete Anbaurisiko für die im Jahr 2010 geltenden klimatischen Verhältnisse, die rechte Karte die Verhältnisse unter den Bedingungen einer Klimaprojektion für das Jahr 2050 (Farbgebung der Klimaeignung: grün: beste Voraussetzungen [Optimum]; rot/schwarz: ungeeignete Voraussetzungen [Arealrand]).
Abb. 1: Klima-Risiko-Karte für Fichte (Baden-Württemberg). Die linke Karte enthält das ausschließlich aufgrund klimatischer Faktoren berechnete Anbaurisiko für die im Jahr 2010 geltenden klimatischen Verhältnisse, die rechte Karte die Verhältnisse unter den Bedingungen einer Klimaprojektion für das Jahr 2050 (Farbgebung der Klimaeignung: grün: beste Voraussetzungen [Optimum]; rot/schwarz: ungeeignete Voraussetzungen [Arealrand]).
  • Im ersten Schritt werden auf Basis eines europaweiten Beobachtungsnetzes die funktionalen Beziehungen ermittelt, unter welchen klimatischen Bedingungen Fichten in Europa wachsen können – und unter welchen eben nicht. Diese Funktionen werden dann mit den gegenwärtigen klimatischen Kennwerten in Baden-Württemberg gefüttert. Heraus kommt eine Karte, die zeigt, wo Fichtenanbau bereits unter heutigen klimatischen Verhältnissen erheblichen Risiken ausgesetzt ist (Abb. 1; linke Karte).
  • Anschließend werden die Funktionen auf ein in die Zukunft projiziertes Klimawandel-Szenario angewendet. Das an der FVA verwendete Szenario unterstellt einen Temperaturanstieg um knapp + 2 °C bis zur Mitte des Jahrhunderts und einen geringfügigen Rückgang der Jahresniederschläge. Daraus ergibt sich eine Klima-Risiko-Karte der zukünftig erwarteten Verhältnisse (Abb. 1; rechte Karte).
  • Nun werden jedoch die Risiken des Fichtenanbaus nicht ausschließlich von klimatischen Größen gesteuert, wie dies die Klima-Risiko-Karten annehmen. Es gilt weitere standörtlich variierende Faktoren zu berücksichtigen wie zum Beispiel das Wasserspeichervermögen des Bodens. Durch die Einbeziehung solcher standörtlicher Faktoren entstehen im zweiten Schritt aus der mit dem breiten "Klima-Pinsel" gezeichneten Klima-Risiko-Karte schließlich die standörtlich differenzierten Baumarten-Eignungskarten (Beispiel: Baumarten-Eignungskarte für Fichte (Landkreis Calw). Die Karte enthält die Eignungsbeurteilung auf der Basis der standörtlichen Verhältnisse in Verbindung mit einer auf das Jahr 2050 gerichtete Klimaprojektion). Diese Baumarten-Eignungskarten für Fichte, Tanne, Buche und Traubeneiche liegen im Maßstab 1:50.000 für alle Landkreise vor. Sie können bei den unteren Forstbehörden eingesehen werden oder lassen sich direkt aus dem Internet herunterladen.

Tatsächlich liefern erst diese Baumarten-Eignungskarten die für die waldbauliche Beurteilung erforderliche Abschätzung des Anbaurisikos. Die Klima-Risiko-Karten sind zwar die Vorstufe dazu, für die waldbauliche Beurteilung sind sie jedoch räumlich viel zu grob gestrickt.

Bilanzierung der Baumarteneignung von Fichte in Baden-Württemberg unter den gegenwärtigen klimatischen Verhältnissen (2010) im Vergleich zu einem für die Mitte des Jahrhunderts (2050) projizierten Klimaszenario.
Abb. 3: Bilanzierung der Baumarteneignung von Fichte in Baden-Württemberg unter den gegenwärtigen klimatischen Verhältnissen (2010) im Vergleich zu einem für die Mitte des Jahrhunderts (2050) projizierten Klimaszenario.

Zwar ist das gewählte Klimaszenario ausgesprochen moderat. Trotzdem wird erkennbar, dass sich die Anbaurisiken für Fichte in den nächsten Jahrzehnten deutlich erhöhen dürften. Die Bilanz veranschaulicht dies: Während sich derzeit noch etwa 24% der Waldfläche ohne Einschränkung für Fichtenanbau eignet, dürfte dieser Anteil auf gerade noch 4% zurückgehen. Umgekehrt dürfte der Anteil der für Fichtenanbau ungeeigneten Fläche von 32% auf 59% ansteigen (Abb. 3). Längerfristig kann eigentlich nur noch für Standorte im höheren Bergland eine Eignung für sinnvollen Fichtenanbau erwartet werden.

Was tun? Waldbauliche Handlungsempfehlungen

Zuallererst gilt: Keine Hektik, Ruhe bewahren! Es ist nämlich kaum anzunehmen, dass landesweit auf großer Fläche Fichtenbestände plötzlich und schlagartig ausfallen. Der Prozess dürfte vielmehr "schleichend" verlaufen. Dass das so ist, lässt sich ja bereits seit einiger Zeit in den wärmeren, tiefer gelegenen Bereichen des Landes beobachten. Aus den kollinen Bereichen (Weinbauklima) und den tieferen submontanen Lagen hat sich die hier früher durchaus weiter verbreitete Fichte infolge Trocknis, Borkenkäferbefall, Sturm etc. zwischenzeitlich weitestgehend verabschiedet.

Fichtenbestände, die (noch?) keine größeren Auflösungserscheinungen zeigen, werden daher im Grundsatz regulär weiter bewirtschaftet – unabhängig davon, wo sie wachsen. Das gilt auch dann, wenn solche Bestände in Bereichen mit ungünstiger klimatischer Eignungsprognose liegen.

Regulär bewirtschaften heißt, in der Jugend tunlichst früh und intensiv mit Durchforsten beginnen (Bestandeshöhe rd. 15 m). Das fördert Vitalität und Durchmesserwachstum. Die Fichten werden dadurch zum einen – hoffentlich – widerstandsfähiger, zum anderen hätten die Stämme im Fall der Fälle (bei vorzeitigen Ausfällen) bereits stärkere Dimensionen erreicht und die wirtschaftlichen Verluste hielten sich in engeren Grenzen. Zurückhaltende Durchforstungen in jungen Fichtenbeständen sind auch im Zeichen des Klimawandels nicht richtig, sondern richtig falsch!

Falsch wäre es allerdings auch, intensive Durchforstungen bis ins höhere Alter fortzusetzen oder gar zu versuchen, in der Jugend versäumte Durchforstungen in älteren Beständen nachzuholen. Erreichen die Bestände Höhen von etwa 25 m, gilt es zunehmend auf die Durchforstungsbremse zu treten. Dafür sind zwei Gründe verantwortlich: Erstens lässt das Reaktionsvermögen der Fichten deutlich nach, zweitens erhöhen starke Eingriffe in höhere Bestände erheblich das Sturmrisiko. Neue Erkenntnisse aus der Sturmschadenforschung zeigen nämlich eindeutig, dass – allen Gerüchten zum Trotz – eine nachträgliche Stabilisierung hoher (älterer) Fichtenbestände nicht mehr möglich ist.

Stehen Fichten-Bestände in Bereichen mit ungünstiger Klimaprojektion zur planmäßigen Verjüngung heran oder beginnen sie gar, sich vorzeitig aufzulösen, gilt es für die Verjüngung folgende Aspekte zu berücksichtigen:

(1) Grundsatz Mischbestände

Die Verteilung von Risiken auf verschiedene Baumarten stellt unbestritten eine der wirkungsvollsten forstlichen Maßnahmen zur Risikovorsorge dar. Dem Mischbestandsprinzip kommt deshalb auch unter den Vorzeichen der Unsicherheiten des Klimawandels ein hoher Stellenwert zu. Dabei gilt: Je unsicherer die Klimaprognose für eine Baumart ist, umso wichtiger ist die Mischung mit voraussichtlich klimastabileren Baumarten. Die im Folgenden dargestellten Möglichkeiten beziehen sich daher ausnahmslos auf den Anbau in Mischbeständen. Das gilt nicht nur für die Fichte und mögliche Nadelbaum-Alternativen wie Tanne oder Douglasie sondern selbstverständlich auch für Laubbäume.

(2) Trotz problematischem Klimarisiko weiter mit Fichte?

Wenn überhaupt, dann nur in Mischbeständen mit klimastabileren Baumarten und sinnvollerweise nur dort, wo die Projektionen für die Fichte nicht ganz schlecht sind. Also auf keinen Fall in tieferen Lagen (< 300 m ü. NN) und auf Böden mit schlechter Wasser- und Luftversorgung (geringe Niederschläge, sandige Böden, schwere Böden).

Außerdem empfiehlt sich bei den Fichtenanteilen dringend, zur Minderung der zweifelsfrei erhöhten Klimarisiken mit in kurzen Produktionszeiten erzielbaren schwächeren Zielsortimenten zu arbeiten (Brusthöhendurchmesser von etwa 45 cm). Das heißt, weitständige Begründung gegebenenfalls energische Reduktion dichter Naturverjüngungen und früh einsetzende konsequente Durchforstung.

(3) Oder vielleicht doch lieber zu einer klimastabileren Baumart wechseln?
  • Laubbäume

Buche geht eigentlich auf fast allen Standorten als klimastabilere Alternative zur Fichte. Weil aber Buche keine Freiflächen mag, sollte sie bereits unter dem aufgelichteten Schirm des Fichtenbestandes vorangebaut werden.

Muss auf Freiflächen angebaut werden, empfiehlt sich dagegen eher Bergahorn. Esche wäre bis vor kurzem noch eine Alternative gewesen. Ist aber beim gegenwärtigen Stand des Eschentriebsterbens momentan überhaupt keine Option.

  • Weiß-Tanne

Der heimischen Tanne kann zwar grundsätzlich eine etwas höhere Wärmetoleranz als der Fichte beigemessen werden. Wunder sind von ihr allerdings auch nicht zu erwarten: Für warme Tieflagen (< 300m) taugt Tanne so wenig wie Fichte! Dagegen ist ein verstärkter Tannen-Anbau in Mischbeständen der mittleren und höheren Lagen des natürlichen Tannengebiets (Schwarzwald, Schwäbisch-Fränkischer-Wald, Südwestalb, Alpenvorland) bestimmt ein guter Beitrag zur Stabilisierung klimalabiler Fichtenwälder.

Allerdings muss auch die Tanne im Schirmschutz vorangebaut werden. Außerdem geht ohne angepasste Schalenwildbestände mit Tanne gar nichts.

  • Douglasie

Die Leistungsträgerin mit Migrationshintergrund weist von allen leistungsfähigen Nadelbaumarten die größte Toleranz gegenüber Wärme und Trockenheit auf. Sie ist im Prinzip auf allen Standorten (auch für tiefer gelegene wärmere Lagen beispielsweise im Weinbauklima) in Mischbeständen eine hervorragende Alternative zur Fichte. Tatsächlich ist Douglasie außerhalb des natürlichen Tannengebiets die einzige ernstzunehmende leistungsfähige Nadelbaum-Alternative für klimalabile Fichte. Grundsätzlich ungeeignet sind eigentlich nur schwere luftarme Böden, vernässende Standorte oder Böden mit freiem Kalk im Oberboden.

Gerne unterschätzt wird, dass sich Douglasien in der Verjüngungsphase als rechte Mimosen geben. Frisches, hochwertiges Pflanzmaterial ist absolutes Muss. Dass sich die Pflanztechnik den Pflanzen anzupassen hat – und nicht etwa umgekehrt – sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben.

Am besten erfolgt die Pflanzung im Seitenschutz eines Bestandesrandes. Größere Freiflächen können schwierig werden. Auch Anbau unter Schirm ist nicht wirklich optimal. Für letzteren gilt: Sobald die Douglasien angewachsen sind, sollte der Schirm über den Bereichen mit Douglasie zügig verschwinden. Sonst leidet die Wurzelentwicklung.

Gerade für Douglasie gilt in besonderem Maße: früh und konsequent ran an die Durchforstung. Wer Wertholz produzieren will, sollte nicht vergessen, rechtzeitig die Ästungssäge zur Hand zu nehmen.

Eine wirtschaftlich durchaus interessante Möglichkeit kann auf Teilflächen, auf denen dauerhaft Douglasien-Anteile angestrebt werden, die lockere Überstellung beispielsweise einer Fichten-Pflanzung oder Naturverjüngung mit einigen wenigen (aber teuren) Douglasien sein. Der (deutlich billigere) Fichten-Grundbestand kann dann in der Durchforstungsphase aus diesen Bereichen als lukrative Zeitmischung zugunsten der Douglasien entnommen werden.

Aber Achtung: Sofern aus prinzipiellen Erwägungen von einem verstärkten Anbau gebietsfremder Baumarten Abstand genommen werden soll, wie beispielsweise in FSC-zertifizierten Betrieben, ist darauf zu achten, dass keine Bestände mehr mit führender Douglasie neu begründet werden. Douglasie wird hier ausschließlich als Beimischungsbaumart eingebracht. Um die Anteile der Mischbaumarten nicht zu gefährden, gilt es dabei unbedingt, die Mischbaumarten in den Beständen von Anfang an in ausreichendem Umfang von der Konkurrenz der wuchsüberlegenen Douglasie frei zu halten.

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