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Artikel

Autor(en): Peter Bebi, Adrienne Grêt-Regamey, Jakob Rhyner, Walter Ammann
Redaktion: WSL, Schweiz
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Den Schutzwald nach Risikokriterien bewirtschaften

Risikobasierte Strategien haben sich im Umgang mit Naturgefahren gut bewährt, weil sie die Kosten und die Wirkung von Schutzmassnahmen optimieren. Vier Thesen verdeutlichen ihre Notwendigkeit im Schutzwald.

Schutzwald von Davos
Abb. 1 - Der Wert der zu schützenden Güter unterhalb des Davoser Schutzwaldes ist hoch.
Foto: Ulrich Wasem (WSL)

In der Bewirtschaftung von Schutzwäldern war es bislang kaum üblich, Risikokriterien gezielt anzuwenden. Die zunehmend prekäre Finanzlage der öffentlichen Hand erfordert jedoch von allen Beteiligten ein Umdenken im Umgang mit Naturgefahren. Wer die Bewirtschaftung eines Schutzwaldes auf das Risikokonzept stützt, der kann verschiedene Massnahmen und deren Kosten miteinander vergleichen und die Prioritäten kosteneffizient und wirkungsorientiert festsetzen. Die folgenden vier Thesen zeigen die Notwendigkeit einer risikobasierten Schutzwaldstrategie auf.

These 1: Die zu schützenden Güter unterhalb eines Schutzwaldes sind unterschiedlich

Da die aktuell gültige Ausscheidung von Schutzwäldern nach verschiedenen Methoden erfolgt, bestehen zurzeit grosse Unterschiede in der Art und im Wert der zu schützenden Objekte. Als Beispiel hierfür sei der Vergleich genannt zwischen dem Bannwald der Gemeinde Andermatt im Kanton Uri und irgendeinem Schutzwald oberhalb einer wenig befahrenen Strasse.

Im ersten Fall besteht das Schadenpotenzial vor allem aus Schäden an einem Siedlungsgebiet, am möglichen Verlust von Menschenleben oder aus Evakuierungskosten, im zweiten Fall aus fahrenden Autos und den darin befindlichen Personen. Die sehr unterschiedliche Art der zu schützenden Güter kann mit risikobasierten Ansätzen einheitlich erfasst und in der Einheit "Franken pro Jahr" berechnet werden. Da zurzeit die Ausscheidung der Schutzwälder vom Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft, Bern, vereinheitlicht wird, bestehen in Zukunft bessere Möglichkeiten für eine vergleichbare und differenzierte Berücksichtigung des Schadenpotenzials in einer risikobasierten Schutzwaldstrategie.

These 2: Nicht jeder Schutzwald hat die gleiche Wirkung

Risiko kann als Produkt zwischen Schadenspotenzial und Eintretenswahrscheinlichkeit eines Naturereignisses definiert werden. Der Schutzwald beeinflusst im Fall von Lawinen oder Steinschlag die Eintretenswahrscheinlichkeit. Deren Verminderung wird damit bei einer risikobasierten Schutzwaldstrategie zum Mass für die "Qualität" eines Schutzwaldes. Diese Qualität ist je nach Standort, Waldstruktur und betrachteter Naturgefahr unterschiedlich zu bewerten.

Beispielsweise hat ein Wald nahe der oberen Waldgrenze, der natürlicherweise Lücken und Schneisen aufweist, bedeutend schlechtere Voraussetzungen zur Verhinderung von Lawinenanrissen als ein geschlossener Wald auf wüchsigem Standort. Aufgrund der unterschiedlichen natürlichen Voraussetzungen weisen Massnahmen, die den Schutz verbessern, völlig unterschiedliche Kosten-Effektivitäten auf. Im Rahmen eines risikobasierten Ansatzes und einer entsprechenden Differenzierung je nach Waldtyp können diese Unterschiede in der Schutzwirkung berücksichtigt werden.

Schutzwald "Dischma" 1927 und 2000  
Abb. 2 - Ausschnitt aus dem Untersuchungsgebiet "Dischma" im Jahr 1927 und 2000. Die Veränderung des Schutzwaldes ist augenfällig. Fotos: A. Issler / E. Bebi
 
   

These 3: Die Unsicherheiten bezüglich der Wirkung von Massnahmen sind gross

Massnahmen im Schutzwald können bezüglich ihrer Wirkung in einer Risikoanalyse grob in zwei Kategorien eingeteilt werden:

  1. Massnahmen, die auf eine Verbesserung der aktuellen Schutzwirkung hinzielen
  2. Massnahmen, die dem Risiko einer zukünftigen Verminderung der Schutzwirkung entgegengerichtet sind

Erstere sind am ehesten durch Wiederbewaldung von exponierten Freiflächen möglich. Dabei lässt sich die Wirkung vergleichsweise gut voraussagen, es sind aber relativ hohe Kosten damit verbunden. Schwieriger voraussagbar sind Wirkungen von Massnahmen, bei denen ein Bestand geöffnet wird. Dadurch erhöht sich zwar kurzfristig das Risiko, längerfristig jedoch sollen derartige Eingriffe in die Bestandesstruktur das Risiko vermindern. Hier wird von Annahmen ausgegangen, die in jede Risikoabschätzung ein hohes Mass an Unsicherheit bringen. Zum Beispiel zeigen Untersuchungen nach den Extremereignissen "Vivian" und "Lothar", dass bei extremen Windgeschwindigkeiten kaum ein Bestand der Belastung durch starke Winde gewachsen war und dass die Unsicherheiten bezüglich der Störungsanfälligkeit von vielen Beständen so gross sind, dass sich eine aktive Steuerung davon kaum kostenwirksam berechnen lässt. Anders müssen Massnahmen betrachtet werden, die auf eine vermehrte Vorverjüngung in sonst homogenen Schutzwäldern hinzielen, was die Wiederherstellung eines Schutzwaldes nach Störungen verkürzt. Unsicherheiten bezüglich der Wirkung von Massnahmen auf die Bestandesdynamik rufen nach objektiven Abschätzungen im Rahmen von Risikoanalysen.

These 4: Ein risikobasierter Ansatz reduziert Kosten und optimiert Nebenwirkungen

Die Kosten für risikoreduzierende Massnahmen sollten in adäquatem Verhältnis stehen zum Risiko, das sich aus Schadenspotenzial und Eintretenswahrscheinlichkeit berechnen lässt. Ein wichtiger Faktor in jeder Risikoanalyse ist somit die Kostenabschätzung möglicher Massnahmen. Beispielsweise unterscheiden sich sowohl Pflegeturnus als auch Pflegekosten für verschiedene Schutzwälder stark. Wenn mit einer risikobasierten Ausscheidung der Schutzwälder die gesamte Fläche aller Schutzwälder kleiner wird, liessen sich der Pflegeturnus und/ oder die Kosten der Schutzwaldpflege herabsetzen.

Beispiel einer Risikoanalyse unter Einbezug des Schutzwaldes

Gruber et al. (1998) modellieren verschiedene Waldszenarien für Lawinenabgänge, die sich im Mittel alle 30 Jahre ereignen. Berechnungen der Lawinenanrissflächen werden sowohl für den aktuellen Waldzustand als auch für Szenarien von zukünftigen Entwicklungen durchgeführt. Als extremes Szenario wurde das Szenario "ohne Wald" gerechnet. Für die Berechnung des Schadenspotenzials wurde der aktuelle Wert der Gebäude sowie der Wert der potenziell in den Gebäuden und auf den betroffenen Verkehrswegen sich befindenden Personen innerhalb der roten und blauen Zone bestimmt.

Abbildung 3 zeigt diese Berechnung für einen Schutzwald, der einen Teil des Siedlungsgebietes von Davos schützt. Ein Wegfallen des Waldes würde das Risiko um ca. 50 Mio. Franken oder rund CHF 7200.–/ ha Waldfläche und Jahr vergrössern. Aufgrund der geringen Eintrittswahrscheinlichkeit solcher Ereignisse und Unsicherheiten bezüglich der Wirkung von Massnamen verkleinert sich die Risikoreduktion durch präventive Eingriffe erheblich. Im Fall des Beispiels "Davos-Platz" sind risikoreduzierende Massnahmen bedeutend kosteneffizienter. Allerdings zeigt die Abbildung links auch deutlich, dass sich solche präventiven Massnahmen stärker auf einen Teil des ausgeschiedenen Schutzwaldes, nämlich vor allem auf die steilsten Flächen fokussieren könnten, auf denen sich ohne Wald zusätzliche Lawinenanrissflächen bilden.

mit Wald (links), ohne Wald (rechts)
Abb. 3 - Risikoberechnungen im Untersuchungsgebiet Davos-Platz für ein 30-jähriges Lawinenereignis mit Wald (links) und ohne Wald (rechts). Ohne Wald könnten an den steilsten Flächen oberhalb Davos neue Lawinengrissgebiete entstehen. In solchen Flächen können Massnahmen zur Risikoreduktion aufgrund des hohen Schadenspotenzials des darunter liegenden Siedlungsgebietes kosteneffektiv sein.
 

Folgerungen

Gegenüber den stark gefahrenorientierten Strategien ergeben sich durch eine risikobasierte Strategie Vorteile. Insbesondere kann die Kostenwirksamkeit von Massnahmen im Schutzwald besser abgeschätzt werden. Dadurch lassen sich Prioritäten zwischen Massnahmen sowohl in verschiedenartigen Schutzwäldern als auch zwischen verschiedenen Schutzmassnahmen objektiver festlegen. Dadurch lassen sich öffentliche Gelder gezielter einsetzen oder sogar einsparen. Damit eine risikobasierte Schutzwaldstrategie konsequent angewendet werden kann, müssten einige Forschungslücken noch geschlossen werden. Es wäre nötig, die heute noch stark gefahrenbasierte in eine risikobasierte Waldgesetzgebung zu überführen.

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