Suche

    
Suche nur in dieser Rubrik

Erweiterte Suche

Kontakt

Lambert Weißenbacher

BFW Logo Kontakte

Bundesforschungszentrum für Wald
Institut für Waldgenetik
Seckendorff-Gudent-Weg 8
A-1131 Wien

Telefon: +43 (1) 87838 - 2226
Telefax: +43 (1) 87838 - 2250

Die waldwissen.net-App!

App Waldwissen

Waldwissen Newsletter

Unser Newsletter informiert Sie vier, fünf Mal jährlich per E-Mail über spezielle Beiträge und Waldwissen-Aktivitäten. Ihre E-Mail-Adresse wird lediglich zum Zweck der Zustellung des Newsletters verwendet und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können sich jederzeit aus dem Newsletter heraus abmelden oder Ihre Einwilligung per E-Mail an uns widerrufen. Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

Ihr E-Mail*

Artikel

Autor(en): Lambert Weißenbacher, Silvio Schüler, Hans Herz, Peter Zwerger
Redaktion: BFW, Österreich
Kommentare: Artikel hat 0 Kommentare
Bewertung: Zu Favoriten Druckansicht 53.053.053.053.053.0 (61)

Heimische und fremdländische Baumarten an der Waldgrenze

Die Vegetation reagiert auf veränderte Klimabedingungen, die natürliche Waldgrenze wandert nach oben. Seit über 20 Jahren wird im Oberinntal auf 2.100 m Seehöhe das Wuchsverhalten von drei heimischen Kiefernarten (Weißkiefer, Zirbe, Spirke) und drei Fremdländern (Mazedonische Kiefer, Engelmannsfichte und Felsengebirgstanne) untersucht. Neben der Reaktion auf veränderte Wuchs- und Umweltbedingungen sind jugendliches Höhenwachstum und artenspezifisches Schadaufkommen maßgebliche Faktoren für Aufforstungsprojekte.

Abb. 1: Projektfläche Spiss’er Bannwald/Oberinntal
Abbildung 1: Projektfläche Spiss’er Bannwald/Oberinntal – Foto: Weißenbacher

Oft ist die Ursache für Naturkatastrophen der schlechte Zustand des natürlichen Schutzgürtels (Bannwald). So war etwa der Spiss’er Bannwald/Oberinntal überaltert und geschwächt und nicht mehr in der Lage, der massiven Lawinenbedrohung auf Dauer standzuhalten. Zum Schutz des menschlichen Siedlungsgebietes war eine Verbauung des gefährdeten Areals zwingend erforderlich.

Die Gebietsbauleitung Oberes Inntal der Wildbach- und Lawinenverbauung/Sektion Tirol (WLV) startete in den 1980-iger Jahren mit der technischen Verbauung des Gefahreneinzugsgebietes. Parallel dazu wurde mit der biologischen Verbauung des Areals begonnen (Abbildung 1).

Neben den für Verbauungen üblichen heimischen Kiefernarten Weißkiefer, Zirbe und Spirke, wurden zusätzlich drei fremdländische Baumarten des Hochgebirges auf der Fläche ausgebracht (Tabelle 1). 

 Tabelle 1: Herkunftsverzeichnis Projektfläche Spiss/Bannwald
Baumart
lateinischer Name
Herkunft
Seehöhe (m SH +)
Alter
Weißkiefer
Pinus sylvestris var. engadinensis
Ötztal, Windachtal, Österreich
1800
2j.v.
Zirbe
Pinus cembra
Würzjoch, Italien
1900
4j.v.
Spirke
Pinus uncinata
Pyrenäen, Frankreich
1800
3j.v.
Mazedonische Kiefer
Pinus peuce
Ilirska Bistrica, ehem. Jugoslawien
1600
3j.v.
Engelmannsfichte
Picea engelmannii
Utah, USA
2700
3j.v.
Felsengebirgstanne
Abies lasiocarpa
Colorado, USA
3000
3j.v.

Das Institut für Waldgenetik am Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) betreut und begleitet das Aufforstungsprojekt von Anbeginn und untersucht artenspezifisches Wuchs- und Resistenzverhalten unter standörtlichen und klimatischen Extrembedingungen. In ihrer natürlichen Umgebung bilden alle sechs untersuchten Baumarten die oberste Waldgrenze.

 Baumartensteckbrief Fremdländer
Felsengebirgstanne (Abies lasiocarpa)
Heimat: Nordamerika-West, Alaska bis New Mexiko
Standort: Baumart des Hochgebirges, bildet oberste Waldgrenze, geringe Ansprüche an Nährstoffgehalt und Bodenbeschaffenheit, meidet hohen Kalkgehalt

Engelmannsfichte (Picea engelmannii)
Heimat: Nordamerika-West, British Columbia bis New Mexiko
Standort: Baumart des Hochgebirges, bildet oberste Waldgrenze, bevorzugt kühles Klima und feuchte Böden, anspruchslos

Mazedonische Kiefer (Pinus peuce)
Heimat: Albanien, Bulgarien, Griechenland, ehemaliges südliches Jugoslawien
Standort: liebt direkte Sonneneinstrahlung, sauer bis leicht alkalisches Terrain, bevorzugt frische, durchlässige und mäßig nährstoffreiche Böden

Gepflanzt wurde in zwei Abschnitten

Die erste Vergleichspflanzung stammt aus den Jahren 1986/87. Im Jahr 1986 wurden Weißkiefer, Zirbe und Spirke, im Jahr 1987 die Mazedonische Kiefer ausgebracht. Die Auspflanzung erfolgte auf einem stark exponierten SSW-Hang in einer Seehöhe von etwa 2.080 m Seehöhe. Gepflanzt wurde direkt zwischen den Galerien im besonders unzugänglichen und steilen Gelände der Projektfläche.

Die zweite und jüngere Pflanzung stammt aus dem Jahr 1990. Sie betrifft den höher gelegenen (zirka 2.130 m Seehöhe), etwas weniger steilen und nach SSO exponierten Teil der Verbauungsfläche. Gepflanzt wurden die Engelmannsfichte und die Felsengebirgstanne (Abbildung 2). 

Abb. 2: Felsengebirgstanne (Abies lasiocarpa)
Abbildung 2: Felsengebirgstanne (Abies lasiocarpa), Alter 24 Jahre – Foto: Zwerger

Als Baumarten des Hochgebirges mit schmaler Kronenform und geringen Ansprüchen an den Untergrund lassen beide eine hohe Anpassungsfähigkeit an die Bedingungen der Waldgrenze erwarten. Die Anzucht der Pflanzen erfolgte im Pflanzgarten Klausboden/Wenns-Piller der WLV. Die Pflanzarbeiten führten Mitarbeiter der Gebietsbauleitung Oberes Inntal durch.

Gepflanzt wurde im Engverband und in kleinen Horsten. Das Flächenausmaß der Horste war begrenzt und stark durch das Gelände vorgegeben. Ein exakter Pflanzverband ist in diesem Terrain nicht möglich und Ziel führend, entscheidend für die Wahl der Pflanzstellen waren viel mehr Untergrund und Humusauflage.

Stand nach 25 Jahren

Die Aufnahmen erfolgten im Sommer 2010. Jeweils 50 Jungbäume der Zirbe (29-jährig), Weißkiefer und Mazedonischen Kiefer (beide 27-jährig) und der Felsengebirgstanne (24-jährig) sowie 35 Engelmannsfichten (24-jährig) und zehn Spirken (28-jährig) wurden gemessen. Für die Winddachtaler Weißkiefer, die Zirbe aus Südtirol und die Spirke aus den Pyrenäen wurden der Brusthöhendurchmesser (BHD) in 1,3 m Höhe und die Baumhöhe gemessen.

Für die später ausgebrachte Mazedonische Kiefer aus dem ehemaligen Jugoslawien, Felsengebirgstanne und Engelmannsfichte, beide aus den USA, wurden die Baumhöhe und der Wurzelhalsdurchmesser (WHD) in 10 cm Höhe erhoben, denn eine BHD-Messung war aufgrund der teilweise geringen Pflanzenhöhen (< 1,30 m) nicht möglich.

Für die Analysen wurden die sechs Baumarten in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe umfasst die Weißkiefer, die Zirbe und die Spirke, verglichen werden der BHD und die mittlere Baumhöhe. In Gruppe 2 finden sich die mattwüchsigere Mazedonische Kiefer, Engelmannsfichte und Felsengebirgstanne. Analysiert werden WHD und mittlere Baumhöhe.

Abb. 3: Dicken- und Höhenwuchsleistung
Abbildung 3: Dicken- und Höhenwuchsleistung, Sommer 2010

Das zum Teil ungleiche Pflanzenalter verzerrt die Aussagekraft der Untersuchungsergebnisse und lässt eine exakte statistische Auswertung nur bedingt zu. Dessen ungeachtet waren enorme Unterschiede im artenspezifischen Wuchsverhalten zu beobachten (Abbildung 3).

1. Heimische Baumarten: Weißkiefer der Zirbe und Spirke überlegen

Der Kreisflächenmittelstamm liegt bei der Weißkiefer bei 10,3 cm, bei der Spirke bei 8,6 cm und bei der Zirbe bei 8,1 cm. Die heimische Weißkiefer aus dem Winddachtal zeigt im Vergleich zu den anderen zwei Kiefernarten ein überlegenes Durchmesserwachstum. Zwischen den anderen zwei Kiefernarten sind die Unterschiede weit geringer.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Höhenentwicklung. Die Winddachtaler Weißkiefer überzeugt mit einer mittleren Baumhöhe von 7,04 m, gefolgt von der Spirke aus den Pyrenäen mit 5,29 m und der Südtiroler Zirbe mit 4,69 m. Die Weißkiefer ist im Höhenwachstum der Zirbe und der Spirke klar überlegen. Eine Wuchsüberlegenheit der Spirke gegenüber der Zirbe ist gegeben, fällt jedoch bei weitem geringer aus.

2. Fremdländer: Mazedonische Kiefer vor Amerikanern

Die Höhenwuchsleistung zwischen den drei untersuchten Arten variiert sehr stark. So zeigt die Mazedonische Kiefer eine mittlere Baumhöhe von 2,21 m, die Engelmannsfichte 1,73 m und die Felsengebirgstanne eine mittlere Höhe von 1,06 m. In diesem Alter zeigt sich eine deutliche Wuchsüberlegenheit der europäischen Kiefernart gegenüber den beiden aus Übersee stammenden und in ihrer Heimat an die oberste Waldgrenze angepassten Fichten und Tannen.

Im Dickenwachstum ist ein ähnliches Bild zu beobachten. Die Mazedonische Kiefer überzeugt mit einem mittleren Wurzelhalsdurchmesser von 6,8 cm, gefolgt von der Engelmannsfichte mit 5,8 cm und der Felsengebirgstanne mit 3,9 cm. Auffallend ist das deutliche Zurückbleiben der nordamerikanischen Tannen. Sowohl im Dicken- als auch im Höhenwachstum liegt sie weit abgeschlagen am Ende der Bewertungsskala.

Verbiss ist wichtigste Schadursache

Abgesehen vom abweichenden Wuchsverhalten waren zwischen den Baumarten gravierende Unterschiede in der Art und Intensität des Schadaufkommens zu beobachten (Abbildung 4).

Abb. 4: Artenspezifisches Schadaufkommen
Abbildung 4: Artenspezifisches Schadaufkommen

Die meisten Schäden traten bei der Felsengebirgstanne auf. An den 50 Jungbäumen waren 68 Schädigungen zu erkennen, wobei das Hauptproblem der Verbiss (60 Prozent) und die damit einhergehende Ersatzwipfelbildung (64 Prozent) darstellen. Der starke Verbiss dürfte auch die Wuchsleistung der Tanne stark beeinflusst haben.

Die wenigsten Schäden waren an der heimischen Weißkiefer zu beobachten. Lediglich 6 Bäume (13 Prozent) wiesen einen Schneebruch auf, der vermutlich auf das hohe Jugendwachstum und die extremen Schneeverhältnisse zurückzuführen ist. Die Zirbe wies dagegen keinen einzigen Schneebruch auf und bestätigte damit die überragende Anpassung des kegeligen Habitus an die Bedingungen der Waldgrenze. Auch die Spirke (10 Prozent Schneebruch), die Engelmannsfichte und die Mazedonische Kiefer (je 0 Prozent Schneebruch) trotzten den hohen Schneelasten und erwiesen sich als gut angepasst.

Eine Zwieselbildung wiesen 14 Prozent der Zirben, 20 Prozent der Spirken sowie 22 Prozent der Mazedonischen Kiefer auf. Bei der Engelmannsfichte wurde der Befall der Roten Fichtengallenlaus (Adelges laricis) als Hauptschaden diagnostiziert (20 Prozent der Bäume waren befallen).

Perspektive für die Zukunft

In der vorliegenden Arbeit konnte kein Vorteil fremdländischer Baumarten bei Wiederaufforstungen im Waldgrenzbereich festgestellt werden. In diesem Lebensraum haben heute und vermutlich auch in Zukunft die heimischen Baumarten das größte Wuchspotential und die höchste Schadresistenz. Gegebenenfalls kann gleichzeitig mit dem Anstieg der Baumgrenze auch mit einem nach "oben wandern" genetischer Herkünfte aus tieferen Lagen gerechnet werden.

Bei derzeit nicht absehbaren neuen Schadfaktoren (z.B. neu eingewanderte Schädlinge) oder extremen Standortsveränderungen könnten fremdländische Baumarten zur Stabilisierung von Waldgrenzregionen jedoch eine höhere Bedeutung erlangen.

Wiederaufforstungsprojekte im Hochlagenbereich, hier vor allem kombinierte Projekte zwischen WLV auf der einen Seite und dem Know-how der Forstgenetik (Baumartenwahl, Frage der Herkunft, etc.) auf der anderen Seite, werden an Bedeutung gewinnen. Sie sind in der Lage, wesentlich zur dauerhaften, effektiven und rascheren Stabilisierung und Sicherung derartiger Grenzregionen beizutragen.

Mehr auf waldwissen.net