Suche

    
Suche nur in dieser Rubrik

Erweiterte Suche

Kontakt

Valentin Queloz

Forschungsanstalt WSL

Eidg. Forschungsanstalt WSL
Waldschutz Schweiz
Zürcherstrasse 111
CH - 8903 Birmensdorf

Tel: +41 44 739 23 88
Fax: +41 44 739 22 15

Waldwissen Newsletter

Unser Newsletter informiert Sie vier, fünf Mal jährlich per E-Mail über spezielle Beiträge und Waldwissen-Aktivitäten. Ihre E-Mail-Adresse wird lediglich zum Zweck der Zustellung des Newsletters verwendet und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können sich jederzeit aus dem Newsletter heraus abmelden oder Ihre Einwilligung per E-Mail an uns widerrufen. Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

Ihr E-Mail*

Artikel

Autor(en): Valentin Queloz et al.
Redaktion: WSL, Schweiz
Kommentare: Artikel hat 0 Kommentare
Bewertung: Zu Favoriten Druckansicht 58.3358.3358.3358.3358.33 (99)

Waldschutz-Überblick 2019

Fachleute der Forschungsanstalt WSL veröffentlichen jährlich den Waldschutz-Überblick, eine Zusammenfassung der aktuellen Gefährdungen des Waldes in der Schweiz.

Ein Jahr nach dem extrem heissen und trockenen Sommer 2018 hatte sich die Situation nicht wirklich beruhigt. Zahlreiche Bäume haben unter der Trockenheit gelitten. Gestresste und frisch abgestorbene Nadelbäume wurden vor allem von Borkenkäfern und vom Hallimasch besiedelt.

   
Buchdrucker (Ips typographus).  
Abb. 1 - Der Zwangsnutzungen infolge Buchdrucker (Ips typographus) haben 2019 den höchsten Stand seit 2003 ereicht. Foto: Waldschutz Schweiz (WSL)
 
   

Borkenkäfer in Massenvermehrung

Der Befall durch den Buchdrucker (Ips typographus, Abb. 1) hat 2019 stark zugenommen. Dies war insbesondere in den tieferen Lagen des Schweizer Mittellandes der Fall, welche 2018 besonders stark unter der Trockenheit litten. Aber auch in den zentralen Voralpen, wo es zuvor relativ ruhig war, ist der Befall 2019 regelrecht explodiert. Insgesamt muss in der Schweiz für 2019 mit 1'400'000 m3 befallenem Fichtenholz gerechnet werden, dem zweithöchsten je registrierten Befall (Abb. 2). Dieser Wert setzt sich aus 914'000 m3 gemeldeten Sommerzwangsnutzungen 2019 und den Schätzungen für die vergangene Winterperiode zusammen. Mit eingeschlossen ist eine ebenfalls geschätzte Viertelmillion m3 von im Wald stehengelassenem Käferholz. Nur im Rekordsommer 2003 war der Befall mit über 2 Mio. m3 noch höher. Regional wurden über 2 % des Fichtenvorrates befallen.

Sollte sich die Witterung im Jahr 2020 wieder einigermassen normalisieren, dürfte der Höhepunkt der Massenvermehrung erreicht sein. 2020 muss man aber noch mit einem sehr grossen Anfall an Käferholz rechnen.

   
Käferholz und Anzahl der Befallsherde durch den Buchdrucker in der Schweiz  
Abb. 2 - Käferholz und Anzahl der Befallsherde durch den Buchdrucker in der Schweiz von 1998 bis 2019.
 
   

Diverse Symptome auf Laubbäumen

Bei Laubbäumen, vor allem bei der Buche, waren die beobachteten Symptome vielfältig (Abb. 3). Eine Gemeinsamkeit gestresster Laubbäume aber waren Schleimflusssymptome am Stamm.

Die Sommerdürre 2018 erzeugte eine bis dato unbekannt grosse Buchenmortalität. Es war eine der schwersten Dürreperioden auf der Alpennordseite seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen. Ein Absterben ganzer Buchenbestände, wie es nun an verschiedenen Orten beobachtet wurde, hat es in der Schweiz wohl noch nicht gegeben.

Bei der Buche und anderen Laubbaumarten setzte in den trockensten Regionen eine verfrühte Blattalterung ein, die zum Laubfall im Sommer, und einer aussergewöhnlichen Mortalität führte. 2019 war das Ausmass der Dürreschäden insbesondere in den Kantonen Jura, Solothurn, Basel-Landschaft  und Schaffhausen deutlich sichtbar. Bei Buchen wurde eine Mortalität von teilweise 50 bis 80 % (Jura) verzeichnet. Bisher wurde die Buche als ziemlich klimaresistent betrachtet. Die nun beobachteten Auswirkungen der Dürre 2018 stellen dies jedoch in Frage, zumindest für tiefe Lagen.

   
Symptome an Buche  
Abb. 3 -  Symptome an Buche. Links: Buchenholz mit schwarzen Verfärbungen. Rechts: Buche mit rautenförmigen Nekrosen. Fotos: Waldschutz Schweiz (WSL)
 
   

Prachtkäfer profitieren

Es muss damit gerechnet werden, dass die wärmeliebenden Prachtkäfer in Zukunft vermehrt am Absterbeprozess von Bäumen beteiligt sein werden. Der Blaue Föhrenprachtkäfer (Phaenops cyanea) wurde 2019 nicht nur in den klassischen Befallsgebieten der Kantone Wallis und Graubünden festgestellt, sondern zunehmend auch an Waldföhren im Mittelland. In durch Trockenheit geschädigten Buchenbeständen hat der Buchenprachtkäfer (Agrilus viridis) zugenommen, so beispielsweise in den Kantonen Jura, Aargau und Schaffhausen. Vermehrt wurde diese Art auch auf anderen Laubbaumarten wie Linde oder Birke festgestellt. Auch der bisher selten beobachtete Zweipunktige Eichenprachtkäfer (Agrilus biguttatus) trat regional gehäuft in Erscheinung, beispielsweise in der Westschweiz und im Kanton Thurgau.

Russrindenkrankheit auf dem Vormarsch

Die Zahl der gemeldeten Russrindenfällen hat 2019 stark zugenommen. Der Pilz Cryptostroma corticale, Erreger der Russrindenkrankheit, gilt als Schwächeparasit. In Zentraleuropa ist vor allem der Bergahorn betroffen, wobei Bäume mit guter Vitalität und ausreichender Wasserversorgung – häufig Altbäume – weniger angegriffen werden. Auch andere Ahornarten der Schweiz können betroffen sein. Als weitere Wirte gelten die Rosskastanie und Linde. Allerdings ist aus der Schweiz kein Fall an einem dieser Wirte bekannt.

Zu den frühen Symptomen gehören Blattverluste und Welkeerscheinungen. Letztere beginnen in der Krone, setzen sich jedoch in Richtung Starkäste und Stamm fort. Bei einem fortgeschrittenen Befall beginnt die Rinde von Starkästen und Stamm aufzureissen. Es bilden sich Längsrisse, teilweise mit Schleimfluss und Nekrosen. Irgendwann vereinen sich Rinden- und Kambiumnekrosen zu grossen abgestorbenen Rindenabplatzungen und ganze Borkenstücke lösen sich vom Stamm (Abb. 4). Darunter treten bis 1 cm dicke schwarze Sporenlager zum Vorschein. Ihr Aussehen erinnert an Russ, was der Krankheit ihren Namen gibt. Die Sporen werden durch Regen abgewaschen aber vor allem vom Wind verbreitet.

   
Russrindenkrankheit an Ahorn  
Abb. 4 - Russrindenkrankheit an Ahorn. Fotos: Stadtgärtnerei Basel und A. Etter, Amt für Wald beider Basel.
 
   
 
 
 

Rückblick auf die vergangenen beiden Ausgaben

2018

  • Prägender Faktor des Jahres 2018 war das Wetter: Stürme, Trockenheit und Hitzeperioden hatten zahlreiche Auswirkungen auf den Wald.
  • Die Menge des vom Buchdrucker (Ips typographus) befallenen Fichtenholzes hat sich 2018 verdoppelt, lokal wurde gar eine dritte Käfergeneration angelegt. Auch andere Borkenkäferarten wie der Kupferstecher (Pityogenes chalcographus) und der Krummzähnige Weisstannenborkenkäfer (Pityokteines curvidens) profitierten vom Hitzesommer. In den Kantonen Wallis und Graubünden kam es verbreitet zu deutlich sichtbarem Frass durch den Grauen Lärchenwickler (Zeiraphera griseana), dies im Rahmen der seit Jahrhunderten zu beobachtenden, natürlichen Zyklen.
 
Buchdruckerbefall 2018 in der Schweiz im Bezug zum Fichtenvorrat
Abb - Buchdruckerbefall 2018 in der Schweiz im Bezug zum Fichtenvorrat. Anklicken zum Vergrössern.
 
  • Der Buchsbaumzünsler (Cydalima perspectalis) entlaubte einzelne Buchsbestände im Wald vollständig. Die Hoffnung, dass sich ein Gleichgewicht zwischen Zünsler und natürlichen Feinden einstellt, hat sich mit diesen massiven Befällen zerschlagen.
  • Der Befall durch den Asiatischen Laubholzbockkäfer (ALB) in Marly (Kanton Freiburg) gilt nach einem aufwendigen Monitoring mit speziell geschulten Baumpflegern und Spürhundeteams seit Ende 2018 als "getilgt". Der Laubholzbock-Befall in Berikon (Kanton Aargau) könnte, falls es auch 2019 keine Käferfunde mehr gibt, Ende 2019 ebenfalls ausgemerzt sein.
   
Kahlfrass durch den Buchsbaumzünsler  
Abb - Kahlfrass durch den Buchsbaumzünsler.
Foto: Waldschutz Schweiz (WSL)
 
   
  • Aufgrund der Trockenheit gingen die Befälle mit Föhrennadelkrankheiten insgesamt zurück. Allerdings kam es insbesondere in der zweiten Jahreshälfte verbreitet zu einer starken physiologischen Nadelschütte, im Zuge derer auch befallenen Nadeln abgeworfen wurden. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Bäume durch den aufgrund der trockenen Bedingungen nachlassenden Krankheitsdruck profitiert haben oder ob sie durch den Trockenstress noch anfälliger auf diese Krankheiten geworden sind.
  • Lophodermella-Arten werden nur selten beobachtet und wahrscheinlich oft nicht korrekt unterschieden. Die Arten L. sulcigena und L. conjuncta werden in der diesjährigen Ausgabe des Waldschutz-Überblicks vorgestellt (Download siehe unten).
  • An Hagebuche wurde 2017 erstmals der Pilz Anthostoma decipiens entdeckt, der mit dem "Hagebuchen- Sterben" in Zusammenhang gebracht wird. Eine Untersuchung legt nun die Vermutung nahe, dass der Pilz in der Schweiz häufig in natürlichen Waldbeständen vorkommt. Ebenfalls an Hagebuche wurde 2018 ein Pilz entdeckt, der nah mit dem Erreger des Kastanienrindenkrebses (Cryphonectria parasitica) verwandt ist. Sein exakter Name und seine Pathogenität bei Hagebuchen werden zurzeit untersucht.
  • Schleimflusssymptome an Bäumen sind keine Seltenheit. Neben einem Befall mit Phytophthora gibt es verschiedene andere Ursachen dafür. Es handelt sich oft um Komplexkrankheiten, an denen mehrere Organismen sowie abiotische Faktoren beteiligt sind.
   
Orange-rote Pusteln als typische Symptome von Anthostoma decipiens an Hagebuche  
Abb. - Orange-rote Pusteln als typische Symptome von Anthostoma decipiens an Hagebuche.
Foto: Waldschutz Schweiz (WSL)

 
   
  • Die Belastung des Waldes durch Wildschäden hat auch 2018 in vielen Gebieten weiter zugenommen. Für eine schlüssige Beurteilung der Beeinträchtigung des Waldes sind mehrjährige Verbissaufnahmen nötig, die Zahlen eines einzelnen Jahres reichen nicht aus. Einmal gewählte Kontrollgrössen sollten beibehalten, und die Messungen regelmässig auf Ebene Wildraum wiederholt werden.
 
 

2017

Grauer Lärchenwickler (Zeiraphera griseana)
Grauer Lärchenwickler (Zeiraphera griseana)
Foto: Beat Wermelinger (WSL)
 
Zickzack-Ulmenblattwespe (Aproceros leucopoda)
Charakteristische Frassspuren der Zickzack-Ulmenblattwespe an einem Bergulmenblatt.
Foto: Doris Hölling (WSL)
  • Die durch den Buchdrucker (Ips typographus) befallene Menge Fichtenholz ist 2017 wieder angestiegen und betrug insgesamt 320'000 m3. Zwar gibt es weiterhin Gebiete mit wenig Käferbefall, gesamtschweizerisch darf aber nicht mehr von einer beruhigten Situation gesprochen werden. Durch die verbreiteten Sturmschäden vom Januar 2018 entstand zudem viel frisches Brutmaterial.
  • In den Kantonen Wallis und Graubünden hat im Sommer 2017 eine neue Massenvermehrung des Grauen Lärchenwicklers (Zeiraphera griseana) begonnen. Im Sommer 2018 hat der Befall weiter zugenommen.
  • Der Asiatische Laubholzbockkäfer ist auf dem Rückzug. Nach der erfolgreichen Tilgung in Winterthur 2016 gilt auch der Befall in Brünisried (FR) seit Februar 2018 als getilgt.
  • Die ursprünglich aus Ostasien stammende Zickzack-Ulmenblattwespe (Aproceros leucopoda) ist eine invasive Pflanzenwespe, die sich seit 2003 in Europa ausbreitet. 2017 wurde sie zum ersten Mal auch in der Schweiz entdeckt.
  • 2016/17 führte "Waldschutz Schweiz" eine Umfrage durch, um Eschen zu finden, die gegen das Eschentriebsterben tolerant sind. Auf diesen krankheitstoleranten Eschen ruhen die Hoffnungen für den Erhalt der Baumart. Gesamtschweizerisch wurden 367 tolerante Eschen gemeldet.
  • Ein bisher unauffälliger Pilz kann Probleme an der Hagebuche verursachen. Anthostoma decipiens ist schon lange bekannt und normalerweise nicht aggressiv. 50 befallene, absterbende Hagebuchen in einem Park in der Stadt Genf wurden vorsorglich entfernt.
  • Die Verursacher der Rotbandkrankheit (RBK) und der Braunfleckenkrankheit (BFK) befallen Föhren und gelten als Quarantäneorganismen. Ein umfassendes Monitoring von 2016 zeigt, dass die RBK häufiger und weiter verbreitet ist. Häufigkeit und geografische Verbreitung unterscheiden sich allerdings regional stark. Föhren im Wald sind häufiger befallen als angenommen. Betroffen sind vor allem Wald- und Bergföhren, wobei 2017 auch infizierte Fichten (Picea abies) im Wald entdeckt wurden. Weitere Schadbilder der Föhre wurden durch Diplodia pinea und die physiologische Schütte verursacht. Das Föhrentriebsterben hat in den letzten zwei Jahren stark zugenommen.
  • Seit mehreren Jahren wird in der Schweiz eine neue Blattfleckenkrankheit an der Rotbuche beobachtet. Verursacher ist der Pilz Pseudodidymella fagi. Bisher scheint dieser Pilz keine grösseren Schäden zu verursachen. Schleimfluss und Rindennekrosen an Buchen können durch Phytophthora-Befall verursacht werden.
   
  Pseudodidymella fagi

Von Pseudodidymella fagi verursachte schwarze Blattflecken mit weissen "Mycopappi" auf Rotbuche.
Foto: Waldschutz Schweiz
   
  • Erstmals wurden 2017 in der Schweiz pathogene Bakterien auf erkrankten Traubeneichen (Quercus petrea) nachgewiesen. Die Symptome waren dem Befallsbild von Phythophthora ähnlich. Die Bakterien Gibsiella quercinecans, Brenneria goodwinii und Rhanella victoriana, welche Wissenschaftler als Verursacher identifizierten, werden mit dem akuten Eichensterben in Zusammenhang gebracht. Alle betroffenen Eichen wurden vorsorglich entfernt.
  • In den Wäldern zwischen Langnau am Albis und der Albispasshöhe wurden im vergangenen Sommer teilweise verheerende Schälschäden an Eiben festgestellt. Automatische Wildkameras zeigten, dass sich bis zu vier männliche Hirsche an den Bäumen gütlich taten. Sie schälten die Eiben im Sommer, sowohl am Morgen als auch mitten am Tag. Sommerschälungen der Eibe sind ein neues Phänomen für die Schweiz. Generell ist die Beanspruchung der Verjüngung durch Wild tendenziell am Zunehmen.

Mehr auf waldwissen.net