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Artikel

Autor(en): Beat Forster, Franz Meier
Redaktion: WSL, Schweiz
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Sturm, Witterung und Borkenkäfer: Risikomanagement im Forstschutz

Für Forstdienste und Waldbesitzer stellen Borkenkäfer-Massenvermehrungen eine Herausforderung dar. Bewährte Massnahmen können bei grossen Epidemien nicht mehr überall und rechtzeitig vollzogen werden. Es braucht Anpassungen an die ausserordentliche Situation.

Grossflächiger Buchdruckerbefall ohne Massnahmen
Grossflächiger Buchdruckerbefall nach Räumung
Abb. 1 - Grossflächiger Buchdruckerbefall in einer Geländekammer ohne Massnahmen, beispielsweise in einem Waldreservat (oben). Werden durch Sturm und Käfer abgetötete Bäume geräumt, entstehen Kahlflächen (unten). Waldfunktionen, Befallsdynamik und Logistik bestimmen die Eingriffsstrategie.

Massenvermehrungen von Borkenkäfern traten in den vergangenen Jahrzehnten gehäuft auf. Auslöser waren jeweils Sturmereignisse oder ausgeprägte Trockenperioden. Schwankende Holzpreise und die Reduktion von finanziellen Beiträgen für Forstschutz-Massnahmen führten dazu, dass befallene Bäume häufiger als früher stehen blieben und die Käfer sich ungebremst vermehrten. Neben geänderten Forstschutz-Strategien trugen auch hohe Holzvorräte dazu bei, dass verschiedene Borkenkäfer häufiger auftraten. Am eindrücklichsten und bekanntesten ist der Befall der Fichte durch den Buchdrucker (Ips typographus).

Im Zuge der allgemeinen Klimaerwärmung dürften Borkenkäfer in Zukunft vermehrt auftreten und vor allem bei häufigeren Witterungsextremen massgeblich zur Bestandesdynamik der heutigen Nadelholzwälder beitragen. Wir müssen damit rechnen, dass Schutz- und Wirtschaftswälder ihre Funktionen nicht mehr überall im gewohnten Mass erfüllen können. Deshalb sollten finanzielle und personelle Ressourcen gezielt und koordiniert eingesetzt werden, um eine möglichst nachhaltige Erfüllung regional wichtiger Waldfunktionen zu gewährleisten. Gängige Forstschutz-Strategien müssen überdacht und angepasst werden, um der ausserordentlichen Käfersituation Rechnung zu tragen. Wo aus ökonomischen, ökologischen oder logistischen Gründen keine Forstschutz-Massnahmen getroffen werden, müssen wir eine natürliche Waldentwicklung mit verstärkt auftretendem Käferbefall akzeptieren (Abb. 1).

Das Merkblatt zeigt wichtige Einflussfaktoren auf die Entwicklung der Käferpopulationen sowie mögliche Wege für ein Risikomanagement. Ziel ist, Aufwand und Nutzen von Forstschutz-Massnahmen in ein vernünftiges Verhältnis setzen zu können. Die Erkenntnisse und Empfehlungen stammen aus langjährigen Erhebungen und Beobachtungen von Waldschutz Schweiz an der Forschungsanstalt WSL und von der Forstpraxis.

Die folgenden Kapitel sind eine Zusammenfassung des Merkblatts, das Sie als PDF herunterladen können.

Einflüsse auf die Käferentwicklung

In Abbildung 2 sind die Faktoren dargestellt, welche die Grösse einer Käferpopulation beeinflussen. Die wichtigsten Witterungseinflüsse auf die bedeutenden Borkenkäferarten sind:

Tabelle 1 - Naturereignisse als Einflussfaktoren auf Massenvermehrung  und nachfolgenden Stehendbefall für verschiedene Borkenkäferarten.  *** deutlicher Einfluss, ** mässiger Einfluss, *eher geringer Einfluss
Einflussfaktor
Trockenheit
Sturm Schneedruck
Buchdrucker
Kupferstecher
Krummzähniger Weisstannenborkenkäfer
Borkenkäferarten der Föhre
Borkenkäferarten an übrigem Nadelholz
***
**(*)
***
***
**
***
*
**
*
**
**
***
*
*
*

Auf warme und trockene Vegetationsperioden reagieren neben dem Buchdrucker vor allem auch der Krummzähnige Weisstannenborkenkäfer (Pityokteines curvidens) sowie verschiedene Föhrenborkenkäfer-Arten wie die Waldgärtner (Tomicus spp.), der Sechszähnige Föhrenborkenkäfer (Ips acuminatus) oder der Zwölfzähnige Föhrenborkenkäfer (Ips sexdentatus). Nach Sturmereignissen hingegen neigen Tannen- und Föhrenborkenkäferarten weniger deutlich zu Massenvermehrungen.

Je geschwächter ein Baum, desto weniger Borkenkäfer braucht es für eine erfolgreiche Besiedelung. Sind nach einem Ereignis die verbleibenden Bäume vorübergehend stark gestresst, werden sie für die Käfer hoch attraktiv. Es ist mit vermehrtem Stehendbefall zu rechnen. Bei sehr hohem Käferdruck werden gar weitgehend widerstandsfähige Bäume befallen: Wir beobachten das Phänomen des so genannten Primärbefalls. Der Gesundheitszustand und damit die Widerstandskraft der verbleibenden Waldbestände spielt somit eine zentrale Rolle (Abb. 3).

Neben der Witterung schaffen auch Ereignisse wie Feuer oder Lawinen attraktives Brutmaterial für Borkenkäfer, dies jedoch nur auf lokaler Ebene. Benachbarte, nicht betroffene Waldbestände erleiden keine Schwächung und sind wesentlich widerstandsfähiger, als wenn eine ganze Region von Sturmschäden oder Trockenheit betroffen ist.

Wie weit fliegen Borkenkäfer?

Ein Teil einer Käferpopulation bleibt in unmittelbarer Umgebung ihrer Käfernester, der andere Teil fliegt weg. Meistens werden neue Befallsherde in der Umgebungvon wenigen hundert Metern gebildet. Eine Befallsfront breitet sich somit mosaikartig aus. Häufig beschränkt sich dies auf eine Talseite. Zusätzlich können Käfer auch über mehrere Kilometer passiv durch den Wind verfrachtet werden. Der Verdünnungseffekt ist jedoch gross und der Landeort zufällig, oft auch ausserhalb desWaldes. Falls an einem Prallhang des Windes aber bruttaugliche Bäume stocken, können verfrachtete Käfer Bestände auch weitab bisheriger Herde neu befallen.

Borkenkäfer bekämpfen oder nicht?

Räumen von Streuschäden
Abb. 5 - Das Räumen von Streuschäden und frischen Befallsherden sind effiziente Forstschutz-Massnahmen. Entrindete Stämme können vorerst im Bestand verbleiben. Je nach Marktsituation werden sie anschliessend genutzt oder bleiben liegen.
 
Grossflächiger Sturmschaden
Abb. 6 - Grossflächige Sturmschäden von mehreren Hektaren müssen nicht prioritär aufgerüstet werden.

Ob und wo eingegriffen wird, hängt weitgehend von den Funktionen der betroffenen Waldbestände ab. Eingriffskriterien zur Sturmholzräumung sind in Abbildung 4 dargestellt.

Durch einen naturnahen Waldbau mit standortsgemässen Baumarten und durch die rechtzeitige Abfuhr oder Entrindung von frischem Sturm- und Nutzholz kann das Brutangebot für die Käfer tief gehalten werden (Abb. 5). Nach grossflächigen Sturmereignissen ist es jedoch oft nicht möglich, die erforderlichen Massnahmen rechtzeitig durchzuführen, weshalb Prioritäten auf bestimmte Geländekammern gesetzt werden müssen. Die klassischen Massnahmen (siehe Kasten) behalten dabei weiterhin ihre Gültigkeit. Zwangsnutzung bei Stehendbefall – inklusive Vernichten der Bruten oder raschem Abführen befallener Stämme – ist für eine Reduktion der Populationsdichte entscheidend (Abb. 2).

Vorbeugende Massnahmen

Die wichtigsten vorbeugenden Massnahmen bieten sich im Waldbau. Werden standortsgerechte Bestandeszusammensetzungen geschaffen und gleichförmige, gleichaltrige Nadelholzbestände mit hohen Vorräten vermieden, sinkt das Risiko eines Sturmwurfs. Auch die Vermehrung und Ausbreitung der Borkenkäfer wird erschwert. Mischbestände und eine vielfältige Struktur verhindern einen flächigen Käferbefall. Sollte trotzdem eine Baumart ausfallen, können andere Arten die Schutzfunktion übernehmen.

Eine geschickte Nutzungsplanung und Schlagfolge minimieren die so genannten Steilränder, welche Wind und Käfern immer wieder geeignete Angriffsflächen bieten. Nach heisstrockenen Sommern oder Windwurf sollte auf ausgedehnte, reguläre Durchforstungen verzichtet werden, bis sich die Waldbestände wieder erholt haben.

Prioritätensetzung und Risikomanagement

Für oder gegen Räumungen von Sturmholz sprechen neben dem Forstschutz weitere Gründe, welche durch die direkte und indirekte Schutzwirkung, die Arbeitssicherheit oder durch wirtschaftliche und ökologische Kriterien bestimmt werden. Räumungen sollten nur dann als Forstschutz-Massnahmen bezeichnet werden, wenn sie genügend gründlich durchgeführt und damit Brutmaterial und/oder Käferpopulationen ausreichend dezimiert werden können.

Bei Sturmschäden von bis zu drei Jahresnutzungen behalten bestehende Waldschutzkonzepte meist ihre Gültigkeit. Ein Grossteil des Fichten-Sturmholzes kann rechtzeitig aufgerüstet werden, bevor eine neue Käfergeneration ausfliegt. Bei grösseren Ereignissen müssen oft regionale Prioritäten gesetzt und so genannte Forstschutzgebiete ausgeschieden werden (Abb. 4). Gebiete oder Geländekammern mit Massnahmen sollten dabei möglichst kompakt und grossflächig sein. Hundert Hektaren gelten dabei wegen einfliegender oder durch Wind verfrachteter Käfer als minimaler Perimeter.

Halbherzige Massnahmen innerhalb einer Geländekammer nützen nur wenig oder sind gar kontraproduktiv, da die Käferpopulation zu wenig reduziert wird und neu freigestellte Bäume bei hohem Käferdruck bevorzugt befallen werden. Sturmholz und Käferdruck müssen soweit vermindert werden können, dass kein epidemischer Befallsverlauf auftritt (Abb. 3). Dies wird nach einem mittelstarken Sturmereignis und durchschnittlichen Befallsbedingungen ab einem Räumungsgrad von etwa 80 Prozent des Sturm- und Käferholzes erreicht. Eine Ausnahme bilden grosse Flächenschäden. Hier kann auch mehr Sturmholz liegen bleiben. Auf mehreren Hektaren grossen Windwurfflächen reicht die lokale Borkenkäfer-Grundpopulation häufig gar nicht aus, um alle Stämme zu befallen (Abb. 6).

Pufferzonen

Liegen Geländekammern mit und ohne Forstschutz-Massnahmen nebeneinander, kann dies im Grenzbereich zu erhöhtem Käferbefall führen. Attraktive Randbäume entlang sanierter Befallsherde werden neu besiedelt, falls der Befallsdruck aus der Geländekammer ohne Massnahmen hoch bleibt. Deshalb sind Pufferzonen nicht in Fichtenbeständen mit einer direkten Schutzfunktion zu planen, sondern in einem genügend breiten Randbereich einer Geländekammer mit Massnahmen.

Eine Pufferzonenbreite von 500 Metern hat sich in der Praxis bewährt. Noch besser ist es, wenn unterschiedlich behandelte Waldkomplexe durch Gebirgsketten, Alpweiden, Siedlungen oder Laubholzbestände natürlich abgegrenzt werden können.

Brutmaterial reduzieren

Nach einem Windwurf werden beim Aufrüsten des Sturmholzes nicht nur räumliche und zeitliche Prioritäten gesetzt. Die Massnahmen können gemäss Tabelle 2 noch weiter verfeinert werden. Das Ziel besteht immer darin, den Käfern in den Folgemonaten (bis etwa zwei Jahren) möglichst wenig attraktives Brutmaterial anzubieten.

Gebrochene, gut besonnte Stämme werden sehr rasch bruttauglich, geworfene, beschattete erst einige Wochen bis gar Monate später. In diesem Fall lohnt sich unter Umständen sogar eine vorübergehende, so genannte Lebendkonservierung. Können hingegen nicht alle liegenden Stämme rechtzeitig entfernt werden, muss man jene belassen, die rasch austrocknen und bald nicht mehr bruttauglich sind.

Massnahmen nach Stehendbefall

Durch die Nutzung befallener, stehender Stämme kann die Vermehrung von Borkenkäfern reduziert und der Befallsdruck gesenkt werden. Vor allem kritische Bestandesränder und Nadelholzbestände mit letztjährigem Käferbefall müssen aktiv überwacht werden, damit nach einem Neubefall noch genügend Zeit zum Eingreifen bleibt.

Auch wenn sich das Sturmholz nicht im gewünschten Mass aufgerüsten lässt, ist die Käferbekämpfung bei Stehendbefall von höchster Priorität. Frisch entstehende Käfernester dürfen auf keinen Fall zugunsten einer weiteren Sturmholzräumung vernachlässigt werden. Tritt Stehendbefall auf, ist das liegende Sturmholz meist schon deutlich angetrocknet und für Borkenkäfer bald nicht mehr attraktiv.

Ausgedehnter Stehendbefall ist für die Waldbesitzer und Forstbetriebe eine grosse Herausforderung. Überwachung, Zwangsnutzung, Zwischenlagerung und rechtzeitige Abfuhr oder Entrindung des Holzes müssen gut aufeinander abgestimmt sein. Wo Massnahmen getroffen werden, darf keine neue Käfergeneration mehr ausfliegen! Um eine Wirkung zu erzielen, muss das Holz deshalb vor dem Ausfliegen der Borkenkäfer abgeführt oder entrindet sein. Gelingt dies nicht, werden oft freigestellte Randbäume neu befallen (Abb. 8).

Massnahmen nach Trockenjahren

frisch befallene Randbäume
Abb. 7 - Gelingt es nicht, den Käferdruck genügend zu senken, werden freigestellte Randbäume frisch befallen.

Alle Fotos: Waldschutz Schweiz

Trockenheit und Hitze können die Widerstandskraft der Bäume entscheidend reduzieren und so eine Massenvermehrung von Borkenkäfern auslösen. Normalisiert sich die Witterung in den Folgejahren, erholen sich dieWirtsbäume. Ihre Abwehrkraft gegen Käferbefall nimmt wieder zu. Durch die Nutzung frisch befallener Bäume lässt sich die Käferpopulation und der Befallsdruck reduzieren, so dass die Population nach einem oder mehreren Trockenjahren rascher wieder zurückgeht, als wenn sich die Borkenkäfer ungehindert vermehren konnten (Abb. 3).

Während ausserordentlichen Trockenperioden sollte auf reguläre Durchforstungen verzichtet werden. Jeder Eingriff stresst die verbleibenden Bäume zusätzlich und ihre Attraktivität für die Käfer steigt dadurch weiter an.

Das klassische Borkenkäfer-Management

- naturnaher Waldbau
- Abfuhr von befallstauglichem Stammholz
- Überwachung gefährdeter Bestände
- Rasche Zwangsnutzung bei Stehendbefall
- Entrinden oder Abführen befallener Stämme
- Beachtung und Schonung natürlicher
   Borkenkäferfeinde

Eine vorbeugende Räumung von Sturmholz entzieht den Borkenkäfern geeignetes Brutmaterial. Rechtzeitige Zwangsnutzungen bei Stehendbefall reduzieren die Populationsdichte. Beide Massnah-
men tragen zur Eindämmung einer Massenver-
mehrung bei.

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