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Dr. Andreas Hahn

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

Abt. Waldschutz
Hans-Carl-von-Carlowitz-Pl. 1
D-85354 Freising

Telefon: +49 (8161) / 4591 - 501
Telefax: +49 (8161) / 4591 - 900

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Artikel

Autor(en): Redaktion waldwissen.net – LWF
Redaktion: LWF, Deutschland
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Kahlfraß eindämmen - Eichen retten

Massenvermehrung des Schwammspinners: Weil Frankens Eichenwälder in ihrer Existenz bedroht sind, werden derzeit auf knapp 3000 Hektar Pflanzenschutzmittel-Einsätze durchgeführt. Eine erforderliche Maßnahme, um die für Mensch und Natur wertvollen Eichenwälder zu erhalten.

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Abb. 1: Eichenwald nach Kahlfraß durch Schwammspinner (Foto: H. Lemme, LWF).

Inhalt:


Eichenwälder in Gefahr

In den bayerischen Wäldern ist der Klimawandel angekommen. Manche Baumarten, wie z.B. Fichte und Kiefer, leiden unter der Erwärmung und sind in ihrer Vitalität geschwächt, manche wärmeliebenden Baumarten, wie z.B. Elsbeere, werden begünstigt. Ähnliches trifft auch auf viele Insektenarten zu.

So profitiert der wärmeliebende Schwammspinner von der Klimaerwärmung. Diese Schmetterlingsart spielte früher in mitteleuropäischen Wäldern keine bedeutende forstliche Rolle. Doch seit den 1990er Jahren vermehrt er sich in Bayern in regelmäßigen Zeitabständen massenhaft. Nach einigen Jahren mit niedriger Dichte befindet sich das Insekt nun seit 2017 wieder in einer solchen Massenvermehrung. Für die durch mehrere Trockenjahre geschwächten Eichenwälder Frankens ist dies eine alarmierende Entwicklung. In den ersten drei Maiwochen 2020 finden daher zum Schutz der Wälder auf begrenzter Fläche Pflanzenschutzmaßnahmen gegen den Schwammspinner statt.

Die Raupen des Schwammspinners fressen die jungen Blätter von Eichen, aber auch von vielen anderen Gehölzen. In den lichten Eichenwäldern Frankens finden die Schwammspinner daher optimale Bedingungen.

Ihr Fraß bleibt aber nicht ohne Folgen: Mehrmaliger Kahlfraß in Verbindung mit Trockenereignissen, Mehltau-Befall oder dem Fraß weiterer Schmetterlingsraupen kann zum Absterben von Eichen führen. Die Eiche ist durch die extrem warmen und trockenen Jahre seit 2015 geschwächt und kann diesen zusätzlichen Stressfaktoren daher weniger entgegenhalten als sonst. Kommt jetzt neben der mehrjährigen Trockenheit massiver Schädlingsfraß hinzu, kann das für viele Eichen das Ende bedeuten.

Die Eichenwälder können nach Ansicht der Waldschutzexperten der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) in dieser bedrohlichen Situation nur entlastet werden, wenn man bei akut drohendem Schwammspinnerfraß stützend regelnd eingreift. Es ist daher das Ziel der Bayerischen Forstverwaltung, den Kahlfraß der Bäume durch gezielte, dosierte Behandlungsmaßnahmen einzudämmen und damit akute und chronische Folgeschäden zu verringern. Oberstes Ziel ist dabei, die vielfältigen Eichenmischwälder zu erhalten, auch und gerade als Lebensraum für eine Vielzahl von Tier-, Pilz- und Pflanzenarten

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Abb. 2: Schwammspinnerraupen am Fuß eines Eichenstammes (Foto: H. Lemme, LWF).   Abb. 3: Vom Schwammspinner kahl gefressene Eiche (Foto: H. Lemme, LWF).

Aufwändige Prognose als Grundlage einer gezielten Behandlung

Försterinnen und Förster der Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, der Bayerischen Staatsforsten, von Forstbetriebsgemeinschaften, sowie von kommunalen und privaten Forstbetriebe haben für die Prognose im Oktober und November 2019 über 3.000 Suchtrakte in den Eichen-und Eichenmischwäldern aufgenommen. Für die Pflanzenschutzmaßnahme wurden so über 30.000 Bäume auf Gelege untersucht, gefolgt von weiteren Beobachtungen auf Forschungsflächen, sowie Untersuchungen zur Vitalität und zum Virusbefall der Gelege. Erklärtes Ziel ist, die Pflanzenschutzmaßnahme auf die Fälle zu beschränken, in denen Wald akut von todbringendem Fraß bedroht ist.

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Abb. 4: Schwammspinner bei der Eiablage (Foto: H. Lemme, LWF).   Abb. 5: Schwammspinnerraupen schlüpfen aus einem Gelege (Foto: H. Lemme, LWF).

Nicht jede Gefährdungsfläche wird behandelt

Basierend auf diesem so genannten Traktverfahren wurden im Januar 2020 ca. 8.500 ha Kahlfraß-Gefährdungsflächen identifiziert. In Abstimmungen mit der Naturschutzverwaltung und den örtlichen Wasserwirtschaftsämtern wurde diese Gefährdungsfläche durch Fachleute der LWF auf die Belange Natur- und Gewässerschutz geprüft und die verschiedenen Gemeinwohlinteressen gegeneinander abgewogen. Oberstes Ziel ist, dass die als Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten wertvollen Eichenwälder erhalten werden, bei der Behandlung aber auch keine seltenen Arten geschädigt werden. Um die Entscheidungsgrundlage für eine naturschutzfachliche Bewertung weiter zu verbessern, wurden 2019 Feldaufnahmen und Gutachten zum Vorkommen ausgewählter geschützter Schmetterlinge in der potentiellen Befallskulisse in Auftrag gegeben, die bei der Abgrenzung der Flächen berücksichtigt wurden.

Neben Naturschutzgebieten wurden daher beispielsweise auch Vorkommen der besonderen Schmetterlingsarten wie des Heckenwollafters, der Ockerbraunen Herbsteule und des Frühjahrs-Kiemenfußkrebses von der Behandlung ausgenommen. Diese Arten sind auf Eichenwälder Frankens weitgehend angewiesen und wären als häutende Gliedertiere, die Blätter fressen oder im Wasser leben, von der Behandlung mitbetroffen. Ähnliche Herausnahmen gibt es für besondere Vogelvorkommen (z.B. Baumfalke, Uhu, Mittelspecht, Ortolan). Zudem wurde um Wochenstubenquartiere von potenziell indirekt betroffenen Fledermaus-Arten ein Abstandspuffer gelegt, weil zum derzeitigen Kenntnisstand nicht ausgeschlossen werden kann, dass bei manchen der Fledermausarten durch die Behandlung die Menge der Nahrungstiere vorübergehend reduziert wird. Des Weiteren werden festgelegte Abstände zu Gewässern und Siedlungen eingehalten.

"Durch diese umfangreichen, gewissenhaften Abstimmungen wurde die Gefährdungsfläche von 8.500 ha auf gut 3.000 ha potentielle Behandlungsfläche verringert. Dieser Prozess erfolgte in Abstimmung mit den Waldbesitzern und den Naturschutzbehörden", so Hahn, Leiter der Abteilung "Waldschutz" an der LWF.

Zielgenauer Hubschrauber-Einsatz zum Schutz der Eichen

Auf den Flächen wird das selektiv wirkende Pflanzenschutzmittel Mimic® zum Einsatz kommen. Es wird seit Jahrzehnten im konventionellen Obst- und Weinbau gegen Schmetterlinge eingesetzt.

Der Wirkstoff Tebufenozid muss durch Fraß aufgenommen werden und greift dann als Häutungsbeschleuniger in die Metamorphose von Schmetterlingsraupen ein. Es wirkt nur auf sich häutende Insekten, die Anfang Mai in den Baumkronen fressen. Insekten anderer Ordnungen wie Hautflügler (Bienen, Hummeln, Schlupfwespen) oder blattfressende oder räuberische Käfer, sowie saugende Insekten werden nicht oder nur gering beeinträchtigt. Das Pflanzenschutzmittel ist in der Anwendung nicht bienengefährlich. Von den zugelassenen, zur Verfügung stehenden Pflanzenschutzmitteln ist Mimic® das Mittel mit den geringsten Auswirkungen auf Nicht-Zielorganismen bei gleichzeitig hohem Wirkungsgrad. Es wird ab der ersten Maiwoche per Hubschrauber GPS-gestützt und flächenscharf über den Baumkronen ausgebracht.

Die Behandlung erfolgt nur bei einem Bruchteil der fränkischen Eichen-- und Eichenmischwälder. Sie erfolgt gezielt und sehr kleinteilig, verteilt auf ca. 180 Waldstücke.

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Abb. 6: Ein Hubschrauber bringt Mimic GPS-gestützt und flächenscharf über den Baumkronen aus (Foto: H. Lemme, LWF).

Ziel der Behandlung

Ziel der Schwammspinnersbehandlung ist es, akute und chronische Folgeschäden in Laubwäldern zu vermindern, um gerade die für Mensch und Natur wertvollen Eichenwälder zu erhalten. Mit den geplanten Maßnahmen soll ein Verlust der besonders artenreichen Eichenwälder vermieden werden, der kaum zu kompensieren wäre. Ansonsten werden Einzelbäume absterben und – wenn das über Jahre passiert – sich ganze Waldbestände auflösen. Wälder würden dann nicht nur anders aussehen, sie werden die vielfältigen Waldfunktionen auch nicht in der gleichen Weise erfüllen können. Es würde viele Jahrzehnte brauchen, bis neue Wälder einen vergleichbaren Zustand erreichen.

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Abb. 7: Der Erfolg spricht für sich: Die grünen Flächen wurden mit einem Insektizid behandelt – die kahlen Flächen nicht (Foto: H. Lemme, LWF).

Hintergrundinformation zu Eichenwäldern

Die aus  Stiel- oder Traubeneiche aufgebauten Wälder in Nordbayern gehören zu den artenreichsten Wäldern Mitteleuropas. "An keiner Baumgattung kommen hierzulande mehr spezialisierte Insektenarten vor", wie Dr. Stefan Müller-Kroehling von der Abteillung "Biodiversität, Naturschutz und Jagd" der LWF erläutert. Er koordiniert die naturschutzfachliche Herausnahme von Flächen für die Behandlung. Besonderheit dieser Wälder sei jedoch, dass sie unter hiesigen Verhältnissen nur entstehen, wenn Waldbesitzer und Förster die Eichen gezielt anbauen und pflegen. Ohne uns Menschen gäbe es hierzulande praktisch keine Eichenwälder. Sie sind ein Kulturwald für den Naturschutz, weswegen man auch von "sekundären Waldtypen" spreche. Gesunde Eichen seien zwar widerstandsfähig gegen einmaligen Kahlfraß – viele der Eichenwälder Bayerns seien aber z.B. durch Luftschadstoffe und übermäßige Nährstoffeinträge aus der Luft, sowie durch eingeschleppte Schädlinge wie den Eichenmehltau vorgeschädigt.

Hintergrundinformation zum Schwammspinner

Der Schwammspinner (Lymantria dispar) ist ein an Eichen und anderen Laubbaumarten lebender Schmetterling. Massenvermehrungen dieser Art werden durch den Klimawandel begünstigt. Sie können zu einem kompletten Fraß aller Blätter (Kahlfraß) eines Eichenbestandes führen. Die Raupen durchlaufen während ihrer Entwicklung, die witterungsabhängig 6 - 14 Wochen (von April bis Anfang Juli) dauert, bis zu sechs Larvenstadien. Eine Raupe frisst dabei etwa 1 m² Blattoberfläche. Der Blattfraß reduziert die Vitalität der Eiche maßgeblich und kann zum Absterben befallener Bäume führen. Ziel des Pflanzenschutzmitteleinsatzes ist es, Eichenbestände vor komplettem Fraß zu bewahren und lokal sehr hohe Dichten der Schwammspinnerpopulation abzusenken. Hierbei steht die Erhaltung der Eichenwälder als Lebensraum im Vordergrund.

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Abb. 8: Jede Schwammspinnerraupe vertilgt in der 6 – 14 Wochen dauernden Entwicklungsphase etwa 1 m² Laub (Foto: H. Lemme, LWF).

Hintergrundinformation zum gewählten Pflanzenschutzmittel

Mimic® ist ein Pflanzenschutzmittel, das vor allem im Obst- und Weinbau gegen Schmetterlingsraupen eingesetzt wird. Für den Einsatz im Wald und die Ausbringung mit Luftfahrzeugen wurde es von den zuständigen Bundesoberbehörden nach Artikel 51 VO (EG) Nr. 1107/2009 zugelassen. Mimic® muss als Fraßmittel von den Raupen aktiv aufgenommen werden und wirkt dann als Häutungsbeschleuniger. Nach dem Fraß kommt es unmittelbar zum Fraßstopp, dann wird der Häutungsprozess eingeleitet und die Raupen verenden. Andere Schmetterlingsraupen, die nicht Anfang Mai an Blättern fressen und blattfressende Insekten wie Käfer oder Blattwespen, werden durch das Mittel nicht beeinträchtigt.

Die LWF hat für die Pflanzenschutzmittelbehandlung dieses Mittel ausgewählt, dass es von den in Frage kommenden Alternativen die geringsten Nebenwirkungen auf Nichtzielorganismen hat. Auf Bienen geht von der Behandlung keine Gefahr aus (B4 = nicht bienengefährlich).

Kontakt - Schwammspinner:

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