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Artikel

Autor(en): Stefan Kramer
Redaktion: LWF, Deutschland
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Der Braunbär in Österreich

Hinweis: Dieser Artikel wurde im April 2006 verfasst, also noch vor der Rückkehr des Bären "Bruno" nach Bayern!

2006 fand im Zentrum Wald – Forst – Holz in Weihenstephan ein Vortrag statt mit dem Titel "Die Wiederkehr des Bären nach Österreich". Referent war Herr Norbert Gerstl, der als "Bärenanwalt" beim WWF Österreich arbeitet. Um es gleich vorweg zu sagen: Hier sprach kein Extrem-Naturschützer sondern ein Praktiker, dem es insbesondere um das Verhältnis Mensch – Bär und einen sinnvollen Umgang mit den nach Österreich zurückgekehrten Braunbären ging.

Ein Kernsatz seines Vortrages lautete: "Ob der Braunbär in den Alpen leben kann, ist keine Frage des Lebensraums sondern eine Frage der Akzeptanz." Diese Bemühungen um eine verbesserte Akzeptanz der Rückkehrer – insbesondere bei Bergbauern und Imkern – zogen sich wie ein roter Faden durch sein Referat.

Allgemeines zum Braunbären

Bevor mit dem Vortrag von Herrn Gerstl die Entwicklung in Österreich dargestellt wird, möchte ich kurz die wichtigsten Informationen zur Biologie des Braunbären (Ursus arctos) zusammenfassen:

Größe und Gewicht

Braunbären gehören zu den größten einheimischen Säugetieren; die Männchen sind in der Regel deutlich größer und schwerer als die Weibchen:

Männchen Weibchen
Länge Ø 200 cm Ø 150 cm
Schulterhöhe Ø 100 cm Ø 90 cm
Gewicht 120-250 kg 70-180 kg

Verbreitung, Lebensraum und Reviergröße

Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Braunbären erstreckt sich über den Großteil der Nordhalbkugel, von der Tundra bis in die Subtropen. Innerhalb dieses Verbreitungsgebietes ist der Bär sehr anpassungsfähig: Man findet ihn von der Tundra über Steppen und Wälder bis in hohe Gebirge.

Durch das Schwinden ungestörter Lebensräume, vor allem aber durch direkte menschliche Verfolgung hat der Braunbär jedoch einen Großteil seines natürlichen Verbreitungsgebietes verloren. Die Restvorkommen beschränken sich in der Regel auf waldreiche Gebirge, da hier durch die Unzugänglichkeit einige Bären den menschlichen Nachstellungen entgehen konnten und außerdem viele Bereiche bis heute wesentlich dünner besiedelt sind.

Braunbären leben im Regelfall als Einzelgänger. Ausnahmen gibt es lediglich für einige Tage in der Paarungszeit sowie bei örtlich begrenztem aber sehr reichem Nahrungsangebot – jeder kennt die Bilder von in großer Zahl nach Lachsen fischenden Bären. Dieses Beispiel zeigt auch, dass Braunbären nicht im eigentlichen Sinne territorial sind, sondern einfach eher ihre Ruhe haben wollen (außer es gibt was ganz Gutes zum Essen) – wie sich's für "Brummbären" halt gehört.

Die Größe von Bärenrevieren – oder besser gesagt ihren "Streifgebieten" – ist sehr stark vom Nahrungsangebot einer Region abhängig. So sind die Streifgebiete in Laub- oder Mischwald-Bereichen, die im Herbst reichlich Bucheckern, Eicheln oder Esskastanien liefern, deutlich kleiner als in Gebieten mit reinem Nadelwald. Außerdem weiß man aus zahlreichen Studien, bei denen Braunbären gefangen und mit Funksendern versehen wurden, dass die Aktionsräume von männlichen Braunbären mit 130-1.600 km² deutlich größer sind als die von Bärinnen, die zwischen 60 und 230 km² umfassen.

Ernährung

Braunbären sind Allesfresser, die sich zu 75% von pflanzlicher Kost (Beeren, Früchte, Nüsse, Wurzeln) ernähren. Die restlichen 25% bestehen zum weit überwiegenden Teil aus Insekten (v.a. Ameisen) und deren Larven sowie – vor allem im Frühjahr – Fallwild; daneben werden gerne auch Schnecken, Amphibien und Reptilien verzehrt. Das Reißen von lebendem Wild oder Haustieren ist selten: Beim Wild erbeutet der Braunbär allenfalls kranke und junge Stücke, von den Haustieren werden ab und zu Schafe gerissen – davon jedoch weiter unten mehr.

Fortpflanzung

Braunbärin mit halbwüchsigem Jungbär
Abb. 1: Braunbärin mit halbwüchsigem Jungbär (Foto: C. Angst)

Braunbären werden mit 3-5 Jahren geschlechtsreif. Die Paarungszeit fällt in die Monate Mai bis Juni. Bär und Bärin bleiben meist nur wenige Tage zusammen. Nach der Befruchtung und ersten Zellteilungen verharren die Embryonen zunächst einige Zeit in Keimruhe. Nur wenn die Bärin im Herbst genügend Fettreserven aufbauen kann, nisten sich die Embryonen in der Gebärmutterwand ein.

Meist hat die Bärin 2-3 Junge, die im Januar oder Februar im Winterlager der Bärin zur Welt kommen. Sie sind bei der Geburt nackt und blind und lediglich so groß wie Meerschweinchen; das Gewichtsverhältnis der Jungen zu ihrer Mutter beträgt etwa 1 : 500 (rechnen Sie das mal auf uns um!). Im Frühjahr verlässt die Bärin mit ihren Jungen erstmals die Höhle und schon bald folgen sie der Mutter auf ihren ausgedehnten Wanderungen. Sie bleiben etwa 1½-2 Jahre bei ihr. Erst wenn die Jungbären selbständig sind, ist die Bärin wieder paarungsbereit – sie kann also günstigstenfalls alle 2 Jahre Junge führen.

Ausrottung und Wiederkehr in Österreich

1835 wurde der letzte Braunbär Deutschlands bei Ruhpolding erlegt. Nur 7 Jahre später kam dann 1842 auch in Österreich bei Mariazell (im Süden Niederösterreichs an der Grenze zur Steiermark) der letzte einheimische Braunbär zur Strecke. Später wurden nur noch einzelne Zuwanderer erlegt: Der letzte Abschuss in Kärnten fand 1883 statt (Zuwanderung aus Slowenien), der letzte Abschuss in Tirol 1913 (Zuwanderung vermutlich aus dem Trentino).

1972, also 130 Jahre nach Ausrottung der einheimischen Bärenpopulation in Österreich, wurde dann im Ötscher-Gebiet plötzlich ein männlicher Braunbär beobachtet, der vermutlich aus Slowenien eingewandert war. Er ging damals als "Ötscher-Bär" wochenlang durch die Presse. Die Hoffnung vieler Wildbiologen auf eine natürliche Rückwanderung weiterer Bären erfüllte sich in den folgenden Jahren jedoch nicht.

Nach langen Diskussionen zwischen Naturschutzverbänden, Behörden und Landnutzern wurde schließlich ein Wiedereinbürgerungsprojekt auf den Weg gebracht. 1989 war es dann soweit: Die in Kroatien gefangene Bärin "Mira" wurde im Ötscher-Gebiet freigelassen – der "Ötscher-Bär" sollte endlich eine Partnerin erhalten. Und der Nachwuchs ließ nicht lange auf sich warten (nach fast 20 Jahren Zölibat wohl auch kein Wunder): Im Juni 1991 wurde "Mira" auf einer Forststraße von einem Waldarbeiter mit 3 Jungen beobachtet.

In der Folgezeit wurden im Ötscher-Gebiet noch 2 weitere Bären freigelassen: 1992 das Weibchen "Cilka" aus Slowenien und 1993 schließlich das Männchen "Djuro". 1993 hatten beide Weibchen Nachwuchs: "Mira" führte 3 und "Cilka" 2 Junge. Vier Jahre nach Beginn der Auswilderungen waren also im Projektgebiet bereits 8 junge Braunbären zur Welt gekommen.

Im Herbst 1993 begannen dann jedoch die Probleme:

  • Mitte September wurde die Bärin "Mira" tot aufgefunden. Mögliche Todesursachen waren Absturz, Steinschlag oder vielleicht sogar ein Autounfall. Wenigstens die 3 Jungbären überwinterten erfolgreich, obwohl sie zum Zeitpunkt des Todes ihrer Mutter mit ca. 8 Monaten noch relativ jung waren.
  • Ab Herbst 1993 kam es dann in der Steiermark auch vermehrt zu Schäden, die im Frühjahr 1994 nochmals deutlich zunahmen: Bären "zerlegten" Bienenstände, um an den Honig zu gelangen und drangen in Schafställe ein. Ein Bär lernte sogar Fischteiche abzulassen, um an die Forellen zu kommen.

Der Ruf der österreichischen Braunbären war damit ziemlich in Mitleidenschaft gezogen; an eine Fortsetzung der Auswilderungen war nicht mehr zu denken.

Spätestens an dieser Stelle sollte man sich den eingangs erwähnten Satz von Norbert Gerstl noch mal ins Gedächtnis rufen: "Ob der Braunbär in den Alpen leben kann, ist keine Frage des Lebensraums sondern eine Frage der Akzeptanz."

Verbreitung des Braunbären im Alpenraum
Abb. 2: Aktuelle Verbreitung des Braunbären im Alpenraum (Quelle: KORA Schweiz)

Mensch und Bär

Die für das Braunbären-Projekt Verantwortlichen erkannten sehr schnell, dass ein dauerhaftes Nebeneinander von Mensch und Bär nur möglich ist, wenn die Braunbären in der Bevölkerung akzeptiert werden. Die Verbesserung dieser Akzeptanz sollte vor allem durch drei Maßnahmen erreicht werden:

  • Intensive Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere in den Bären-Gebieten
  • Enge Zusammenarbeit mit den Interessenvertretungen der Landwirtschaft und der Imkerei
  • Vergrämung und gegebenenfalls auch Abschuss von so genannten "Problembären"

Zum "Problembär" wird ein Braunbär dann, wenn er seine natürliche Scheu vor Menschen verliert. Dadurch halten sich die Bären entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit häufiger in Siedlungsnähe auf und es steigt die Wahrscheinlichkeit von Schäden und auch von Begegnungen zwischen Bär und Mensch.

Die Wahrscheinlichkeit tödlicher Unfälle ist zwar nahe Null: In Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Frankreich und Spanien wurde den letzten 100 Jahren kein einziger Mensch von einem frei lebenden Bären getötet. Und selbst in Schweden und Norwegen, wo über 1.000 Braunbären leben, kam dies in den letzten 100 Jahren nur je einmal vor. Dennoch war klar: Selbst ein relativ harmloser Unfall hätte das sofortige Aus für das österreichische Bärenprojekt bedeutet (Stichwort "Sensationsjournalismus"!).

Bei der Vergrämung sollen die Bären (wieder) lernen, dass vom Menschen Gefahr ausgeht. Hierzu werden die Braunbären zunächst in Fallen gefangen, um anschließend betäubt und mit einem Sender ausgestattet zu werden. Sobald der Bär einen Sender hat, kann man ihm nämlich gezielt "auf den Wecker" gehen. Dies geschieht im Regelfall entweder mit Schreckschuss-Munition oder mit Gummigeschossen. Die Bären lernen so relativ schnell, dass man den Menschen besser aus dem Weg geht. Einigen mag dieses Vorgehen etwas rabiat erscheinen; die verbleibende Alternative wäre jedoch nur der Abschuss dieser Bären, weil von den betroffenen Bauern und der Öffentlichkeit weder dauerhaft hohe Schäden noch das Risiko häufiger Begegnungen Bär-Mensch akzeptiert werden.

Der Erfolg ist sehr gut: Vor Beginn der Vergrämungsaktionen Mitte der 1990er Jahre mussten zwei "Problembären" geschossen werden, seitdem keiner mehr. Bleiben "nur" noch die unvermeidbaren Schäden an abgelegenen Bienenhäusern und bei Weidetieren.

Bienenhäuser

Hier haben sich mehrlitzige Elektrozäune um die Bienenstände sehr bewährt. Der Braunbär hat zwar ein dickes Fell, hat jedoch auch die Angewohnheit, alles Neue zunächst mit seiner feuchten Nase zu untersuchen...

Die Zäune wurden zum Großteil aus EU-Mitteln finanziert (LIFE-Projekt Bärenschutz). Schäden an Bienenständen werden über eine Versicherung der Jägerschaft abgegolten.

Weidetiere

Dieser Punkt dürfte die Almbauern am meisten interessieren. Zunächst jedoch noch ein Wort zum derzeitigen Bestand des Braunbären in Österreich: Derzeit leben dort etwa 15-20 Braunbären. 7-12 im Ötscher-Hochschwab-Gebiet, die auf die oben geschilderte Auswilderung Anfang der 1990er Jahre zurückgehen sowie 5-8 Bären in Kärnten, welche von selbst aus Slowenien zugewandert sind. Außerhalb dieser zwei Verbreitungsgebiete gab es in den letzten Jahren noch drei Einzelbeobachtungen (vgl. auch Verbreitungskarte):

  • 2001 wanderte 1 Bärin aus der italienischen Brenta bis kurz vor Innsbruck.
  • 2002 tauchten 2-3 unbekannte Bären im Nationalpark Hohe Tauern auf.
  • 2005 wurde 1 italienisches Bärenmännchen mehrfach im Dreiländereck Schweiz-Italien-Österreich beobachtet.

Nach Angaben von Herrn Gerstl reißen diese 15-20 Bären im Jahr zwischen 5 und 50 Schafe, der langjährige Mittelwert liegt bei 15-20 Schafen pro Jahr. Anders ausgedrückt: 1 Bär reißt im Jahr durchschnittlich 1 Schaf. Schäden an anderen Weidetieren spielen nur eine geringe Rolle: Im Zeitraum 1991-2005 fielen insgesamt noch 6 Ziegen und 9 Jungrinder Bären zum Opfer. Wie bei den Schäden an Bienenstöcken werden auch vom Bären gerissene Weidetiere über die Versicherung der jeweiligen Landes-Jägerschaft entschädigt.

Wann kommt der Braunbär nach Bayern?

Der erste Braunbär wurde bereits vor einigen Jahren im Nationalpark Berchtesgaden beobachtet. Im Nachhinein stellte sich jedoch heraus, dass es sich hierbei um zwei Berliner Aktionskünstler in einem Bärenkostüm handelte...

Ob und wann echte Braunbären nach Bayern zuwandern, ist natürlich kaum vorherzusagen. Man kann aber wohl ausschließen, dass diese Zuwanderung aus Richtung Berlin erfolgt! Nach einer baldigen Einwanderung sieht es zur Zeit jedenfalls nicht aus:

  • Die Bärenpopulation im Ötscher-Hochschwab-Gebiet nimmt derzeit eher ab. Ob hier Inzucht oder illegale Abschüsse die Hauptrolle spielen, wird derzeit untersucht.
  • Auch der Bärenbestand in Kärnten zeigt keinerlei Ausbreitungstendenz. Da dieser Bestand den Nordrand der slowenischen Population bildet, kommen hier fast nur die weiter wandernden Männchen vor. Es findet daher so gut wie keine Reproduktion statt.
  • Aus der Schweiz ist ebenfalls keine Zuwanderung zu erwarten: Dort erfolgte 1904 in Graubünden der letzte Bärenabschuss, die letzte Beobachtung stammt aus dem Jahr 1923. Seitdem kommen in der Schweiz keine Braunbären mehr vor (siehe auch aktuelle Verbreitungskarte).

Seit einigen Jahren arbeiten die österreichischen Bärenexperten jedoch daran, wichtige Wanderbarrieren – meist Autobahnen – zu identifizieren und für die Bären, z. B. über Grünbrücken oder Viaduktstrecken, durchlässiger zu machen. Ziel ist zunächst eine Vernetzung der beiden Braunbären-Populationen im Ötscher-Hochschwab-Gebiet und in Kärnten.

Sollte dies gelingen und sich irgendwann auch eine weitere Ausbreitung nach Norden abzeichnen, wäre es sicher sinnvoll, wenn sich auch bei uns in Bayern die Interessenverbände der Betroffenen und die zuständigen Behörden mit fachkundigen Wildbiologen zusammensetzen, um eine Strategie für den Umgang mit den Bären auszuarbeiten. Vorbild könnte Brandenburg sein: Hier wurde bereits ein Management-Plan für den Umgang mit Wölfen erarbeitet, bevor diese schließlich aus Polen wieder einwanderten. Wenn die Rückkehrer dann nämlich plötzlich da sind, ist es für eine sachliche Diskussion meist zu spät.

Für die Durchsicht des Artikels sowie wertvolle Hinweise bedanke ich mich sehr herzlich bei Herrn Dr. Georg Rauer vom WWF Österreich.

FOR Stefan Kramer arbeitet am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Miesbach. Dort ist auch der Sitz der überregional tätigen Weiderechtskommission, die sich mit der Regelung von alten Waldweiderechten in den Bayerischen Alpen befasst. Herr Kramer ist der Vertreter der Forstverwaltung.

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