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Alois Zollner

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

Abt. Biodiversität,
Naturschutz, Jagd
Hans-Carl-von-Carlowitz-Pl. 1
D-85354 Freising

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Artikel

Autor(en): Carina Schwab, Redaktion waldwissen.net – LWF
Redaktion: LWF, Deutschland
Kommentare: Artikel hat 4 Kommentare
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Brennpunkt Schwarzwild

Wildschweine
Abb. 1: Wildschweine sind mittlerweile in fast ganz Bayern verbreitet (Foto: C. Schwab).

In den vergangenen Jahren haben die Schwarzwildbestände drastisch zugenommen. Gleichzeitig breiten sich die Wildschweine immer weiter aus. Nicht nur Landwirte und Jäger beklagen vermehrt massive Wildschäden, auch die Waldbesitzer bleiben nicht verschont. Daneben häufen sich die durch die Schwarzkittel verursachten teils schweren Verkehrsunfälle. Es ist daher dringend notwendig, die überhöhten Schwarzwildbestände effektiv zu regulieren. Aber die Schwarzkittel machen es den Jägern nicht einfach. Im Projekt "Brennpunkt Schwarzwild – Projekt zur Entwicklung innovativer regionaler Konzepte" wurden daher in fünf Modellgebieten regionale Konzepte für eine effektivere Bejagung der Wildschweine entwickelt.

Entwicklung des Schwarzwildes: ein steiler Aufstieg

Die Schwarzwildstrecken haben sich in den letzten 30 Jahren in Bayern verzwanzigfacht. Wurden im Jagdjahr 1980/ 1981 nur knapp 3.000 Schwarzkittel erlegt, so waren es 2010/ 2011 über 60.000 Tiere (Tab. 1) – das bis dahin zweithöchste im Freistaat erreichte Ergebnis.

 Tab.1: Schwarzwildstrecken in Bayern im Staats- und Privatwald (Stückzahlen einschließlich Fallwild) nach Jagdjahren und Regierungsbezirken
  Jagdjahr 1980/81
1990/91

2003/04

2004/05

2005/06

2006/07

2007/08

2008/09

2009/10

2010/11
Oberbayern 615 1.702 4.121 5.550 3.636 1.902 5.038 5.590 4.208 6.128
Niederbayern 211 1.471 2.004 3.583 2.338 1.273 3.471 4.501 3.124 5.246
Oberpfalz 567 3.592 6.366 10.147 7.403 3.735 9.319 10.933 7.246 10.466
Oberfranken 319 1.771 5.048 6.267 4.823 3.200 6.442 8.060 5.385 7.230
Mittelfranken 160 1.008 3.055 4.126 2.469 1.154 3.957 4.500 3.677 4.662
Unterfranken 1.000 6.593 17.565 19.450 17.920 9.621 15.608 22.259 13.274 19.333
Schwaben 56 592 3.811 5.125 3.578 2.049 4.799 6.267 5.477 7.468
Summe 2.928 16.729 41.970 54.248 42.167 22.934 48.634 62.110 42.391 60.533
Bache mit Frischlingen
Abb. 2: Unter guten Voraussetzungen sind beim Schwarzwild Zuwachsraten von bis zu 300 Prozent möglich (Foto: N. Hahn).
 
gebrochenes Grünland
Abb. 3: Landwirte, Waldbesizter und Jäger bekommen die Folgen einer zu hohen Schwarzwildpopulation am ehesten zu spüren (Foto: N. Hahn).
 
Ausbreitung Schwarzwild 1987
Abb. 4: Im Jahr 1987 wurde schwerpunktmäßig im Norden Bayerns Schwarzwild erlegt (Quelle: StMELF).
 
Ausbreitung Schwarzwild 2010
Abb. 5: 2010 wurden in vielen Hegegemeinschaften Bayerns mehr als 50 Wildschweine erlegt - Gebiete ohne Wildschweine sind rar (Quelle: StMELF).

Die Ursachen für den so belegten Bestandsanstieg sind vielfältig. Zum einen ist Schwarzwild eine äußerst vermehrungsfreudige Wildart, unter guten Voraussetzungen sind Zuwachsraten von bis zu 300 Prozent möglich (Abb. 2). Bei optimalen Umweltbedingungen werden die Würfe größer, die Frischlingssterblichkeit ist geringer und die Geschlechtsreife wird früher erreicht. Klimawandel und ein häufigeres Mastaufkommen bei Eiche oder Buche begünstigen diese Entwicklung. Auch steht den Tieren in der veränderten Kulturlandschaft ein üppigeres Nahrungsangebot zur Verfügung, z.B. durch den Maisanbau oder teilweise durch unsachgemäße Kirrung, Ablenkfütterung oder Fütterung. Hinzu kommt, dass die anpassungsfähigen Tiere unterschiedlichste Lebensräume besiedeln, darunter auch Städte, was ihre Ausbreitung erleichtert. Auf der anderen Seite erschweren milde Winter mit wenig Schnee die Bejagung.

Mehr Schwarzkittel, mehr Probleme

Diese rapide Vermehrung des Schwarzwildes bringt Probleme mit sich. Am deutlichsten bekommen dies Landwirte, Jäger und Waldbesitzer zu spüren, auf deren Flächen die Tiere bei ihrer Nahrungssuche Schäden verursachen (Abb. 3). Für viele Jagdreviere findet sich aufgrund der hohen zu erwartenden Wildschäden bereits jetzt nur noch schwer ein Pächter. Betroffen sind aber nicht nur diese Gruppen: Die Wildschweine haben längst die Städte besiedelt, fühlen sich dort "sauwohl" und verursachen in diesem befriedeten Bereich immer mehr Probleme. Auch sind die schweren Verkehrsunfälle mit Schwarzwildbeteiligung angewachsen. Schließlich wächst mit der Ausbreitung (Abb. 4 und 5) und Zunahme der Bestände auch das Risiko der Übertragung von Schweinepest.

Problemlösung: Empfehlungen und regionale Konzepte

Aufgrund dieser Entwicklungen wurden von der Bayerischen Forstverwaltung und den betroffenen Verbänden bereits 2002 die "Gemeinsamen Empfehlungen zur Reduktion überhöhter Schwarzwildbestände" erarbeitet und 2004 in die Schalenwildrichtlinie für Bayern aufgenommen. Die "Evaluierung der Empfehlungen zur Reduzierung überhöhter Schwarzwildbestände (ERS) in Bayern" im Jahr 2007 zeigte allerdings, dass die Empfehlungen noch nicht ausreichend umgesetzt werden und erhebliches Verbesserungspotenzial besteht. Im Projekt "Brennpunkt Schwarzwild", das im Oktober 2009 startete (Laufzeit bis 2013), sollten regionale Konzepte entwickelt werden.

Bottom-up statt Top-down

Im Mittelpunkt des Projektes stand die Lösungsfindung durch die Beteiligten vor Ort. Erfolgen die Empfehlungen nicht "von oben nach unten" (Top-down), ist die Akzeptanz bei den Akteuren größer und die Wahrscheinlichkeit höher, dass die gemeinsam entwickelten Strategien eigenverantwortlich ungesetzt werden. Daher erarbeiteten im "Brennpunkt Schwarzwild" Jäger, Landwirte, Waldbesitzer und Behördenvertreter gemeinsam und auf gleicher Augenhöhe Zielsetzungen und Lösungswege und setzten notwendige Maßnahmen um.

Das Projekt arbeitete in fünf Modellgebieten, die die unterschiedlichen Ausgangssituationen in Bayern repräsentieren. Die Modellgebiete des Projektes sind:

  • Kulmbach (Landkreis Kulmbach)
  • Pottenstein/ Schnabelwaid (Landkreis Bayreuth)
  • Aschaffenburg (Landkreis Aschaffenburg/ Main-Spessart)
  • Pfeffenhausen (Landkreis Landshut)
  • Nittenau (Landkreis Schwandorf)

Von Datensammlung bis Nachtzielgerät

Die lokalen Akteure nutzten die Chance, die bestehenden Schwarzwildprobleme eigenverantwortlich und vorausschauend vor Ort selbst in den Griff zu bekommen. Ihr Engagement spiegelte sich in den vielfältigen Ideen und konstruktiven Vorschlägen wider. Anfängliche Maßnahmenpakete waren:

Jagdschneise im Mais
Abb. 6: Bejagungsschneisen in Mais und anderen Fruchtarten wurden im Rahmen des Projektes auf ihre Wirksamkeit geprüft (Foto: N. Hahn).
  • Daten: Sammlung von Datengrundlagen für gemeinsame Managementstrategien
  • SIS: Einrichtung eines internetbasierten Schwarzwildinformationssystems (SIS) zum Populations- und Wildschadensmonitoring
  • revierübergreifende Bewegungsjagden: Planung, Organisation und Durchführung von "Musterdrückjagden", teilweise mit Konzepten zur Bereitstellung von Drückjagdständen, gemeinsamen Schießkinobesuchen, revierübergreifendem Hundeeinsatz, Einarbeitung der Hunde in zugelassenen Schwarzwildgattern
  • Bejagungsschneisen: Anlage in Mais und anderen Fruchtarten und Test der Wirksamkeit (Abb. 6)
  • Fortbildung: Schwarzwildbiologie und -management für Landwirte und Jäger
  • theoretische und praktische Veranstaltungen: Wildschadensverhütung und Wildschadensabwicklung sowie Beseitigung von Grünlandschäden
  • Information und Kommunikation: Maßnahmen zur Verbesserung zwischen allen Beteiligten, z.B. gemeinsam organisierte und finanzierte Vortragsveranstaltungen
  • Öffentlichkeitsarbeit: Informationsflyer und Merkblätter von den Beteiligten, die auf die regionale Situation abgestimmt sind, z.B. zu Wildschadensvermeidung oder zu Kirr- und Bewegungsjagdmethoden
  • Pachtverträge: Vorschläge für die Ausgestaltung
  • Praktikabilitätstest: Erfolgsaussichten von Nachtzielgeräten und künstlichen Lichtquellen (Taschenlampen)

Brennpunkt Nachtzielgeräte

Waffe mit Nachtzieleinrichtung
Abb. 7: Die neun ausgeliehenen Nachtzielgeräte wurden auf jagdtaugliche Repetierbüchsen montiert (Foto: LKA).

Nachtzielgeräte sind waffenrechtlich verbotene Gegenstände. Die Diskussion und Forderung zu ihrem Einsatz auch in Jägerkreisen ist nicht neu. Trotz der unterschiedlichen Sichtweisen zu dieser Technik haben sich auf den Workshops des Projektes die Beteiligten für einen Test, teilweise sogar für eine Legalisierung ausgesprochen. Die Motivation und die Gründe der Interessierten sind unterschiedlich und spiegeln die bekannten Diskussionspunkte wider (effektive Wildschadensverhütung, tierschutzgerechte Nachtjagd, sinnvolle Hilfsmittel zur Bestandsreduktion, usw.). Um auch diesen Aspekt zur Schwarzwildbejagung zu beleuchten, wurde ein Antrag zur Prüfung neuer Jagdtechniken an den Bayerischen Landtag gestellt und beschlossen. Der eng umgrenzte Praktikabilitätstest darf aber keinesfalls mit einer generellen oder gar flächendeckenden Einführung von Nachtzielgeräten gleichgesetzt werden.

Handlungsmaxime des geplanten Praktikabilitätstest sind Transparenz, Sachlichkeit und wissenschaftlich nüchternes Herangehen. Sämtliche Schritte zum Test, Versuchsdesign, Vorgehen sowie die Dokumentation der Aktivitäten wurden transparent für alle Beteiligten vor Ort gemeinsam erarbeitet, offen diskutiert und festgelegt. Vom Bayerischen Landeskriminalamt wurden neun meist vom Zoll beschlagnahmte Nachtzielgeräte ausgeliehen und auf jagdtaugliche Repetierbüchsen montiert (Abb. 7). Für den Einsatz von künstlichen Lichtquellen nutzten die berechtigten Jäger eigene Waffen. Der Praktikabilitätstest lief in vier der fünf Modellgebiete und wurde ergebnisoffen durchgeführt; die Ergebnisse werden im Abschlussbericht des Projektes mitgeteilt.

Gemeinsam an einem Strang

Die öffentliche Wahrnehmung des Projekts reduzierte sich trotz erfolgreicher anderer Aktivitäten und der Vielzahl der Umsetzungsmaßnahmen auf kontroverse Diskussionen über den Test von Nachtzieltechnik. Dieser ist aber nur ein kleiner Baustein, dessen Ergebnis völlig offen ist. Erst alle Bausteine zusammengenommen ergeben ein regionales Schwarzwildkonzept. Im Vordergrund des Projektes stand die Zusammenarbeit der Beteiligten vor Ort, denn: Die Schwarzwildproblematik lässt sich nur gemeinsam lösen.

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